Der 64. Jahrgang des Festivals "Prager Frühling" ist zu Ende - ein Rückblick
Prag - Zwischen Smetana und Dvoøák lagen drei Wochen Prager Frühling. Am 12. Mai begann er mit den Zyklus “Vaterland” und endete am 3. Juni mit Dvoøáks Achter und seinem Te Deum, ohne nicht zwei Tage zuvor auch dessen “Neue Welt” zum Besten gegeben zu haben.
Und was wäre das Großfestival Pra¾ské Jaro auch ohne seine Gassenhauer, zumal wenn dafür renommierte Orchester gewonnen werden konnten wie die Dresdner Philharmonie unter Kurt Masur (Foto)
Überhaupt konnten auch in diesem Jahr wieder etliche Superstars der Klassikszene aufgeboten werden, Anne-Sophie Mutter oder der Sänger Juan Diego Flórez etwa. Und doch fand der “Prager Frühling” nicht im Zeitlosen statt, die Krise seiner Sponsoren wurde auch die seine. Allerdings machte sich dies während des Festivals nur durch die Absage eines Konzerts mit dem Symphonieorchester aus dem chinesischen Schanghai bemerkbar, dem laut einer Pressemitteilung das Geld für eine geplante Europatour ausgegangen war.
Dafür konnte schnell heimischer Ersatz gefunden werden und einmal mehr war es Jakob Hrù¹a, der zum Einsatz kam. Der junge Dirigent darf sich ohnehin als Dirigent des Festivals mit gleich drei Einsätzen bezeichnen, da er neben einem Konzert mit Werken von Martinù und Tschaikowski auch die Premiere der Rusalka im Nationaltheater, welche zum Programm des Prager Frühlings gehörte, musikalisch leitete. Und wer weiß, vielleicht war diese Notlösung nur ein Vorgriff auf kommende Jahre, wenn auch der “Prager Frühling”, will er nicht dasselbe Schicksal erleiden wie der “Prager Herbst”, vermutlich etwas abspecken muss und wieder mehr auf heimische Spitzenkräfte setzen wird, zu denen der 26-Jährige unzweifelhaft bereits zu zählen ist.
Aber vor allem sollte man die zweite Reihe der Veranstaltungen in Zukunft hegen und pflegen. Denn auch in diesem Jahr wurde gerade in den eher kleineren Konzerten wieder einiges Großes geboten. Unvergessen wird die energiegeladene Aufführung von Schnittkes Konzert für Klavier und Streicher mit dem großartigen Pianisten Sergej Babajan und dem Janáèek Kammerorchester allen - ob sie mit der Musik etwas anfangen können oder nicht - bleiben. Dieses Stück hat dank seiner Protagonisten in nur etwa zwanzig Minuten seine Zuhörer alle Gefühlswelten eines dicken Romans durchleben lassen. Das Èeské Noneto aus Blasinstrumenten und Streichern hingegen hat mit Werken von Martinù, dem französischen Meister der kleinen Form Albert Roussel und einer Variation der tschechisch-britischen Komponistin Geraldine Muchová die Hörer mit wundervollen Short-Stories erfreut. Und das Duo aus dem Pianisten Enrico Pace und dem Geiger Leonidas Kavakos hat der Sonate Op. 134 des wahren Meisters des musikalischen Ausdrucks, Dimitri Schostakowitsch, eine Tiefe verliehen, die sogar das während der anderen Stücke so klatschwütige Publikum ausnahmsweise davon abgehalten hatte, zwischen den einzelnen Sätzen dieses Stückes zu applaudieren. Für diese gigantische Leistung gebührt den beiden vom Publikum sichtlich genervten Musikern größte Anerkennung!
Zudem gab es noch schöne Experimente, etwa Jordi Savall und das niederländische Blazers Ensemble mit ihren mittelalterlichen Gauklereinlagen oder das Marathon-Konzert des Ensembles Konvergence mit ihren eigenwilligen Kompositionen im St. Agnes Kloster. Ja, es gibt ein musikalischen Leben neben Vaterland und Neue Welt, nämlich mitten im Neuland, und vielleicht läßt sich gerade dort in Zukunft auch der Krise trotzen, so dass trotz aller Defizite und roten Zahlen der diesjährigen Ausgabe des Festivals auch nächstes Jahr in Prag wieder Frühling werden kann: “Prager Frühling”.
Michael MagercordTschechien Online, 6.6.2009. Foto: Prazskejaro.cz