Von Miriam Neubert (gtai)
Prag - Die Weltwirtschaftskrise hat dem tschechischen Maschinen- und Anlagenbau schwer zugesetzt. Der Kollaps der weltweiten Investitionstätigkeit dürfte 2009 Produktion und Umsätze des Sektors um rund ein Viertel reduziert haben. Die Maschineneinfuhren brachen ein.
Zwar sollen die Investitionen 2010 nochmals zurückgehen, doch gibt es Impulse aus einzelnen Abnehmerbranchen, wie dem Bergbau oder dem Energiesektor; Umwelttechnik ist gefragt. Langfristig, nach Erholung der Wirtschaft, dürfte auch die Nachfrage in anderen Bereichen anziehen.
Marktentwicklung/-bedarf
Trotz eines mit 10,5 Mio. Einwohnern nur begrenzten Marktes ist die Tschechische Republik ein beachtlicher Maschinenabnehmer. Nach Angaben des tschechischen Statistikamtes sanken die Investitionen in Maschinen und Anlagen nach zwei sehr starken Jahren (2006: +6,6%, 2007: +14,9%) 2008 jedoch real um 1,7% auf 255,0 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; circa 10,2 Mrd. Euro; durchschnittlicher Wechselkurs 2008: 1 Euro = 24,98 Kc). In den ersten drei Quartalen 2009 brachen sie dann mit 14,5% sehr deutlich ein. Viele Industrieunternehmen stellten neue Projekte zurück.
Die Wachstumsprognosen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2010 sind positiv, doch die Vorhersagen bei den Bruttoanlageinvestitionen zeigen weiter nach unten (2010: -3,9%, 2009: -7,8%). Deutschland ist als traditionell wichtigster Maschinenlieferant von der rückläufigen Nachfrage besonders betroffen.
Investitionsankündigungen tschechischer Unternehmen verweisen auf Nachfragepotenzial vor allem bei Energiemaschinen, Umwelttechnik, Bergbautechnik, aber auch bestimmten Industriemaschinen wie etwa Kompressoren und Fördertechnik. Der Kompressorhersteller Atmost Chrast hat im Herbst 2009 mit einer Erneuerung seiner Produktionsanlagen begonnen. Foxconn Czech plant eine Erweiterung seines Werkes für Computerkomponenten. GZ Digital Media investiert fast 10 Mio. Euro in neue Technologien für die DVD- und Blu-ray Disc-Produktion sowie polygrafische Erzeugnisse. Die Pkw-Hersteller Skoda Auto und Hyundai Motor wollen ihre Getriebeproduktion ausweiten (je 70 und 130 Mio. Euro). Generell aber steht den Autoherstellern und ganz besonders dem breiten tschechischen Kfz-Zuliefersektor nach der Atempause der Verschrottungsprämien noch eine harte Anpassungsphase bevor. Schwer hat es auch die Hüttenindustrie getroffen.
Wichtigster Energieinvestor des Landes ist der nationale Stromkonzern CEZ, der bis 2015 über 4 Mrd. Euro in Modernisierung und Neubau von Kohle- sowie von Gas- und Dampf-Kraftwerken investiert. Geschätzte 10 bis 15 Mrd. Euro dürfte CEZ für den Bau von zwei neuen Kernkraftblöcken zahlen. Bei der Ausschreibung eines Supertenders, der die Erweiterung des Atomkraftwerkes Temelin um zwei Reaktorblöcke und optional den Bau weiterer Kernkraftwerke zum Ziel hat, haben sich ein tschechisch-russisches Konsortium, die US-amerikanische Gesellschaft Westinghouse und Frankreichs Areva beworben. Bei den erneuerbaren Energien wird das Jahr 2010 vor allem für die Fotovoltaik positiv ausfallen. Ab 2011 ist dann eine stärkere Degression der staatlich garantierten Einspeisetarife möglich.
Die Baubranche ist nach einem Rückgang der Produktion von schätzungsweise 3% im Jahr 2009 auch für 2010 pessimistisch gestimmt, was den Markt für neue Baumaschinen gedrückt hält. Unbeeinflusst ist allein der Verkehrsinfrastrukturbau. Im Bergbau plant der Kohleförderer SokoIovska uhelna 2010 für die Erneuerung, Modernisierung und Reparatur von Förder- und Verarbeitungstechnik rund 80 Mio. Euro zu investieren. Kommt es zu einer Ausweitung der Kohleabbaulimits und gar einer Wiederaufnahme der Uranförderung, wie im Entwurf der staatlichen Energiekonzeption vorgesehen, würde dies neue Impulse geben.
Deutsche Anbieter haben durch die Qualität ihrer Maschinen und Anlagen sowie den Anteil ihrer Niederlassungen in Tschechien grundsätzlich einen guten Stand. Nahrungsmittelmaschinenhersteller konnten 2009 die Investitionsstimmung der Lebensmittelbranche überdurchschnittlich nutzen und in den ersten 10 Monaten Maschinen im Wert von 24,1 Mio. Euro nach Tschechien liefern (+21%). Sobald sich andere Branchen wie Kunststoff- oder Holzverarbeitung, das Verlagswesen, die Bau- und Baustoffindustrie konsolidiert haben, wird sich das auch in wachsender Nachfrage nach deutschen Maschinen zeigen. Die Boomphase nach dem EU-Beitritt mit ihren massiven Neuansiedlungen und fast automatischen Erweiterungsinvestitionen ist allerdings vorbei. Auch Tschechien muss inzwischen mit Verlagerungen leben, etwa in der Kabelbaumproduktion. Die Konkurswelle im Zuge der Krise geht weiter. Einige große internationale Unternehmen haben ihre Werke bereits geschlossen (Siemens Schienenfahrzeuge, Hitachi Plasma-TV, Unilever Lebensmittelproduktion).
Fördermittel, Umweltauflagen und Sparzwänge halten das Interesse an deutscher Umwelttechnik hoch. Während bei Solarmodulen die chinesische Konkurrenz zunimmt, sind Biogasanlagen "Made in Germany" sehr gefragt. Durch das staatliche Energieeffizienzprogramm 2010 wird das Interesse an nachhaltiger Heiztechnik (Solaranlagen, Biomassekesseln, Wärmepumpen, Messgeräten) weiter zunehmen.
Der wachsende Innovationsdruck kann die grenzüberschreitende Zusammenarbeit beflügeln. So hat die deutsche Proton Motor Fuel Cell GmbH 2009 zusammen mit Skoda Electric und dem Institut für nukleare Forschung (UJV) in Rez einen ersten mit gasförmigem Wasserstoff betriebenen Linienbus vorgestellt. Kooperationschancen sehen Branchenexperten auch bei sich ergänzenden Lieferungen von Anlagen in Drittländer. Ein reger Innovator ist das tschechische Unternehmen Elmarco in Liberec, das Nanotextilmaschinen herstellt und jüngst eine Anlage zur Produktion anorganischer Nanofasern präsentierte. Bei der Entwicklung von Materialien aus Nanofasern arbeitet Elmarco mit Universitäten in Singapur und den USA zusammen und hat mit dem Stromkonzern CEZ ein Projekt zur Einführung von Solarmodulen auf der Basis von Nanogeweben gestartet. Ein modernes regionales Forschungszentrum für neue Technologien im Maschinenbau entsteht 2010 mit EU-Fördermitteln (29 Mio. Euro) an der Maschinenbaufakultät der Technischen Hochschule Brünn (NETME Centre).
Produktion/Branchenstruktur
Als traditionelles Maschinenbauland deckt die Tschechische Republik in der Herstellung fast alle Sparten ab und ist ein entsprechender Konkurrent in Bereichen wie Energieausrüstungen, Bergbau- und Baumaschinen, Schienenfahrzeugen, Werkzeugmaschinen, Holzverarbeitungsmaschinen, Brauereitechnik oder Backmaschinen. Als neuer Mitspieler im Segment Energiemaschinen erweist sich die südkoreanische Gesellschaft Doosan Heavy Industries, die im Dezember 2009 den tschechischen Turbinenhersteller Skoda Power erwarb.
Von 2005 bis 2007 hat die Maschinenbaubranche goldene Jahre mit zweistelligen Produktionszuwächsen erlebt. Trotz der Krise konnten die rund 1.200 Unternehmen mit 20 und mehr Mitarbeitern ihre Umsätze 2008 noch um 1,6% auf umgerechnet 11,2 Mrd. Euro steigern, wurden aber im Jahr 2009 mit Produktions- und Erlösrückgängen um schätzungsweise 25% stark zurückgeworfen. Den Werkzeugmaschinenbau traf es mit Einbrüchen um ein Drittel noch härter. Ausgelastet waren vor allem die Hersteller von Energieausrüstungen wegen der guten Auftragslage im In- und Ausland.
Stärksten Anteil an den Branchenumsätzen hatte 2008 mit 28% die Fertigung von Universalmaschinen (NACE 29.2). Es folgten mit 27% Spezialmaschinen (NACE 29.5), darunter vor allem für die Metallerzeugung, den Bergbau, Nahrungsmittel-, Textil-, Bau- und Druckmaschinen. Energiemaschinen (NACE 29.1) erreichten 23%, Werkzeugmaschinen 10%, Landtechnik sowie Haushaltsgeräte jeweils 5%. Der Stand der ausländischen Direktinvestitionen betrug zum 31.12.07 rund 2,3 Mrd. Euro. 2008 hat der Sektor ausländische Direktinvestitionen im Wert von 257 Mio. Euro angezogen. Im 1. Halbjahr 2009 waren es fast 103 Mio. Euro, darunter deutsche Unternehmen wie Reis Robotics (Hydraulikpressen) oder ZF Passau GmbH (Zahnräder und Getriebe für Baumaschinen).
Außenhandel
Der Außenhandel mit Maschinen fällt für Tschechien seit 2003 positiv aus. Im Jahr 2008 kam es wegen der aufwertenden Krone auf Eurobasis noch zu einem Wachstum der Maschineneinfuhren. Doch brachten die ersten zehn Monate 2009 einen Rückgang um 34% auf 6,2 Mrd. Euro (aus Deutschland: -35% auf 2,5 Mrd. Euro).
Deutschland bleibt jedoch in allen Hauptsektoren unangefochten Lieferland Nummer eins. Bei den Universalmaschinen waren 2009 die wichtigsten Konkurrenten Italien, die VR China und Frankreich; bei den Energiemaschinen Polen, Ungarn, die Slowakei; den Spezialmaschinen Italien, Österreich, die USA und den Werkzeugmaschinen Italien, Korea und Südafrika.
Maschineneinfuhren nach Tschechien (ausgewählte Sparten; in 1.000 Euro)

Quelle: Tschechisches Statistikamt
Geschäftspraxis
Im innergemeinschaftlichen Warenverkehr der EU sind die Regelungen des Umsatzsteuer-Kontrollverfahrens in der EU zu beachten. Informationen finden sich auf der Internetseite des Bundeszentralamtes für Steuern ( www.bzst.bund.de). Hinsichtlich der Normierung gelten die einschlägigen EU-Richtlinien. Siehe hierzu zum Beispiel die Website des Deutschen Instituts für Normung e.V. ( www.din.de) oder des tschechischen Normierungsinstituts ( http://domino.cni.cz). Das tschechische Maschinenbauprüfinstitut ( www.szutest.cz) ist für Tests und die Zertifizierung von Maschinen zuständig, je nach Fachzweig auch das staatliche Testinstitut für Land- und Nahrungsmittelmaschinen sowie Forsttechnik SZZPLS ( www.szzpls.cz).
Tschechien Online, 1'9.2.2010. © Germany Trade and Invest 2010