Von Miriam Neubert (gtai), Februar 2011
Prag - Tschechiens Maschineneinfuhren erholten sich 2010 mit einem Plus von 20% auf 9,2 Mrd. Euro - mit weiter steigender Tendenz. Trotz des Wachstums in vielen Industriezweigen drückten die Krisenfolgen noch auf die Ausrüstungsinvestitionen.
Das dürfte sich 2011 ändern, vor allem in erfolgreichen Branchen wie der Kfz- und Stahlindustrie, der Metallverarbeitung, Elektronikindustrie und dem Maschinenbau. Starke Impulse gehen vom Energiesektor aus. Auch Umwelttechnik hat weiterhin Konjunktur.
Marktentwicklung/-bedarf
Die stark exportabhängige tschechische Volkswirtschaft hat 2010 den Auftrieb auf den internationalen Märkten für sich nutzen können. Vor allem Deutschlands konjunktureller Schwung hat dazu beigetragen. Der Produktionsindex lag 2010 um 10,5% höher als 2009, dank des Aufschwungs in der Kfz-Industrie (22,2%), der Computerherstellung (28,3%), der Stahl- und Eisenerzeugung (21,9%), der Metallverarbeitung (17,5%), im Maschinenbau (13,5%), der Herstellung elektrischer Ausrüstungen (13,3%) und der Pharmazie (13,2%). Nach zwei glücklosen Jahren entwickelten sich auch die Textil- und die Papierindustrie wieder positiv und investierten 2010 spürbar. Weniger gut sah es in der Bekleidungsindustrie, der Möbelproduktion und in der Baustoffherstellung aus. Die Baubranche ist nach einem Produktionsrückgang von 7,8% im Jahr 2010 auch für 2011 pessimistisch gestimmt. Die Nahrungsmittelverarbeitung, einziger Wachstumsträger im Krisenjahr 2009, schrumpfte leicht.
Bei den Ausrüstungsinvestitionen gab es ein erstes Signal der Belebung: Nach neun auf Vorjahresbasis jeweils negativen Quartalen stiegen sie im 3. Quartal 2010. Von Januar bis September 2010 gingen sie gegenüber dem Vorjahreszeitraum in laufenden Preisen um 6,7% auf 147,9 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; etwa 6,0 Mrd. Euro; Wechselkurs am 23.2.11: 1 Euro = 24,53 Kc) zurück. Im Gesamtjahr 2009 war es noch ein Minus von 13,2% auf 212,9 Mrd. Kc gewesen.
Das Finanzministerium rechnet damit, dass die Bruttoanlageinvestitionen 2011 nach dreijährigem Rückgang wieder wachsen werden. Neue Impulse dürften unter anderem von den Industrieunternehmen kommen, die nach der krisenbedingten Kostenanpassungsphase wieder zuversichtlicher sind. Kräftige Produktionszuwächse, eine im 1. Quartal 2011 auf fast 84% gestiegene Auslastung und eingehende Aufträge machen Mut, Investitionen in Angriff zu nehmen.
Dazu tragen EU-Fördermittel bei, die Unternehmen für unterschiedliche Maschineninvestitionen beantragen können, etwa innovative CNC-Werkzeugmaschinen oder Umwelttechnologien. Bis Mitte 2011 läuft beispielsweise die Frist für Projekte zur Verbesserung der Luftqualität. Insgesamt stehen dafür fast 500 Mio. Euro bereit, ein Drittel davon gezielt für die Schwerindustrieregion Nordmähren. Vor allem die Stahlbetriebe investieren dadurch verstärkt in neue Technologien zur Abgasreinigung. So versucht die Gesellschaft Trinecke Zelezarny EU-Fördermittel für drei Umweltprojekte im Wert von 2,2 Mrd. Kc zu erhalten.
Bis Mitte 2011 können auch Vorhaben für neue Müllverbrennungsanlagen vorgelegt werden. Dazu gehören eine Anlage des Integrierten Bezirkszentrums in Karvina (KIC) und eine weitere in Chotikov bei Pilsen. Auch die Modernisierung bestehender Anlagen in Bezug auf Entstaubung und Kapazitätserweiterung wird gefördert. Unter Zeitdruck mit seinem rund 800 Mio. Euro schweren Abwasserklärungsprojekt steht die Hauptstadt Prag. Die Ausschreibung zu einer neuen Wasseraufbereitungslinie muss im Frühjahr 2011 wiederholt werden. Spätere Phasen betreffen Umbau- und Erweiterung der Kläranlage sowie eine Klärschlammaufbereitungsanlage.
Absatz von Maschinen und Anlagen in Tschechien (in Mrd. Kc) 1)

1) rechnerisch auf Grundlage der zuletzt verfügbaren, vorläufigen Angaben der Branchenumsätze 2009 (Umsätze + Import - Export, laufende Preise)
Quellen: Berechnung von Germany Trade & Invest nach Statistiken des Ministeriums für Industrie und Handel (MPO) sowie Eurostat
Nachfrage nach Maschinen und Anlagen kommt anhaltend aus dem Energiesektor. Größter Investor ist die Stromgesellschaft CEZ, die mehrheitlich dem Staat gehört. Allein in Bau, Modernisierung und Wartung der Kohlekraftwerke Tusimice, Ledvice, Prunerov und Pocerady sollen 2011 bis 2015 rund 160 Mrd. Kc fließen. Des Weiteren testet der Konzern intelligente Netze, ist in das Kraft-Wärme-Kopplungsgeschäft eingestiegen und modernisiert seine Wasserkraftwerke. Und er handhabt den größten Tender in der tschechischen Geschichte: Den Ausbau des Kernkraftwerks Temelin um zwei Reaktorblöcke von je 1.000 MW. Der jüngste Zeitplan der Regierung sieht vor, dass eine Entscheidung über die Vergabe 2013 fallen wird. Die drei Bewerber sind Frankreichs Areva, die US-amerikanische Gesellschaft Westinghouse und ein tschechisch-russisches Konsortium um Atomstrojexport und Skoda JS. Zugleich ist der Termin der Fertigstellung um fünf Jahre auf 2025 verschoben worden.
Fördermittel, EU-Auflagen und Sparzwänge halten das Interesse an Energieeffizienz und erneuerbaren Energien hoch. Zwar wurde durch gesetzliche Veränderungen der Photovoltaik-Boom abrupt beendet. Der Markt reduziert sich auf Dach- und gebäudeintegrierte Anlagen bis 30 kW. Doch macht das den Weg frei für andere Lösungen wie Biogasanlagen oder den Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung. Das staatliche Gebäudeenergieeffizienzprogramm Zelena usporam, das mit 800 Mio. Euro dotiert ist, war Anfang 2011 bereits überbucht. Tausende von genehmigten Projekt haben vor allem Bedarf an Wärmedämmungen, aber auch an nachhaltiger Heiztechnik. Bis Ende 2010 konnten sich Firmen im Rahmen des Operationellen Programms "Unternehmen und Innovationen", mitfinanziert durch die EU, um rund 125 Mio. Euro für Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz oder zu erneuerbaren Energien bewerben, von denen viele im Laufe des Jahres 2011 umgesetzt werden.
Auch in gut ausgelasteten Branchen wie der Kfz-Industrie, dem Energiemaschinenbau oder der Schienenfahrzeugherstellung dürfte verstärkt investiert werden. Allein in der Kfz-Industrie wurden bis zu zwei Dutzend Projekte bekannt. Skoda Auto investiert in eine neue Lackiererei und Hyundai Motors Czech in die Erweiterung der Getriebefertigung. Tschechiens Werkzeugmaschinenbauer bemerkten bereits Ende 2010 wachsende Bestellungen aus dem Inland, das sie zu circa 15% bedienen. Aber auch Ausrüstung aus Deutschland ist gefragt. Deutsche Anbieter haben durch die Qualität ihrer Maschinen und Anlagen sowie den Anteil ihrer Niederlassungen in Tschechien grundsätzlich einen guten Stand.
Produktion/Branchenstruktur
Als traditionelles Maschinenbauland deckt die Tschechische Republik in der Herstellung fast alle Sparten ab und ist ein entsprechender Konkurrent in Bereichen wie Energieausrüstungen, Bergbau- und Baumaschinen, Umwelttechnik, Schienenfahrzeugen, Werkzeugmaschinen, Holzverarbeitungsmaschinen, Brauereitechnik oder Backmaschinen. Viele internationale Unternehmen haben Fertigungen in Tschechien. Besonders eng ist die Verbindung zum deutschen Maschinenbau. Größte Vertreter der Branche sind die in tschechischer Hand befindlichen Unternehmen Vitkovice Holding und CKD Group, Japans Denso Manufacturing Czech, Siemens Industrial Turbomachinery und Skoda JS, die zur russischen OMZ gehört.
Das Rezessionsjahr 2009, in dem Produktion, Erlöse und Aufträge jeweils um circa ein Viertel einbrachen, war ein herber Rückschlag für die etwa 6.200 Unternehmen der Branche (NACE 28). Laut dem Ministerium für Industrie und Handel lag der Erlös bei 219,2 Mrd. Kc (-24% gegenüber 2008). Die Wertschöpfung sank um 10% auf 72,4 Mrd. Kc. Aufatmen konnten die Maschinenbauunternehmen erst in der zweiten Hälfte 2010. Absolute Zahlen lagen noch nicht vor, doch zeigen die Indizes der wichtigsten Kennziffern 2010 auf Vorjahresbasis eine kräftige Gegenbewegung (Produktionsindex: +13,5%; Umsätze: +9,3%, darunter Auslandsumsätze +13,1%; Aufträge: +13,4%). Dank neuer Aufträge auch in Russland und anderen Märkten außerhalb der EU blicken die Unternehmen generell zuversichtlich auf 2011.
Außenhandel
Nach dem rezessionsbedingten Einbruch zogen die Einfuhren von Maschinen (SITC 71-74) 2010 mit 21% kräftig an auf 9,2 Mrd. Euro. Aus Deutschland kamen Maschinen, Anlagen und Teile im Wert von 3,6 Mrd. Euro (+16%) und es blieb in allen Hauptsektoren unangefochten wichtigstes Lieferland. Bedeutendste ausländische Konkurrenten sind bei Universalmaschinen (SITC 74) Italien, die VR China, Japan und Frankreich, bei Kraftmaschinen und -ausrüstungen (SITC 71) Polen, die Slowakei, Ungarn und Russland. Im Bereich Spezialmaschinen (SITC 72) führte Deutschland vor Italien, Österreich, den USA und Vereinigtes Königreich und bei Metallbearbeitungsmaschinen (SITC 73) vor Südafrika, Japan, Italien und Korea (Rep.).
Einfuhr von Maschinen nach Tschechien (in Mio. Euro)

Quelle: Tschechisches Statistikamt
Geschäftspraxis
Im innergemeinschaftlichen Warenverkehr der EU sind die Regelungen des Umsatzsteuer-Kontrollverfahrens in der EU zu beachten. Informationen finden sich auf der Internetseite des Bundeszentralamtes für Steuern ( www.bzst.bund.de). Hinsichtlich der Normierung gelten die einschlägigen EU-Richtlinien. Siehe hierzu zum Beispiel die Website des Deutschen Instituts für Normung e.V. ( www.din.de) oder des tschechischen Normierungsinstituts ( http://domino.cni.cz). Das tschechische Maschinenbauprüfinstitut ( www.szutest.cz) ist für Tests und die Zertifizierung von Maschinen zuständig, je nach Fachzweig auch das staatliche Testinstitut für Land- und Nahrungsmittelmaschinen sowie Forsttechnik SZZPLS ( www.szzpls.cz).
Kontaktadressen
Tschechien Online, 28.2.2011. © Germany Trade and Invest 2011