Einzelhändler suchen Wachstumsimpulse im Internet

Online-Shops wachsen zweistellig / Von Gerit Schulze (gtai)

Prag - Tschechiens Einzelhandelsumsätze sind auch 2011 nach zwei Jahren Rückgang nur leicht gestiegen. Die schwache Wirtschafts- und Lohnentwicklung schlägt sich in den Kassen der Kaufhäuser und Supermärkte nieder. Die Kunden sind meist nur mit deutlichen Rabatten anzulocken.

Deutlich besser ist die Konsumlaune im Internet, wo die Händler Rekordumsätze verzeichnen. Immer mehr traditionelle Einzelhändler bauen sich im Web neue Vertriebskanäle auf.

Die Einzelhändler in der Tschechischen Republik haben es derzeit nicht leicht, Wachstumssprünge zu vollführen. Nur leicht um 30.000 ist die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2011 gesunken. Die Reallöhne stiegen gerade einmal um einen halben Prozentpunkt. Verbraucher halten ihr Geld zusammen und warten auf Schnäppchen. Das zeigt eine neue Untersuchung des Marktforschers Nielsen. Demnach wurden 2011 bereits 42% aller Waren mit Rabatt verkauft. Noch 2008 lag dieser Wert bei 32%.

Immerhin: Nach ersten Zahlen des tschechischen Statistikamtes konnte der Einzelhandel im Gesamtjahr 2011 ein kleines Plus von 0,4% erreichen, nach zwei Jahren Umsatzrückgang in Folge. Allerdings entfiel der Zuwachs hauptsächlich auf das 1. Halbjahr. In der 2. Jahreshälfte war die Dynamik wieder negativ.


Quelle: Tschechisches Statistikamt (http://www.czso.cz)

Die Expansion der Handelsunternehmen wird sich künftig verstärkt auf Discounter und Supermärkte konzentrieren. Beim Hypermarkt-Format scheint die Aufnahmefähigkeit des Marktes erreicht. Laut Nielsen kommen derzeit in der Tschechischen Republik auf eine Million Einwohner 26 Hypermärkte (Polen: 8, Türkei, Niederlande: 3). Dagegen entspricht die Supermarktdichte nur einem Drittel des deutschen Niveaus.

Ende 2010 gab es laut Incoma GfK (http://www.incoma.cz) in Tschechien 618 Discounter, 500 Supermärkte und 268 Hypermärkte. Im Jahr 2011 gaben 18% aller Haushalte an, hauptsächlich in Hypermärkten ihre Lebensmittel einzukaufen (2010: 15%) und 44% in Supermärkten (2010: 43%).

Aktuell laufen in Tschechien nur wenig neue Projekte für große Einkaufszentren. Nach Schätzungen von Cushman & Wakefield wurden 2011 lediglich 60.000 qm Verkaufsflächen in Shopping-Malls gebaut. Dafür nutzen Investoren die stagnierenden Preise für Einkäufe. Im vergangenen Jahr wechselten Einzelhandels-Immobilien im Wert von fast 1 Mrd. Euro den Besitzer (Quelle: Cushman & Wakefield). Zu den aktuell größten Bauprojekten gehören das Forum Nova Karolina in Ostrava und die Arkady Hradec Kralove.

Auch die tschechische Tochter der deutschen Schlecker-Kette will trotz Insolvenzverfahrens der Muttergesellschaft 2012 weiter expandieren. Fünf neue Filialen sowie eine Modernisierung des bestehenden Netzes sind geplant.



Quellen: Cushman & Wakefield, GTAI-Recherchen

Interessante Anhaltspunkte für ein Engagement im Einzelhandel liefert eine Kaufkraftstudie, die Incoma GfK Ende 2011 veröffentlicht hat. Demnach haben die Verbraucher in der Hauptstadt Prag ein Drittel mehr Geld für Anschaffungen zur Verfügung als der Landesdurchschnitt. Zu den reichen Regionen gehören außerdem der Speckgürtel der Metropole sowie Pilsen und die Skoda-Stadt Mlada Boleslav. Zu den Regionen mit der niedrigsten Kaufkraft zählen Mährisch-Schlesien, Olomouc und Usti nad Labem.

Das größte Wachstumssegment im tschechischen Einzelhandel sind Online-Shops. Nach Berechnungen des tschechischen E-Commerce-Verbands Apek kletterten die Umsätze der Internet-Händler 2011 um fast 14% auf 37,5 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; 1,52 Mrd. Euro, Jahresdurchschnittskurs 2011: 1 Euro = 24,59 Kc). Für 2012 wird ein weiterer Anstieg um 15% erwartet.

Das Potenzial ist noch groß, denn nach einer neuen Untersuchung von Eurostat kaufen erst 30% der Tschechen regelmäßig im Internet ein. Der EU-Durchschnitt liegt bei 43%, bei den Spitzenreitern Schweden und Vereinigtes Königreich sogar bei über 70%. Immerhin verfügen bereits zwei von drei tschechischen Haushalten über einen Internetzugang (2011: 62%, 2008: 42%). Wie der Verband Apek mitteilt, haben 2011 in Tschechien rund 5,7 Mio. Personen mindestens einmal online eingekauft. Besonders Elektronik, IT, Bücher und Hobbybedarf sind gefragt, erklärte Apek-Geschäftsführer Jan Vetyska auf Nachfrage von Germany Trade and Invest.

Bislang wird der tschechische Online-Handel von vielen kleinen Anbietern dominiert. Branchenkenner haben errechnet, dass es landesweit rund 20.000 Onlineshopping-Webseiten gibt. Darunter sind viele hochspezialisierte Anbieter mit Jahresumsätzen von unter 100.000 Euro. Experte Vetyska schätzt die Zahl der Internethändler auf maximal 6.000, wobei ein starker Konsolidierungsprozess im Gange sei.

Angesichts der Umsatzdynamik drängen immer mehr große Konzerne ins Netz. Der britische Handelsriese Tesco bietet seit Anfang 2012 den Einkauf aus seinem Hypermarkt-Sortiment per Mausklick an. Die Tschechische Republik soll zum Testfall für eine mögliche Ausweitung auf andere mittel- und osteuropäische Märkte werden. Andere Lebensmittelhändler wie die Ahold-Gruppe haben ebenfalls angekündigt, in das tschechische Online-Geschäft einsteigen zu wollen. Laut Medienberichten plant sogar der US-Gigant Amazon eine Online-Filiale für Tschechien.

Derzeit dominiert die Ceska posta den Paketdienst für den Online-Versand. Sie erreicht quasi jeden Haushalt im Land. Dennoch eröffnen viele E-Shops eigene Läden und Abholpunkte, um Versandzeiten und -kosten zu sparen. Bei den Zahlungsarten dominiert die Nachnahme; Kreditkartenzahlungen sind weniger verbreitet. "Tschechische Verbraucher wollen die Ware erst sehen und dann bezahlen", begründet Apek-Chef Vetyska das etwas antiquierte Zahlungssystem.



Quelle: Tageszeitung Lidove Noviny




Quellen: Tageszeitung Lidove Noviny, Firmenangaben

Tschechien Online, 20.2.2012. © Germany Trade and Invest 2012. Foto: Wikimedia Commons


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