"Kinoautomat" feiert Comeback in Prag

Erstes interaktives Kino der Welt erlebt Renaissance im Kino Svìtozor - Video eingebettet

Prag - Erstmals stellt sich der legendäre "Kinoautomat" im neu renovierten Prager Kino Svìtozor wieder dem Publikum vor.

Bereits vor einem Jahr hatte das Kino Svìtozor Radúz Èinèeras Projekt erneut auf die Leinwand und in den Kinosaal gebracht, fast genau 40 Jahre nachdem der "Kinoautomat" bei seinem Debüt auf der Weltausstellung EXPO ´67 in Montreal zum Publikumsmagneten avanciert war.

Èinèeras Filmprojekt wird heute als erste interaktive Filmvorstellung in der Geschichte des Kinos weltweit angesehen, bei der die Zuschauer in die Handlung des Films eingreifen und bestimmen konnten, in welcher Richtung die Handlung weitergehen sollte.

Im Kino Svìtozor wird bis Sonntag jeweils eine Vorstellung von „One Man and his Jury“ zu sehen sein („Èlovìk a jeho dùm/One Man and his House“), im Mai und Juni folgen zwei weitere Staffeln, die jeweils am Donnerstag beginnen. Die Vorstellung moderieren abwechselnd in tschechischer Sprache Eduard Hrube¹, Tomá¹ Matonoha und Josef Polá¹ek.

In Kanada auf der EXPO war es einst Miroslav Horníèek (im Foto oben links) gewesen, der in dramatischen Momenten den Film anhielt und die Zuschauer aufforderte, einen der Knöpfe zu drücken, die sich in den Sitzen der Zuschauer befanden. Auf diese Weise konnten die Zuschauer zwischen zwei möglichen Fortstetzungen der Story wählen.

Entwickelt hatte Radúz Èinèera diesen Kinoautomaten zusammen mit den Regisseuren Jan Roháè und Vladimír Svitáèek, Josef Svoboda als Bühnenbildner sowie Jaroslav Fric und Bohumil Mika.

Der Film „One Man and his Jury“ erzählte eine Geschichte aus einem ganz normalen Haus, wo es sehr turbulente Verwicklungen zwischen den Hausbewohnern gab. In einer der Szenen passierte einer jungen Bewohnerin des Hauses, dass ihre Haustür zuschlägt nach dem sie nachschaut, wer bei ihr geklingelt hat. Da sie gerade aus dem Bad kommt, ist sie nur mit einem Handtuch umhüllt. In ihrer Panik klingelt sie bei dem Nachbarn und bittet um Hilfe. Der hat nun ein Dilemma: Soll er der anmutigen Nachbarin aus ihrer prekären Situation zu helfen, oder nicht, denn er erwartet jeden Moment seine Gattin zurück und die hat auch noch Geburtstag...

Kinoautomat war eine "Satire auf die Demokratie"

Trotz des großen Erfolgs bei der EXPO wurde der Kinoautomat kein Welthit und wurde auch in der Tschechoslowakei bald wieder eingemottet. Denn der damaligen Führung des staatlichen Filmwesens war das ganze scheinbar basisdemokratische Verfahren aus ideologischen Gründen zutiefst suspekt.

Dabei merkt der Medienkünstler Michael Naimark dazu an: „Die Struktur (des Kinoautomaten) war jedoch keine baumartige Verzweigung, die die Wahlmöglichkeit mit jeder Gabelung verdoppelt, im Gegenteil blieb immer nur eine Wahl zwischen zwei Wegen. Sie erreichten das, indem sie die Geschichte so geschickt aufbauten, dass jede Wahl immer zu dem gleichen Ende führte.

Die Wahl wurde so ausgeführt, dass der Vorführer immer die Linse von einem der beiden synchronisierten Projektoren abdeckte. Die Kunst lag somit nicht wirklich in der Interaktion, sondern in der Illusion von Interaction. Radúz Èinèera realisierte eine Satire auf die Demokratie, wenn es egal ist, ob man eine Wahl trifft oder nicht.“

Bei dem oben erwähnten Dilemma mit der halbnackten Nachbarin jedenfalls haben die Zuschauer auf der EXPO ´67 fast ausnahmslos in der Mehrheit für ein „Ja“ (Hereinlassen) gestimmt. Nur einmal sollen die Zuschauer mit einem „Nein“ gestimmt haben. Es handelte sich der Überlieferung nach dabei um eine größere Gruppe von Nonnen.

Vorstellungen (jeweils um 18.30 Uhr)
10. - 13. April
14. - 16. Mai
10. - 12. Juni

Karten-Reservierung: www.kinosvetozor.cz
Offizielle Website: www.kinoautomat.cz


Video: Englischsprachiger Retro-Trailer für den Kinoautomat (2:07)



Tschechien Online, 11.4.2008. Fotos: ÈTK
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