Alle Augen richten sich auf den Flughafen Prag
Prag - Dank einer konsequenten Privatisierungspolitik seit dem Beginn der Transformation sind nicht mehr viele tschechische Unternehmen in Staatsbesitz.
In naher Zukunft geplante Privatisierungen betreffen vor allem den Transportbereich. Mit dem Flughafen Prag steht der Verkauf eines der dynamischsten und erfolgreichsten Staatsunternehmen bevor. Auch die nationale Fluglinie CSA soll in private Hände kommen. Noch ist über die Vorgehensweise nicht entschieden, aber es melden sich erste Interessenten.
Mit dem Verkauf von Skodaexport, einer Handels- und Projektierungsgesellschaft für industrielle Großanlagen, eröffnet die tschechische Regierung Ende Februar 2008 das neue Privatisierungsjahr. Den Tender gewann die tschechische Gesellschaft CEX, die mit 210 Mio. Kc das höchste Gebot abgab. Dem Verkauf muss die Regierung noch zustimmen. Das Unternehmen, das wegen finanzieller Probleme 2003 unter die Fittiche des Finanzministeriums genommen worden war, wies sinkende Umsätze von zuletzt 24 Mio. Euro 2007 auf. Der künftige Besitzer CEX gehört den Energiemaschinenherstellern CKD Praha DIZ und CKD Nove Energo.
Durch seine rege Privatisierungspolitik in den vergangenen Jahren hat der tschechische Staat nicht mehr viele Unternehmen in der Hand. Von den Verbliebenen sind in der Privatisierungsdiskussion strategische Gesellschaften wie der Stromerzeuger CEZ, die Tschechischen Eisenbahnen Ceske drahy, der Flughafen Prag, die Fluglinie Ceske aerolinie (CSA), der nationale Forstverwaltungsbetrieb Lesy CR, aber auch eine der Schlüsselmarken des Landes, die Brauerei Budejovicky Budvar.
Verkauf von Mehrheitsanteil von CEZ nicht auf der Tagesordnung
Nicht mehr zur Debatte steht zur Zeit der staatliche Mehrheitsanteil am Energieschwergewicht CEZ, dem von seinem Börsengewicht her wertvollsten tschechischen Unternehmen. Die Regierung hat aber beschlossen, nach Bedarf bis zu 7% der Aktien an der Börse zu verkaufen, um den Staatlichen Fonds für Verkehrsinfrastruktur zu finanzieren. Das tut sie in unregelmäßigen Abständen. Im Februar soll der Staatsanteil an CEZ um nicht ganz zwei Prozentpunkte auf 65,75% gesunken sein, berichtete die Nachrichtenagentur CTK.
Die gewinnbringende Budvar-Brauerei, die drittgrößte des Landes, befindet sich nach offiziellen Aussagen in dieser Legislaturperiode nicht mehr auf der Agenda der Regierung. Doch lief im Februar die Auswahl eines Beratungsunternehmens zur Umwandlung des Staatsbetriebs in eine AG. Das weltbekannte Unternehmen liegt mit dem amerikanischen Konkurrenten Anheuser-Busch im Rechtsstreit um die Marke Budvar. Auch umstrittene Vorschläge zu einer Teilprivatisierung des tschechischen Waldbestandes, der zu 60% von der Staatsgesellschaft Lesy CR bewirtschaftet wird, dürften erst nach dem Wahljahr 2010 weitere Gestalt annehmen.
Dafür richten sich 2008 alle Augen auf den internationalen Flughafen Prag - Ruzyne, den zweitgrößten in Mittel- und Osteuropa. Betrieben wird er von dem vom Verkehrsministerium der Tschechischen Republik gegründeten Unternehmen Sprava Letiste Praha, s.p. Der Verkauf dürfte die bedeutendste Privatisierungsaktion des Jahres werden, wenn alles nach Plan geht. Geschätzt wird der mögliche Preis auf 80 bis 100 Mrd. Kc (3,2 Mrd. bis 3,5 Mrd. Euro). Der in Ruzyne bei Prag gelegene Flughafen entwickelt sich mit außerordentlicher Dynamik und macht seit Jahren nur positive Schlagzeilen. 2007 verzeichnete er mit mehr als 12,4 Mio. Passagieren einen neuen Rekord; fünf Jahre zuvor waren es erst halb so viele Fluggäste. Der Gewinn lag nach Angaben der Generaldirektion des Flughafens bei 1,3 Mrd. Kc (47 Mio. Euro). Noch steht nicht fest, in welcher Form die Privatisierung verlaufen soll. Ob durch langfristige Verpachtung, einen Verkauf über die Börse oder einen direkten Verkauf der Kontrollmehrheit an einen strategischen Investor. Im März 2008 will die Regierung darüber befinden. Als Berater auf der Suche nach der vorteilhaftesten Lösung wählte das Finanzministerium die Credit Suisse. Bis Sommer könnte sich die Regierung für eine Privatisierungsvariante entschieden haben.
Flughafen Prag wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt
Als erster Schritt wird der Flughafen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Der Tender für den Berater bei der eigentlichen Privatisierung steht noch aus. Zuvor sollen Grundstücksprobleme bei der geplanten zweiten Start- und Landebahn gelöst werden, was für die weitere Entwicklung des Flughafens als entscheidend gilt. Presseberichten zufolge sollen verschiedene große Gesellschaften aus Europa und Asien Interesse haben, darunter der Frankfurter Flughafen, der Flughafen Wien, der Budapester Hochtief Airport, Spaniens Abertis Airport, die indische Gesellschaft GMR Group, die den Flughafen in Delhi betreibt.
In zeitlicher Nähe könnte 2009 die Privatisierung der nationalen Fluglinie CSA erfolgen, die 40% der Reisenden des Prager Flughafens abwickelt. Die Ceske aerolinie, die dem Finanzministerium gehören, stecken nach verlustreichen Jahren in der Umstrukturierung. Beraten wird das Finanzministerium von Deloitte Advisory. Über das wie und wann der Privatisierung soll ebenfalls im März genaueres bekannt werden.
Bei den Tschechischen Eisenbahnen, die 2007 erstmals schwarze Zahlen schrieben, ist seit 1.12.07 der Güterbereich vom Personenverkehr getrennt und wurde als eigene Gesellschaft CD Cargo ausgegliedert. In der Zukunft soll diese ebenfalls wenigstens zum Teil privatisiert werden. Zuvor aber steht eine Zusammenlegung mit dem slowakischen Cargo-Pendant Cargo Slovakia zur Debatte, was die Marktposition beider Gesellschaften stärken würde. Eine Entscheidung könnte im Laufe des Jahres 2008 erfolgen. CD Cargo hat im Vorjahr 91,6 Mio. t Güter transportiert und seine Umsätze auf 17,7 Mrd. Kc gesteigert. In Lokomotiven und Waggons will das Unternehmen in den nächsten 24 Monaten 3 Mrd. Kc investieren.
Weiterer großer Privatisierungskandidat ist die Tschechische Post
Ein weiterer großer Privatisierungskandidat der Zukunft ist die dem Innenministerium unterstehende Tschechische Post. Sie soll 2009 ebenfalls in eine staatliche AG umgewandelt werden. Die Regierung hat vor, aus dem Staatskoloss und Monopolisten ein modernes Unternehmen zu machen, das eines Tages im Wettbewerb bestehen kann. Diese Metamorphose wird der gegenwärtigen Strategie zufolge fünf Jahre in Anspruch nehmen. Erst danach dürfte über Privatisierungsschritte entschieden werden.
Leichter als bei den Großen tut sich die Regierung mit kleineren Staatsfirmen. So will das Industrie- und Handelsministerium 2008 die Privatisierung von sechs staatlichen Prüfanstalten starten. Es geht um das Elektrotechnische Prüfinstitut in Prag, das Physikalisch-Technische Institut in Ostrava, die Maschinenprüfungsanstalt Brno, das Technische und Testinstitut für Baubelange in Prag, die Textilprüfungsamt in Brno und das Forschungs- und Entwicklungsinstitut für die Holzindustrie in Prag. Das Landwirtschaftsministerium wiederum hat den Verkauf der Messe- und Ausstellungsgesellschaft Vystaviste Ceske Budejovice angekündigt. Sie richtet jährlich die traditionsreiche Agrarfachmesse Zeme zivitelka (Mutter Erde) aus. Auch von der Brauerei Jihomoravske pivovary will sich das Ministerium trennen.
Der größte Teil des Staatsbesitzes ist bereits früher versilbert worden. In der Statistik über ausländische Direktinvestitionen ragen die Jahre 2002 und 2005 mit besonders hohen Zuflüssen von jeweils über 9 Mrd. Euro heraus. Dahinter standen große Privatisierungstransaktionen wie die des Gasdistributionskonzerns Transgas an die deutsche RWE, des Telekommunikationsunternehmens Cesky Telecom an Spaniens Telefonica O2, des Chemiekonzerns Unipetrol an Polens PKN Orlen, des Blechherstellers Vitkovice Steel an die russische Evraz Group. Mangels Masse ist Ende 2005 die seit 1991 bestehende Tschechische Privatisierungsagentur, der sogenannte Fonds für die Verwaltung des Nationalvermögens, aufgelöst worden.

*Wechselkurs am 22.2.08: 1 Euro = 25,305 Kc
Quelle: Wirtschaftsmagazin Ekonom, CTK
Von Miriam NeubertTschechien Online, 27.2.2008. © Bundesagentur für Außenwirtschaft 2008. Foto: ÈTK