Immer mehr Menschen suchen die Hilfe eines Psychiaters
Prag - Im Jahr 2002 suchten 400 000 Tschechen die Hilfe eines Psychiaters. Nur sieben Jahre zuvor, im Jahr 1995, waren es noch 120 000 Menschen weniger. Nach Meinung von Fachleuten ist die stakre Zunahme der Patienten, die sich in psychiatrischer Behandlung befinden, vor allem eine Folge der Enttabuisierung der Psychiatrie.
"Obwohl ein Besuch beim Psychiater nach wie vor gesellschaftlich noch längst nicht als normal akzeptiert wird, so ist doch ein allmählicher Wandel zu verspüren. Eine "depka" zu haben, wie man im Tschechischen umgangssprachlich die Depression nennt, wird nicht mehr als Stigma angesehen.
"Diese Krankheit ist in das öffentliche Bewusstsein gelangt, wie jede andere Krankheit, und es ist mittlerweile nicht mehr beschämend zuzugeben, dass man an ihr leidet. Bei anderen psychischen Krankheiten, wie zum Beispiel der Schizophrenie, ist es dagegen bei weitem noch nicht so weit", so der Vorsizende der Tschechischen psychiatrischen Gesellschaft, Prof. Dr. Jirí Raboch.
Dass psychische Krankheiten heute weiter verbreitet wären als früher, kann aus den Statistiken nur schwerlich entnommen werden. "Die geringe Zunahme der Schizofrenie kann mit den genaueren diagnostischen Methoden erklärt werden oder vielleicht durch eine verminderte Toleranz gegenüber der Andersartigkeit", gibt Prof. Dr. Jan Liebiger zu bedenken, Oberarzt der psychiatrischen Klinik in Hradec Kralove.
"Ein empfindlicher Indikator für die seelische Gesundheit der Masse der Gesellschaft stellen Änderungen im Verhältnis der Kinder- und Erwachsenenpopulation dar. Hier glaube ich, liegen auch Ursachen für die Zunahme an depressiven Störungen", so Raboch.
Eine der aussagekräftigsten Statistiken, die über die seelische Verfassung der Bevölkerung Auskunft gibt, ist die jährliche Zahl der Selbstmorde. Im Jahr 2001 begangen nach Angaben des Informationsinstitutes für Gesundheit 1294 Männer und 329 Frauen in Tschechien Selbstmord. Die Zahl der Selbstmorde nimmt dabei langsam zu.
Dieser Anstieg könnte unter anderem auch mit der steigenden Arbeitslosigkeit zusammenhängen: Die Selbstmordrate ist unter Arbeitslosen immerhin viermal so hoch wie im tschechischen Durchschnitt.
Quelle: Lidové noviny, 15.4.2003