Ein Gaumen-Streifzug durch Georgien, mitten in der Prager Altstadt
Prag - Es gibt nicht wenige Gastronomen, die sich ein originelles Kneipen-Konzept viel Zeit, Geld und graue Haare kosten lassen. Irma Orjonikidze hat das nicht nötig. Die 40-jährige Georgierin ist ein Naturtalent. Mit dem Temperament und Aussehen einer Fellini-Gestalt, wild wuchernden Locken, einem Lachen wie Donnern über dem Schwarzen Meer und einem untrüglichen Sinn für Menschen ist Irma Erlebnisgastronomie pur.
Ihr Art-Café hat sich innerhalb von drei Jahren zu einer Top-Adresse für Freunde feinster traditioneller Küche, vollmundigen grusinischen Cognacs und kaukasisch-chaotischer Spontanparties
after hours entwickelt.
Wie macht die Frau das? Nach einem Besuch Ende Mai wissen wir mehr - und längst noch nicht alles.

Das Art-Café U Irmy liegt in einer engen Altstädter Gasse zwischen Nationaltheater und Novotný-Steg. Zur Karlsbrücke sind es von hier kaum 200 Meter, aber im Viertel lebt das volkstümliche Prag immer noch - und das, obwohl Hotels,
Short-Time-Rentals, schnieke Restaurants und Etepetete-Läden längst Einzug gehalten haben.
Prager Szenegängern ist die Gegend ein Begriff: Mit dem Alternativ-Café Duende, der Studentenkneipe Atmosphere und eben Irmas Art-Café ist hier so etwas wie ein Bermudadreieck der Boheme entstanden.
Bermudadreieck der Boheme
Das begann im Sommer 2005, als Irma Orjonikidze nach Prag kam und eine schläfrig-sterile Pizzeria übernahm. Ihre vorherige Station war Moskau gewesen, wo sie in den Boomjahren um die Jahrtausendwende einen großen Club geführt hatte.
Tough business. "Prag ist dagegen ein Kurort", sagt Irma salopp.

Dem Kurort tut die Irma-Kur gut. Ein gesellig-kulinarisches Multikulti wie hier findet man in der Moldaustadt selten. Und so kommen sie alle: Feinschmecker mit neugierigem Gaumen, Leute aus der Nachbarschaft, Wahl-Prager und natürlich auch Touristen. An manchen Abenden kann man hier zwanzig Nationaltäten zählen. Viele Gäste verewigen sich mit Gruß und Unterschrift auf der Wand, die es jetzt sogar mit der Lennon-Mauer auf der Kleinseite aufnehmen kann.
Was das Art-Café so einzigartig macht, ist neben der ungezwungenen und trotz Völkergemischs fast familiären Atmosphäre vor allem das Essen. Wer noch nie georgisch gegessen hat, wird sich abwechselnd an orientalische, türkisch-balkanische und auch russische Küche (gefüllte Teigtaschen) erinnert fühlen - wie es auch der Lage des Landes an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien entspricht.

Bei Irma bekommt man exotische Auberginen-Rezepte (darunter auch eines mit Walnüssen und Koriander), würzige Gemüse-Fleich-Kombinationen, saftige Salate, Gegrilltes und Gebratenes sowie herrliches, ofenwarmes Fladenbrot. Am Herd haben Köchinnen aus dem Kaukasus das Sagen, was natürlich geschmackliche Authentizität bedeutet - essen wie zu Hause in Georgien.
Wer es ganz authentisch möchte, sollte sich sein "Menü" traditionell servieren lassen: statt mehrerer Gänge nacheinander alle Gerichte gleichzeitig. "Bei uns gibt es die Unterscheidung zwischen Vorspeise und Hauptgericht nicht", erklärt Irma und findet es so auch besser. "Alles kommt auf den Tisch, und jeder nimmt sich, worauf er gerade Appetit hat."

Dieses System hat seine Vorteile. Für Hausfrau oder Gastgeber, weil sie nicht ständig zwischen Tisch und Küche pendeln müssen. Und für den Gast, weil man sich ganz einfach durch ein Dutzend Köstlichkeiten probieren kann - vorausgesetzt, man isst nicht alleine, denn dafür sind die Portionen bei Irma wirklich zu üppig.
Wer eine ausführliche Gaumen-Tour durch Georgien genießen möchte, sollte also genug Zeit mitbringen - und viele Freunde. So schmeckt es am besten, und außerdem hat man Zeugen, wenn
after hours im Art-Café Dinge geschehen, die sonst keiner glaubt.
Von Georg Pacurar
Unsere Wahl - Abendessen für zwei Personen
- Chatschapuri (mit Käse gefülltes, frisch gebackenes Fladenbrot)
- Chinkali (mit Fleisch gefüllte Teigtaschen)
- gebratene Auberginen in Tomatesauce und Koriander
- gebratene Auberginen mit Walnüssen und Koriander
- Hühnchenleber mit gedünsteten Zwiebeln
- Hühnchen im Tomaten- und Gemüsesauce
- Pilze in Sahne-Käse-Sauce mit Petersilie und Koriander
- Fladenbrot
- 4 Bier, Marke Regent (je 0,5l)
- 2 Mineralwasser (je 0,33l)
- 2 Brandys "Gruziòák" (georgischer Cognac)
Preis: rund 1000 Kronen
Adresse: Art-Café u Irmy (Druckversion + Coupon)
Karolíny Svìtlé 35, 110 00 Praha 1
Lage: Stadtplan öffnen
Öffnungszeiten: Täglich 15 - 02 Uhr
Tel.: +420 775 565 868