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Der Autor

Luise Boege (* 1985 in Würzburg) studierte Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Auf ihren Debütroman "Kaspers Freundin" (2015) und den Erzählband "Bild von der Lüge" (2017) folgte im Januar 2018 das Buch "(Exorzismus in Polen) Die Schönheit der Wüste".

Boege verwendet in ihren Texten verschiedene experimentelle Erzählformen, um sich dem Grenzbereich zwischen Sprache und Handlung anzunähern, und nimmt mitunter Anleihen bei der fantastischen Literatur.

Die Auszeichnungen der Autorin umfassen den Open Mike (2006), das Alfred-Döblin-Stipendium (2012), das Stipendium Schloss Wiepersdorf (2017) und ein Aufenthaltsstipendium am Literarischen Colloquium Berlin (2017). Boege lebt und arbeitet in Leipzig.

Bildnachweis:
© Tobias Neumann
| | | 6.9.2018

Pragtagebuch

06. Mai

Vor lauter Schreck erstmal 4 Tage getrunken. (Das muss aufhören.)

In einem kleinen Park bei der Voroněšká/Krymská steht ein alter Bau-/Wohnwagen, in den man hineingehen kann. Eine Art Installation eines Künstlers, der sich in seinem Werk mit Formen des Wohnens beschäftigt.

Ich versuche, Tschechisch zu sprechen, aber ich kann es ja nicht.

Ich bin schüchtern, schüchtern.

Suche nach Struktur.

Später finde ich einen blauen, jugendstilhaften Schmetterling und eine Spritze und lege eine Sammlung an, die ich dann wieder auflöse (indem ich die Spritze doch wegschmeiße). Ich denke zwischen A und B, da denke ich: Ich kann mir gut vorstellen, dass man in Prag verrückt wird. (Weil es so schön ist! Und weil man die Burg oft gut im Blickfeld hat. Andererseits aber ist ja jede Stadt komplexer als alles, was man zu ihr denken kann. So kurzgefasst ausgedrückt.)

Von der (eigenen) Sprache nicht so sehr belastet ...

místo

jinde

žit

díl

sám

 

 

07. Mai

Hier war ich schonmal, vor vierzehn Jahren, mit C. Mitten in Europa total jung happy dumm (ich). Eigentlich alles ein bisschen egal. Jemand hatte uns am Bahnhof gesagt, dass wir in seiner Wohnung wohnen könnten für so 5 Euro pro Nacht oder irgendwie so und wir sofort so: Ja okay. Dann sind wir da mit der Bahn hin und die Wohnung war riesig (so wie jetzt diese) und voller weißer Katzenhaare. Wahrscheinlich haben wir sie gar nicht oft verlassen. Ich denke, dass es so gewesen ist, dass ich auf eine ordentliche Mahlzeit bestanden habe und ich erinnere mich eigentlich an nichts, nur irgendwie an Knoblauch. Und zwei höfliche alte Männer die sich glücklich im Café des Aussichtsturmes auf dem Petřin, über eine Karte gebeugt, gegenseitig Dinge erklärten, halb deutsch halb tschechisch. Es war Winter und Schnee (da gab es ja noch Jahreszeiten) – und „parek v rohliku“ wurde angeboten als „sausage in a roll“, was mir sehr gut gefallen hat, im Café des Aussichtsturms, 2004.

 

Hab übrigens überwiegend auf den Boden geschaut (und Altgriechisch gelernt) als ich jung war. Hab immer das Gefühl, dass es peinlich ist, tschechisch zu sprechen. Dass die Tschechen das peinlich finden.

 

mít st’estní

mít strach

pocít

vždy(cky)

 

 

08. Mai

An einer U-Bahn-Haltestelle ausgestiegen, die in der Mitte eines Hochhauses liegt. Durch kalte, verschneite Hinterhöfe, verfolgt von 2 Männern. Mir wird klar, dass ich in Gohlis bin u. dort A treffen will. Viele Trams fahren herum, aber keine ist die richtige.

Davor: Ich stimme spontan in das Lied einer vorbeiziehenden Gruppe Menschen (ARBEITER) ein. Sofort werde ich eine von ihnen, sie nehmen mich in ihren Kreis auf, erkennen mich wieder, als ich die Handwerksbedarfsabteilung in einem großen Kaufhaus am nächsten Tag aufsuche – „hast du auch eine gute Nähmaschine? Das ist wichtig!“

 

Mit allgemeinen Aussagen riskiere ich nichts.

 

                       

12. Mai

tráva

 

 

13. Mai

Lehne mich an S an, weil ich denke, sie sei C. Situation: Viele sitzen um kl. runde weiße Tische, wie in einer Eisdiele. Konkreter Kontext: Vergessen.

 

Ich hab vorgelesen mit 2 Bier im Kopf. Danach sollte ich Bezug nehmen – die Sprache, die Herangehensweise, die Sprache der Medien, der Umgang damit – die Flüchtlingskrise. Meine Schwierigkeit, scharf zu antworten. Ausdruck einer Ratlosigkeit. Was ist meine Rolle? Wie soll die Literatur reagieren auf das, was passiert? Wie kann sie sich gut einsetzen? Ich frage mich das wirklich. Was ist die Aufgabe?

 

Denke an AC, die ich im Internet sehe, wie sie mal im Goetheinstitut Prag sitzt und dort ungefähr sagt: Es gibt eine Plastiktütenüberschwemmung, sprachlich ... aber trotzdem gibt es nicht weniger Plastiktüten im Meer, nein im Gegenteil.

 

Allerdings war es auch so: Ich habe alles, was auf Tschechisch war, nicht verstanden – alles wurde simultan gedolmetscht, in beide Richtungen.

 

Ständige Angst vor Missverständnissen. Aus Angst regungslos. Das ist schlecht.

 

Eine Frau im Publikum (betrunken?) meldet sich und fragt die eigenartige Frage: Haben Sie sich schonmal mit Selbstzensur beschäftigt? Ja, ich habe ein ganzes Buch geschrieben, da ist fast alles durchgestrichen.

 

Dachte wohl, ich bereite mich theoretisch und im stillen Kämmerlein schön auf alles vor, dann wird es schon klappen, wenn es soweit ist, aber das stimmt eben nicht, so ist die Welt ja nicht! Das Leben selbst ist die Übung fürs Leben, es gibt keine zweite Erfahrung des Lebens, die korrigierend in die erste eingreifen kann, usw etc ...

 

Die Prosa wird die Welt schon ändern, und schon erst recht die Lyrik, falls die jemand lesen würde mit Einfluss, Donald Trump z.B.

 

(Und wenn man an die Möglichkeit von Abstraktion glaubt ... vielleicht ist das auch eine Art von Materialismus/Biologismus?)

 

Gelesen: Dass Berufe Menschen mehr ändern als Familien. Dass Rückschläge mehr schwächen als stärken. Dass Menschen sich im Alter auch noch ändern können, aber dass sie Orte/Situationen aufsuchen, die sie aufsuchen können/wollen/die zu ihnen passen, die sie ändern/also bestärken. Zum Beispiel Auslandsaufenthalte: offene Menschen gehen ins Ausland, was sie offener macht.

 

Helena Třestiková: Marcela, Katka, Mallory, auf tschechisch mit deutschen Untertiteln. Jetzt will ich ihr einen Brief schreiben, oder eine email, meine Bewunderung zum Ausdruck bringen, aber ich bin ja leider schüchtern, schüchtern.

 

 

14. Mai

Zum Beispiel habe ich heute auf einer Konferenz der Knihovna Václava Havla gehört: Europa bleibt für viele abstrakt, weil sich viele das Reisen nicht leisten können. Die Bürokratie stört. Über Europa wird in der Schule u. zu Hause oft wenig geredet. Deutschland ist das wirtschaftlich stärkste Land in der EU. Tschechien mit der geringsten Arbeitslosenquote. Ca 15% wollen eine engere Anbindung an Russland (anders als zB die baltischen Staaten, die den Einfluss Russlands fürchten – die Tschechen fürchten ihn nicht), ca 40% wollen den Austritt aus der EU, dem Rest ist es egal. Den meisten ist es einfach egal. Die Tschechen wollen ihre Währung behalten – keinen Euro. Es hätte fast ein Referendum gegeben, Austritt aus der EU – aber im Moment, so wurde es eingeschätzt, wäre das wohl gar nicht durchgekommen (sowie d. Brexit). Auf die Frage, ob Tschechien mehr Flüchtlinge aufnehmen sollte, wurde geantwortet, in dem Ausschnitt, den ich mitbekomme, ausweichend – man könnte doch zB, wenn viele nicht Refugees im Land wünschten, auch anders helfen, zB mit Geld?

 

 

15. Mai

Ich starre etwas dümmlich auf die Moldau, während ich im Internet mir etwas über von KI gemachter Kunst anschaue.

 

Über 50 Tote bei Ausschreitungen im Gazastreifen. Trump hat ja die Botschaft nach Jerusalem verlegen lassen (das so aufschreiben, als wäre da wirklich jemand, der von nichts weiß ...)

 

Gestern angefangen Marketa Lazarová zu schauen. Das soll der beste (ja) tschechische Film aller Zeiten sein, oder so ... also, man könne nicht wegfahren, ohne diesen Film zu sehen, wird suggeriert ...

 

Vláčil: Kdo chce, hledá cestu. Kdo nechce, hledá důvod.

 

 

16. Mai

Ich singe in einem Chor. Mit einem Floß oder so ganz weit rausfahren auf das Meer, das alles ist – hoch u. gefährlich u. glatt – aus einer Art Schleusenbereich raus ... Schwimmen gehen obwohl es gefährlich ist – viele Leute sind dabei, u.a. P und S. Ich sehe ein dreieckiges Wassertier, das wie eine aufgemalte Comickatze aussieht u. vielleicht gefährlich ist.

Im Chor hab ich eine Kumpanin.

 

Den (tumben) Gedanken: dass vielleicht Musik etwas wie Heimat sein kann?

 

Kracht heute, irgendwo gelesen: Er lebe im Exil, weil er die Sprache Eichmanns bloß durch einen Filter ertragen kann ...

 

 

17. Mai

Dass es nicht aufhört. Vom nicht Aufhören schreiben!

 

Wie kommt das Sprechen/Hetzen im Kollektiv (Internet) zustande? Im Gegensatz zum Schweigen?

 

 

18. Mai

Große Art Kulturzentrum – ich bin zusammen mit einem Syrer, dessen nackte Beine ich streicheln will ... was er nicht möchte, es sei ihm zu viel ...  M wohnt dort auch und hat eine spezielle Funktion ... sich irgendwie eingerichtet. Ich sehe sie nicht.

 

Diese aus der Zeit gefallene Einzelheit.

Diese Betäubung.

Das Alter vermessen und die Anzahl der Handlungen. Aus der Angst raus in dem/durch das Alleinsein.

           

Die Illusion, die anderen gäbe es nicht (so nah). In ihrer abstrakten Konkretion, ihrem so oder so umrissenen So-Sein.

 

 

20. Mai

Ich sprach schon noch, aber ich merkte, dass ich am Auseinanderdriften war wie Kontinentalplatten. Nicht bloß körperlich, vor allem psychisch. Da gibt es nichts zu beschönigen. Wie fühlt es sich an, im Innern einer Ideologie, eines Denkens? Ich werde es beschreiben.

Woher sind sich alle so sicher?

Versuchte ich, mich selbst einzuholen, etwas aus mir zu machen, dabei würde ich plötzlich Ende dreißig geworden sein und alle wüssten ja besser als ich.

 

Ich werfe mich wider besseres Wissen (ich hatte aufgehört mit Männern zu schlafen und das aus guten Gründen) und mit ganzer Kraft auf den Bibliothekar, ich bewundere seine schöne Brille, ich fragte die Frage, ob es notwendigerweise im Alter so käme, dass die Mundwinkel herunterhingen, dergleichen hätte ich im Zug an mir festgestellt.

Und nun auch an ihm.

Trösten Sie sich, wir sind nicht alleine, sagte ich ihm, jedoch er war sicher nicht getröstet bzw. hatte um Trost nicht gebeten und mein Bauch hing über den Bund, so war es.

Draußen schlug mir die Hitze entgegen.

Aber wer und wozu soll von diesem Verfall Kenntnis nehmen, wo wir ja alle wissen, wie es ist, wie es um uns steht?

 

Nach Möglichkeiten des Lebens bemühte ich mich noch.

Aber ich sagte nicht: Die Literatur wird den Frieden schon bringen. Die Kunst darf niemals instrumentalisiert werden.

Denn ich dachte für mich, dass das Kitsch war und dass nur unter Einsatz meines auseinanderdriftenden Körpers oder unter Einsatz der gesprochenen/schrienen Sprache

Möglichkeiten der Ausschreitung geschaffen werden konnten.

 

Aber da irrte ich vielleicht:  Als ich schrie.

 

 

21. Mai

Ich lerne eine Frau kennen, beim Essen. Ich bekomme das Angebot, zum Meer zu fahren und in den Wald zu gehen mit einer Gruppe: Im Wald gibt es drei Sorten Bäume, eine tschechische, eine englische mit sehr dicken Ästen und zur dritten Sorte kommt die Aufzählung nicht.

Ich treffe hier C, und J hat auch mal in Prag gewohnt, erfahre ich.

 

Mediale Entwicklungen sind nicht rückgängig zu machen.

 

Ich habe übrigens keine komplizierte Persönlichkeit. Das einzige komplizierte ist das Schreiben ... es sorgt für nötige Kompliziertheit, sonst wäre ich tot.

 

Ich würde sagen, es ging und geht darum, nicht mehr alles im Leben um einen Modus der Absicherung willens zu tun. Sondern vielleicht eher. Worum? Worum und warum handeln? Um einen Modus des Aufbrechens vielleicht? Ob es einen Modus gibt, der nicht vorgegeben, eingeschrieben wäre? Und was mache ich mit meiner Angst.

 

In Berlin sind viele Häuser besetzt worden.

 

Ich war heute bei dem öffentlichen Teil der Populismus-Konferenz im Goethe-Institut.

Der Populismus, so sagte einer der Eingeladenen, wird nicht mehr weggehen aus der Politik, hinter den Populismus werden wir nicht zurückgehen können.

 

Das auseinanderfallende Europa ...


ich spreche mit niemandem. (Aber jemand beobachtet, wie ich eifrig alles mitschreibe, mit krummen Strichen Projektionen abzeichne, sofort fühle ich mich dumm.)

 

 

22. Mai

Käfertext, den ich schreiben will: Wie ein Drehbuch, „alles wirkt friedlich, aber ...“, Sound der 50er Jahre. Eine Art Propaganda. In dieses häusliche Kleinfamilienglück bricht etwas ein.

„Der FEIND hat sich eingenistet“! Helmut Kohl entdeckt, dass seine Tochter mit einem Käfer lebt!!! Ist sie überhaupt seine Tochter? Wut gegen die Zumutung, sich richtig verhalten zu müssen.

‚Geschichtslosigkeit’

Gespräch mit jemand, der „dabei“ war (alte Frau, Zeugin, Opfer ...)

der theoretische „Plan“

die Tochter Helmut Kohls wird zum Schluss erschlagen von einer alten Frau mit einer Metallstange (bzw. der Käfer – zuvor gab es ein Video von einem Mann, der mit einer Metallstange auf sein Auto eindrischt, wieder einsteigt, weiterfährt, anhält, aussteigt, drauf einschlägt, einsteigt, usw ... bis es ganz kaputt ist)

 

„fein raus sein ...“

 

Arbeiter beschreibt, wie er bei dem großen Stalindenkmal an einem Knie arbeitet – „es war nichts, mit dem ich Verbindung hatte – ein riesiger Granitblock, modulierte Masse ...“

(Heiner Müller: Die Menschen, die in dem gestürzten Denkmal leben ...)

 

Sprengung des Denkmals 1962, aus allen Bildern wird es entfernt, bis angeblich (erzählt mir jemand) aus einem Wandteppich im Hotel Interkontinental, da hängt es immer noch.

 

Immer der Versuch, über ein Ganzes zu schreiben, von dem du Teil bist (wie die Familie – du siehst sie, aber du kannst sie nicht sehen, weil du Teil bist, der sie funktionieren lässt).

Etwas, das dich füttert und nährt.

 

Die Frage, ob man ohne Beeinflussung, Gehirnwäsche leben kann

 

Die Frage, wie weit man zurückgehen muss, von dem Bild, das einen selbst enthält, zurücktreten muss ...

 

Es ändert sich nicht, was ich mache.

 

Heute habe ich mir Fotos vom zerstörten Prag angeschaut, auch mit Pragern drauf in den Tagen des pražské povstání im Mai 1945, dann war noch eine ältere Frau in der Ausstellung, ich überlegte mir Fragen, aber sie ließ keine Möglichkeit des Blickkontakts zu. Dann schrieb ich beim Gehen meinen Namen ins Gästebuch und ich war (wohl) die erste (oder eigentlich war ich wahrscheinlich die zweite Besucherin, nach der Frau, die mit der Betrachtung der Bilder langsamer war als ich). Aus Mangel an Kommunikationsfähigkeit schrieb ich „very good exhibition“, was es nicht traf, weil ich eigentlich Tränen in den Augen hatte (wie immer quasi) – die Enttäuschung der Frau an der Garderobe, die mir das Gästebuch hingeschoben hatte ...

 

Warum kann ich nicht sprechen?

Durch einige Straßen der staré město gelaufen, die dlouhá und die Stepanská, die Gruppen von irgendwie verkleideten sehr lauten Männergruppen.

Dann in meinen Kurs und ich saß neben T, die ich so viel wie möglich beobachtete. Sie stieg nach dem Kurs in die 14 Richtung Palmovka.

 

(Verbinde ich Schreiben mit Sex? Welche Form des Schreibens wird kommen, wenn ich keinen Sex mehr habe?)

 

 

23. Mai

Nikdo nic nechlápe.

Takhle bych si ten život představoval!

Nesmím se roztyplovat, ted` se musím soustředít.

Kdybych to věděl.

Cesta k úspěchu

 

„Der binäre Code v. táxis und kósmos, Staat und Markt, ‚künstlicher’ und ‚natürlicher’ Ordnung, staatlichem Zwang und Freiheit des Marktes ist seit den siebziger Jahren, d.h. seit die neoliberale Lehre Politik und Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks zu dominieren begann, zu einem hegemonialen gedanklichen Konstrukt geworden.“

Märkte Ergebnisse mittels Staatsgewalt durchgesetzte Entscheidungen, nicht Resultate freier Entwicklung (nicht weniger „veranstaltet“ als Wirtschaftspläne im Staatssozialismus)

kósmos „nicht das Gegenteil, sondern ein bloßer Sonderfall von táxis, eine Ordnung, in der die Staatsgewalt die Freiheit von Eigentümern auf das Wirtschaftsleben loslässt und nicht die Macht von Planungsbürokraten.“

 

Ein junger Mann im Café Louvre erklärt. Beim Essen. Mit der etwas flachen Stimme junger sportlicher Männer. Erklärt seiner Freundin Banalitäten. Sie überlegen gemeinsam, was die Besonderheiten bestimmter Länder sei. Echtes tschechisches Essen. Slowenien, das haben Leute ihm, dem jungen Mann, bestätigt, stehe für nichts. Es sehe nach wenig aus, sei aber viel. Ich versäume den Moment, mich zu erkennen zu geben und fliege dann als Voyeurin auf, als sie mich auf englisch etwas fragen, ganz freundlich: Was danke auf Tschechisch heißt, und bitte und auf Wiedersehen ...

 

 

24. Mai

Ich treffe L in einem meiner Träume und sie ist total sauer wegen des Texts, den ich über sie geschrieben habe.

Oder meine Eltern kaufen ein Theater. Ich spiele dort mit. Von oben kann man nach unten reinsehen wie in einen tiefen Schacht.

 

Oder in so einer lieblichen Stadt zu wohnen. Wo das Liebliche nah ist.

Nicht über das Verrücktsein schreiben, sondern über das normale, getaktete ...

(„Die Welt ist ziemlich i.O.“)

 

Plötzlich wieder die Angst.

Aus übertriebener Selbstbezichtigung, falsche, verfälschte Infos in die Welt (über mich) gesetzt zu haben. Dass man mir einen Strick drehen könnte aus dem, was ich bin.

 

Gestern im Theater das Stück Maryša gesehen im národní divadlo. Das Stück ist von 1894. Es geht um eine Tochter, die gegen ihren Willen verheiratet wird. Der Text kommt als englische Untertitel, die sind sehr schwer verständlich. Ich muss mich entscheiden, ob ich die Untertitel (Übertitel) lesen will oder das Stück anschauen. Ich schaue mir das Stück an, ich denke, ich kapiere es auch, ohne den Text zu verstehen. Dass das nicht stimmt, merke ich, als ich den anderen sage, ich hätte mich gewundert, dass das Stück schon zu Ende gewesen sei. Die anderen haben sich nicht gewundert. Für mich war das Ende so, dass das Stück überraschend auf eine völlig neue Ebene springt: Maryša muss ihren gewalttätigen, schlafenden Ehemann im Arm halten. Es ist eine Art gefrorenes Grauen, aus Ratlosigkeit und Zwang schlägt hier etwas in eine Art Zärtlichkeit (Stockholm-Syndrom?) um. Ich denke: Dass es jetzt ewig so weiter geht, durch die Jahrhunderte. Dass das der Zustand ist. Aber die anderen sagen, das Ende ist einfach so gewesen, sehr klar und eindeutig: Maryša ist es gelungen, den Ehemann zu vergiften. In der Mitte des Stücks gibt es eine Kneipenszene, die mir sehr gut gefällt. Wildes Torkeln, alle bespritzen sich mit Theaterbier aus Feuerlöschern. Alles sehr real. Neben mir atmet ein Mann furchtbar laut.

 

 

26. Mai

Jetzt hat der Prager R, der auf der Straße lebt, meine email-Adresse, aber ich nicht seine. Er hat die samtene Revolution nicht mitbekommen, weil er auf seine Tritte achten musste: Draußen war es glatt. Es arbeitete damals als nurse in einem Krankenhaus.

Kaum etwas war aus ihm herauszubekommen.

 

Die fatal falsche und auch unnütze Überlegung, die immer wieder aufflackert: Nie wieder schreiben – nie wieder Sex.

Věra Chytilová, die sagt: Alte, mächtige Männer, die nichts so sehr fürchten wie hysterische Frauen – also zeige ich ihnen hysterische Frauen!

Warum mir dieser Satz nie selbst eingefallen ist.

 

Karel Kachyna: ucho

           

Jetzt aber zurück zum Punkt, wo ich gewesen bin.

 

Im Radio immer wieder das Wort „Referendum“. Referendum, Referendum.

 

 „Materialermüdung“, ein Ost-Wort – „Sollbruchstelle“, ein West-Wort. Kann man das so sagen? Ist das alles schon Ideologie? (Und warum und wie läuft dieses Gespräch?)

 

Eine Demonstration in Palmova, wo ich meinen Tandempartner, einen Sportmanager, auf dem Dache einer Shopping Mall treffe. Wo wir ineinander rumstocherten und uns eigentlich nichts erzählen wollten. Dort gibt es einen Dinosaurierpark und super viele Kinder. In Venezuela wird Maduro wiedergewählt.

Die Demonstration sehen wir später von der Tram aus. Frage meinen Tandempartner (in der Tram) er sagt er weiß es nicht, er will auch nicht spekulieren, er will auch nicht drüber reden.

 

Ich bin so stumm.

 

Je tam něco?

Odkam něco je.

 

Ab und zu aus dem Gesichtsfeld kippen

 

legrace

 

Dabei hast du dich ja nur an eine Ecke der Sprache schon gewöhnt.

 

Aneinanderkleben

Obdachlos

 

Ich denke: Wenn ich wüsste, ich sterbe danach, könnte ich alles aufschreiben.

Denke an die familiäre Ambiguitätsintoleranz. Wenn es vielleicht auch alles ein nicht Aushalten des Nicht-Wissens ist, oder ein Nichtaushalten des Wissens, dass es eine Schieflage gibt, ein Widerspruch, eine Falschheit in jedem Leben, in jedem Genießen vor allem.

 

 

27. Mai

Mein Naziopa feiert Geburtstag. Nebenan Demonstration/Zeltlager. Es ist auf dem Gelände eine große Party. Ich denke (tatsächlich): Hoffentlich machen sie nicht die Autos kaputt!

Ich will rübergehen und mitdemonstrieren. B ist auch da (auf dem Geburtstag). Ein Flieger fliegt über das Haus, den P als „verboten“ einschätzt. Meine Oma spricht Indisch mit 2 Indern. Ich setze mich zu P u zu meinem Bruder. 4 Punks kommen an den Zaun und fragen nach einem Bier. Ich will los, frage aber, obwohl ich es nicht will, P, ob ich „darf“. Ich gehe und suche an verschiedenen Orten nach Bier. Aber es ist unmöglich, 4 Flaschen zusammenzubekommen. Schließlich kehre ich mit 3 zurück. Aber die Jungs sind weg.

P sagt, B sei dagewesen u. habe begonnen, etwas über sein Leben zu erzählen, da seien sie gegangen.

 

Fühle mich provinziell, aber trotzdem nirgends verhaftet. So unverbindlich, dass jede Verbindung mich definiert, festnagelt, unter Druck setzt ...

Wenn ich rausfliege, muss ich sterben.

Aus der Welt der Leute.

 

 

28. Mai

Als sei die fremde Sprache einfach bloß ein Raum, in den man gehen musste, mit einem Schritt, hinübergleiten mit einigem guten Willen.

 

 „die legendär gewordene erste Kafka-Konferenz in Libice, die als Auftakt des Prager Frühlings 1968 gilt.“

 

Ich bin eine frischgeschredderte Frau mittleren Alters, ich lebe mitten in Europa, was momentan zerfällt, ich habe keine Männerbeziehungen mehr aus Prinzip. Da ähnele ich durchaus manchen, die ich kenne. Bis vor kurzem dachte ich, dass Zerstreuung mich retten könnte vor meiner Schicksalslosigkeit. (Wie, warum kommt man auf die Idee, wie warum kann man denken/versuchen, frei von Zusammenhängen zu leben/schaffen?)

 

Beruflich habe ich mich entschieden, das Altern zu erforschen. Rein chemisch/zellullär.

Und frei von Zusammenhängen.

 

Ich denke, eine Rechnung wird mir gestellt werden am Ende meines Lebens. Ich wurde früh gewarnt vor der Apokalypse, aber die Jahre dazwischen haben mich schläfrig gemacht und da habe ich alles vergessen.

 

 

29. Mai

Noch einmal Sedmíkrasky von Věra Chytilova gesehen, in der Bar Žižkovšišká. Dort trinkt man Beton – Becherovka und Gin Tonic. Js Freund (ich bin hier mit J und ihrem Freund) bestellt einen Beton mit nasalem o, woraufhin der Mann an der Bar spöttisch, ironisch vermutlich, reagiert.

 

Jsme, jsme, jsme.

 

Diesen Film hab ich zufällig im Internet entdeckt in Berlin und zuerst besoffen gesehen und dann noch zweimal nüchtern und habe den Link an Freundinnen geschickt, von denen niemand reagiert hat, niemand fand diesen Film gut. Aber ich dachte: Wie konnte ich leben, ohne diesen Film zu kennen? Nein, das dachte ich nicht. Ich dachte: Wieviel leichter fühlt sich das Leben an, jetzt, wo ich diesen Film gesehen habe. Aber das ist natürlich Quatsch.

 

Sie trinken Pilsner Urquell und es fehlt ihm der Rahmen. Abgesehen davon ist es ein wunderbarer Film, um tschechisch zu lernen.

 

Der Mann von der Bar führt in den Film etwas grob ein: „She was a feminist. She just hated men.“

Ich denke nicht, dass es das schon ganz getroffen hat.

           

 

30. Mai

Die 22 zum Ende gefahren. Bilá hořa. Ein Denkmal fotografiert.

Bestimmte Gespräche, email-Wechsel nicht aus dem Kopf bekommen.

Den Gast zu nah gelassen, dann weggestoßen zu haben. Geschichte über so misslingende Begegnungen.

 

Sind das Einschusslöcher an den Gebäuden?

 

Wir waren zwei Kinder, die sich für alles u. jedes absichern müssen. Wie machte ich das?

 

Vančura lesen!

 

„OPERATION ANTHROPOID“

 

„Angst vor westdeutschem Revisionismus“

 

 

31. Mai

Ich werde fotografiert – zuerst MIT Schwan, dann ALS Schwan.

Ich finde: Lustige Idee! Das Bild eines Schwans zeigen und sagen: die Autorin (Luise Boege).

Im Traum fällt mir auch das tschechische Wort für Schwan ein: labut’

Auch geträumt: M sei H (Gewalt). „Er war nicht bei sich selbst in diesem Moment“ – wann ist er denn bei sich selbst?

 

Ich sehe ihre Geschichte wie eine aufgerissene Wunde in ihren Gesichtern, wie ein abgerissenes Plakat an einer Häuserwand.

 

Wie ich auf der Straße nicht sofort in mein Smartphone schaue. Versuche, das Gewicht der Zeit zu spüren, des Sommers ...

Nicht sofort: spüren, wie das Smartphone mich ansaugt wie ein Loch ...

Meine dort gespeicherte Zeit/Leben ... Alles auf einem Haufen.

Hinausgehen aus der Straße (ohne Bedeutung).

 

Höre auf, es zu verdrängen. Nicht hinschauen, es nicht zugeben zu wollen.

Du kannst nicht beeinflussen, wie sie denken.

Wie sehr wir verdrängen.

 

In dieser Straße sind die Häuser ganz schwarz –

Hier ist eine Grünfläche, auf der mal eine Schlacht stattgefunden hat.

Hier findet ein Gespräch NICHT statt.

 

 

01. 06.

Wie geht es mir in Prag? Warum rede ich ständig schlecht? Wie werde ich ein besserer Mensch?

 

Ich hatte einen Gast. Sie hat sich breitgemacht und.

Aber vielleicht habe ich sie auch lediglich aus egozentrischen Gründen eingeladen.

Ich habe aber den Gast in meiner Hand, denn ich habe ihn eingeladen.

 

Ich denke, es wäre gut, wenn ich mich umbringe. Vielleicht komme ich nie wieder hoch.

 

Aus familiären Gründen.

 

Der Riss war vorher schon da. Der Riss war vorher schon. Der Riss war vorher. Der Riss war. Der Riss.

 

Heute werde ich mir die Kleinseite anschauen und auf die Burg und danach Gemüse kaufen in Holešovice. Ich werde in dem Buch über den Prager Frühling lesen. (Auch mal wieder über die Karlsbrücke gehen.)

Ich habe mit D telefoniert und war in einem strangen Film namens Hastrman.

Der Gast hat getwittert, „die befreundete Autorin schimpft gerade über alles“. Ich bin total verletzt.

Auf dem Rückweg vom Kino von einer Gruppe tschechischer Mädchen verarscht worden.

 

 

02. Juni

Libuše kann zwar in die Zukunft sehen, aber Tschechen wollen einen Mann. Přmysl.

Vyšehrad

 

D erzählt von einer Lyrikanthologie mit den Gedichten, die die tschechischen Studenten in den KZs im Kopf hatten: „Chléb poesie“

 

Havel: The audience, Leaving, The memorandum

Jiři Kolář

 

Einen Nachmittag verbracht, bei dem wir, D und ich, die Route der Studenten abliefen, von ihrer Demonstration, welche die samtene Revolution eingeläutet hat. Ich habe wieder ein Gefühl ... Ich rede so schlecht Englisch, es ist peinlich. Lange Zeit verbringen wir auf dem Friedhof in Vyšehrad. Wir sprechen auch über Filme, Chytilová natürlich, D meinte, er sei davor zurückgeschreckt, empfiehlt mir seinerseits ucho und Feuerwehrball. Geschichte & „point of views“. Wo fängt im deutschen Schulunterricht das Fach „Geschichte“ an? Ich erinnere mich nicht. Und Werner Herzog. Warum immer wieder Werner Herzog? Mein schlechtes Verhältnis zu Fakten. Er: während seines Studiums sei sein Sinn für Fakten immer schlechter geworden. Aufstände/Studenten/Politische Aktionen v. Künstlern. Künstler kippen rote Farbe in die Moldau, um auf die missbräuchliche Vermietung der Galerie Mánes aufmerksam zu machen. Künstler hissen eine rote Unterhose auf der Burg, statt der tschechischen Flagge. Sie tun das, indem sie sich als Schornsteinfeger verkleiden.

Es ist total heiß. Das Nationaltheater, dieses Monstergebäude. Die nová scena, aus Marmor aus Kuba.

Schlimme Regimes kann es immer geben.

 

Vor lauter Schreck trinke ich also abends viele Bier in der Bar Ponrepu ... und bin wieder stumm ... versuche, im Buch über den Prager Frühling zu lesen, voranzukommen, aber ich bin zu betrunken um zu lesen, die Buchstaben schieben sich ineinander:

 

„Für den ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘ stellte die Kybernetik aber insofern ein Problem dar, als sie die soziale u. technische Welt in einer einheitlichen Sprache beschrieb.“

 

„Das Postulat des Menschen als Selbstzweck war bei Richta historisch bedingt, als Folge einer technischen Innovation, der Erfindung des Computers. Dabei blieb unklar, weshalb die Automatisierung ein qualitativ anderes Freiheitspotential haben sollte als die Industrialisierung.“

 

„Verzweckung des Menschen in der Stalin-Zeit“

 

„Zur selben Zeit wurde in Westdeutschland die Rede vom ‚Menschen‘ fragwürdig: 1967 hatte Dolf Sternberger den Begriff ‚Mensch‘ in das ‚Wörterbuch der Unmenschen‘ aufgenommen“

„Tendenz zu einer verschleiernden, entpolitisierenden Sprache“

„In der sozialistischen Tschechoslowakei war d. Kontext ein ganz anderer: D. Slogan v. ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘ repräsentierte einen hochpolitischen u. fassbaren Gegensatz zum Menschenbild d. Stalinismus.“

 

 „Im Prager Frühling wirkte das politische Konzept auf das wissenschaftliche zurück.“

 

„Austausch d. Inbegriffs d. verschlagenen Anpassungsfähigkeit [Schweijk] durch das Symbol v. reformatorischer Standhaftigkeit [Jan Hus]“

 

 

04. Juni

Ich helfe beim Renovieren meiner Wohnung (oben) u. der Wohnung „unten“.

In der Tram setze ich mich auf den Schoß einer Frau.

 

Der Mann, der auf der Brücke ein Kaninchen gefilmt hat. Wie ich ihn beobachten möchte. Beobachten zu versuche. Dann werde ich ungeduldig.

Wie ich T beobachte, ungeduldig werde. Sie ist freundlich, aber kalt. Wir teilen den Humor, aber sie ist nicht ganz bereit, ihn zu teilen. Meinen Humor, den behalte ich, sagt sie sich vielleicht. Sie ist aus Rumänien, aber wohnt in Ungarn und arbeitet ½ Jahr in Tschechien.

„Jaká je T?“ sollten wir Tschechischlernenden zur Übung sagen. elegantní, hubená, krasná, inteligentní. Die Lehrerin brach die Übung ab, vielleicht weil über die anderen dasselbe oder eben nicht gesagt worden wäre.

 

Ich höre „Europäisches Handgepäck“:
In Rumänien ist es immer noch so, dass über 50% auf dem Land leben, aber alles/viel ist in den Händen westlicher Investoren. Zuerst das Gas u. die Elektrizität und das Land ist auch alles verkauft – in dem Vakuum in dem sich das Land nach der Wende befunden hat. (Warum schreibe ich jetzt über Rumänien?)

 

Es ist so, stellt der Autor der Sendung fest, dass Europa eine Vorstellung für die Intelligentia ist. Die, die es sich leisten können! In der Konferenz, die ich im Mai zu dem Thema besucht habe, wurde gesagt: Die meisten sind einfach zu arm, um die Vorteile, die Freizügigkeit/Reisefreiheit, nutzen zu können. (2004 war ich hier, im Winter. Kaum Erinnerungen. Aber die fraglose Voreinstellung zu Europa. Als sei das klar. Ohne dran zu denken, dass Demokratie über Jahrzehnte gebaut wurde. 2009 in Rumänien, mit C. Alles mit C. jung und dumm.)

 

Aber es ist so, dass ich mich jetzt nicht aufmachen will, klein u. verletzbar sein ... ob das schon heißt, dass ich einen Panzer habe aus Motzigkeit usw ... Böse bin ... dick u. krass ...

 

Ich bin vielleicht verliebt, aber sie hat kaum Substanz, diese Liebe ...

Die Gebäude in Prag ... über Architektur nachdenken ...

 

 

05. Juni.

Wider Erwarten und überraschenderweise ist es oft über mich gekommen, so gekommen, dass ich schreibe. Viele waren immer da, die es haben vereinnahmen wollen oder so machen, dass sie es sind, die mich schreiben. Das habe ich aber nicht zugelassen, aber es sind Jahre des Wartens vergangen.

 

Plötzlich bin ich sowieso alleine, und da brauche ich das Schreiben nicht, das ich gebraucht habe, um alleine zu sein.

 

Gruppen, die zusammensitzen u. Blödsinn reden.

 

Es gibt: Ein Misstrauen gegen mein Krudes – meine Provinzialitäten (Gedankengänge, die sich im entlegenen Winkel entwickelt haben, Verselbstständigung) – Verwechslung von Originalität und noch nicht gehörtem mit Idiotie (hier die Idiotie bloß als Zitat). Die Vernetzung des Denkens, das Zusammenlegen der Köpfe mit den beiden Polen: Egalität (à und Verringerung, Abschneiden des ‚Kruden‘ ...) und Grenzenlosigkeit ...

 

 „[Šik] bezeichnete ‚Ware-Geld-Beziehungen‘ als ein auch im Sozialismus notwendiges Instrument zur Lösung von ‚Interessenswidersprüchen‘. Mit diesem Begriff rührte er an ein Tabu. Er meinte damit die Divergenz d. Interessen zwischen Abnehmern u. Lieferanten, Produzenten und Verbrauchern, die aus seiner Sicht auch in der sozialistischen Gesellschaft nur durch Marktpreise auszugleichen waren. Šik hielt an der marxistischen Zukunftsperspektive fest, derzufolge sich im dereinst errichteten Kommunismus die menschlichen Interessen ganz in Harmonie mit der menschlichen Arbeit befinden und damit alle Gegensätze im Wirtschaftlichen aufgehoben sein würden. Für die Gegenwart hielt er es jedoch für unausweichlich, die bestehenden Int.-Gegensätze durch Ware-Geld-Beziehungen, sprich Marktmechanismen, auszugleichen.“

 

Begriff des „Interesses“ statt Begriff d. „Marktes“

 

 „Šik begann Reformen zu fordern, die die soziale Sicherheit der Arbeiter potentiell bedrohten. Die Arbeiter hingegen, von der KSC 20 Jahre als ‚führende Klasse‘ umschmeichelt u. an die offizielle Fortschritts- und Wohlfahrtsrhetorik gewöhnt, waren auf einschneidende Veränderungen nicht vorbereitet.“

 

 „sozialistisch geprägte Eigentumsordnung“

Mitarbeiterbeteiligung v.a. in Großbetrieben u. Genossenschaften

 

Marktwirtschaftliches Funktionieren d. Wirtschaftssteuerung, ergänzt durch Planung in industriellen Schlüsselbereichen.

 

Käfer-Text:

In keinen, nur einen privaten Plan eingebettet.

„Alles machst du aus eigener Kraft.“

Plan-Wirtschafts-Sprache

„Freiheit“, „Entwicklung“

Überall greift ein Plan ...

Der die Freiheit suggeriert ....

 

Die Rahmenlosigkeit einer Absicherung/Sicherheit durch einen bürgerlichen Hintergrund in der Postmoderne. Ideologien zum Spaß als herumflatternde Projektile. Jemand anderes reißt mir das Wort vom Mund. Es wird auf mich zurückkommen. Es gibt in diesem Leben ja EIGENTLICH gar keinen Halt (bloß SCHEINBAR).

 

Ps Überzeugung: „Das Beste existiert.“ (Dabei ist doch alles immer das, was gerade passiert.) Das Beste kann es bloß unter einer Auswahl an „Fertigem“ (geschichtslos-versiegelt) geben ...

 

 „Mylnářs Memoiren geben einen Eindruck davon, wie sich bei einem Akteur auf einer mittleren Verwaltungsebene seit Ende der fünfziger Jahre Handlungs- und Denkmuster allmählich und widerspruchsvoll änderten.“

Bezeichnet sich selbst als „vorsichtig agierender Reformkommunist“

 

 „Kybernetik mit ihrem Anspruch, Steuerungsvorgänge polyzentrisch zu beschreiben und zu organisieren.“
„durch Verwissenschaftlichung der Partei deren Subjektcharakter in der Geschichte zu wahren u. die nötigen Anpassungsprozesse nicht, so die Autoren wörtlich, einem ‚kybernetischen Geist‘ zu überlassen.“

 

Jana Kohnová: „Für uns hatte es keine Priorität, Dinge zu ändern, vor allem wollten wir unabhängig sein (...). Unser Streit mit der Macht entstand nicht, weil wir gegen sie waren, sondern weil wir uns von ihr unabhängig verhielten. Wir hörten auf, ihr Spiel zu spielen u. begannen, die Dinge beim Namen zu nennen.“

 

 

08. Juni

Ich bin mit A u. H in einer Art „Ferienhaus“., die beiden machen aber zunehmend eher etwas zu zweit ohne mich ... Dann ist es so, dass ich mich ausgeschlossen fühle und sie angreife, vor allem, als sich herausstellt, dass A (eigentlich) AUCH fliessend tschechisch kann, es bisher aber nicht gezeigt hat sondern bloß mich hat auflaufen lassen ...

Ich sage, dass ich mich fühle „wie ein beobachtetes Tier“ ...

Dann stellt sich heraus, dass das Haus Teil eines größeren Komplexes ist, meine Eltern, mein Bruder und ein Musikkurs sind auch da. Als ich sie sehe, tut sich gerade ein Mädchen mit langen Haaren irgendwie hervor. Wir fahren in ein Kaufhaus, und dort kann man mit dem Fahrstuhl in alle Ebenen fahren ... Im 2. Stock kann man sich eine Riesenschildkröte anschauen, aber die Situation gerät sofort außer Kontrolle: Panik und Alarm für alle Ebenen! Ich bin von meiner Familie isoliert, aber stehe im Aufzug, komme auf die Idee, mit dem Aufzug auf die höchste Ebene zu fahren, wo man rauskommen kann ... Mit mir fährt ein Mann aus der Gruppe, ein „Deutscher“. Wir fahren aus dem Komplex, weg in der Bahn. Ich denke an meine Familie und dass ich sie allein gelassen habe. Der Mann hat kein schlechtes Gewissen, dass er entkommen ist, aber andere nicht. Dann sehe ich meine Eltern im historischen Stadtzentrum. Ich rede von der Massenpanik wegen der aggressiven und gefährlichen Riesenschildkröte. Mein Vater sagt: „Die Leute haben Panik, das liegt aber nicht an der Schildkröte!“
 

 

09. Juni

Kaspers Freundin ist nachgedruckt: Das Cover lila-kitschig wie das Cover von Reinerová „Das Traumcafé einer Pragerin“ – deswegen im Buchhandel auch nicht zu finden (weil Kaspers Freundin dasselbe Cover wie „Das Traumcafé einer Pragerin“ hat und auch unter dem Titel „Das Traumcafé einer Pragerin“ in den Läden steht) und drinnen „aus Versehen“ mitabgedruckt: eine wirre, unformatierte email von B ...

 

 

10. Juni

Wir (Mama&ich) beobachten (sehr nah), wie ein Flugzeug über der Moldau abstürzt und vorher versucht, zu wenden.

Ich fahre mit einer Gruppe vor allem mit J (sehr jung, es ist die Vergangenheit) nach Thailand, nur für „eine Aktion“. Gestern hin, heute zurück, quasi.

Jemand (meine Mutter?) ist krank, u. meine Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass im Krankenhaus/-zimmer die Tür zu bleibt.

Mein Vater sagt, ich soll aufpassen, mich nicht bei zum Beispiel Pferden (die ja in Tschechien überall herumlaufen) anzustecken.

Ich bringe mehrere Male Leute zum Zug, und sie verschwinden plötzlich, ohne sich zu verabschieden.

M und mein Postfach: vollgestopft u. unübersichtlich.

 

 

11. Juni

Hatte sehr volle Tage.

Am Montag war ich in der knihovna technická u. habe angefangen, etwas für den Blog zu notieren. Am Dienstag wollte ich dann eigentlich zur Ausstellung, war ich aber irgendwie nicht – habe Bescheid bekommen, dass ich eingeladen bin in Köln zu einem Vorstellungsgespräch. Ich war so durcheinander, dass ich durch die Berge gelaufen bin, bis zur Burg, durch die Burg, abends Wein gesoffen ... glaube, das war Montag. Dienstag habe ich M getroffen (statt Ausstellung). Donnerstagmittag im Café Louvre habe ich mich mit T unterhalten, eine ehemalige Tänzerin, weil wir zufällig beide alleine hier was essen. Beide mit sehr schlechtem Englisch. Sie hat mich zu einem Konzert ihres Enkels eingeladen in der Jazz-Reduta. Sie hat über die Merkelová und Europa geschimpft („sie will, dass wir alle gleich sind“). Dann hat sie erzählt, dass sie während der Normalisierung untergetaucht war, davor in England studiert hat. Dass in der Tschechoslowakei Künstlergruppen aber viel ins Ausland geschickt worden sind, wegen Devisen. Schriftsteller sagt sie, brauchen, Dings, äh. Ideen, schlage ich vor. Ja, und vor allem äh, Dings: Bilder, sagt sie. In einem Ton, als würde sie mir das nicht wirklich zutrauen.

 

 

12. Juni

Vielleicht ganz gut, zu arbeiten. Viel Bier auch. Heute im Ponrepo „Einer flog übers Kuckucksnest“ gesehen. Schrecklich trauriger Film! Ich konnte mich dunkel erinnern, ihn schon mal gesehen zu haben. Aber weiß nicht, wann & wo. Vielleicht mit T?

 

„Normalität“ als Idee für ein Seminar, Schreibseminar.

 

 

14. Juni

Aus einer kleinen Kammer klettern die Kakerlaken, als man sie aufsperrt, manche größer als eine Hand, die sind aber sehr langsam, fast am sterben ... Ich fürchte, sie gehen am Ende dort nicht mehr alle zurück, sondern verteilen sich jetzt überall ...

 

Gerade gedacht: In Köln (damals) bin ich mit Macht konfrontiert worden – nicht bloß der von Männern (mir gegenüber), auch der Macht von mir, in eine Machtposition versetzt/gesetzt worden zu sein. Ich habe mal gehört, selbst zu mobben (oder am schlimmsten: sowohl Opfer als auch Täter zu sein) zieht psychische Störungen nach sich.

 

Gestern Abend spontan zusammen mit F zu einem Konzert und dabei 5 große Bier getrunken.

 

Ein Song der Band Mucha, die ich gestern gehört habe, hieß „Hail Hipster“, ein anderer „Kein Pardon für die schmutzigen Mädchen“. (Vielleicht gibt es bald ein Fach, das heißt posthipsterian studies ... posthipsterial studies ...?)

Danach haben wir parek v rohliku gegessen.

 

 

15.  Juni

Das signifizierende Sprechen, das autoritäre Sprechen, das Sprechen, das einen Raum herstellt, das einem Raum gerecht wird, das einen Raum hat, Macht haben, Macht ergreifen, sich Platz machen.

 

Verzweifelt darüber, dass meine Zeit hier jetzt fast schon zu Ende ist!
Heute noch mal raus: Nach Vršovice, zum Frisör. Er wohnt seit 16 Jahren in Prag, aber ich sollte doch auch mal nach Marokko fahren, dort sei es sehr schön. „Do you watch the football?“ – „No.“.

 

 

16. Juni

Oder plötzlich etwas sagen: Während der Tee seine Farbe langsam ans Wasser abgibt.

In der Hoffnung auf Kitsch. Auf eine andere Zeitlichkeit, so: Erst war nichts, dann war sprechen (meins). Fertig und vollendet fällt es in die Welt, während die Wirklichkeit, dieser Spuk des Gegen- und Miteinanders, bloß ein Traum gewesen ist. Ein Albtraum.

 

Die Gleichsetzung von Schreiben und Sex. Die Gleichzeitigkeit von Schreiben und Kommunikation. Geht die Zensur dem Schreiben voraus oder das Schreiben der Zensur?

 

Sich zu verstricken in das, was man verwirft. Wie hab ich mich unabhängig machen gewollt vom Blick der anderen und mich in diesem Wollen immer umso mehr verstrickt.

 

Ich mache ja nichts Nützliches, ich schreibe. Ich richte, während ich schreibe keinen (anderen) Schaden an. (Aber wenn ich veröffentliche, vielleicht, deswegen ja mag ich das Veröffentlichen am wenigsten von allem.)

 

„Technokratisierung der Sprache.“

 

Ich bleibe beim Schreiben aber nicht gleich, ich verändere mich. Ich gehe weiter. Ich werde ein vielleicht besserer Mensch. Aber ich bleibe schwach.

 

Ich dachte, ich wäre die Freiheit. Aber es kam heraus, dass ich die Gehorsamkeit war, ein deutscher Schäferhund in mir, nicht mal ein Werwolf, etwas, das gegen mich als Agentin eines freien Willens ins Feld ging. Etwas das mich (und meinen Bruder) SPALIER STEHEN lässt.

Die Wahrheit ist, ich habe Angst.

 

„Unter den Vorgärten brodelt es.“

 

Die sekundäre Textproduktion, die sich auf die erste (das Internet) bezieht, als regulierendes Korrektiv.

 

Das Schweigen/Zensieren der familiären Sprache. Wie es reguliert und zurückschlägt.

 

„Sich außerhalb des Bereichs des Sagbaren zu begeben, heißt, seinen Status als Subjekt aufs Spiel zu setzen. Diejenigen Normen zu verkörpern, die das Sagbare im Sprechen einer Person zu beherrschen, heißt seinen Status als Subjekt des Sprechens zu vollenden.“

 

Es geht auch um konkurrierende Regimes, konkurrierende Machtbereiche, konkurrierende Normalitäten (parallele), die plötzlich alle auf einmal da sind, sich in ihren Zeitlichkeiten in die Quere kommen ...

 

Was bedeutet eigentlich: „demokratische freiheitliche Grundordnung“?

 

Verschwindet das Ungefähre? Und das Potential des „Wahrscheinlichen“, das im „Ungefähren“ liegt?

 

Das Neue verdrängt das alte ... Nichts verdrängt nichts mehr. Alles ist gleichzeitig da: Der Abfall und die News/Schlagzeile. Die Lüge und die Wahrheit. Vielleicht so: Im Linearen, ein-maligen Sprechen/Lesen ist bewusster, dass es sich um eine Abweichung handelt, dass „die Wahrheit“ nicht hier liegen kann (Erfahrung mit Regimen ...). Im Simultanen vergisst man das, denn das andere als der Text ist auch der Text ... (?) Also es gibt diese Menge des „körperlichen“ nicht mehr, aber Text ist eben auch (doch immer nur) Text?

 

Wie hat es denn früher geklappt, jemanden vom Bahnhof, beispielsweise in Prag, abzuholen?

Vielleicht so: „(Wahrscheinlich) sitze ich dann in der Kneipe (soundso).“ Wahrscheinlich und ungefähr, dort würde man mich gefunden haben, ganz sicher kann man nie sein, dass alles klappt, aber doch, hier hätte etwas gelegen, das nah an die Begrifflichkeit einer Wahrheit oder eines Fakts heranreicht. „Ich komme mit dem Zug um 5“ heißt „wahrscheinlich komme ich mit dem Zug um 5“. („Ganz sicher kann man nie sein, dass alles klappt.“ Ja, es muss ja nicht alles klappen, in der Existenzform, die ich mir hier gewählt habe. Aber wieso suche ich dann immer nach dem Sicherheitsnetz, selbst ich, zweifach, dreifach?) Ein Teil der Vereinbarung ist wohl, Sätzen wie „der Zug kommt um 5“, „ich habe recht“ zu glauben. Teil des Glaubens ist, dass man einfach um die Alternativen nicht weiß, nicht wissen kann. Was passiert mit der Sprache im Zeitalter des Digitalen? Ja, was passiert denn mit der Sprache, im Zeitalter des Digitalen? Sie wird nicht wahrer, aber sie wird alternativlos? Sie ist nicht Ausdruck eines ungenügenden Substrats unserer Körper? Alle Sprache, die linear funktioniert, ist, negativ oder positiv, aufs ungefähre und wahrscheinliche bezogen?

 

Der Bereich der Macht ist vielleicht eindeutig konstituiert.

Sprache funktioniert anders, wenn der Raum, der nicht die Aussage ist, auch die Aussage ist.

 

Wann wird wie debattiert, etwas ausgehandelt, in wessen Beisein? War ich jemals bei einer Verhandlung dabei?

 

Literatur stellt Normalität her. Ein König, der eine Bühne betritt, tut es beispielhaft. Weil die Literatur darum weiß, zeigt sie (vielleicht könnte man sagen, im Gegensatz zur offiziellen Norm?) das Prekäre des eigenen Macht-/Normalitätgebarens. Aber ist das (noch) notwendig? Geht nicht zu viel schief? Wer hat denn die Geduld? In die süße Harmlosigkeit verbannt. Dekoration. Hüter einer, naja, was für einer Sprache nun eigentlich? Der Widerspruch schaltet sich sofort ein (er bleibt nicht ungesagt). Wie perfide es ist, wenn die Rechten mit „Zensur“ argumentieren ...

Die Rechte, die behauptet, am Rand des Diskurses zu stehen, sich die Macht zurückzuholen, die Kennzeichnung nach ‚innen‘ zu holen, den Diskurs tatsächlich nach rechts verschieben ...

 

 

17. Juni

Mit der Zeit also habe ich mich an das Alleinsein gewöhnt, als würde ich einen alten Freund wiedertreffen. Man muss einfach die Gemeinsamkeiten bloß heraussuchen aus dem Durcheinander dieser Tage.

Ich habe Rituale, Staudämme gegen meine schlechte Erziehung und die Verdorbenheit meiner Person (auch wenn Gut&Böse mir nicht weiterhelfen, glaube ich an sie). Ich trinke wenig, bis das einbricht, treibe Sport, bis das einbricht, halte mich zurück, bis das einbricht, ich begehe Fehler und den Fehler, sie zuzugeben (ich will nicht selbstgerecht sein, aber das unterscheidet mich/sie von vielen anderen/Bösen), versuche, alles in meinen eigenen Worten zu sagen.

 

Ob man nicht (auch) einen Fehler macht, die Alltagssprache zu benutzen?

 

Bourdieu: Alltagssprache sedimentiert und verstellt gesellschaftliche Gegensätze, Sprache d. Philosophie „reinszeniert“ diese Gegensätze. Institutionen als statisch ...

 

Schon allein die Vorstellung, man könnte in der Literatur geplanterweise einem Vorhaben, dem, das man zu durchschauen meint, gerecht werden, ist falsch! Man hat diese Arten von eindeutiger (sedimentierender) Sprachen nicht. Ist alle Sprache, die direkt etwas bewirken will, „sedimentierend“? Können wir aber vielleicht gar nicht mehr „allein“ sprechen? (Und wer ist „wir“?)

 

Nicht meinen, denken zu müssen.

 

Das einzige, was ich ja kann, ist Lektüre. Oder lesen wollen. Die Bereitschaft. Es gibt kein Wissen, kein richtig, kein falsch. Fragend, nicht definitorisch. Kontraste ausmachen (wollen), Strukturen beschreiben.

Sprechakte als funktionierend, wenn Machtverhältnisse stimmen ...

Derrida: Iterierbarkeit, Iterabilität der performativen Äußerung, Unabschließbarkeit des Kontexts. Formel funktioniert in neuem Kontext, ist nicht an K. gebunden ... Ist das Internet „nur“ ein neuer Kontext? (Die Kontextrelativität per se?) Entwertung u. Funktionalisieren (gleichzeitig) aller performativen Äußerungen. (Sie bleiben ihr Ursprung?) Hate-Speech ...

 

Ändert sich vielleicht das Schreiben/Lesen insofern, als nicht die Frage ist, wie bringt man die Leute (zur „Besserung“) zum Lesen, sondern zuerst zum Schreiben? Zum Schreiben nicht in (und als) Funktionen, sondern zum Schreiben neuer Kontexte? Sich selbst entgrenzen, woanders hin bewegen ...

 

Sprache auf dem Prüfstand. Menschheit auf dem Prüfstand. Denken, dass es für diese Lage eine Lösung gibt (eine Lesung), aber (vielleicht) ist das nach hinten gedacht.

Die Erinnerung an die Sprache und die Menschen, die schon immer da waren ...

Dieser Text will keine Leser, er will den Bruch, er ist der Bruch, wie jeder Text der Bruch ist ...

 

„Bourdieu kann nicht berücksichtigen, wie eine performative Äußerung mit bestehenden Kontexten brechen und neue Kontexte anziehen kann und damit die Begriffe selbst der legitimen Äußerung neu setzt; Derrida scheint dagegen den Bruch als notwendiges Strukturmerkmal jeder Äußerung und jeder kodierbaren schriftlichen Markierung einzusetzen und lähmt damit eine gesellschaftliche Analyse der wirkungsvollen Äußerung.“

 

Ich habe es geschafft, Schwimmen zu gehen, 1 Stunde, es hat sehr gut getan (auch wenn ich mir vorstellen musste, dass ich nicht mehr an meine eingeschlossenen Sachen komme oder sonstwie bloß im Badeanzug dann in Prag unterwegs bin ...)

 

In Deutschland Regierungskrise – im Radio Merkelová Merkelová Seehofer ...

Seehofer will zurück aufs Dubliner Übereinkommen, Merkel will „europäische Lösung“, Macron ist auf ihrer Seite. Spaltung innerhalb der CDU/CSU ... Vielleicht bedeutet dies: Merkel wird aus dem Amt gedrängt, Neuwahlen! Oder: Seehofer wird abgesetzt.

 

 

19. Juni

Den dritten Tag hintereinander kein Bier getrunken und viel draußen gewesen.

 

 

21. Juni

Von Samstag bis Dienstag nichts getrunken, dann gestern 5 Bier und sehr viel gegessen.

War auch Eis essen u. alles die letzten Tage

 

 

22. Juni

Geträumt, Angela Merkel säße mit mir in einem Bewerbungsgespräch ... für die Stelle an der KHM, für die ich mich beworben habe. Ich wusste gar nicht, dass der Job so wichtig ist. Sie fragt nach einer Rede von ‚A. Kaßmann‘ und ob ich deren Politikverständnis zustimmen würde. Überhaupt werden lauter Sachen gefragt, von denen ich noch nie gehört habe, mit bedeutungsvoller Miene wird dieses oder jenes Dokument hervorgeholt und mir gezeigt, usw. Merkel hat ganz trockene, rote Haut an den Armen, das sehe ich in dem Gespräch.

 

Mich mit M. gestritten, als herauskam, dass sie mich eigentlich gar nicht leiden kann, während sie auf einem Trampolin Schulter-/ bzw. Kopfstand übt, im Beisein ihres Kumpels, und dass sie froh ist, mich loszuwerden ... Am Schluss habe ich sie als ‚Kontrollfreak‘ beschimpft.

 

 

26. Juni

Auf welche Arten werden in Texten Grenzen überschritten?

Wann? Weshalb?

 

Ich verdamme die Trägheit und das allumfassende Desinteresse meiner alten Freunde. Sie verdammen meinen Jähzorn, meinen Egoismus, meine Gier.

 

Alles in Ordnung, alles Menschen.

 

 

27. Juni

Es bricht plötzlich eine ausgelassene Party aus. Alle toben wie wild durch den Raum. Ich schließe mich einer Polonäse an. Auf dem Boden die Spuren der DANCE MOVES vorheriger Partyhelden (zB David Bowie). Ich weiß: es ist nur die Party nach der „eigentlichen“ Party. (S hat jetzt einen wichtigen Posten beim Fußball. Mir fällt ein, dass er ja auch schonmal ein Fußballseminar gegeben hat.)

 

 

28. Juni

Traum über A, der beim Sex abbricht, um das Badezimmer anzumalen (obwohl er eigtl. gar keine Farben hat). Der Gedanke: das war das letzte Mal, dass jemand aufrichtig nett zu mir gewesen ist, etwas an mir geliebt hat ...

 

Wir sind auseinandergefallen.

Das menschliche, das Leute-mäßige ist aus uns raus.

M erzählt, wie sie sich mit sit-ups dafür bestraft, eine Wand nicht hochzukommen in der Kletterhalle.

J: „Und dafür willst du dich umbringen, dass du mit einem Plus leben darfst?“

Sie sind mir alle fremd, plötzlich will ich sie loswerden.

J will sterben, wenn S stirbt.

M: „Kapitalismus ist auch eine Diktatur!“

 

Das Wetter ist schlagartig kälter, als sie kommen. 14 Grad statt 30.

Unmöglich, das nicht irgendwie, als etwas (zwischen uns) zu lesen, obwohl es einfach die Kaputtheit d. Welt, des Klimas ist.

 

Sie lieben dich, sind aber nicht gut für dich.

 

Was kann ich

HIER und JETZT

mit MIR und MEINEM KÖRPER

und MEINER GESCHICHTE

anfangen, tun, beackern

 

Lenka Reinerová kann auf einem Formular vom dt. roten Kreuz 25 Worte an ihre Mutter schreiben, dass es ihr gut geht und sie im Exil in Mexiko ist. Diese Nachricht erreicht sie u. sie schreibt auf demselben Formular 20 Worte zurück.

„Das war das letzte, was ich v. meiner Mutter hörte, weil meine ganze Familie gestorben ist“.

„alle wollten nach Amerika“ – „Als der Krieg aus war, erfuhren wir was alles passiert war.“  

„wie kommen wir zurück?“

 

FČ: „...das waren die Zeiten, in denen man debattiert hat ... ich weiß nicht, debattiert man heute auch noch? Über facebook?“

„Zeit, in der man dadurch gelebt hat, dass etwas passiert ist.“

 

 „KRISE DER LINKEN“

 

Gestern den Tag wirr zugebracht. Bloß hin und her gefahren ... Muss auch noch viele Bücher&DVDs zurückbringen.

Für den Job ohnehin gar nicht geeignet, viel zu wirr und verstreut und eigensinnig.

Überlegt, warum ich eigentlich keine Kinder habe. Was vielleicht eigentlich dahintersteckt. (Welches Ver/Gebot?)

 

Jiři-Kolář-Ausstellung.

 

Endlich der angekündigte Regen.

 

 

 

29. Juni

? will an der Welt der Lebenden nicht teilnehmen.

Kommt jemand sie im Reich der Toten besuchen, so hat sie nichts dagegen, jedoch werden die Lebenden immer enttäuscht wieder abziehen aus dem Reich der Toten. ? freut sich, wenn die Lebenden sie aufnehmen in ihre Listen der Bedürfnisse, und etwas von ihr brauchen: Bestätigung, Zustimmung, eine Einschätzung ihrer Lage. ? schätzt die Lage der Lebenden stets gut ein, ihre eigene jedoch schlecht. Sie lebt zusammen mit 3 Katzen und 1 fetten !. Die Katzen leben gleichgültig u. elegant an der Logik der Totenwelt vorbei. Das kleine fette ! folgt einer eigenen Logik des Wollens u. Lebens. ? hat kein Problem, zu geben. So sind diese Systeme symbiotisch miteinander verwachsen, da darf so richtig niemand anderes hinein.

 

Das wieder-zu-Bildern-Werden der rationalen Anstrengung. Die Form sagt etwas aus. Zu-kurz-Gedachtes. Das Kreisförmige der Bilder. Bild, das den Text verdrängt und umgekehrt.

(Also die lineare Eigenschaft d. Textes, der zum Denotieren u. zum absoluten Begriff hin möchte.)

 

 „Zaudern zwischen Bedeutung u. Laut“ (Paul Valéry)

 

Das Bild wirft die Interpretation zum Interpretierenden zurück.

 

 

30. Juni

Leben immer unter Einsatz aller Möglichkeiten und Energien.

 „Wirklicher Einsatz“: Keine Arbeit, keine Einkunft, keine Wohnung, Nomadenleben ... einfach verschwinden vielleicht.

 

Der Außenraum ist nicht etwas anderes als Innenraum

 

Die (absurden) Verkürzungen im physischen Leben, die durch die Wahrnehmung, die verkürzten, aber doch immer präsenten Kontexte im Internet ...

 

Künstlerische, politische Eingriffe in den öffentlichen Raum: Erinnerung daran, dass es eine Wirklichkeit gibt.

 

Verhältnis von Körper und Theorie: Wieviel es kostet, den Körper zu mobilisieren.

Der Verschleiß d. Körpers für die „Erkenntnis“, für die „Bürgerpflichten“, die Konservierung des Körpers – KONSUM. „Sich selbst konsumieren“. Sich optimal konservieren um sich selbst zu konsumieren/zu verlängern (social media).

 

Kunst: ein sich Verzehren, Verschleißen – Sucht, Wiederholung, Aufbrauchen, Situation.

 

 Die Stadt als Medium: Wie bin ich in der Stadt gewesen?

„Eine Stadt ist komplexer als alles, was ich zu ihr denken kann“

„das Leben ist immer anderswo“

Jeder Text ergibt Sinn, in sich, aber der Raum, das eigene Kraftfeld, muss erstmal erzeugt werden (ich mache meine Texte alle selbst, ich mache alles per Hand).

 

Ich habe mir ein Bild von Prag gemacht. Um die Begrenzung/Begrenztheit wissen.

 

* * *

 

 

 

Erwähnt wurden folgende Bücher:
Martin Schulze Wessel: Der Prager Frühling

Claus Offe: Europa in der Falle

Judith Butler: Hass spricht

 

Einige Zitate/Zusammenhänge sind aus dem Kopf notiert/zitiert, ohne Garantie auf Fehlerfreiheit. Ansonsten handelt es sich um abgetippte, handschriftliche Notizen. Vorläufigkeit, Unfertigkeit und Irrtum gehören dazu.

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