Ein Stück Frieden der geflüchteten Tradition

Das böhmische Exulantendorf Rixdorf in Berlin Neukölln


Berlin/Prag - Es wird ganz ruhig in Berlin, wenn man die belebte und von unzähligen Geschäften (meistens Ramschläden, Second-hand-Shops und Dönerstände) gesäumte Karl-Marx-Straße in Neukölln verlässt, in den Karl-Marx-Platz einbiegt, da, wo Böhmisches Dorf ausgeschildert ist, und als man schließlich den Richardplatz erreicht hat, ist kaum mehr etwas zu hören. Nahezu menschenleer ist es hier, irgendwie idyllisch.

Das Dorf selbst ist schnell erkundet, ein kurzer Abstecher zur alten Dorfschmiede und daran vorbei zur Bethlehem-Kirche, umdrehen und rechts ab in die Richardstraße, dann steht man am Comenius-Garten und hat fast alles gesehen.

Auf Comenius, eigentlich Jan Ámos Komenský, einen tschechischen Pädagogen und Glaubensflüchtling vor der Gegen-Reformation aus dem 17. Jahrhundert, ist man stolz in Böhmisch-Rixdorf. Und das, obwohl er nie hier gewesen ist. Doch er steht sinnbildlich für die Opfer der strikten Rekatholisierungsmaßnahmen des nach dem Dreißigjährigen Krieg fast ganz und gar habsburgischen Königreich Böhmen. Comenius musste ins Exil, wie so viele Protestanten, wenn sie denn konnten; ein Exil, das für Comenius ein hartes Schicksal bereithielt.

Die Böhmen, die in Berlin in Rixdorf landeten, hatten da mehr Glück. Zunächst fanden sie in den 1720er Jahren Asyl in der Oberlausitz und in Potsdam, dann ließen sie sich auf Einladung vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. in Berlin nieder und gründeten 1737 Böhmisch-Rixdorf.

Friedrich Wilhelm dem Ersten ist auch die Statue an der Schnittstelle von Richardstraße und Kirchgasse gewidmet, in tiefer Dankbarkeit der protestantischen Nachkommen. In Eintracht mit dem unmittelbar benachbarten Deutsch-Rixdorf ging daraus später, 1912, der heutige Stadtteil Neukölln hervor. Die einstige tschechische Enklave gilt heute als bedeutendes Kulturdenkmal.

Das vielleicht am besten erhaltene historische Gebäude steht in der Kirchgasse 5, die früher Malá ulièka (Enge Gasse) hieß, und ist heute ein Museum, geöffnet jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 12 bis 14 Uhr sowie donnerstags von 14 bis 17 Uhr.

Heute ist Donnerstag, halb vier, am Eingang steht eine nette Dame, die Brigitta Polinna heißt und mit anderen das Museum im Namen der Herrnhuter Brüdergemeinde, die gleich nebenan liegt, betreut. Sie raucht und dann zeigt sie das kleine Museum, nur zwei Räume groß, in allen Einzelheiten.

Ein paar alte Gebetsbücher liegen da, die meisten davon zweisprachig, dahinter eine Infotafel zu Böhmisch-Rixdorf und dessen Hintergrund, zu den Glaubenskämpfen in Böhmen, zum tschechischen Nationalhelden Jan Hus und Johann Amos Comenius, auch er ein ehemaliger Bischof der Brüdergemeinde. Im hinteren Raum befinden sich traditionelle Gegenstände der früheren böhmischen Bewohner, besonders Musikinstrumente und Kirchentrachten. Auffällig ist die Dominanz der Farbe Weiß, fast alle Exponate der Brüdergemeinde, die den zweiten Schwerpunkt des Museums darstellen, sind in dieser weißen Schlichtheit gehalten, die Kirchenbänke, die Särge.

Die Schmiede, die Kirche und ein böhmischer Friedhof, Gottesacker genannt, und besonders natürlich das Museum erzählen die Geschichte dieses Viertels und seiner Vergangenheit und halten das böhmische Erbe aufrecht. Frau Polinna lässt noch einen Gruß ausrichten nach Prag, den Ort, der von Böhmen aus damals die Andersgläubigen zur Flucht zwang. Heute ist Böhmisch-Rixdorf der Ort, an dem die Partnerschaft der beiden Hauptstädte Berlin und Prag besiegelt wurde.

Von David Zimmermann

Tschechien Online, 2.2.2010. Foto: David Zimmermann


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