Erschwerte Kreditkonditionen für Unternehmen

Bankensektor erweist sich als stabil und krisenresistent / Von Miriam Neubert (gtai)

Prag - Tschechiens Banken haben sich in drei von der Tschechischen Nationalbank durchgespielten Belastungsszenarien insgesamt als widerstandsfähig erwiesen. Das negativste ging von einer Kontraktion der Wirtschaftsleistung um 6,2% aus. In keinem Fall müsste nach diesen Ergebnissen der Staat, sprich der Steuerzahler, einspringen.

Doch macht gerade das mit fortschreitender Rezession steigende Kreditrisiko die Banken sehr vorsichtig. Umfragen ergaben, dass schärfere Kreditauflagen die Unternehmen erheblich belasten.

Auch unter pessimistischsten Annahmen ist der tschechische Bankensektor gegen Markt-, Kredit- und weitere Risiken gefeit. Diese Kernaussage zieht sich durch den Bericht über die Stabilität des Finanzsystems, den die Tschechische Nationalbank am 16.6.09 vorgelegt hat. Als einziger in Mittel- und Osteuropa weise der tschechische Bankenensektor eine positive externe Nettoposition auf und sei folglich von einer Fremdfinanzierung unabhängig, heißt es in dem Bericht, der in dem an Unsicherheiten reichen Rezessionsjahr 2009 mit Spannung erwartet wurde.

Bisher habe sich das Finanzsystem in der Krise als eines der stabilsten in der EU erwiesen. Aufgrund der Gewinne 2008 befinde es sich in einer guten Ausgangsposition, gestärkt durch hohe Profitabilität, gute Liquidität, ein hohes Verhältnis der Einlagen zu den Krediten und einen sehr geringen Anteil an Fremdwährungskrediten. Für eine hinreichende Kapitalisierung sprechen eine Eigenkapitalquote von 12,9% (März 2009) und eine über 12% liegende Kernkapitalquote. Das Urteil der Nationalbank: Der Bankensektor wird den Folgen der Krise, dem wachsenden Kreditrisiko bei Unternehmen und Haushalten, standhalten. Grundsätzlich aber gelten die kommenden beiden Jahren als Periode außergewöhnlich hoher Risiken.

Düsterstes Szenario: "Wirtschaftsdepression"

Dem Belastungstest zufolge droht der größte Stress, falls ein "nervöser Markt", das mittlere Wirtschaftsszenario, eintritt. Ausgangspunkt ist der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,9% und eine Abwertung der Krone. Die Verluste durch notleidende Kredite und eine Kombination weiterer Faktoren wären in diesem Fall am größten und könnten Kapitalspritzen im Wert von rund 23 Mrd. Tschechischen Kronen (Kc; 857 Mio. Euro) durch die jeweiligen Eigentümer erforderlich machen. Der Staat werde nicht einspringen müssen. Tschechiens Banken sind weitgehend in ausländischer Hand.

Das düsterste Szenario lautet auf "Wirtschaftsdepression" und rechnet mit einer Kontraktion des BIP um 6,2%; das mildeste geht von der offiziellen Prognose der Nationalbank aus, einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,4%. In beiden Fällen wäre der errechnete Kapitalbedarf der Banken geringer, da die erwarteten Schockreaktionen in eine Zinssenkung münden, die wiederum die Preise der gehaltenen Anleihen erhöht und die Verluste herunter rechnet. Auch Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds wird in diesen drei virtuellen Szenarien gute Widerstandsfähigkeit bescheinigt. Käme es zu einem Preisverfall der gehaltenen Papiere, würde das aber besonders bei den Rentenfonds eine Kapital-Aufstockung durch die Aktionäre erforderlich machen.

Die Geldpolitik der Tschechischen Nationalbank bleibt auf Unterstützung der Stabilität ausgerichtet. Ausgehend von einem deutlichen Rückgang der Inflation wird erwartet, dass Leitzinsen und kurzfristige Geldmarktzinsen in den kommenden beiden Jahren auf niedrigem Niveau bleiben und antizyklisch wirken. Der Leitzins ist seit August 2008 um insgesamt 2,25 Prozentpunkte auf 1,50% (Stand Juni 2009) gesenkt worden.

Fortschreitende Rezession führt zu Liquiditätsengpässen

Mehr als der Finanzsektor hat die reale Wirtschaft zu kämpfen, was von den Folgen wieder auf die Banken zurückwirkt. Das BIP ist im 1. Quartal 2009 nach vorläufigen Angaben des Statistikamtes um 3,4% geschrumpft. Aufgrund der Exportabhängigkeit reagiert die Wirtschaft seismographisch auf das globale Geschehen. Umfragen der Tschechischen Wirtschaftskammer zeigen, dass über 80% der Firmen mit rückläufigen Aufträgen ringen; bei der Hälfte sind die Bestellungen bis Mai im Vorjahresvergleich um über ein Viertel gegenüber dem Vorjahreszeitraum eingebrochen.

Die fortschreitende Rezession führt zu Liquiditätsengpässen und einer Überbrückungsmentalität. So räumen sich die Firmen immer längere Zahlungsfristen ein, beziehungsweise sehen sich als kleinere Zulieferer dem Druck von Großkunden ausgesetzt, die vertraglichen Zahlungsziele auszuweiten, nicht selten von 60 oder 90 auf 120 oder 150 Tage. Presseberichten zufolge spüren auch Nahrungsmittelerzeuger, die schon seit Jahren über die harten Abnahmestrategien verschiedener Einzelhandelsketten klagen, noch stärkeren Druck auf Preise und Zahlungsfristen.

Zugleich nimmt die Zahlungsmoral ab. Mehr als zwei Drittel der Firmen haben nach Informationen der Wirtschaftskammer Probleme mit Zahlungsverzögerungen und höheren Außenständen. Als größter Spätzahler wurde der Staat identifiziert, der im extremen Fall Zahlungen schon auf 240 Tage ausgedehnt haben soll. Das schlägt in einer Kettenreaktion nach unten durch und trifft vor allem die Zulieferer an der Basis. Etwa die Hälfte der Unternehmen gibt zu, inzwischen selbst verspätet zu zahlen. Um die Zahlungsmoral ist es generell nicht gut bestellt. Nach dem European Payment Index der Forderungsmanagement-Gesellschaft Intrum Justitia liegt das Land 2009 in Europa nach wie vor auf einem der hintersten Plätze, gefolgt nur noch von Portugal, Griechenland und Zypern. Doch hat sich die Situation im Zusammenhang mit der Krise offenbar nicht besonders verschlechtert. Die Abschreibungsquote der gesamten Forderungssumme lag in Tschechien mit unveränderten 3% zwar höher als als im europäischen Durchschnitt, der sich indes von 2,0 auf 2,4% verschlechtert hat. Unter Unternehmen betrug die Zahlungsverspätung im Schnitt 19 Tage, der Staat braucht 10 Tage länger. Die Außenstände beliefen sich auf 6 Mrd. Euro. In den Niederlanden war es etwa doppelt so viel.

Unternehmen machen die höheren Auflagen bei der Kreditvergabe zu schaffen

Die Reserviertheit der Banken hat den Mittelzufluss in die reale Wirtschaft gebremst. Im ersten Schock der über das Land einbrechenden Krise hatten die Banken im 4. Quartal 2008 die Kreditvergabe praktisch eingefroren. Das ist laut Branchenkennern Mitte 2009 nicht mehr der Fall. Dennoch machen den Unternehmen die höheren Auflagen zu schaffen. Eine Umfrage der Tschechischen Wirtschaftskammer unter 763 Firmen ergab Mitte Juni, dass über die Hälfte der Befragten im vergangenen halben Jahr schwieriger an Kredite gekommen ist und höhere Sicherheiten beibringen musste. 53% gaben an, wegen der schlechteren Finanzierungsmöglichkeiten Investitionsvorhaben aufgeschoben zu haben. Zwei Drittel mussten gar aus diesem Grund Mitarbeiter entlassen. Das ist aber eine Verbesserung gegenüber dem Jahresbeginn, als zwei Drittel der befragten Firmen über Probleme klagten, Kredite zu erhalten.

Gleichwohl geht im Zuge der abnehmenden Binnen- und Auslandsnachfrage nach tschechischen Produkten auch die Dynamik der jährlich an die Wirtschaft vergebenen Kredite zurück. War ihr Volumen2007 noch um 17% gestiegen, lag der Zuwachs Ende 2008 bei sehr beachtlichen 14%, am Ende des 1. Quartals 2009 aber nur noch bei 10% und dürfte im Zuge der Rezession nach Schätzungen der Nationalbank Ende 2009 ein Niveau um 0% erreichen. Die Zentralbankexperten verweisen auf den relativ niedrigen Verschuldungsgrad tschechischer Unternehmen. Das habe dazu geführt, dass die Drosselung der Kreditaufnahme moderater ausgefallen sei als in den meisten anderen EU-Staaten. Doch könne ein anhaltender Rückgang in den westeuropäischen Ökonomien sich beträchtlich auf die Nachfrage nach tschechischen Produkten auswirken und dadurch die Lage ändern: Eine drastische Zunahme der Insolvenzen im Unternehmenssektor sowie wachsende Kreditausfälle im Bankensektor würden die Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe an Unternehmen erheblich reduzieren. Das Kreditrisikobarometer (auf 12 Monate) der Banken zeigt im Fall der Unternehmen nach oben: Von 3% Anfang 2007 stieg es auf geschätzte 7,5% im 1. Quartal 2009 und könnte je nach Szenario am Jahresende bei 11 bis 13% liegen.

Zahl der Insolvenzen im internationalen Vergleich relativ gering

Im internationalen Vergleich ist die absolute Zahl der Insolvenzen relativ gering. 2008 kamen laut Nationalbankstatistik 50 Insolvenzen auf 10.000 Unternehmen. So ausgedrückt liege die Insolvenzrate unter dem Schnitt sowohl der MOE-Staaten als auch Westeuropas. Die meisten Insolvenzen verzeichnete 2008 die Papierindustrie (233) sowie die Textil- und Lederindustrie (220), gefolgt von Reiseagenturen (172), der Glas-, Keramik- und Baustoffbranche (140), der Nahrungsmittelverarbeitung (123), Chemie- und Kunststoffindustrie (122) sowie dem Bergbau (99). Darunter finden sich viele Unternehmen, die bereits zuvor Probleme hatten und somit nicht im eigentlichen Sinne Opfer der Krise waren.

Das Rezessionsjahr 2009 treibt immer mehr Firmen in die Insolvenz, was die Banken vorsichtiger abwägen lässt. Das Czech Credit Bureau teilte mit, im 1. Quartal seien 356 Firmen vom Konkurs betroffen gewesen, 18% mehr als im Vorjahreszeitraum. Bei Kapitalgesellschaften zogen die Insolvenzen sogar um 27% an. Kreditversicherer Euler Hermes Cescob rechnet damit, dass aufs Jahr gesehen1.690 Unternehmen Bankrott gehen könnten, gut ein Viertel mehr als 2008. Am größten sei das Risiko in der Bauwirtschaft, der Textilindustrie, im Hüttenwesen und unter den Kfz-Zulieferern. Die Unternehmensberatungsgesellschaft Deloitte Ceska republika geht davon aus, dass die eigentliche Welle an Insolvenzen und Zahlungsausfällen noch bevorsteht.

Der Bericht der Tschechischen Nationalbank über die Stabilität des Finanzsystems findet sich auf Englisch unter: http://www.cnb.cz/en/financial_stability/fs_reports/fsr_2008-2009/index.html (mn)


Tschechien Online, 29.6.2009. © Germany Trade and Invest 2009. Foto: CNB.cz
Suche
Tschechien Online auf Facebook und Twitter
Mailingliste von Tschechien Online

anmelden abmelden
Hotelplan Prag

TOPlist