Schwache Konsumstimmung in Tschechien

Summe der Erlöse der größten Handelsfirmen stagnierte 2010 / Von Miriam Neubert (gtai)

Prag - Obwohl die Wirtschaft 2010 wieder gewachsen ist, blieben Tschechiens Verbraucher weiterhin auf der Hut. Nach revidierten Angaben des tschechischen Statistikamtes CSU zeigten die Umsätze des Einzelhandels gegenüber dem Rezessionsjahr 2009 zwar real mit 1,3% wieder nach oben.

Ohne die Segmente Automobil- und Kraftstoffhandel aber war es ein leichter Rückgang um 0,1%. Trotz einer Verbesserung im 1. Quartal 2011, ist für das Gesamtjahr mit einem Aufleben der früheren Konsumfreude noch nicht zu rechnen.

Zum ersten Mal seit der Eroberung des tschechischen Marktes durch internationale Ketten sind die zusammengefassten Umsätze der 50 größten Handelsgesellschaften nicht gewachsen. Sie verharrten 2010 mit einem Umfang von 444,3 Mrd. Tschechischen Kronen (Kc; umgerechnet 17,6 Mrd. Euro, Durchschnittskurs 2010: 1 Euro = 25,29 Kc) in etwa auf dem Niveau des Vorjahres.

Nach der Erhebung "TOP 50 des tschechischen Handels", die die Marktforschungsgesellschaft Incoma GfK und die Fachzeitschrift Moderni obchod jährlich erstellen, stagnierte vor allem das größte Segment, der Einzelhandel mit Waren des täglichen Bedarfs, bei geschätzten 339,0 Mrd. Kc (13,4 Mrd. Euro). Ähnlich ging es den größten Unternehmen im Bekleidungs- und Sportartikelhandel. Rückläufige Ergebnisse verzeichneten die Fachketten für Unterhaltungselektronik sowie Möbel- und Einrichtungsbedarf. Sogar die beliebten Baumärkte setzten insgesamt weniger um. Auf Wachstumspfad hingegen befanden sich spezialisierte Drogerien. Für 2011 rechnen Branchenkenner noch mit einer ähnlich flauen Entwicklung der Gesamtumsätze der TOP 50. Der Preis- und Angebotsdruck bleibt groß.

Obwohl die Stimmung unter den Verbrauchern in den ersten Monaten 2011 deutlich schlechter war als ein Jahr zuvor, registrierte Tschechiens Statistikamt im 1. Quartal eine Steigerung der Einzelhandelsumsätze ( ohne MwSt. und ohne Automobil- und Kraftstoffhandel) auf Vorjahresbasis um 3,0%. Bei den Lebensmitteln war es eine Zunahme um 1,2% (Gesamtjahr 2010: 0,5%), im Non-Food-Segment gar um 4,4% (2010: -0,4%). Die positive Entwicklung im Facheinzelhandel mit IKT (6,5%), Bekleidung und Schuhen (6,2%), Sport- und Freizeitartikeln (4,2%) setzte sich fort. Wieder aufwärts ging es mit den Umsätzen im Einrichtungsfachhandel (4,3%) sowie bei pharmazeutischen Erzeugnissen, Kosmetik und Drogeriewaren (4,1%). Insgesamt aber dürfte die Konsumstimmung 2011 noch verhalten ausfallen. Die Verbraucher fürchteten auch im Mai 2011 für die kommenden 12 Monate eine Verschlechterung der Wirtschaftssituation und ihrer eigenen finanziellen Lage.

Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst und Einschnitte bei den Sozialausgaben tragen dazu bei. Auch in der Wirtschaft hält sich die Entwicklung von Löhnen und Gehältern in Grenzen, setzt sich das Wachstum erst mit Verzögerung in Beschäftigung um. Der Bruttomonatslohn erreichte im 1. Quartal 2011 im Durchschnitt 23.144 Kc (umgerechnet 950 Euro), was einem realen Zuwachs von 0,4% entsprach. Dabei fielen die Löhne im staatlichen Sektor um 3,2% niedriger gegen dem Referenzzeitraum des Vorjahres aus.

Mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt erwarten sowohl das Finanzministerium, als auch die Nationalbank nur eine gedämpfte Entwicklung des privaten Verbrauchs. Die beiden Institutionen rechnen mit Zuwächsen von 0,2 beziehungsweise 0,7%. Für 2012 wird mit einem stärkeren Konsumschub von 1,9 beziehungsweise 2,4% gerechnet, da die verfügbaren Einkommen der Haushalte durch anziehende Löhne und eine höhere Beschäftigung in der Privatwirtschaft steigen soll. Begrenzt wird die Aufwärtsentwicklung durch die Erhöhung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes von 10 auf 14%. Das verteuert Lebensmittel, Arzneimittel, Wohnnebenkosten, kulturelle Veranstaltungen, Bücher, Wohnungsbau und öffentliche Verkehrsmittel.

TOP 10 der umsatzstärksten Handelsgesellschaften in Tschechien


*) einschließlich MwSt.
Quelle: Incoma GfK und Fachzeitschrift Moderni obchod

Der Anteil der TOP 10 am Markt mit schnellverderblichen Waren lag 2010 bei 66%. Im Jahr 2000 waren es erst 41%. Den Kampf um die Gunst der Kunden haben nach Umfragen von Incoma GfK die Hypermärkte für sich entschieden. Lebensmittel kaufen bei ihnen bevorzugt 43% der tschechischen Käufer ein (2009: 40%). Trotz der Krise hat es keinen Sturm auf die Discountbetriebe gegeben. Ihre Beliebtheit ist nur um einen Prozentpunkt auf 25% gestiegen.

Die Supermärkte hingegen nannten nur noch 15% der Befragten als wichtigste Bezugsquelle für Lebensmittel. Sie haben damit zwei Prozentpunkte eingebüßt. Ihren Anteil von 15% halten konnten die kleineren Lebensmittelgeschäfte. Zu ihnen gehören zu einem großen Teil die in Tschechien fest etablierten Verbrauchergenossenschaften (COOP) mit ihren insgesamt rund 2.800 Geschäften. Häufig arbeiten verschiedene Verbrauchergenossenschaften bei Einkauf und Marketing zusammen. Eine Zusammenlegung ihrer Umsätze würde das Netz laut Einschätzung von Incoma GfK mit 25,9 Mrd. Kc (1,0 Mrd. Euro) an die siebte Stelle der TOP 10 bringen.

Tschechien bleibt interessant für den internationalen Einzelhandel. In der Standortumfrage der Immobilienberatungsgesellschaft CB Richard Ellis liegt das Land auf Platz sieben. Etwa 28% der befragten Handelsfirmen gaben an, nach Tschechien expandieren zu wollen (Deutschland lag mit 41% in Führung). Dazu zählen Desigual, Foot Locker, Top Drawer, Prestige Man, Josef Knize. Eine starke Expansion im diätetischen Lebens- und Naturheilmittelsegment hat die Gesellschaft Natur House angekündigt. Binnen fünf Jahren möchte sie die Zahl ihrer Zentren in Tschechien und der Slowakei auf 150 verfünffachen.

Ein großes Expansionsfeld sind Internetshops, da Kaufentscheidungen immer stärker durch das Internet beeinflusst werden. Von dem durch die Rezession 2009 noch geschärften gestiegenen Preisbewusstsein der Verbraucher hat diese Vertriebsschiene weiter profitiert. Nach Informationen des tschechischen Verbandes für elektronischen Handel (APEK) ist über das Internet 2010 die Rekordsumme von 33 Mrd. Kc (1,3 Mrd. Euro) umgesetzt worden. Gegenüber dem Vorjahr war dies ein Plus von 22%.

Der Internethändler Mall.cz meldete für das im März 2011 schließende Geschäftsjahr eine Umsatzsteigerung von 41% auf 3,2 Mrd. Kc (126,5 Mio. Euro). Der größte tschechische Computer- und Elektronikhändler im Web, Alza.cz, erlöste mit 5,6 Mrd. Kc (221,4 Mio. Euro) um 34% mehr. Über ein halbes Dutzend E-Shops haben sich zur Gesellschaft Internet Retail zusammengeschlossen. Gemeinsam erzielten sie 2010 einen Umsatz von 2,0 Mrd. Kc (79,1 Mio. Euro). Fast ein Fünftel des tschechischen Marktes für technische Waren läuft inzwischen über das Internet. Neben Haushaltsgeräten, Unterhaltungselektronik und Bekleidung werden zunehmend aber auch Möbel und Wohnzubehör elektronisch eingekauft. Auch der Facheinzelhandel stellt sich mit der Einrichtung webbasierter Verkaufspunkte darauf ein.

Tschechien Online 15.6.2011. © Germany Trade and Invest 2011


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