Ein gelungener Start in die neue Knödelsaison unweit des Karlsplatzes
Prag - Es gibt zu jedem Wetter und jeder Jahreszeit das passende Essen. Im Herbst, wenn die Tage kürzer und kühler werden, beginnt die Zeit der böhmischen Küche. Mit ihren sämigen Majoran-gewürzten Suppen, den herzhaften Rinder- und Schweinebraten, Bier-, Wein - und Sahnesaucen und all den Knödelvarianten bietet sie genau den richtigen kulinarischen Rahmen für die kalten Monate.
Nach einem von Salaten und leichter Kost geprägten Sommer, gelegentlich mit Gegrilltem bereichert, hatte ich die opulenten, bürgerlich-böhmischen Fleisch-und-Knödel-Tafeln schon richtig vermisst. Da kam die Einladung eines Freundes ins Neustädter U Pravdù ("Bei den Pravdas") wie gerufen: ein rustikales echt Prager Wirtshaus oberhalb des Karlovo námìstí (Karlsplatz).
Ich kannte das gemütliche Lokal zwar bereits und wusste, dass es dort tolles Bier (unpasteurisiertes Bernard, ein Hochgenuss!) und einen kleinen Biergarten im Hinterhof gibt, aber gegessen hatte ich dort noch nie. Das änderte sich Ende September, als wir an einem schon ziemlich kühlen Montagabend dort einkehrten.

Gleich beim Betreten des U Pravdù fühlt man sich an Uromas Zeiten erinnert. Die hohen, mit dunklem Holz getäfelten Räume, sind mit allerhand antikem Haushaltsgerät, Musikinstrumenten und Werkzeug dekoriert.
An den Wänden hängen Fotos wie aus dem Album einer Großfamilie aus Kaisers Zeiten, die meisten schwarz-weiß, einige auch nachkoloriert, was in der Ära vor der Farbfotografie nicht selten war. Über den einzelnen Tischen hängen alte Kronleuchter, die den Raum mit einem warmen, unaufdringlichen Licht erfüllen.
Eine solche rustikale und gemütliche Atmosphäre würde man nicht unbedingt erwarten. Die ®itná gehört mit ihren wuchtigen Jahrhundertwendebauten und dem fast ununterbrochen dichten Autoverkehr bestimmt nicht zu den romantischsten Ecken Prags. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Publikum - bis auf eine kleine Reisegruppe im Nebenraum - fast nur aus Pragern besteht.
Böhmisches Essen beginnt mit dem Bier

Unser böhmisches Abendessen beginnt stilecht mit einem ordentlichen Bier. Es werden zwar auch Pilsner Urquell und andere Sorten gezapft, aber ich nehme ein Bernard, ein unpasteurisiertes Lagerbier mit zwölf Prozent Stammwürze aus der Privatbrauerei Bernard (Humpolec, Region Vysoèina), das gibt es nicht überall in Prag.
Außerdem gönnen wir uns auch einen Becherovka-Kräuterlikör; wenn böhmisch, dann gleich richtig. Das Bier kommt schön kalt und schmeckt perfekt, was für die zwei weiteren Halben übrigens auch gilt. Dann beginnt die Qual der Wahl: Was wollen wir Essen?
Ohne die Karte in allen Details studiert zu haben, würde ich tippen, dass sie mindestens 40 Hauptgerichte umfasst. Mir ist das entschieden zu viel, weshalb ich mich gleich auf die Sektion "Èeská kuchynì" - Böhmische Küche - konzentriere, die immerhin auch ein gutes Dutzend Gerichte anbietet. Mich lacht sofort die halbe Ente mit böhmischen und Kartoffelknödeln und Rotkohl an.
Die hätte mein Freund zwar auch gerne bestellt, aber ich hatte mich zuerst entschieden und blieb hartnäckig. Weil er sich nicht recht entscheiden konnte, wählte er eine quasi entscheidungsfreie Variante: "Staroèeská ba¹ta" (Deutsch etwa "Altböhmische Schmankerl"), eine Kombination von Schweinebraten, Kassler und gebratener Entenbrust mit dreierlei Knödeln (böhmische, Kartoffel- und Speck-), sowie Weiß- und Rotkraut.
Weil der Aperitif seine Arbeit ordentlich verrichtet hat, nimmt jeder noch eine Kleinigkeit vorneweg. Mein Bekannter nimmt gegrillte Kaninchenleber in Weinsauce; ich bestelle eine Kartoffelsuppe, deren böhmische Variante, sehr dicht und normalerweise großzügig mit Majoran versetzt, ich in den kalten Jahreszeiten besonders mag. Auch in diesem Fall enttäuscht die "Bramboraèka" nicht, eine deftige, würzige Suppe und üppig portioniert. Ich probiere auch von der Kaninchenleber, zu der die kräftige, tiefrote Sauce sehr gut passt.
Das Probieren geht auch beim Hauptgericht weiter, als die mächtigen Fleischplatten und Krauttöpfe aufgefahren werden. Der Star des Abends blieb aus meiner Sicht dennoch die halbe Ente: die Haut krustig gebraten, das Fleisch zart, dabei noch saftig und richtig schön heiß serviert. Genau so hatte ich mir den Beginn der Knödelsaison vorgestellt! Und die zusätzliche Runde um den Block nehme ich beim Joggen gerne in Kauf.
Von Georg Pacurar
Unsere Wahl: Abendessen für zwei Personen
- 2 Becherovka Kräuterliköre 4cl
- 2 Mineralwasser 0,33l
- 6 Bernard Bier 0,5l
- Kaninchenleber in Rotweinsauce
- Böhmische Kartofelsuppe
- Fleischplatte Staroèeská ba¹ta mit Knödel-Variation sowie Rot- und Weißkraut
- Halbe Ente, gebraten, mit Knödeln und Rotkohl
Preis: etwa 900 Kronen
Restaurant U Pravdù (Druckversion)
®itná 1701/15, 110 00 Praha 1
Lage: Stadtplan öffnen
Öffnungszeiten: Mo - Fr 11 - 23 Uhr, Sa + So 12 - 23 Uhr
Telefon: +420 222 233 915
E-Mail: restaurace@upravdu.com, Website: www.upravdu.eu