Umfangreiche Verkehrsprojekte / Energiegewinnung wird diversifiziert
Prag - Tschechien investiert intensiv in den Ausbau der Infrastruktur. Für Projekte im Bereich Verkehr will die Regierung bis 2013 rund 28 Mrd. Euro ausgeben. Um den mit dem EU-Beitritt eingegangenen Verpflichtungen zur Abwasserreinigung zu entsprechen, müssen bis Ende 2010 rund 2 Mrd. Euro investiert werden.
Auf einen verstärkten Energiemix setzt der staatliche Stromkonzern CEZ. Neben Kohle soll in Zukunft Erdgas als Energieträger eine stärkere Rolle spielen. Auch die Nutzung der erneuerbaren Energien entwickelt sich dynamisch.
In Tschechien erhält der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur neuen Schwung. Allein aus den EU-Fonds stehen bis 2013 fast 5,8 Mrd. Euro für Projekte des Straßen-, Autobahn-, Tunnel- und Schienenbaus zur Verfügung. Der Plan der Regierung sieht in dem Zeitraum Großprojekte im Wert von 28 Mrd. Euro vor. Für die Kofinanzierung der von der EU subventionierten Projekte werden Kredite der Europäischen Investitionsbank (EIB) genutzt. Im Jahr 2008 wird der Staatliche Fonds für Verkehrsinfrastruktur für Neubau und Wartung rund 3,3 Mrd. Euro ausgeben - 355 Mio. Euro mehr als im Vorjahr.
Die größten Summen werden auf den Bau der D1 und D8 verwendet. Insgesamt führt der Fonds 643 Projekte in einem Gesamtwert von 25 Mrd. Euro auf, in die von 2008 bis 2010 mehr als 10 Mrd. Euro investiert werden. Investor bei Autobahnen und Schnellstraßen ist die Staatliche Autobahndirektion, die allein 2008 Tender im Wert von 1,6 Mrd. Euro ausschreibt. Geht alles nach Plan, verlängert sich bis 2010 das Autobahn- und Schnellstraßennetz um weitere 184 Kilometer. Ziel ist es, bis 2020 die gegenwärtige Länge von rund 1.000 Kilometern zu verdoppeln.
Die Ceske Drahy (CD; Tschechischen Eisenbahnen) sind dabei, in großen Schritten die wichtigsten Bahnhöfe des Landes zu sanieren. Betroffen davon sind die Bahnhöfe in Breclav, Teplice, Marianske Lazne, Kolin, Havlickuv Brod. Noch 2008 soll die Modernisierung und Teilverlagerung des Brünner Hauptbahnhofes beginnen. Auch verschiedene Bahnhöfe in Prag sollen grundlegend saniert werden.
EU-Richtlinien zwingen zur Modernisierung im Bereich Wasserwirtschaft
Viele große und kleine Baustellen gibt es in der Wasserwirtschaft, wo die EU-Richtlinien Gemeinden mit mehr als 2.000 Einwohnern dazu zwingen, bis Ende 2010 ihre Abwasserbeseitigung zu modernisieren. Von den 515 Gemeinden sollen um die 130 über keine modernen Kläranlagen und ein entsprechendes Abwassernetzwerk verfügen. Allein um den mit dem EU-Beitritt eingegangenen Verpflichtungen zur Abwasserklärung zu entsprechen, müssen nach Auskunft des Landwirtschaftsministeriums bis Ende 2010 noch einmal 49 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; rund 2 Mrd. Euro; 1 Euro = 23,86 Kc) investiert werden. Nahezu die Hälfte dieser Summe soll aus den EU-Fonds kommen. Tschechische Gemeinden haben 2007 eine Liste mit 21 Wasserwirtschaftsprojekten zur Abstimmung nach Brüssel gesandt. Wo langfristige Versorgungsverträge mit Wasserwirtschaftsunternehmen vorliegen, dürfen die EU-Subventionen nur 60% der Investition ausmachen, andernfalls 75%. Brüssel hatte die häufig langen Laufzeiten der Verträge kritisiert, aus denen viele Städte und Gemeinden aber nicht vor 2010 aussteigen können.
Kleinere Gemeinden schließen sich bei ihrer Antragstellung inzwischen zusammen, um eher Chancen auf EU-Förderung zu haben. So haben sich in der Region Plzen (Pilsen), zwölf Gemeinden und Städte am Fluss Berounka zur Vereinigung "Saubere Berounka II" zusammengetan. Das in vier Bauabschnitte geteilte Großprojekt soll 2 Mrd. Kc kosten (rund 72 Mio. Euro). Auch in Mittelböhmen suchen an die 50 Gemeinden mit mehr als 2.000 Einwohnern Lösungen, um fristgerecht die EU-Normen zu erfüllen. Brno (Brünn), die zweitgrößte Stadt des Landes hat Investitionen in Höhe von 2 Mrd. Kc in die Kanalisation angekündigt.
Der Bau der Gaspipeline Gazela, die die Meerespipeline im Baltischen Meer mit dem Gasnetz Richtung Südosteuropa verbinden soll, wird auf tschechischem Territorium in eineinhalb Jahren starten. Bei den drei Varianten, die in der Diskussion sind, geht es um Längen von jeweils 166, 197 beziehungsweise 236 km.
Der Verband der Bauindustrie erwartet bis 2015 neue Rohrleitungsbauten im Wert von 28 Mrd. Kcs (1,1 Mrd. Euro). Hinzu kommen Stromverteilungs- und Stromleitungsnetze im Wert von 18,0 Mrd. Kc (720 Mio. Euro), Wärmeleitungen im Wert von 8,0 Mrd. Kc (320 Mio. Euro) und städtische Kollektoren im Wert von 3,5 Mrd. Kc (140 Mio. Euro).
Stromkonzern CEZ aktualisiert seine Investitionspläne
Im Zusammenhang mit dem neuen Klimaschutzpaket der EU aktualisiert der Stromkonzern CEZ seine Investitionspläne und setzt auf einen verstärkten Energiemix, in dem Erdgas neben Kohle eine wichtige Rolle spielt. Zum Jahresbeginn 2008 hatte CEZ insgesamt Projekte zu neuen Kraftwerken im In- und Ausland im Wert von mehreren Mrd. Euro in Vorbereitung.
Presseberichten zufolge will das mehrheitlich staatliche Unternehmen nur noch drei Kohle-Projekte verfolgen: die bereits begonnene Modernisierung der Kohlekraftwerke in Tusimice und Prunerov und 2009 den Bau eines neuen Braunkohleblocks in Ledvice (660 MW). Statt eines geplanten neuen Kohlekraftwerkes im nordböhmischen Pocerady sollen dort zwei Gas- und Dampfturbinenwerke entstehen mit einer installierten Gesamtleistung von 1.200 MW. Die Investition in Höhe von 650 Mio. Euro könnte noch 2008 in Angriff genommen werden. Ein weiteres Gasdampfkraftwerk könnte in Usti nad Labem gebaut werden.
Der Ausbau der Kernkraft hat mit Präsident Vaclav Klaus und Premierminister Mirek Topolanek einflussreiche Befürworter, die die künftige Energiesicherheit des Landes nur mit Hilfe dieser Quelle gewährleistet sehen. Wegen der schwierigen Regierungsbildung 2006 und der Beteiligung der Grünen war das Thema neuer Kernkraftreaktoren vorübergehend vom Tisch. Die Regierungserklärung schließt den Bau von Kernkraftwerken in der laufenden Legislaturperiode zwar aus, die Diskussion vor dem Hintergrund einer relativ positiven Einstellung zur Kernkraft zeigt jedoch, dass künftig mit dem Aufbau neuer Kapazitäten zu rechnen sein wird. Eine CEZ-Studie beschreibt als beste Lösung, das südmährische Kernkraftwerk Temelin um zwei weitere Blöcke zu ergänzen.
Auch im Bereich erneuerbare Energien verläuft die Entwicklung dynamisch. Allein das auf diesen Bereich konzentrierte CEZ-Unternehmen, CEZ Obnovitelne zdroje, das 21 Wasserkraftwerke betreibt, wird in Melnik ein kleines Wasserkraftwerk errichten und plant weitere. Auch Windenergie, Biomasse und Biogas werden gefördert. Bei der Windenergie will CEZ bis 2012 rund 100 MW Leistung installiert haben, bis 2020 rund 500 MW. Die Zustimmung verschiedener Gemeinden zum Bau von 55 Windkraftwerken soll CEZ schon eingeholt haben. Mit der ersten Anlage wird 2009 gerechnet.
Der deutsche Energiekonzern E.ON und eine der führenden tschechischen Kohleförderungsgesellschaften, Mostecka uhelna, verhandelten Anfang 2008 weiter über den Bau eines Braunkohlekraftwerks (1.200 MW) im Wert von 2 Mrd. Euro in Tschechien. Die slowakische Finanzgesellschaft J&T hat Pläne zum Bau eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerks angekündigt.
Von Miriam NeubertTschechien Online, 20.8.2008. © Bundesagentur für Außenwirtschaft 2008. Foto: ÈTK