Steigender Bedarf an Umwelttechnik in Tschechien

Impulse liefern Ökosteuern, EU-Vorgaben und frische EU-Mittel

Prag - Seit ihrem Tiefpunkt im Jahr 2002 zeigen die tschechischen Umweltinvestitionen wieder aufwärts und erreichten 2006 fast 800 Mio. Euro.

Steigende Energiepreise und die EU-Auflage, bis 2010 rund 8% des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien abzudecken, schaffen Handlungszwänge. Gefragt sind kommunale Abfallkonzepte, Biogasanlagen für die Landwirtschaft, alternative Energielösungen für Gemeinden und Unternehmen. Das Interesse an deutschen Technologien ist groß.

Eine Mischung aus umweltpolitischer Verpflichtung, wirtschaftlichem Druck und finanzieller Motivation lässt in Tschechien die Umweltinvestitionen steigen. So sieht das von der EU geschnürte Klima- und Energiepaket für das Land eine ehrgeizige Steigerung erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch von gegenwärtig 5% auf 14% bis 2020 vor. Ein gewisser Anspruch kommt auch aus dem Umstand, dass die Billigung des Klimaschutzpaketes im Frühjahr 2009 unter die EU-Ratspräsidentschaft der Tschechischen Republik fallen wird.

Steigende Energiepreise und Ökosteuer befördern alternative Energien und Umwelttechnik

Rechnerisch wirken die weiterhin drastisch steigenden Energiepreise im Verbund mit der zum 1.1.08 eingeführten Ökosteuer zugunsten alternativer Energien und Umwelttechnik. Zugleich warten über 5,0 Mrd. Euro allein an Geldern aus den Europäischen Fonds darauf, bis 2013 für Projekte eingesetzt zu werden, in denen Umwelttechnik ganz vorne steht. Zu nutzen sind sie von Kommunen, öffentlichen Einrichtungen, Landwirten und Unternehmen, die bestrebt sind, bei Heizung und Stromerzeugung auf alternative Quellen zurückzugreifen, ihre kommunalen oder landwirtschaftlichen Abfälle zu nutzen, die Wasserwirtschaftsinfrastruktur zu modernisieren, Emissionen zu verringern oder ökologische Altlasten zu beseitigen.

Die Nachfrage ist überwältigend: Allein die erste Ausschreibung innerhalb des Programms "Öko-Energie" hatte eine Flut von 567 Projektanträgen zur Folge. Im Rahmen des Operationellen Programms Unternehmen und Innovation unterstützt es kleine und mittlere Unternehmen bis 2013 mit EU-Geldern in Höhe von bis zu 145 Mio. Euro bei Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Ausgeschrieben wurde zunächst die Summe von 31 Mio. Euro; beantragt wurde mehr als das Zehnfache. Allerdings setzt das vom Ministerium für Industrie und Handel verwaltete Programm folgende Prioritäten: Wasserkraft, Biomasse, Biogas, Photovoltaik; Windenergie wird nicht gefördert.

Das Operationelle Programm Umwelt, das dem Umweltministerium untersteht, setzt hingegen da keine Grenzen. Es unterstützt Kommunen und öffentliche Einrichtungen bis 2013 bei verschiedenen Umweltvorhaben mit rund 5 Mrd. Euro. Hinzu kommt das aus dem Europäischen Agrarfonds finanzierte Programm zur Entwicklung des ländlichen Raumes, das Landwirten rund 250 Mio. Euro für landwirtschaftliche Diversifizierung und alternative Energiequellen zur Verfügung stellt. Schätzungen zufolge könnten allein dadurch 160 Biogasanlagen finanziert werden. Das Interesse an deutschen Technologien ist groß. Zwei vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie unterstützte Einkäuferreisen, bei denen sich tschechische Unternehmer und Landwirte 2006 und 2007 in Deutschland die Umsetzung von Biogaskonzepten ansehen und mit Herstellern wie Betreibern sprechen konnten, waren sofort ausgebucht und ein großer Erfolg.

Umwelttrend wird statistisch bestätigt

Statistisch wird der Umwelttrend bestätigt. Die Investitionen zum Schutz der Umwelt haben sich nach ihrem tiefsten Stand 2002 (14,9 Mrd. Tschechische Kronen; Kc, 484 Mio. Euro) im Jahr 2006 auf 22,5 Mrd. Kc (794 Mio. Euro) weiter erholt. Das waren in laufenden Preisen 0,7% des BIP und 2,8% des Bruttoanlagekapitals. Zu den investitionsstärksten Bereichen gehörte weiterhin dem Tschechischen Statistikamt zufolge die Abwasserbehandlung mit 7,4 Mrd. Kc. Ihre Bedeutung wird bis 2010 anhalten, da der Druck der EU-Abwasserrichtlinie bis dahin noch über 200 Gemeinden mit mehr als 2.000 Einwohnern zwingt, in Kanalisation und Klärtechnologien zu investieren. Es folgte der Emissionsschutz (4,6 Mrd. Kc), Boden- und Gewässerschutz sowie Dekontamination (4,2 Mrd. Kc) und das Abfallmanagement (3,4 Mrd. Kc).

Mit hoher Dynamik entwickelt sich die Nachfrage nach Technologien im Bereich erneuerbare Energien. Ende 2007 trug die Produktion von Energieträgern aus erneuerbaren Quellen nach vorläufigen Angaben des Ministeriums für Industrie und Handel 4,9% zum Bruttostromverbrauch bei (ein Anstieg um 0,86 Prozentpunkte). An der gesamten Bruttostromproduktion lag ihr Anteil bei 4,2% (+0,9 Prozentpunkte). Der Anteil der Energie aus erneuerbaren Quellen an den primären Energiequellen stieg auf 4,3% (+0,9 Prozentpunkte).

Ein Einspeisungsgesetz für Ökostrom unterstützt seit 2005 entsprechende Investitionen. In der Folge stieg die Elektrizitätsproduktion aus grünen Quellen 2006 im Vergleich zum Vorjahr um 12,3% auf 3,5 TWh. Das Plus ging wegen günstiger hydrologischer Bedingungen vor allem auf das Konto der Wasserkraftwerke, die 73% des Ökostroms liefern, aber auch der Biomasse. Unter den grünen Energieträgern hat die Biomasse das größte Potenzial. 2006 wurden allein für die Stromgewinnung über 500.000 Tonnen Biomasse eingesetzt. Im Fall der Wärmenergie, für die es keine dem Ökostromgesetz vergleichbare Regelung gibt, war es eine Steigerung um 3,3% auf 47 PJ. Biomasse liefert 91% der Wärme aus erneuerbaren Quellen.

Zugunsten erneuerbarer Energien wirkt sich die Anfang 2008 eingeführte Umweltsteuer aus. Sie verteuert andere als alternative Träger durch folgende Belastung: Erdgas (30,60 Kc/MWh verbrauchter Wärme), feste Brennstoffe (8,50 Kc /GJ verbrauchter Wärme, gilt für Braunkohle, Steinkohle, Koks) und elektrischen Strom (28,30 Kc/MWh, ausgenommen solcher aus erneuerbaren Quellen). Brennholz, Holz- Schnitzel, Holz-Pellets und Briketts wiederum werden durch die Eingliederung in die ermäßigte Mehrwertsteuerkategorie (9 statt 19%) günstiger und attraktiver, was die Nachfrage und damit die inzwischen unzureichende Biomasse-Produktion ankurbeln sollte.

Biomassenutzung und Biogas weiter im Kommen

Branchenkenner sehen einen steigenden Trend bei der Biomassenutzung, sofern dieses Nachschubproblem gelöst ist. Auch die Biogaswelle hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Das Potenzial Tschechiens für Biogas ist groß. Vor allem in der Landwirtschaft besteht Interesse an der Errichtung und dem Betrieb von Biogasanlagen in der gesamten Breite des Spektrums bis hin zur möglichen Einspeisung des erzeugten Biogases in das Erdgasnetzwerk oder in Gastankstellen. Zugleich steigt die Nachfrage nach Technologien zur Geruchsbeseitigung bei solchen Anlagen. Durch die EU-Mittel der neuen Haushaltsperiode und das Interesse großer Energieunternehmen an landwirtschaftlich erzeugtem Biogas wird die Nachfrage des Agrarsektors weiter steigen. Auch Kommunen wollen ihre Deponien zunehmend mit Biogasanlagen ausstatten. Zugleich haben Schlämme infolge der Abwasserklärung Potenzial, das mit der massenhaften Installation von Kläranlagen wächst.

Obzwar vom Ministerium für Industrie und Handel nicht befürwortet, wird der Windkraft ebenfalls einiges Potenzial beigemessen. Gegenwärtig sollen etwa 90 Windkraftwerke rund 50.000 MWh Bruttostrom produzieren. Manche Experten geben das potenzielle Maximum unter den naturgegebenen Bedingungen in Tschechien mit dem Zwanzigfachen an. Windstarke Regionen finden sich in Nordwestböhmen und Südmähren. Viele Projektpläne stoßen aber neben den begrenzten Windverhältnissen auch auf den Widerstand der Bewohner oder der Politik.

Sacht, aber beharrlich entwickelt sich die Nutzung der Sonnenkraft. Die Bereiche Photovoltaik und Solarthermie stehen nicht im Vordergrund. Ähnlich wie einst in Deutschland aber handelt es sich um einen aufkeimenden Markt, auf dem Technologieanbieter früh dabei sein sollten. Das Geschäft gilt als perspektivreich. Ein deutsch-tschechischer Solarenergie-Workshop in Prag, der im Rahmen der Exportinitiative Erneuerbare Energien stattfand, zeigte, dass bei öffentlichen Trägern und privaten Unternehmen großes Interesse besteht. Seit sich 2006 die garantierte Einspeisungsvergütung verdoppelt hat, ist der Photovoltaik-Markt in Bewegung gekommen. Laut Schätzungen dürfte sich 2007 die installierte Leistung von 600 kWp 2006 auf fast 1.500 kWp mehr als verdoppelt haben. Dieser Trend sollte anhalten.

Auch im Bereich Müllreduzierung, -trennung und -verwertung sind Konzepte und Technologien gefragt. Umweltpolitisch lautet das Ziel, den Abfall materiell und energetisch zu nutzen. Tschechien muss seine auf Deponien gebrachten biologisch abbaubaren Kommunalabfälle reduzieren. Die Kommunen sollen daher stärker bei der Kompostierung unterstützt werden. Bei großen Projekten, die Müllsortier- und Verbrennungsanlagen umfassen, schließen sich Gemeinden häufig zusammen.

Auf Umwelttechnik haben im Zuge der Umstrukturierung der Maschinenbaubranche auch viele tschechische Unternehmen gesetzt. Damit ist der Boden für Kooperationen und Handelsbeziehungen gegeben. Auf der Website des Umweltministeriums ( www.env.cz) findet sich auch auf Englisch eine Liste von etwa hundert Unternehmen, die im Bereich Umwelttechnologien und -dienstleistungen tätig sind.


Quelle: Ministerium für Industrie und Handel


Quelle: Ministerium für Industrie und Handel

Von Miriam Neubert


Tschechien Online, 6.2.2008. © Bundesagentur für Außenwirtschaft 2008. Foto: ÈTK
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