Exportland leidet unter schwacher Nachfrage an Autos / Von Miriam Neubert (gtai)
Prag - Als hochgradig exportabhängiges Land leidet die Tschechische Republik schwer unter dem Zusammenbruch der Nachfrage nach Kraftfahrzeugen, Komponenten, Maschinen und Anlagen. 2009 wird ein Rezessionsjahr.
Die makroökonomischen Kennziffern aber heben sich positiv von anderen Staaten der Region ab, mit denen sich Tschechien zu seinem Leidwesen oft als "Osteuropa" in einen Topf geschüttet sieht.
Entscheidend bleibt die Entwicklung in Deutschland, das als Haupthandelspartner 30% der Exporte aufnimmt und 27% der Importe liefert.
Gesamtwirtschaftlicher Ausblick
Die gute Nachricht vorweg: Obwohl durch den Nachfragerückgang auf den Weltmärkten schwer getroffen, gilt die Tschechische Republik als eines der Länder in Mittel- und Osteuropa mit guten Aussichten auf mittelfristige Erholung. Von vergleichsweise robuster makroökonomischer Verfassung kündeten 2008 eine Staatsverschuldung von rund 30% bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), eine Auslandsverschuldung von 42% und ein Leistungsbilanzdefizit von -3,1% bei einem Zufluss ausländischen Direktkapitals von 4,1%. Der Bankensektor gilt durch konservative Haltung und einlagengedeckte Kredite als stabil und stand bisher nicht im Sorgenfokus. Nach Aussagen der Tschechischen Nationalbank liegt der Anteil toxischer Aktiva unter 1% und der von Fremdwährungskrediten an den Krediten der Haushalte bei Null.
Industrie durch Schwerpunkt auf Kfz-Branche in ihrer Struktur anfällig
Schlechte Nachrichten gab es im 1. Quartal 2009 dennoch zu Hauf: Die Industrieproduktion nahm auf Vorjahresbasis um 21% ab, der Außenhandel um 18%, die Aufträge um 23%. Sprunghaft entwickelte sich die Arbeitslosenrate nach oben (laut ILO-Methodik auf 5,8%, laut allgemeiner Arbeitslosenrate auf 7,0%). Einer Schnellschätzung des Tschechischen Statistikamtes zufolge ist das BIP um 3,4% gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum geschrumpft. Laut IWF wird 2009 das BIP um 3,5% kontrahieren, das tschechische Finanzministerium rechnete im April mit -2,3%. Für 2010 wird von einer leichten Erholung ausgegangen.
Die Krise kam als externer Schock durch den Rückgang der für die Exportnation (2008: 67% des BIP) lebenswichtigen weltweiten Nachfrage. Über einen sehr hohen Anteil ausländischer Niederlassungen ist Tschechien eng in die internationalen Produktionsprozesse eingebunden. Nachteilig wirkte und wirkt sich mit Blick auf die gegenwärtige Rezessionslandkarte die Zielrichtung der Exporte aus, die zu 65% in die Eurozone gehen und zu 30% nach Deutschland. Negativ fällt in der Krise auch das verarbeitende Gewerbe ins Gewicht, dessen Anteil an der Wertschöpfung bei einem Drittel liegt. Zugleich ist die Industrie durch die zentrale Stellung der Kfz-Branche in ihrer Struktur anfällig.
Abfedernd soll ein Konjunkturprogramm wirken, dass die Regierungskoalition aus Bürgerdemokraten, Christdemokraten und Grünen noch auf den Weg bringen konnte, bevor sie durch ein Misstrauensvotum am 24.3.09 überraschend gestürzt wurde. Eine Regierung aus parteilosen Experten unter dem langjährigen Leiter des Tschechischen Statistikamts Jan Fischer als Premier ist seit Anfang Mai im Amt und führt das Land bis zu den vorgezogenen Neuwahlen des Abgeordnetenhauses am 9.10.09. Tschechien begegnet der Krise unter anderem mit ausgeweiteten Exportkreditlinien und Garantien, beschleunigten Abschreibungen, einer Senkung der Sozialversicherungsbeiträge für Arbeitgeber und einer Mehrwertsteuerbefreiung von Pkw-Käufen durch Firmen. Arbeitslosen- und Kindergeld wurden erhöht. Mit einer Abwrackprämie wird im Herbst gerechnet. Staatsfinanzierte Kurzarbeit wie in Deutschland gibt es nicht.
Wie die meisten anderen EU-Staaten kommt auch Tschechien um eine Ausweitung der Verschuldung nicht herum, die nach Auskunft des Finanzministeriums bis 2012 jährlich zwischen 4,5 und 4,7% des BIP betragen dürfte. Der Euro rückt damit nicht näher.
Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts
Nach drei Jahren stolzen Wirtschaftswachstums zwischen 6,8 und 6,0% hat die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise das Land im letzten Quartal 2008 hart getroffen. Im Gesamtjahr konnte das BIP noch um 3,2% zunehmen dank der Inlandsnachfrage und der Exporte. Das 1. Quartal 2009 leitete ein Rezessionsjahr ein. Nach Aussagen der Tschechischen Wirtschaftskammer rechnen vier Fünftel der Unternehmen mit einer rückläufigen Auftragslage auch im 2. Quartal. Exporte und Investitionen gehen zurück. Der private Verbrauch, verhalten durch wachsende Arbeitslosigkeit, wird weniger stützen können als erwartet, sollte aber zusammen mit den steigenden Staatsausgaben stabilisierend wirken.
Quellen: Tschechisches Statistikamt, Tschechische Nationalbank
Tschechien Online, 24.6.2009, © Germany Trade and Invest 2009. Foto: Skoda-auto.cz