Tschechien rutscht immer tiefer in die Rezession

Starker Einbruch im 1. Quartal 2009 / Von Miriam Neubert (gtai)

Prag -
Mit einer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung um 3,4% erlebte die Tschechische Republik im 1. Quartal 2009 den stärksten Einbruch seit ihrer Gründung 1993. Fehlende Investitionen und die schwache Auslandsnachfrage zogen die Kennziffern im Vorjahresvergleich wie Senkblei nach unten.

Nur die erstaunlich robuste Entwicklung des Inlandsverbrauchs verhinderte noch schlechtere Ergebnisse. Die Frage ist, ob der private Konsum bei wachsender Arbeitslosigkeit und niedrigen Reallohnzuwächsen in den kommenden Monaten als Stütze erhalten bleiben kann.

Die Zahlen des 1. Quartals 2009 bestätigten offiziell, was allen am wirtschaftlichen Geschehen Beteiligten klar war: Im zweiten aufeinanderfolgenden Quartal ist Tschechiens Wirtschaft geschrumpft. Seit Oktober 2008 wirkt die Rezession zehn Jahre nach der letzten Erfahrung dieser Art heute noch deutlich härter als zu jener Zeit. In den ersten drei Monaten 2009 sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um real 3,4%, sowohl im Vergleich zum Vorjahr, als auch zum vorausgegangenen Quartal. "Negativ wirkte sich insbesondere der Rückgang der Wirtschaftsleistung im verarbeitenden Gewerbe aus, der mit dem gravierenden Rückgang der Nachfrage nach Investitions- und Exportgütern zusammenhing", konstatierte das Tschechische Statistikamt. "Die Ausgaben für den Endverbrauch hingegen nahmen zu." Zum Vergleich: Laut Schätzungen des Europäischen Statistikamtes ist das BIP der EU-27 im 1. Quartal 2009 um 4,5% geschrumpft, das der Eurozone um 4,8%.

Überrascht hat viele Beobachter, dass in Tschechien der Endkonsum mit 3,6% zwischenjährlich nach wie vor sehr ausgeprägt zunahm und so mit 2,5% positiv zur BIP-Entwicklung beitragen konnte. Der private Verbrauch legte mit 3,0% robust zu. Die staatlichen Ausgaben stiegen sogar um 5,2%, wobei höhere Aufwendungen der Krankenversicherungen für die Gesundheitspflege eine Schlüsselrolle gespielt haben sollen. Alle weiteren Kennziffern zogen die Wirtschaftsleistung nach unten: Die Bruttoinvestitionen sackten um 16,2% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ab und trugen zur negativen Entwicklung mit 4,1% bei. Die Bruttoanlageinvestitionen gingen um 3,4% zurück, im Wesentlichen durch die rückläufigen Anlagen in Fahrzeuge und Gebäude, die das Statistikamt nicht einzeln bezifferte. In hohem Maße wurden Lager im Wert von 8,0 Mrd. Kc abgebaut (rund 290,0 Mio. Euro; 1. Quartal 2009: 1 Euro=27,599 Kc, saisonal unbereinigt und in laufenden Preisen). Im selben Quartal des Vorjahres waren die Lager um 15,3 Mrd. Kc (554,4 Mio. Euro) aufgestockt worden. Der für die Exportnation Tschechien so wichtige Außenhandel mit Waren und Dienstleistungen wiederum wirkte mit 1,7% negativ. Die Einfuhren ließen real um 19,6% nach, die Ausfuhren um 20,5%. In laufenden Preisen betrug der Außenhandelsüberschuss 48,3 Mrd. Kc (1,8 Mrd. Euro).

Auf der Entstehungsseite hatte an dem Rückgang der Bruttowertschöpfung um 3,2% das verarbeitende Gewerbe mit seinem Einbruch um 10,6% einen entscheidenden Anteil. Schwerwiegende Rückgänge verzeichneten auf Vorjahresbasis auch Handel und Reparatur von Kraftfahrzeugen (-8,0%), Finanzwesen und Versicherungen (-6,7%) sowie die Bauwirtschaft (-3,9%). Deutlich zu legte die Wertschöpfung in der Land- und Forstwirtschaft (+36,6%), der Stromerzeugung und -distribution (+12%) sowie dem Bereich Gesundheitswesen, Veterinär- und Sozialpflege (-9,8%). Rückläufig mit 4,4% zeigten sich die indirekten Steuern, insbesondere die Mehrwertsteuer.

Auch die vorläufigen Ergebnisse des Monats April brachten keine Entwarnung: Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe sank um 23,8% und gab damit im Vergleich zum April des Vorjahres noch stärker nach als im März (-13,6%). Ein Wachstum gab es allein in der Nahrungsmittelverarbeitung und bei den Schienenfahrzeugen. Der Wert neuer Aufträge ging um 26,9% zurück. Das Ministerium für Industrie und Handel sieht dies vor allem der hohen Vergleichsbasis geschuldet und zieht zum Vergleich das Basisjahr 2005 heran. Dabei zeige sich, dass die Industrie seit dem Herbst 2008, als der Rückgang einsetzte, anhaltend eng um das Niveau des Durchschnittsmonats 2005 schwanke und sich damit um den möglichen Boden bewege. Das Jahr 2005 war das erste von drei aufeinanderfolgenden Jahren, in denen sich die tschechische Wirtschaft mit Wachstumsraten über 6,0% am dynamischsten entwickelt hat. Durch die engen Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, das der mit Abstand wichtigste Markt für tschechische Produkte ist, gehen viele Analysten davon aus, dass erst eine Erholung der deutschen Wirtschaft auch in Tschechien zu einer Trendwende führen kann. Entsprechend unerfreulich blieb das Bild des Außenhandels im April in laufenden Preisen mit einem Rekordrückgang der Einfuhren um 26% und der Ausfuhren um 22,8%. Lediglich die Bauwirtschaft brachte einen Hoffnungsschimmer: Sie wuchs auf Vorjahresbasis um 2,1%, erstmalig seit September 2008.

Die Abnahme der Wirtschaftsleistung entsprach einem Beschäftigungsabbau, saisonbereinigt im Vergleich zum Vorquartal um 0,2%, auf Vorjahresebene um 0,5%. In der Wirtschaft waren dem tschechischen Statistikamt zufolge im 1. Quartal 5.265.000. Menschen beschäftigt, etwa 35.000 weniger als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. Nach der Erhebungsmethode der Internationalen Arbeitsorganisation (sie erfasst die Altersgruppe zwischen 15 und 64 Jahren) habe die Zahl der Arbeitslosen saisonal bereinigt gegenüber dem Quartal zuvor um 65.900 zugenommen. Eine derart hohe Quartalsdifferenz sei seit Beginn der Erhebungen 1993 noch nicht festgestellt worden. Über 302.800 Menschen waren ohne Arbeit. Gemäß ILO-Methodik erreichte die durchschnittliche Arbeitslosenrate 5,8%, in der Methodik des Arbeitsministeriums 7,0%. In beiden Fällen handelte es sich um einen Anstieg um jeweils 1% gegenüber dem 1. Quartal 2008.

Angesichts dieser Entwicklung ist es fraglich, ob die private Konsumnachfrage als stabilisierendes Element erhalten bleiben kann. Die Reallöhne sind im 1. Quartal um 1,0% nur sehr moderat angehoben worden. In der Privatwirtschaft nahmen sie um 0,8% zu. Im öffentlichen Sektor, der im Vorjahr eine negative Lohnentwicklung verzeichnete, stiegen sie um 2,2%. Der Staat selbst musste seine erwarteten Steuereinnahmen für 2009 um über 84 Mrd. Kc (mehr als 3 Mrd. Euro) deutlich nach unten korrigieren und ringt um ein Haushaltsdefizit, das die Kriterien von Maastricht nicht zu stark überschreitet. Als eine Sparmaßnahme sind die Löhne der staatlichen Angestellten in der Diskussion.

Die Daten zeigen, dass die Krise die tschechische Wirtschaftsaktivität drastisch zurückgedrängt hat. Das Finanzministerium geht in seiner makroökonomischen Prognose aus dem Monat April für das Gesamtjahr 2009 von einem Rückgang des BIP um 2,3% aus, gefolgt von einer leichten Erholung mit +0,8% im Jahr 2010. Weiterreichende Schätzungen im Rahmen der Haushaltsplanung prognostizieren für 2011 ein Wachstum von 2,4% und 2012 von 3%. "In Zeiten ökonomischer Krise, ist ein makroökonomischer Vorausblick von vier Jahren mit einer außerordentlich hohen Maß an Unsicherheit behaftet", lautet dabei der einschränkende Hinweis. Die durchschnittliche Jahresinflation wird 2009 auf 1,1% veranschlagt, um 2010 weiter auf 0,9% zu fallen.

Entwicklung der tschechischen Industrie 2009 (Veränderung zum jeweiligen Monat des Vorjahres in %)

Quellen: Tschechisches Statistikamt, Ministerium für Industrie und Handel

Revidierte BIP-Ergebnisse für die Quartale der Jahre 2005 bis 2008*

*Veränderung zum jeweiligen Vorjahreszeitraum in %, konstante Preise, saisonal bereinigt
Quelle: Tschechisches Statistikamt

Tschechien Online, 16.6.2009. © Germany Trade and Invest 2009
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