Von Miriam Neubert - Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai)
Prag - Das robuste Wachstum der tschechischen Wirtschaft führt zu steigenden Chemieeinfuhren, die 2007 auf über 8,5 Mrd. Euro angewachsen sein dürften. Am stärksten profitieren davon deutsche Unternehmen, die ein Drittel dieser Einfuhren liefern.
Da die tschechische Chemikalien- und Arzneimittelproduktion sehr exportorientiert ist, wird die Nachfrage zu einem großen Teil aus dem Ausland abgedeckt: 2006 waren es 62% bei Gummi- und Kunststoffwaren, über 75% bei Grundchemikalien und 89% bei pharmazeutischen Erzeugnissen.
Marktentwicklung/-bedarf
Der tschechische Markt für chemische, pharmazeutische, petrochemische und Kunststoffprodukte erreichte 2006 ein Volumen von umgerechnet 20,0 Mrd. Euro (zuletzt verfügbare Zahlen). Die Hälfte davon entfiel mit 10,5 Mrd. Euro auf chemische Erzeugnisse, was in laufenden Preisen und auf Kronenbasis einer Steigerung von 10% gegenüber dem Vorjahr entsprach. Im Einzelnen verteilte sich die Nachfrage wie folgt: steigend die Sparten Grundchemikalien (auf 4,8 Mrd. Euro), Anstrichmittel und Druckfarben (630,0 Mio. Euro), Seifen, Wasch- und Körperpflegemittel (1,5 Mrd. Euro), Gummiwaren (1,2 Mrd. Euro) und Kunststoffwaren (4,1 Mrd. Euro); stagnierend die Bereiche pharmazeutische Erzeugnisse (2,1 Mrd. Euro) und Düngemittel (208,0 Mio. Euro).
Der allgemeine Wachstumstrend dürfte auch 2007 angehalten haben, ergänzt durch eine Erholung der Arzneimittelnachfrage. 2008 könnte es in der Pharmasparte allerdings erneut zu einer Dämpfung kommen, da die ermäßigte Mehrwertsteuer um vier Prozentpunkte auf 9% angehoben und Rezeptgebühren eingeführt wurden. Preismildernd wiederum wirkt die Herabsetzung der Apothekenmargen. Für konsumabhängige Chemieprodukte gilt: Steigende Zinsen im Verbund mit den Folgen des Sparkurses der Regierung werden den Privatkonsum 2008 zügeln.

1) Nach Angaben des Tschechischen Statistikamtes samt Schätzungen des Ministeriums für Wirtschaft und Handel (MPO), laufende Preise; Wechselkurs 2005: 1 Euro = 29,782 Kc; 2006: 1 Euro = 28,342 Kc; 2) vorläufig
Quelle: Ministerium für Wirtschaft und Handel (MPO)
Durch die expandierende Auto- und Elektronikindustrie sowie die solide Baukonjunktur bleiben die Absatzperspektiven für Chemieerzeugnisse in Tschechien generell günstig. Die hohe Dynamik der Gummi- und Kunststoffbranche, die zunehmend auch den Inlandsmarkt bedient, schlägt sich in weiter steigendem Bedarf an Kunststoffen in Primärformen nieder. Der Verbrauch von Anstrichstoffen liegt mit 15 kg pro Kopf im westeuropäischen Rahmen, wobei der Markt mittelfristig um 2% bis 3% pro Jahr wachsen soll - bei zunehmendem Importanteil.
Produktion/Branchenstruktur
Tschechiens Chemieindustrie bestand 2007 aus 860 Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten, deren Umsätze bis Ende Oktober rund 12,7 Mrd. Euro betrugen (Gesamtjahr 2006: 13,4 Mrd. Euro). Die 220 Unternehmen der chemischen Industrie im engeren Sinne hatten daran einen Anteil von 36%, die 630 Firmen der Gummi- und Kunststoffverarbeitung 48%, die fünf der Petrochemie 16%. Beeindruckend ist die Entwicklung der Kunststoffbranche. Sie verzeichnete in der Industrie mit real 22% die höchsten Produktionszuwächse. Die Herstellung chemischer und pharmazeutischer Erzeugnisse überwand die vorjährige Stagnation und zeigte ein Produktionsplus von 3%. Für den Sektor ist ein Übergewicht bei Grundchemikalien (60% der Umsätze) charakteristisch; einen wesentlich geringeren Anteil haben chemische Spezialitäten (13%) sowie Arzneimittel (17%). Die Verbraucherchemie liegt mit 10% im europäischen Schnitt.
In der Liste der Czech Top 100 umsatzstärksten Unternehmen setzten sich 2006 folgende Chemiebetriebe durch: Petrochemiegruppe Unipetrol (mit 94,6 Mrd. Kc Tschechiens drittgrößter Konzern), die pharmazeutische Fabrik Zentiva (14,0 Mrd. Kc), der Erdölverarbeiter Ceska rafinerska (9,0 Mrd. Kc), der Rohbenzolverarbeiter Deza (8,0 Mrd. Kc) sowie der Anilin- und Zyklohexylaminhersteller Borsodchem MCHZ (5,3 Mrd. Kc).

Quelle: MPO, Jahresaufstellung der chemischen Industrie für das Jahr 2006
Investitionspläne stehen häufig im Zusammenhang mit einem ausländischen Engagement. So will beispielsweise Procter&Gamble 2008 die Kosmetikproduktion der tschechischen Tochter ausbauen. Reinigungs- und Desinfektionsmittelhersteller Bochemie soll nach der Übernahme durch die Gesellschaft Benson Oak Capital weiter entwickelt werden. Das Brünner Pharmazieunternehmen Pliva-Lachema, Teil der kroatischen Pliva (Barr Pharmaceuticals), will 12,4 Mio. Euro in zwei Linien für zytostatische Injektionen investieren. Auch Umweltschutzmaßnahmen stehen bei mehreren Chemiefirmen auf dem Programm, so unter anderem bei dem Vinylchloridhersteller Spolana und dem Rohbenzolverarbeiter Deza.

Quelle: Nachrichtenagentur CTK, Presse- und Unternehmensmeldungen
Außenhandel
Traditionell ist die tschechische Handelsbilanz im Bereich Chemie stark defizitär. Dieses Minus wird durch die Exportorientiertheit der heimischen Branche und den Chemiehunger der robust wachsenden Wirtschaft voraussichtlich weiter anwachsen. Ende Oktober 2007 erreichte es mit umgerechnet -3,1 Mrd. Euro bereits den Gesamtwert des Vorjahres. Mit Ausnahme der organischen Chemie sowie der Wasch- und Körperpflegemittel trugen alle Segmente dazu bei. Das Minus im Handel mit Deutschland lag bei 1,4 Mrd. Euro.
Deutschland ist der größte Lieferant chemischer Erzeugnisse und führte 2007 in fast allen Sparten die Importstatistik an. Wichtigste deutsche Lieferpositionen waren Kunststoff-Halbwaren (mit 564,1 Mio. Euro vor Polen und Belgien), Kunststoffe in Primärformen (552,8 Mio. Euro, vor Belgien und den Niederlanden) sowie Arzneimittel (344,1 Mio. Euro, vor der Schweiz und Frankreich). Das stärkste Wachstum bei den Importen aus Deutschland verzeichneten mit 49% Düngemittel (auf 19,9 Mio. Euro) gefolgt von organischen Chemikalien (um 36% auf rund 137,0 Mio. Euro).

Quelle: Tschechisches Statistikamt (CSU)
Geschäftspraxis
Chemische Substanzen, die in einem anderen EU-Land registriert sind, sind auch in Tschechien frei handelbar. Der Nachweis ist beim Gesundheitsministerium ( www.mzcr.cz) zu erbringen, das auch die Registrierung neuer Substanzen vornimmt. Bei Arzneimitteln ist das Staatliche Amt für Arzneimittelkontrolle (www.sukl.cz) für Registrierung und Qualitätskontrolle zuständig. Auf seiner Website informiert es auch auf Englisch über gesetzliche Veränderungen, die Liste der registrierten Stoffe sowie über Hersteller und Distributoren. Neue Pestizide sind bei der Phytosanitären Verwaltung (www.srs.cz) zu registrieren, Düngemittel beim Zentralen Kontroll- und Prüfinstitut für die Landwirtschaft (www.ukzuz.cz).
Im innergemeinschaftlichen Warenverkehr der EU sind die Regelungen des Umsatzsteuer-Kontrollverfahrens in der EU zu beachten. Informationen hierzu finden sich auf der Internetseite des Bundeszentralamtes für Steuern (www.bzst.bund.de).
Hinsichtlich der Normierung gelten die einschlägigen EU-Richtlinien. Siehe hierzu zum Beispiel die Website des Deutschen Instituts für Normung e.V. (www.din.de).
Tschechien Online, 24.1.2008. © Bundesagentur für Außenwirtschaft 2007. Foto: ÈTK