Von Miriam Neubert - Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai)
Prag - Die tschechische Bau- und Ausbaubranche wächst seit dem Jahr 2000 ununterbrochen und profitiert weiterhin von der infrastrukturellen Aufholjagd, der Nachfrage nach Wohnungen sowie von den frischen EU-Mitteln, die ab 2008 zum Zuge kommen werden.
Auch liegen im europäischen Vergleich die Zinsen noch niedrig. Für 2007 wird ein Plus von real 6% bis 10% gegenüber dem Vorjahr erwartet. Die Baustoffsparte entwickelt sich ebenfalls sehr dynamisch. Eine Wachstumsbremse bildet der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.
Marktentwicklung/-bedarf
Die Struktur der Bauleistungen weicht in Tschechien noch in einigen Punkten vom europäischen Durchschnitt ab. So ist der Anteil des Wohnungsbaus niedriger, der des Ingenieurbaus höher. Reparatur und Instandhaltung spielen eine untergeordnete Rolle. Die Bauaufträge wurden zum 30.06.07 zu 90% von Neubau, Renovierung und Modernisierung bestimmt. Ihre Struktur: Mit 55% dominierte der Ingenieurbau (Straßen, Brücken, Tunnel) vor anderem Gewerbebau (Geschäftszentren, Bürokomplexe, Schulgebäude, Krankenhäuser) mit 16%. Der private Wohnungsbau (Apartmentgebäude, Einfamilienhäuser, Erweiterungen) kam auf 15%, der Bau von Produktionshallen auf 13% und der Wasserwirtschaftsbau auf 1%.
Im Jahr 2006 hatte sich das Wachstumstempo der Bauwirtschaft mit 6,6% erneut beschleunigt. Durch den milden Winter begann auch 2007 sehr dynamisch mit zweistelligen Wachstumsraten, die im Sommer allerdings stark nachgaben. Für Januar bis Juni 2007 verzeichnete das Tschechische Statistikamt einen realen Zuwachs der Bauleistung um 12,7%. Getragen wurde dies von großen Entwicklungsprojekten im Gewerbe- und Geschäftsimmobilienbau sowie dem Wohnungsbau. Für das Jahr 2007 rechnen Vertreter des Verbandes der Bauunternehmen der Tschechischen Republik SPS (
www.sps.cz) mit einem Plus von 6% bis 10%, 2008 sollen es rund 5% sein.
Der Wohnungsbau zeigte im 1. Halbjahr 2007 einen Rekordzuwachs bei den beendeten Bauten, während die Zahl der begonnenen zurückging. Nach einem Höhepunkt 2007 rechnen Experten auch weiterhin mit reger Wohnungsbauaktivität. Durch das Auslaufen einer Übergangsregelung gilt ab 1.1.08 zwar auch für den privaten Wohnungsbau der reguläre Mehrwertsteuersatz von 19%. Doch bleibt durch eine neue Definition des sozialen Wohnungsbaus (alle Wohnungen bis 120 qm und Einfamilienhäuser bis 350 qm) die Mehrzahl der Projekte im Genuss der ermäßigten Mehrwertsteuer. Diese wiederum erhöht sich ab 1.1.08 von 5% auf 9%. Generell aber stimulieren hohe Mieten, niedrige Hypotheken und wachsende Realeinkommen den Hang zum Eigenheim. Hinzu kommt, dass die stufenweise Deregulierung der aus sozialistischer Zeit stammenden Mieten in landesweit circa 700.000 Wohnungen auch solche Mieter zur Finanzierung von Eigentum bewegen könnte.
Durch die lange Phase der Regierungsbildung hat es 2007 kaum Ausschreibungen großer staatlicher Verkehrsinfrastrukturprojekte gegeben. Auch ist der nationale Rahmenplan zur Nutzung der neuen EU-Fördergelder 2007 bis 2013 erst im Juli von Brüssel genehmigt worden. Fast 5,8 Mrd. Euro werden über das Operationelle Programm Verkehr für die Verkehrsinfrastruktur zu erschließen sein. Ab 2008 wird daher im Infrastrukturbau mit neuer Bewegung gerechnet, und zwar durch geplante Projekte im Straßen-, Autobahn-, Tunnel- und Schienenbau. Der Staatliche Fonds für Verkehrsinfrastruktur will allein 2008 für Neubau und Wartung rund 3,2 Mrd. Euro ausgeben, 355 Mio. Euro mehr als im Vorjahr. Der Verkehrsbauplan der Regierung sieht bis 2013 Großprojekte im Wert von schätzungsweise 28 Mrd. Euro vor, davon jährlich über 1 Mrd. Euro für die Eisenbahntrassen.
In der Wasserwirtschaft herrscht großer Bau-Druck: Den EU-Richtlinien zufolge müssen Gemeinden mit mehr als 2.000 Einwohnern bis zum Jahr 2010 über Kanalisation und Wasserleitungen verfügen. Eine Liste des Umweltministeriums zählt allein 21 Großprojekte mit einem Wert von jeweils über 25 Mio. Euro auf. Im Rahmen des Operationellen Programms Umwelt bis 2013 sind fast 2,0 Mrd. Euro für Kläranlagen, Kanalisation, Trinkwasserversorgung sowie Hochwasserschutz vorgesehen.
Perspektivisch interessant für die Bauwirtschaft könnte die umstrittene Entscheidung Prags werden, sich für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 2016 zu bewerben, in der Hoffnung, vielleicht 2020 zum Zug zu kommen.
Quelle: Tschechisches Statistikamt
1) Tschechische Krone; Euro Referenzkurs der EZB; 2005: 1 Euro = 29,846 Kc; 2006: 28,342 Kc; 1. Hj. 2007: 28,150 Kc 2) Unternehmen mit 20 und mehr Mitarbeitern; 3) Neubau und Wartung
Ein interessantes Feld auch für deutsches Know-how und Hersteller von Kunststofffensterprofilen, Aufzügen, Beschlägen, Armaturen und anderen Gebäudeausstattungen bleibt die energiesparende Sanierung der etwa 1,2 Mio. Plattenbauwohnungen. Viele Wohnungsgenossenschaften und Städte planen Modernisierungen dieser Riesen aus der sozialistischen Vergangenheit. Experten sprechen von einem Gesamtinvestitionsbedarf von etwa 14 Mrd. Euro in den kommenden 15 Jahren. Für bestimmte Bereiche dürfen dabei erstmals auch EU-Gelder eingesetzt werden, bis zu 27 Mio. Euro pro Jahr bis 2013.
Die expandierende Wirtschaft treibt den Industriebau an. Der Bau neuer Geschäftszentren und Bürogebäude wird sich nach der beginnenden Sättigung in Prag weiter in die Regionen verlagern.
Quelle: Jeweilige Investoren, Fachzeitschriften, CTK
Produktion/Branchenstruktur
Der Anteil der Bauwirtschaft an der Bruttowertschöpfung lag 2006 erneut bei 6,8%. Rückgrat der Branche und ihrer circa 240.000 Baufirmen sind rund 2.500 Unternehmen mit 20 und mehr Mitarbeitern (darunter 136 ausländisch kontrollierte Baugesellschaften). Sie führten 2006 Bauarbeiten im Wert von 11,3 Mrd. Euro durch (69% der gesamten Bauleistungen in diesem Zeitraum). Die Niederlassungen und Töchter ausländischer Konzerne kamen auf 18%. Auf den Baumessen in Brünn machte 2007 die Eingliederung des letzten ganz großen, rein tschechischen Bauunternehmens Tchas in den französischen Konzern Eiffage Schlagzeilen.
Der tschechische Baumittelstand hat im Zuge des Baufiebers seine Wettbewerbsfähigkeit gesteigert und ist zu einem wichtigen Zulieferer und Kooperationspartner der Großen geworden. Es ist der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern (Installateure, Schreiner, Heizungstechniker, Baustellenleiter, Ingenieure), der der Branche 2007 am meisten zu schaffen machte. Hinzu kamen Verzögerungen bei der Lieferung von Baustoffen.
Quelle: Ministerium für Industrie und Handel
Geschäftspraxis
Während tschechischen Baufirmen durch die EU-Übergangsregelungen der freie Zugang zu den Märkten verschiedener Nachbarländer noch verwehrt wird, ist der Wettbewerb im Inland für europäische Bauunternehmen frei. Wer nicht über eine Tochter- oder Beteiligungsgesellschaft tätig ist, operiert häufig mit Hilfe von regionalen Subunternehmern, die sich mit den Ausschreibungsregeln auskennen, über Kontakte verfügen und dank niedrigerer Löhne kostengünstiger arbeiten. Aufträge im Baugeschäft werden häufig aufgrund eingespielter Firmenbeziehungen vergeben und nicht immer über Ausschreibungen. Geht es um Zulieferungen und Baudienstleistungen zahlt sich daher bereits im Vorfeld die Zusammenarbeit mit tschechischen Bau-, Architekten- und Ingenieurfirmen aus.
Als zentrale Informationsquelle für Architekten gilt der Baukatalog (stavebni katalog), den die Messe- und Verlagsgesellschaft ABF herausgibt. Er ist auch auf der Internetplattform
www.estav.cz einzusehen. Das kostenlose Internetportal www.centralniadresa.cz (inzwischen auch
www.isvzus.cz) informiert über alle öffentlichen Ausschreibungen in Tschechien. Ein kommerzieller Informationsservice zu Bauinvestitionen aller Art ist Istav (
www.istav.cz). Größter allgemeiner B2B-Marktplatz ist
www.abc.cz wo sich im Baubereich über 1.000 Geschäftskontakteinträge finden.
Tschechien Online, 16.11.2007. © Bundesagentur für Außenwirtschaft 2007. Foto: ÈTK