Neben der Kohle rücken Erdgas und weitere Träger ins Blickfeld
Prag - Der Bau neuer Kraftwerke kommt in Tschechien wieder in Bewegung. Nicht nur der mehrheitlich im Staatsbesitz befindliche Stromriese CEZ hat entsprechende Pläne angekündigt. Auch Energiekonzerne wie E.ON oder die tschechisch-slowakische Finanzgruppe J&T erwägen Investitionen in Kohle- oder Kombikraftwerke.
Selbst der Bau weiterer Kernkraftblocks, den die Regierungserklärung für die laufende Legislaturperiode noch ausschließt, wird mit neuer Intensität diskutiert und hat Befürworter in den höchsten Staatsämtern.
In die Pläne für neue Kraftwerke spielen in Tschechien äußere Faktoren wie das Klimaschutz- und Energiepaket der Europäischen Kommission hinein und die Möglichkeit, dass Energieversorger ab 2013 CO2-Zertifikate ersteigern müssen. Im Inland sind es die geltenden Fördergrenzen für Kohle, die 1991 abgesteckt und bisher nicht ausgeweitet wurden, aber auch generell die politische Stimmung zu Gunsten oder Ungunsten einzelner Ressourcen. Ein Schlüssel für Kraftwerksentscheidungen ist zudem der Zugang zu den Reserven des Braunkohleförderers Mostecka uhelna (MUS). Sie reichen nach den geltenden Limits bis 2058.
Maßnahmenbündel zur Senkung der Kohlendioxid-Emissionen
Tschechiens Stromkonzern CEZ aktualisiert im Zusammenhang mit dem Klimaschutzpaket der EU seine ursprünglichen Investitionspläne und hat ein Maßnahmenbündel zur Senkung der Kohlendioxid-Emissionen angenommen. Der Energieversorger kündigte einen verstärkten Energiemix an, in dem neben der bisher dominierenden Kohle auch Erdgas, Kernkraft und alternative Träger eine wichtige Rolle spielen sollen. Insgesamt hat CEZ Projekte zu neuen Kraftwerken im In- und Ausland im Wert von 5,4 Mrd. bis 7,2 Mrd. Euro in fortgeschrittener Vorbereitung.
Presseberichten zufolge will das mehrheitlich staatliche Unternehmen im Zusammenhang mit Kohlekraft vorerst folgende inländische Projekte verfolgen: die bereits begonnenen Rekonstruktionen der Kohlekraftwerke in Tusimice und Prunerov sowie ab Frühjahr 2009 den Bau eines neuen Blocks im Braunkohlekraftwerk Ledvice (660 MW). Generalauftragnehmer für das Projekt Ledvice ist Skoda Praha Invest. Der neue Block soll Anfang 2013 in Betrieb genommen werden.
Laut Medienberichten erwägt CEZ in Pocerady den Bau von zwei Gas- und Dampfturbinenwerken mit einer installierten Gesamtleistung von 880 MW. Ursprünglich hatte das Unternehmen im nordböhmischen Pocerady bei der Stadt Most ein neues Kohlekraftwerk geplant. Dafür aber müsste der Stromkonzern Zugriff haben auf die strategischen Kohlelager der nordböhmischen Kohlefördergesellschaft Mostecka uhelna (MUS), was ihm bisher nicht gelungen ist. Versorgungsverhandlungen gelten als gescheitert, und auch der Kauf eines Mehrheitsanteils an MUS ist erfolglos geblieben. Die Braunkohlegesellschaft gehört Czech Coal, einem in den Niederlanden registrierten, aber in tschechischer Hand befindlichen Unternehmen und der auf Zypern basierten Firma eines tschechischen Finanziers. MUS verhandelt seit Mitte 2007 zudem mit dem deutschen Energiekonzern E.ON über den möglichen Bau eines eigenen Braunkohlekraftwerks (1.200 MW) im Wert von 2 Mrd. Euro.
Ein weiteres Gasdampfkraftwerk könnte CEZ bei Usti nad Labem bauen, wobei dessen Kapazität noch offen ist. Der Stromriese plant nach eigenen Angaben in einer ersten Phase in Tschechien Gaskraftwerke mit einer installierten Leistung von insgesamt 1.200 MW. Weitere Erdgas-Projekte des Energieversorgers betreffen die Slowakei und Ungarn in Kooperation mit der ungarischen MOL.
Beim Bau neuer Kraftwerke will auch die slowakisch-tschechische Finanzgesellschaft J&T aktiv werden, zu der die Czech Energy Holding gehört. In der Wirtschaftszeitung Hospodarske Noviny kündigte sie an, ihre Stellung im Bereich Energie in Tschechien und der Slowakei verstärken und ihre Produktionskapazitäten auf 1.000 MW verdreifachen zu wollen. Das mache Investitionen in Höhe von mindestens 25 Mrd. Kc (umgerechnet etwa 1 Mrd. Euro) erforderlich. Erklärtes Ziel sei es, in fünf Jahren mindestens 10% des tschechischen Strommarktes zu kontrollieren. Die Projekte sollen bis Ende 2009 hinsichtlich der Baugenehmigungen und der Technologieaufträge auf den Weg gebracht werden. Dazu zählt die Erweiterung des Kohlekraftwerks in Komorany um weitere 165 MW auf 400 MW. Auch der Bau eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerks mit möglicherweise 200 MW wird überlegt. Ein kleines Gaskraftwerk mit 45 MW plant die Prazska energetika, die ebenfalls mehrheitlich zu J&T gehört.
Ausbau der Kernkraft wieder stärker in der Diskusssion
Zugleich kommt der Ausbau der Kernkraft wieder stärker in die Diskussion und hat etwa in Präsident Vaclav Klaus und Premierminister Mirek Topolanek einflussreiche Befürworter. Sie sehen die künftige Energiesicherheit des Landes nur mit Hilfe dieser Quelle gewährleistet. Wegen der schwierigen Regierungsbildung 2006 und der Beteiligung der Grünen war das Thema neuer Kernreaktoren vorübergehend aus dem Rampenlicht verschwunden. Die Regierungserklärung schließt den Bau neuer Kernkraftblöcke in der laufenden Legislaturperiode aus. Aber die neu einsetzende Diskussion vor dem Hintergrund einer weitgehend positiven Einstellung zur Kernkraft zeigt, dass künftig mit neuen Kapazitäten zu rechnen sein wird. Eine CEZ-Studie beschreibt es als vorteilhaft, das südmährische Kernkraftwerk Temelin um zwei weitere Blöcke zu ergänzen. In beiden Kernkraftwerken Temelin und Dukovany laufen zurzeit Investitionsprojekte zur besseren Nutzung und technischen Innovation, die bis 2012 den Ausstoß beider Anlagen auf 31 TWh elektrischer Energie pro Jahr steigern sollen.
Auch im Bereich der erneuerbaren Energien ist die Entwicklung sehr dynamisch. Allein CEZ wird bis 2012 für entsprechende Kraftwerk-Projekte umgerechnet 225 Mio. Euro ausgeben. Mit 160 Mio. Euro betrifft der größte Teil des Volumens Projekte der Windenergie; fast 50 Mio. Euro gehen in Biogas- und Biomasseanlagen; 15 Mio. Euro sind für die Erhöhung der Effektivität kleiner Wasserkraftwerke vorgesehen. Zuständig für erneuerbare Energien ist die CEZ-Tochter CEZ Obnovitelne zdroje. Sie betreibt 21 Wasserkraftwerke und wird noch 2008 in Melnik mit dem Bau eines weiteren kleinen Wasserkraftwerks beginnen, das den Kühlwasserstrom aus einem nahen Kohlekraftwerk nachnutzt. Auch Windenergie, Biomasse und Biogas werden entwickelt. Bei der Windenergie ist es schwierig, grünes Licht von den betroffenen Gemeinden zu erhalten. Im April 2008 kündigte CEZ an, bereits die Zustimmung verschiedener Gemeinden zum Bau von insgesamt 55 Windkraftwerken (zusammen 100 bis 150 MW) erhalten zu haben. Mit den ersten Anlagen wird 2009 gerechnet. Bei der Windenergie will CEZ bis 2012 rund 100 MW Leistung in Tschechien installiert haben, bis 2020 sollen es 500 MW sein.
Von Miriam NeubertTschechien Online, 23.4.2008. © Bundesagentur für Außenwirtschaft 2008. Foto: ÈTK