Mittel- und Osteuropa als neues Kfz-Produktionszentrum

"Detroit des Ostens" / Von Christian Overhoff - Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai)

Köln - In Mittel- und Osteuropa - insbesondere in den jungen EU-Ländern - ist ein neues automobiles Produktionszentrum entstanden. Bereits 27% der weltweiten Kfz-Herstellung stammen aus der MOE- Region.

Und der Standort entwickelt sich weiter rasant: Die Produktion wuchs dort 2007 laut Internationaler Organisation der Kraftfahrzeughersteller OICA mit 18,7% im Vergleich zum Vorjahr auf 6,2 Mio. Kfz und damit deutlich schneller als der weltweite Durchschnitt von 5,5%. Der Kapitalzufluss in die Branche hat bereits ein Gesamtvolumen von über 20 Milliarden Euro erreicht.

Absatz und Herstellung von Kfz boomen in Mittel- und Osteuropa. Die Länder Tschechien, Slowakei, Polen und Ungarn nennen Experten das "Detroit des Ostens". Produzieren doch diese Staaten jährlich insgesamt über 2,5 Mio. Fahrzeuge. Die Auto-Erfolgsgeschichte in Mitteleuropa scheint nun ihre Fortsetzung in Rumänien und weiter östlich, vor allem in Russland zu finden.

Autoindustrie wächst dynamisch dank Investitionen aus dem Ausland

Gemessen an der Wertschöpfung legt die Kfz-Branche der Region um jährlich rund 20% zu. Ohne hohe Investitionen aus dem Ausland wäre das dynamische Wachstum der Autoindustrie in Mittel- und Osteuropa jedoch nicht möglich. Der Kapitalzufluss in die Branche hat laut einer Studie der UniCredit Group bereits ein Gesamtvolumen von über 20 Milliarden Euro erreicht.

In den vergangenen Jahren hat sich die Mehrheit der weltweit führenden Hersteller aus Europa, den USA und Asien in der Region angesiedelt. Dazu zählen unter anderem Volkswagen, Renault, Peugeot-Citroën, Fiat, GM, Ford, Toyota, Hyundai-KIA und Suzuki. Dabei dominiert die Herstellung von Kleinwagen den Produktionsstandort, da im unteren Preissegment der Lohnkostenanteil besonders hoch ist. Doch laufen auch Mittel- und Oberklassewagen wie der VW-Touareg in der Slowakei, der Skoda Octavia in Tschechien oder der Audi TT in Ungarn von den Bändern.

Der grenzüberschreitende Branchencluster in Mitteleuropa (Tschechische Republik, Slowakei, Polen, Ungarn) - das sogenannte Neue Detroit - wird eines der wichtigsten Zentren der Kraftfahrzeugherstellung bleiben und weiter expandieren. Derzeit hält die Tschechische Republik in dieser Gruppe die führende Stellung in der Pkw-Erzeugung und wird 2008 erstmals eine Million Pkw produzieren. Ein starkes Gewicht hat die Kfz-Zulieferbranche, die weiter wächst.


*) In Klammern: Veränderung gegenüber dem Vorjahr
Quelle: OICA

Bei der Pro-Kopf-Automobilproduktion hat sich die Slowakei 2007 weltweit an die Spitze gesetzt, indem sie ihren Ausstoß nahezu verdoppelte. Die Pkw-Produktion soll 2008 laut Nachrichtenagentur CTK auf rund 675.000 Wagen weiter steigen. Zu den führenden Herstellerländern in der Region zählten im Jahr 2007 auch die Türkei mit rund 1.100.000 Einheiten und Polen mit über 780.000 Kfz.

Die rasche Zunahme der lokalen Kraftfahrzeugproduktion wird auch von einer wachsenden Zahl an Zulieferfirmen getragen, die in vielen osteuropäischen Ländern einen hohen Anteil an der Wertschöpfung der Branche haben. Parallel zu ihren Engagements in Mittelosteuropaie schauen die großen internationalen Automobilhersteller weiter nach Osten oder Südosten. Dort locken neben den EU-Novizen Rumänien und Bulgarien die Ukraine sowie Russland mit steigender Kaufkraft, ausgehend von einem noch relativ niedrigen Lohnniveau.

Autofabriken in Russland könnten künftig den größten Zuwachs in absoluten Zahlen erreichen

In Zukunft dürften die Autofabriken auf russischem Boden den größten Zuwachs in absoluten Zahlen erzielen. Insgesamt soll ihr Ausstoß von heute jährlich rund 1,5 Mio. Pkw und leichten Nutzfahrzeugen laut Prognosen der amerikanischen Unternehmensberatung csm bis 2014 auf 2,8 Mio. Einheiten steigen. Der Großteil des Wachstums werde dabei von ausländischen Marken getragen. Aber auch das sogenannte "Detroit des Ostens" - Tschechien, die Slowakei, Polen und Ungarn - dürfte weiter kräftig wachsen. Tschechiens Fabriken zum Beispiel prognostiziert csm eine Produktionssteigerung bei Pkw und leichten Nutzfahrzeugen von heute rund 0,9 auf 1,5 Mio. Einheiten im Jahr 2014.

Damit würde die Tschechische Republik zum zweitgrößten Automobilproduzenten in ganz Osteuropa nach Russland und noch vor der Türkei. Letztere soll 2014 rund 1,4 Mio. Einheiten herstellen. Polen traut diese Prognose bis dahin immerhin einen Ausstoß von 1,2 Mio. Pkw und leichten Nutzfahrzeugen zu.

Für die Produktion mit geringer Wertschöpfung wie sehr preiswerte Kleinwagen oder entsprechende Kfz-Teile erwarten Experten, dass die Automobilhersteller und deren Zulieferer in den nächsten Jahren diese Fabrikation zunehmend in andere Regionen Osteuropas wie Moldawien, die Ukraine oder Belarus verlagern. In der Ukraine zum Beispiel produziert bereits der Kabelbaumhersteller Leoni und VW lässt auf der Basis von Komponenten fertigen.

Mitteleuropäische Ländern leiden unter Facharbeitermangel

Ein weiterer Grund für ein zusätzliches Engagement weiter östlich liegt im Facharbeitermangel in den mitteleuropäischen Ländern. Unter dem Ansturm der Investoren sind in Tschechien qualifizierte Arbeitnehmer zum Beispiel inzwischen derart rar, dass Unternehmen über Agenturen Arbeiter aus der Ukraine, Moldawien und sogar Vietnam rekrutieren.

Immer wichtiger wird Mittel- und Osteuropa aber auch als Absatzmarkt. Gemessen an der Einwohnerzahl ist die Anzahl der Autos in Zentral- und Osteuropa viel niedriger als in Westeuropa: In Russland, der Türkei und Rumänien zum Beispiel kommen bisher weniger als 20 Autos gegenüber fast 60 auf 100 Einwohner in Italien und Deutschland, so die UniCredit Group.

Experten begründen die guten Aussichten der Region mit der dort vorhandenen Kombination von Bevölkerungsgröße, hohem Einkommenswachstum und geringer Marktdurchdringung im Kraftfahrzeugbereich. Der Pkw-Absatz entwickelte sich im Jahr 2007 nach Angaben des VDA in den neuen EU-Ländern überaus erfreulich. Mit knapp 1,2 Mio. Fahrzeugen wurden 15% mehr Pkw verkauft als im Vorjahr. Auch 2008 dürfte eine weiterhin lebhafte Konsum- und Investitionstätigkeit die Nachfrage nach neuen Autos stützen.

Neumitglied Rumänien löste Polen als volumenstärksten Markt mit einer Steigerung des Pkw-Inlandsabsatzes um ein Viertel auf 312.500 Fahrzeuge ab, Polen legte um 23% auf 293.300 Fahrzeuge zu. Der Absatz von Neuwagen entwickelte sich 2007 auch in der Tschechischen Republik mit einem Plus von 12% sehr gut. Einzig in Ungarn verfehlte die Neuzulassungen das Vorjahresergebnis um minus 6%. Grund waren hier anhaltende Konsolidierungsanstrengungen der Regierung, die zu Steuer- und Preiserhöhungen führten.

Gebrauchtwagenimporte stellen allerdings in allen EU-Neumitgliedsstaaten der Region eine mächtige Konkurrenz dar, da eine zollfreie Einfuhr innerhalb der EU möglich ist. Als aussichtsreichsten Absatzmarkt für Kfz sehen Automobilanalysten Russland. Im Jahr 2007 wurden laut csm annähernd 2,5 Mio. Neuwagen verkauft - ein enormer Anstieg um eine Million Einheiten in zwei Jahren. Bis 2013 soll der Markt dann ein Volumen von rund 3,4 Mio. Fahrzeuge erreichen. Dies entspräche ungefähr den heutigen Verkaufszahlen von 3,5 Mio. Stück in Deutschland.

Die Analysten begründen ihren Optimismus unter anderem mit der steigenden Kaufkraft der russischen Konsumenten und der obersten Priorität, welche das Automobil als Konsumwunsch in Russland genieße. Zudem können die russischen Käufer ihren Nachholbedarf immer besser durch Kredite finanzieren.

Tschechien Online, 3.7.2008. © Bundesagentur für Außenwirtschaft 2008. Foto: ÈTK


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