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| | Reise | Blog | 7.12.2008

Pilsen. Pilsen! Pilsen?

Dokumentation eines Ausflugs

Drei Tage, das ist eine gute Zeitspanne für einen Prag-Besuch. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sind erledigt - Gulasch, Bier und Theaterbesuch inklusive. Ich hatte mit meiner Familie mehrere Tage und so entschieden wir uns für einen Besuch in Pilsen (Plzeň), etwa 100 Kilometer westlich von Prag. Es ist Freitagmorgen, viertel nach zehn. Wir kaufen ein Gruppenticket und sitzen im Zugabteil. Denn Zugabteile sind typisch tschechisch.

100 Minuten vorbeirauschende Landschaft, Schienenlärm, schlechte Luft. Und wir sind in der Bierstadt Pilsen, wo Kaufhäuser mit dem Spruch „Starý ale dobrý“ werben und die Weihnachtsbeleuchtung schöner scheint als in der Hauptstadt.

Pilsen Hauptbahnhof. Wir verlassen das Gebäude zusammen mit gelangweilten Zugreisenden, halten nach Kirchtürmen im Zentrum Ausschau. Ich frage mich, ob der Ausflug hierher eine gute Idee war. Hässliche Achtziger-Bauten. Einheitsgrau. Zusammengeschusterte Stände, die Ramsch verscherbeln.

Wir laufen planlos am Museum vorbei, welches einen ungewöhnlich schönen Anblick für mein abgehärtetes Auge bietet. Straßenbahnleitungen, Plakatwände, Mülleimer. Zwischen gepflegten Rasenflächen und historischen Häuserfassaden geht es Richtung Marktplatz. Wir erwarten einen idyllischen Weihnachtsmarkt, buntes Treiben, nette Läden: Doch nichts. Wie leergefegt scheint der Stadtkern.

Eine so lange Zugfahrt für das hier? Mein Blick schweift über das Rathaus mit seinem Sgraffito-Dekor, die St. Bartholomäus-Kathedrale, den Turm der Synagoge. Sollte man es als Vorteil betrachten, alles mit einem Blick erhaschen zu können, so schlägt Pilsen den Rekord: Eine 270 Grad Drehung und wir sind fertig. Vor Frust steigen wir auf den Kirchturm, zahlen für unendlich viele Stufen ein paar Kronen. Mit 102 Metern ist der Aussichtsturm der höchste Kirchturm Böhmens. Wow. Mir wird schummerig. Ein Blick Richtung Böhmerwald. Es windet.

Schon macht sich Enttäuschung über Tschechiens viertgrößte Stadt (160.000 Einwohner, Universität- und Bistumssitz) in mir breit. Da war noch etwas. Brauereisitz. Pilsner Urquell. Und ich hätte es nicht erwartet: Wenig einladend wirkt das Brauereitor samt Schranken und Aufsichtswärter zunächst.

Doch dann setzt sich die PR-Maschinerie der Öffentlichkeitsarbeit in Gang und bietet ausnahmsweise für uns Konsumenten eine Menge Spaß. Für umgerechnet 14 Euro bekommen wir zu dritt mangels anderer Teilnehmer eine 70-minütige deutschsprachige Führung. Besichtigen Abfüllanlagen, fahren mit einem Bus übers Werkgelände, erfahren Näheres zum Brauvorgang, können Malz und Hopfen kosten. Und im Keller ein Frischgezapftes probieren. Die Zeit geht um wie im Flug. Um acht nach vier fahren wir zurück. Unbedingt hätte der Ausflug nicht sein müssen. Doch dank aufwendiger, erschütternd guter Touristenarbeit im Brauereigelände wird es mir im Gedächtnis bleiben. Dieses Plzeň.

Bildnachweis:
Julia Kilian

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