Branche kompakt: Kfz-Industrie und Kfz-Teile in Tschechien

Von Miriam Neubert - Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai)

Prag - Die Tschechische Republik ist einer der weltweit führenden Automobilhersteller pro Kopf der Bevölkerung und wird 2008 erstmals eine Million Pkw produzieren. Ein starkes Gewicht hat die Kfz-Zulieferbranche, die weiter expandiert.

Größtes Problem und ein Wachstumshemmnis ist der ausgeprägte Fachkräftemangel. Der Absatz von Neuwagen entwickelte sich 2007 mit 12% sehr gut. Doch sind Gebrauchtwagenimporte ein mächtiger Konkurrent.

Marktentwicklung/-bedarf

Solides Wirtschaftswachstum und steigende Kaufkraft begünstigen in der Tschechischen Republik die Nachfrage nach Kraftfahrzeugen aller Art: So hat sich 2007 die Anmeldung fabrikneuer Pkw erholt. Sehr gefragt bleiben aufgrund des Mehrwertsteuerabzugs neue leichte Nutzfahrzeuge, zu denen auch durch ein Trenngitter veränderte Pkw zählen. In beiden Kategorien wurden zusammen 194.580 neue Autos registriert, eine Steigerung um 12%. Der Verband der Autoimporteure rechnet für 2008 mit einem Plus von mindestens 10%. Trotz der anhaltenden Dominanz der Kleinwagen zeichnet sich ein größeres Interesse nach Großraum- und Geländewagen ab. Benzinmotoren machen fast 70% des Marktes aus, Dieselmotoren 28%, auf alternative und gasgetriebene Motoren entfallen 2%.

Lawinenartig bricht zugleich die Konkurrenz aus dem Gebrauchtsektor in Tschechien ein, nachdem Mitte 2006 Importbeschränkungen fielen: Mit 212.869 Gebrauchtwagen wurden 2007 rund 16% mehr eingeführt als im Vorjahr. Von ihnen war ein Drittel älter als zehn Jahre. Die beliebtesten Second-hand-Marken waren dabei Ford und Renault.

Bei neuen Lkw gab es ein Plus von fast 17% auf 11.587 Fahrzeuge. Es führten in der Gunst Mercedes-Benz, MAN, Iveco. Bei Bussen sind die Marktführer Iveco Irisbus (frühere Karosa), SOR Libchavy und Mercedes-Benz. Ein Programm zur Erneuerung der öffentlichen Busflotte sieht für 2008 circa 15 Mio. Euro vor. Dabei ist Gasbetrieb im Kommen.


Quelle: Verband der Automobilindustrie (SAP)

Tschechiens Pkw-Flotte hat sich nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie seit der Wende 1989 auf 4,3 Mio. Wagen verdoppelt. Heute kommt ein Auto auf 2,5 Einwohner. Doch ist das Erneuerungstempo durch den Boom des Gebrauchthandels mit 3% wesentlich niedriger als im EU-Durchschnitt (8%). Ein tschechischer Pkw war 2007 im Mittel fast 14 Jahre alt.


1) Erstregistrierte neue Pkw, 2) Neuverkaufte Pkw bei offiziellen Händlern
Quelle: Verband der Automobilindustrie (SAP)

Lieferchancen für Komponenten- und Teilehersteller eröffnen sich durch die wachsende Autoproduktion im Lande. Skoda Auto baut die Fertigung 2008 auf mindestens 700.000 Pkw aus. Das Joint Venture von Toyota und Peugeot Citroën (TPCA) könnte erneut etwa 310.000 Kleinwagen herstellen. Südkoreas Hyundai stattet sein neues Autowerk in Nordmähren aus. Im März 2009 soll die Serienfertigung beginnen und bis 2011 auf 300.000 Pkw pro Jahr steigen. Auch Lkw-, Bus- und Motorradproduktion entwickeln sich sehr dynamisch. Die Lkw-Hersteller Avia Ashok Leyland und Tatra wollen 2008 ihren Ausstoß weiter erhöhen. Busfertiger Iveco plant dank Investitionen auf über 3.000 Busse zu kommen, während SOR Libchavy sein Angebot um Trolley-Busse erweitert.

Als wichtiger Standort für Hersteller von Fahrzeugen und originalen Ersatzteilen gehört die Tschechische Republik zu den Kritikern der vom EU-Parlament verabschiedeten Richtlinie zur Liberalisierung des Autoersatzteilmarktes.


Produktion/Branchenstruktur


Der exportorientierte Fahrzeugsektor ist die treibende Kraft der verarbeitenden Industrie. Er erzielte 2007 ein Fünftel ihrer Umsätze. Die 354 Unternehmen mit 20 und mehr Angestellten beschäftigen 135.000 Mitarbeiter und sind häufig in ausländischer Hand. Erneut wuchs die Produktion mit fast 14% zweistellig. Die Umsätze legten um 13% auf umgerechnet 21,4 Mrd. Euro zu und haben sich binnen zehn Jahren vervierfacht. Für alle Endhersteller und Kfz-Kategorien brachte das Jahr 2007 eine Ausweitung der Fertigung um insgesamt rund 10% auf 943.117 Fahrzeuge.


Quelle: Verband der Automobilindustrie (SAP)

Auch System- und Komponentenhersteller hatten ein erfolgreiches Jahr. Tschechien verfügt über eine exportstarke und differenzierte Kfz-Teile-Industrie. Über die Hälfte der Umsätze geht auf ihr Konto. Sie exportierte mit Teilen im Wert von 5,9 Mrd. Euro 18% mehr als 2006. Alle führenden internationalen Zulieferer sind mit Produktionen in Tschechien vertreten. Deutsche Hersteller wie Brose, Behr Czech, Mann+Hummel haben 2007 ihre tschechischen Fertigungen ausgeweitet. Weitere Zulieferer, die Investitionen durchführten oder planen, sind Faurecia, Eurac, Hanwha L&C Czech, Panalfa Auto Electricals, Strojirny Poldi, Aisin, Matador-DongWon, Sejong, Rieter CZ, Cromodora Wheels, DBC Coatings Czech, die Magna-Tochter Chabarovicke strojirny, Fremach Morava sowie Acerbis. Im Zuge von Hyundai siedeln sich über ein Dutzend südkoreanische Unternehmen in Tschechien an.

Als Beschaffungsmarkt spielt das Land daher eine wichtige Rolle. Die meisten europäischen Fahrzeuge beinhalten heute Teile, die aus Böhmen oder Mähren stammen. Vielfach wird die Produktionsbasis durch Technologiezentren und F&E-Aktivitäten ergänzt, was Chancen zur Zusammenarbeit eröffnet. Ein Beispiel ist die Kooperation des Kernforschungsinstituts in Rez bei Prag mit dem Getriebefertiger Skoda Electric und dem deutsche Spezialisten für Brennstoffzellensysteme, Proton Motor, zur Entwicklung von Wasserstoff getriebenen Bussen.


1) Wechselkurs am 31.12.06: 1 Euro = 27,44 Tschechische Kronen (Kc), 20.3.08: 1 Euro = 25,43 Kc; 2) wurde Ende 2007 an Continental verkauft
Quellen: Czech TOP 100, Unternehmensangaben

Unter dem Ansturm der Investoren sind qualifizierte Arbeitnehmer inzwischen derart rar, dass Unternehmen über Agenturen Arbeiter aus der Ukraine, Polen, Moldawien und sogar Vietnam rekrutieren. Großbetriebe versuchen, dem Fachkräftemangel mit Qualifizierungsprogrammen vorzubeugen oder kooperieren mit Ausbildungsbehörden. Sie können dabei auch EU-Gelder nutzen. Um trotz des Arbeitskräfteproblems weiter zu wachsen, müssen Sonderschichten gefahren und der Automatisierungsgrad ausgeweitet werden.


Quellen: Nachrichtenagentur CTK, Presse- und Unternehmensmeldungen

Wer sich als Zulieferer, Einkäufer oder potenzieller Investor für die tschechische Kfz-Zuliefererlandschaft interessiert, wird in einer kostenlosen Datenbank mit über 500 eingetragenen Unternehmen fündig (http://automotive/czechinvest.org).


Außenhandel

Die Stärke der Kfz-Teile-Industrie (HS 8708) ist am wachsenden Handelsüberschuss 2007 von rund 2,3 Mrd. Euro abzulesen. Aber auch die Einfuhr von Teilen und Zubehör für Kfz legt im Zuge der expandierenden Produktion weiter schwungvoll zu, zuletzt auf 3,6 Mrd. Euro. Das entsprach auf Eurobasis einem Plus von 15,5%. Fast 53% dieser Einfuhren stammten aus Deutschland - auch weil zwischen den Branchenunternehmen beider Länder enge betriebliche Verflechtungen bestehen. In der Rangliste der Kfz-Teile-Lieferanten folgen Polen und Frankreich.


Quelle: Tschechisches Statistikamt


Geschäftspraxis

Die durch das Verkehrsministerium beauftrage Prüfstelle für Kfz und Kfz-Teile ist das Institut für Straßen und Stadtverkehr Dekra USMD (www.usmd.cz). Es liefert auch Informationen über Einfuhrverfahren (Zollbehörde: www.cs.mfcr.cz).

Im innergemeinschaftlichen Warenverkehr der EU sind die Regelungen des Umsatzsteuer-Kontrollverfahrens in der EU zu beachten. Informationen hierzu finden sich auf der Internetseite des Bundeszentralamts für Steuern (www.bzst.bund.de). Hinsichtlich der Normierung gelten die einschlägigen EU-Richtlinien. Siehe hierzu zum Beispiel die Website des Deutschen Instituts für Normung e.V. (www.din.de).

Tschechien Online, 31.3.2008. © Bundesagentur für Außenwirtschaft 2007. Foto: ÈTK
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