Ein verstummtes Dorf

Lidice-Film "The Silent Village" inspiriert Ausstellung im DOX - bis 9.4.

Prag - Es beginnt mit Bildern vom Leben in einem Dorf irgendwo in Europa, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Lehrerin vermittelt den Kindern das heliozentrische Weltbild, zu sehen sind Ausschnitte aus dem alltäglichen Leben: der obligatorische Einkauf beim Krämer, Frauen bei der Gartenarbeit, Männer auf der Schicht im nahegelegenen Bergwerk, gemeinschaftliches Beisammensein in der Dorfschänke.

Diese Darstellung eines friedvollen Lebens in der Dorfgemeinschaft konstruiert den Hintergrund für das Grauen, das in Form eines schwarzen Wagens über das Dorf kommt, Hakenkreuz-Standarten auf den Kotflügeln, über einen Lautsprecher auf dem Dach unbedingte Kooperation mit Reich und Führer einfordernd und jeglichen Verstoß unter strengste Strafen stellend.

Trotzdem organisiert sich Widerstand, Untergrundzeitungen werden gedruckt und Angriffe auf die Besatzer finden statt. Infolgedessen sieht man Frauen und Kinder in einem langen Tross zur Deportation marschieren, während die Männer, "Land of My Fathers" singend, an der Mauer des Kirchhofs versammelt werden. Die nachfolgende Erschießung indes ist nur zu hören, nachdem die Kamera zuvor weggeschwenkt hat. Hier manifestiert sich die Bedeutung des Ton-Arrangements, das den gesamten Film "The Silent Village" als konstituierendes Element durchzieht.

Humphrey Jennings Film aus den Jahren 1942/43 stellt die Auslöschung des tschechischen Dorfes Lidice, wenige Kilometer nordwestlich von Prag gelegen, am 10. Juni 1942 durch Einheiten der deutschen NS-Besatzungsmacht nach. Die Ausradierung der Gemeinde war Bestandteil der Vergeltungsmaßnahmen, mit denen das Deutsche Reich auf den Anschlag auf Reinhard Heydrich Ende Mai reagierte. Heydrich war in seinem Automobil von tschechischen Untergrundkämpfern angegriffen worden, er erlag am 4. Juni seinen Verletzungen.

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Massakers an den Dorfbewohnern, die angeblich die Attentäter beherbergt haben sollten, entstand in der britischen Regierung die Idee, das Geschehene in einem Film zu verarbeiten, gleichsam um aufzuzeigen, was auch Großbritannien im Falle einer Eroberung durch Deutschland drohen könnte. Der Dreh, projektiert vom britischen Informationsministerium und somit als Propagandafilm einzustufen, fand noch 1942 in einem Dorf in Südwales statt, welches Lidice hinsichtlich seiner Geschichte glich und in dem die Männer ebenfalls im Bergbau beschäftigt waren. Dabei geht Jennings nach dem Konzept der drama-documentation vor, die fiktionale mit realen Elementen kombiniert. Er arbeitete denn auch ausschließlich mit der Bevölkerung und verzichtete auf Schauspieler, was dem Film eine besondere Authentizität verleiht.

Der 36-minütige Kurzfilm steht am Anfang der Ausstellung gleichen Namens, in der sich drei Künstler mit der Unbegreiflichkeit der Tat auseinandersetzen, und damit persönliche Kommentare abgeben, die sich vor allem mit dem Thema der Erinnerung befassen. In Paolo Venturas und Peter Finnemores fotografischen Beiträgen finden sich scheinbar abgenutzte Fotografien von SS-Schergen und Partisanen sowie Aufnahmen von verlassenen Orten menschlichen Lebens.

Eine wichtige Bedeutung kommt Blicken zu, als Voraussetzung für jegliche visuelle Erinnerung. Soldatenblicken, direkt in die Kamera, werden leere Blicke in Wandspiegel und weggekratzte Gesichter entgegengestellt, vielleicht der gewaltsame Versuch, sich den Blicken zu entziehen. Verbunden werden die fotografischen Beiträge durch Textauszüge aus Rachel Trezises Buch "A Child Called Lidice".

Die Autorin beschreibt die Geschehnisse und Eindrücke, die sich, vom Massaker zurückgelassen, in die Erinnerung einbrennen. Den Abschluss der Ausstellung markiert eine Videoinstallation Jan Kaplans, der eine historische Kontextualisierung der Ereignisse vornimmt, worauf auch der Titel seiner Arbeit hinweist: 10:35 – der Zeitpunkt, zu dem das Attentat auf Heydrich verübt wurde. Diese innerhalb der letzten zwanzig Jahre entstandenen Arbeiten bringen das Geschehene dem Besucher wiederum in Form von Bewegt-Bildern nahe und ergänzen somit deren Interpretation in Jennings Film aus den vierziger Jahren.

Gerade die Fotografien von Ventura versuchen, die individuelle Seite der Taten auszuleuchten und setzen dies dem anonymen Symbol des Faschismus, wie es in Jennings Film von dem schwarzen Auto verkörpert wird, entgegen. Finnemores Bilder vermitteln dagegen den wortwörtlich dehumanisierten Charakter vereinsamter Orte. Die Filme an Anfang und Ende dominieren die Ausstellung und überlagern somit den zentralen Teil, dessen Aussagekraft sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Trotzdem ist The Silent Village einen Besuch wert, da es, abgesehen von der Ästhetik von Jennings Film selbst, mit seiner Kombination verschiedener Ausdrucksweisen einen interessanten Ansatz zur Auseinandersetzung mit Geschichte und der Erinnerung bietet.

Die Ausstellung ist bis zum 9. April im Zentrum für Gegenwartskunst DOX in Hole¹ovice samstags bis montags von 10 bis 18 Uhr, sowie mittwochs bis freitags von 11 bis 19 Uhr, zu sehen (dienstags geschlossen). Ton- und Schriftdokumente sind in tschechischer und englischer Sprache verfügbar. Der Eintritt beläuft sich auf 180 CZK für Erwachsene (90 CZK für Kinder über 12/Studenten/Senioren, 300 CZK für zwei Erwachsene und zwei Kinder); Kinder unter 12 Jahren genießen kostenfreien Eintritt, Kunststudenten bezahlen ermäßigte 40 CZK (Nachweis erforderlich).

Nico Schneider

The Silent Village, bis 9. April 2012
DOX, Zentrum für Gegenwartskunst
Poupìtova 1, Praha 7 - Hole¹ovice

Mo 10.00 – 18.00
Di geschlossen zavøeno
Mi–FR 11.00 – 19.00
Sa–So 10.00 – 18.00

www.dox.cz/en (Englisch)

Tschechien Online, 18.1.2012. Fotos: DOX


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