Prag Praha

Gastronomie

Konditorei Ovocný Světozor, Prag 1

Sahnetörtchen, Milchshakes, Eis, "chlebičky" und Co.: Schlemmen in der Obstbar

Ovocný Světozor

Vodičkova 39
110 00
Praha 1
Tel: +420 774 444 874

Prag - Ob vor oder nach einem Kinobesuch im Svĕtozor, oder um mich eistechnisch für einen entspannten Spaziergang im anliegenden Franziskaner-Garten zu wappnen - das Ovocný Svĕtozor geht immer.

Und da ist sie auch schon wieder - die lange Warteschlange, die sich aus der Ladentür bis in die Passage hinein windet. Sie ist ein Phänomen, das einfach zur Svĕtozor-Passage in der Vodičkova dazugehört. Mag sie im Allgemeinen ein Fluch sein - sei es an der Supermarktkasse, in der Bibliothek oder an der Bar im Club - hier ist die Warteschlange ein Segen. Denn die Auswahl der jeweiligen Leckerei verlangt mir jedes Mal viel Zeit und vor allem Entscheidungsfreude ab. Weiterhin sind Berührungsängste bezüglich Sahne- und Zuckerkalorien hier vollkommen fehl am Platz.

Die Schaufensterauslage, welche ich während des Wartens ausgiebig studieren kann, wird von den "chlebíčky" - in meiner Umgebung liebevoll ČSSR-Stullen genannt - bestritten. Jede einzelne ein gastronomisches Meisterwerk. Kleine Weißbrotschnitten mit köstlichen Cremes bestrichen, um dann mit Wurst, Käse, Schinken oder Lachs belegt zu werden; Petersiliensträußchen, Tomaten- oder Gurkenscheiben komplettieren die Dekoration - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt und kein stinknormales Sandwich kann mithalten. Außerdem habe ich von hier aus einen wunderbaren Blick auf die Eisdiele. Besonders empfehlen kann ich das Softeis, welches nur aus gefrorenen Erdbeeren und Bananen zu bestehen scheint und das Kugeleis "Dunkle Schokolade" (hořká čokoláda).

Spätestens mit dem Betreten der Obstbar (ein reiner Euphemismus der Betreiber um das Gewissen zu streicheln) habe ich Kalorientabellen und gute Vorsätze aufs Neue über Bord geworfen. Was soll’s - morgen ist ja auch noch ein Tag. Denn die Kuchenauslagen überwältigen selbst mich als überzeugten Stammgast noch immer. Schoko-Cremekuchen und Quark-Obst-Torten warten neben Mürbeteiggebäck und Apfelstrudel sehnsüchtig darauf, liebevoll auf einen Teller drapiert zu werden. Die Damen jenseits der Theke sind nämlich trotz des beständigen Andrangs immer freundlich, wahrscheinlich sind sie ständig auf Serotonin.

Neben dieser schon ausufernden Auswahl wird das Angebot noch durch andere Köstlichkeiten ergänzt. Auf langen Tafeln kann ich mich zwischen Waffeln oder Palatschinken mit der obligatorischen Schlagsahne und allen möglichen Früchten und Soßen entscheiden. Außerdem gibt es noch eine Vielzahl von Eisbechern und Milchshakes. Meine Favoriten sind die Schokotorte mit Himbeeren (pařížský malinový dort) und die Waffeln Luisa, die mit Eis, einem riesigen Klecks Schlagsahne, Erdbeeren, Pfirsichen Schoko-und Vanillesauce serviert werden. Diese Auswahl wird durch das fachkundige Urteil meiner zuckerverliebten Freundinnen unterstützt. Aber egal, über was ich mich bisher hergemacht habe, es war immer ein Treffer. Der Kaffee jedoch kann mit der Qualität im Louvre (meiner Meinung nach der beste Kaffee in ganz Prag) oder vergleichbarer Lokalitäten nicht mithalten. Aber hier ist er sowieso nur die Ergänzung zur süßen Schleckerei.

Mysteriöserweise habe ich bisher immer einen roten Plastikstuhl gefunden, auf dem ich meinen Kuchen genießen konnte. Aber das liegt vielleicht daran, dass das Interieur nicht unbedingt als der Inbegriff von Gemütlichkeit verstanden werden kann. Schrill-skurril sind die Wände mit grünen Plastikwellen verkleidet und transparente Acryllampenschirme in Quietschfarben erhellen den Raum.

Der Altersdurchschnitt dieser Eisdiele-Bäckerei-Bistro liegt bei ungefähr 38 Jahren, weil der Laden von ebenso vielen älteren Damen mit niedlichen Hüten wie auch kleinen Kindern mit bald klebrigen und schokoladenverschmierten Mäulchen frequentiert wird. Besonders am Freitag scheinen sich Jung und Alt hier zu treffen, um das Wochenende gebührend einzuleiten. Denn nicht nur eine Schwäche für Knödel und Bier haben die Prager, sondern auch für allerlei Naschwerk. Wer einmal in Ovocný Svĕtozor schnabuliert hat, wird dies nachvollziehen können. (lis)

Bildnachweis:
Google Maps, Streetview - Screenshot
Zuletzt aktualisiert: 5.11.2016
Autor: Lisa Schulze

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