Gespräch mit dem Schriftsteller Jáchym Topol
Prag - Als die deutschen Feuilletons Jáchym Topol Mitte der 90er Jahre entdeckten, hagelte es Einordnungen. Für die FAZ kam hier ein "junger Wilder aus Prag", die Berliner Morgenpost sah in ihm den "Kultautor der 89er Generation in Tschechien" und der Freitag gar einen "Vordenker der polit-literarischen Szene Prags".
Heute liegen fast alle seine Werke in deutscher Übersetzung vor, darunter fünf Romane und zwei Gedichtbände, und aus dem "trinkfesten Dissidenten" (Berliner Tagesspiegel) wurde einer der meistgelesenen tschechischen Autoren der Gegenwart.
Im folgenden Interview anlässlich des 22. Jahrestages der "Samtenen Revolution" erinnert sich Jáchym Topol an das Gefühl der Beklommenheit während der totalitären Herrschaft und verrät, warum er vorerst keine Bücher mehr schreiben will.
Jáchym Topol wurde 1962 in als Sohn des Dichters und Dramatikers Josef Topol und Enkel des Schriftstellers Karel Schulz in Prag geboren. Nach dem Abitur 1981 engagierte er sich im tschechischen Dissent. Aus Kadergründen wurde er nicht zum Studium zugelassen und arbeitete als Lagerist, Heizer und Kohlenträger.
Eine Zeit lang erhielt er als Invalidenrente als „psychisch Kranker“. In den 80er Jahren war Topol als Chefredakteur des Samizdat „Revolver Revue“ und in der Gruppe „Kinder Böhmens“ aktiv. Zusammen mit seinem Bruder Filip Topol gründete er 1980 die Band „Psí vojáci“, später spielte er in der Gruppe „Národní tøída“, die vom heutigen tschechischen Verteidigungsminister Alexandr Vondra gemanagt wurde.
In Deutschland ist Topol vor allem als Schriftsteller bekannt, seine Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt und auch verfilmt. In seiner tschechischen Heimat erhielt er 2010 für sein Werk den „Jaroslav Seifert Preis“.
Am 17. November wurde der 22. Jahrestag der „Samtenen Revolution“ gefeiert. Gibt es eigentlich noch etwas über den 17. November, das noch nicht weitläufig diskutiert wurde?
Heute habe ich ab und zu mal das Gefühl, dass die Zeit vor dem „November“ in einem ganz anderen Jahrhundert war. Niemand kann heute das Gefühl der ständigen Angst erklären, das uns begleitete. Als junger Mann zwischen 16 und 25 war ich hier im Dissent. Ich habe wirklich viel tolle Partys erlebt. Die Arbeit für unser „Samizdat“ Revolver Revue war unheimlich interessant. Ich habe auch so viel interessante Menschen kennengelernt, von denen einige heute zur gesellschaftlichen und politischen Elite Tschechiens gehören. Aber dieses Gefühl der Beklommenheit, der Angst, war auch mein ständiger Begleiter. Mir war immer bewusst, dass man jederzeit zum Verhör gebracht oder zusammengeprügelt werden könnte. Und ich bin weder besonders kämpferisch, noch besonders mutig.
Hat die Angst Sie und ihre Mitdissidenten geeint?
Wir wussten, dass es jederzeit zu Hausdurchsuchung kommen könnte. Oder dass sie dich ins Gefängnis stecken. Damals, bekamen wir alle immer automatisch einen Schreck, wenn jemand unangemeldet an der Haustür klingelte. Es hätte ja die Polizei sein können. Wir alle, die wir damals im Untergrund waren, kannten dieses Gefühl. Die beste Therapie dagegen war zusammenzuhalten, sich das Gefühl der Gemeinsamkeit zu geben. Ich glaube dieses Gemeinschaftsgefühl von früher ist der Grund der Nostalgie, die einige heute verspüren, wenn sie an ihre Zeit im Dissent denken.
Nostalgie nach dem Kommunismus? Oder dem Dissent?
Nostalgie nach dem Zusammengehörigkeitsgefühl. Damals gab es keine Clubs oder öffentliche Räume, in denen wir uns treffen konnten, um zu diskutieren, oder Lesungen und Konzerte zu halten. Daher hockten wir andauernd bei einem von uns in der Küche oder auf der Datsche. Und steckten die Köpfe zusammen, redeten und tranken. Das gehörte auch dazu. Das war richtig angenehm. Auch diese Ruhe, diese Zeit. Wenn ich mich heute mit jemandem verabreden will, dann ist das schwerer, als einen Termin beim Zahnarzt auszumachen. Aber der Zeitmangel ist ein Problem, das natürlich unsere gesamte euroamerikanische Zivilisation betrifft.
Vom tschechischen Dissent ist vor allem die Charta 77 bekannt. Sie gehören aber der späteren Generation der Chartisten an und organisierten sich in der Organisation „Kinder Böhmens“ (Èeské dìtí). Was war das für eine Gruppe?
Die „Kinder Böhmens“, das war eine tolle Sache. Weil sie so geradeaus und einfach war. Die Charta 77 habe ich unterschrieben, als das Standrecht in Polen eingeführt wurde. Aber die Generation der Charta 77, der ersten Dissidenten, war ja sehr ernst. Wir sind zwar auch unter einem totalitären System aufgewachsen. Aber das war schon weichgespült. Nicht so die Generation unserer Eltern. Mein Vater hat seine Kindheit unter Hitler erlebt. Als er erwachsen war, kam die Invasion von 1968. Und sein schöpferisches Leben hat er unter Gustav Husák verbracht. Das muss man sich mal vorstellen. Das ist doch der reinste Horror. In den 50er Jahren waren die Strafen für solche Sachen, die wir den 80ern machten, einfach schrecklich. Damals schickten die für 10 Jahre ins Gefängnis. Oder hängten ihn gleich auf. In den 80ern konnte man für ein, zwei Jahre ins Gefängnis, das kann man locker hinnehmen. In dem habe ich also unheimliches Glück gehabt. Im Vergleich zu den 50ern hatten wir auch mehr Freiheiten. Unter anderem auch die Freiheit, das Regime mit Ironie hinzunehmen, sich über es lustig zu machen. Und das haben wir auch genossen.
Wie haben Sie sich über das Regime lustig gemacht?
Die „Kinder Böhmens“ waren die Idee meines Freundes Petr Placák. Er gründete die Gruppe und rief nach der Rückkehr des böhmischen Königs. In den 80ern, einer Zeit in der der Sozialismus vor sich hin faulte, kam mir der Ruf nach einem böhmischen König so herrlich erfrischend provokant vor. Ich war einer der ersten, der den Aufruf unterzeichnete. Erst später wurde mir bewusst, dass Placák es mit der Einführung der Monarchie völlig ernst meinte. Er hat ja inzwischen eine monarchistische Partei gegründet, die will, das uns die Habsburger regieren. Das kommt mir inzwischen nicht mehr besonders witzig vor und ich habe damit nichts zu tun.
Abgesehen vom Ruf nach einer Monarchie. Was haben Sie, als Dissidenten der zweiten Generation, in den 80ern unternommen?
Wir haben hauptsächlich Demonstrationen organisiert. Wir waren jung, hatten noch keine Familie, m die wir uns sorgen mussten und gingen auch nicht zur Arbeit. Ein gewisses Risiko gehörte, trotz aller Angst, zu unserem Leben. Ich erinnere mich, dass es einen Generationenkonflikt mit den „alten“ Chartisten gab. Denen waren wir zu wild. Einmal, zum Beispiel, als wir zu einer grossen Demonstration aufriefen, sprach sich Václav Havel im Radio dagegen aus. Weil er Angst hatte, die Staatsmacht würde auf die Demonstranten schießen. So ein Generationenkonflikt ist normal, glaube ich. Aber dann ging ja eh alles so schnell, dass er sich nicht mehr weiterentwickeln konnte.
Was haben Sie eigentlich am 17.11. 1989 konkret gemacht?
Ich habe damals ja auch für das Samizdat „Revolver Revue“ gearbeitet. Am 17. November 1989 druckten wir gerade das Magazin in der illegalen Kellerwohnung, die wir für diese Zwecke hatten. Wir standen also an unseren Druckmaschinen, als sie im Radio meldeten, es gebe irgendeine Studentendemonstration. „Haha, Studenten“, dachten wir. „Das sind Angsthasen, die brauchen uns nicht interessieren“. Aber dann sind wir doch auf die Nationalstraße gegangen, um uns die Demonstration anzuschauen. Allerdings war sie damals schon zu Ende. Ich bin dann ins nahegelegene Café Slávia. Dort hat eine Freundin von mir, Hanka, gearbeitet. Mit der habe ich um eine Flasche Sekt darüber gewettet, wie lange es das kommunistische Regime noch aushalten würde. Hanka gab ihm ein Jahr. Ich zehn. Und dann dauerte es nur zehn Tage.
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie sich Ihr Leben entwickelt hätte, wenn es 1989 keine Revolution gegeben hätte?
Mein Glück ist, dass ich damals jung war. Ich hatte nicht studiert, weil ich nicht durfte. Zur Armee musste ich nicht, weil ich als psychisch labil und unzuverlässig eingestuft war. Ich war ein paar Mal kurz im Gefängnis, ein paar mal in der Irrenanstalt. Aber ich war jung. Mir machte das Spass, was ich tat, ich war ein fröhlicher Mensch. Aber wenn ich heute so über die Zeit nachdenke, dann ist das der volle Horror. Dass wir uns alle damit abgefunden hatten, sowieso im Gefängnis zu enden, wenn wir mal älter sein würden. Wahrscheinlich hatten wir uns so an das System adaptiert.
Welche Hoffnungen hegten Sie während der Revolution?
Mir war alles ziemlich egal. Mit Politik habe ich mich nie beschäftigt Ich war glücklich, dass ich reisen und schreiben durfte. Die ersten zehn Jahre nach dem Umbruch waren für mich eine einzige, ununterbrochene Party. Ich habe es genossen, dass Václav Havel unser Präsident war und dass uns kein Gefängnis mehr drohte. Erst nach 15 Jahren habe ich gemerkt, dass ich in einem Land lebe, in dem es so etwas wie Korruption gibt. Und für mich ist es unverständlich, dass wir jetzt einen Präsidenten wie Václav Klaus haben. Und seine Berater erst. Die kommen mir vor, wie irgendwelche Figuren aus der Zeit Rudolfs II. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass wir uns gerade in irgendeiner wunderlichen Komödie befinden. Aber ich muss betonen, dass ich kein politischer Mensch bin.
Seit der Revolution haben Sie als Journalist gearbeitet, für die Tageszeitung „Lidové noviny“ und das Wochenmagazin „Respekt“. Bekannt sind Sie aber für ihre fünf Romane, die in 15 Sprachen übersetzt wurden. Werden Sie auch weiterhin als Schriftsteller tätig sein?
Als Journalist habe ich gerne gearbeitet. Bei „Respekt“ war als Reporter viel unterwegs, in Polen, der Slowakei, der Ukraine. Als Schriftsteller, glaube ich, habe ich schon alles geschrieben, was ich schreiben wollte. Diese Bücher haben sich sehr mit der Vergangenheit beschäftigt. Für mich bedeutet Schreiben eine gewisse Freiheit, ein Teil meiner Privatsphäre. Ich will nicht zur Fabrik werden, die jedes Jahr ein Buch schreiben muss. Deshalb lasse ich es jetzt erst einmal sein.
Jetzt arbeiten Sie in der Václav-Havel Bibliothek. Welchem Ziel soll diese Bibliothek dienen?
Die Bibliothek richtet sich nach dem Vorbild der amerikanischen Präsidenten-Bibliotheken, nur dass sie sich eben Václav Havel widmet. Es werden dort alle Werke Havels in ihren sämtlichen Übersetzungen gesammelt. Und auch alles, was sein Leben betrifft. Schließlich ist Václav Havel eine Persönlichkeit, die ihr ganzes Leben lang politisch und kulturell aktiv war. Deshalb soll die Bibliothek aber auch eine Art Archiv moderner tschechoslowakischer und mitteleuropäischer Geschichte sein.
Was genau ist ihre Aufgabe in der Bibliothek?
Ich betrachte es als große Ehre, dass Václav Havel mich gebeten hat, für seine Bibliothek zu arbeiten. Meine Aufgabe ist es, hier einen Club aufzubauen. Wir wollen hier eine tschechische Kunstszene aufbauen, Künstler und Schriftsteller einladen.
Das knüpft ja ein bisschen an ihre Aktivitäten als Dissident an.
Da haben Sie Recht. Nur dass wir jetzt in der Galerie Montmartre in der Prager Altstadt sitzen und nicht mehr in irgendwelchen unterirdischen Wohnungen. Und, dass ich die Aktionen, die ich jetzt mache, im Namen Václavs Havels. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich jetzt die Freiheit habe, so zu leben und zu arbeiten, dann kommt es mir wie ein Wunder vor.
Welche Hoffnungen hegten Sie während der Revolution?
Mir war alles ziemlich egal. Mit Politik habe ich mich nie beschäftigt Ich war glücklich, dass ich reisen und schreiben durfte. Die ersten zehn Jahre nach dem Umbruch waren für mich eine einzige, ununterbrochene Party. Ich habe es genossen, dass Václav Havel unser Präsident war und dass uns kein Gefängnis mehr drohte. Erst nach 15 Jahren habe ich gemerkt, dass ich in einem Land lebe, in dem es so etwas wie Korruption gibt. Und für mich ist es unverständlich, dass wir jetzt einen Präsidenten wie Václav Klaus haben. Und seine Berater erst. Die kommen mir vor, wie irgendwelche Figuren aus der Zeit Rudolfs II. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass wir uns gerade in irgendeiner wunderlichen Komödie befinden. Aber ich muss betonen, dass ich kein politischer Mensch bin.
Das Interview mit Jáchym Topol erschien erstmals in der Landeszeitung Tschechien Online, 8.12.2011. Foto: Pavel Hoøej¹í /LZ