2010 weitere Insolvenzen in Tschechien

Bessere Gesetzeslage beschleunigt Prozesse / Von Miriam Neubert (gtai)

Prag - Im Krisenjahr 2009, in dem die Wirtschaftsleistung um 4,3% zurückging, sind in der Tschechischen Republik 1.553 Unternehmen amtlich in Konkurs gegangen. Das waren nach Angaben der Gesellschaft Creditreform 36% mehr als 2008.

Noch stärker schnellte die Zahl der Firmen und Unternehmer hoch, gegen die ein Antrag auf Insolvenz gestellt wurde. 2010 dürfte die Zunahme der Firmeninsolvenzen deutlich abflachen. Sprunghaft hingegen werden sich die Verbraucherinsolvenzen im Gefolge der steigenden Arbeitslosigkeit entwickeln.

Starke Auftragsrückgänge und eine sinkende Zahlungsmoral machten den Unternehmen in der Tschechischen Republik 2009 schwer zu schaffen. Betroffen waren nicht nur die durch die Konkurrenz aus Asien schon länger angeschlagenen Branchen wie Glas- und Porzellanerzeugung oder Textilproduktion. Insolvenzschlagzeilen machten im Soge der Krise auch Betriebe des Maschinenbaus, des Baugewerbes, der Hüttenindustrie, der Kfz-Zulieferbranche, des Transportgewerbes oder Baustoffhandels. Nach Auskunft der Forderungsmanagementgesellschaft Creditreform sind gegen 4.570 Firmen und Unternehmer Anträge auf Insolvenz gestellt worden, wobei 1.721 zu einem großen Teil mangels Masse abgewiesen wurden. Solche Firmen werden meist unspektakulär aus dem Handelsregister getilgt.

Im Zuge eines gerichtlichen Insolvenzverfahrens gingen 1.553 Unternehmen in den Konkurs. Eine ähnlich hohe Zahl hatte es zuletzt 2003 gegeben. Doch lag sie immer noch deutlich unter den Werten der letzten Konkurswelle zwischen 1998 und 2002, die jedes Jahr über 2.000 Betriebe ins Aus getrieben hatte. International gesehen befindet sich die absolute Zahl der Insolvenzen in der Tschechischen Republik 2008 unter dem Durchschnitt etwa der MOE-Länder aber auch Westeuropas mit 50 auf 10.000 Unternehmen. Die meisten Firmenpleiten gab es 2009 in Prag (1.171; Zuwachs gegenüber 2008: 36%), gefolgt von Südmähren (642; 79%) und Südböhmen (301; 56%). Die höchste Dynamik zeigte die Region Pilsen (191, +83%), am geringsten betroffen war die Region Karlsbad (66; 2%).

Zu den vom Umsatz her größten insolventen Unternehmen gehörten laut Creditreform das Stromhandelsunternehmen Moravia Energo, der Glaskonzern Bohemia Crystalex Trading, Textilunternehmen wie Kordarna, Slezan Frydek - Mistek, Schoeller Litvinov, Loana, Baustoffgroßhändler Bierhanzl Group, das Papierunternehmen Olsanske papirny, Kunststofffensterhersteller AQ Okna, Kfz-Zulieferer wie Magneton, GHE Happich CZ, Novak CV oder Maschinenbauer wie TOS, Adast und Teplicka strojirna. Unter Einbezug der privaten Haushalte erhöhte sich die Zahl der Insolvenzen 2009 um 82% auf 8.394.

Nur 16 Betriebe durften 2009 einen Reorganisationsprozess beginnen. Diese Form der geordneten Sanierung im Rahmen einer Reorganisation ist überhaupt erst seit zwei Jahren möglich dank des novellierten Insolvenzgesetzes (Nr. 182/2006 Sb.), das seit dem 1.1.08 in Kraft ist. Nach Auskunft der Rechtsanwaltskanzlei Giese & Partner, die auf tschechisches und grenzüberschreitendes Insolvenzrecht spezialisiert ist, gilt die Möglichkeit der Neustrukturierung für größere Unternehmen ab 100 Mio. Kc Umsatz oder alternativ ab 100 Mitarbeitern. Bei kleineren Firmen müsse die Gläubigermehrheit einer solchen Lösung explizit zustimmen. Bislang bestehen erst wenige praktische Erfahrungen mit geordneten, unternehmenserhaltenden Maßnahmen. Durch die Rezession ist das neue gesetzliche Instrumentarium unerwartet auf die Probe gestellt worden. Die Häufung von Insolvenzen belastet die Gerichte, und in dem allgemeinen Krisenumfeld führt das komplizierte, zeitraubende Antragsverfahren eher dazu, dass Anträge auf ein Reorganisationsverfahren abgelehnt werden. Viele große Gläubiger, meist Banken, haben in unsicheren Zeiten keinen langen Atem für langwierige und risikoreichere Umstrukturierungen und ziehen den schnellen Verkauf vor.

Grundsätzlich hat das Insolvenzgesetz nach Erfahrungen von Giese & Partner die Position der Gläubiger gestärkt und die Verfahren beschleunigt. Doch sei die Zahl der Insolvenzverwalter zu gering. Nach Auslaufen einer Übergangsfrist muss seit dem 1.1.10 ein Insolvenzverwalter die entsprechende Qualifikation und eine Erlaubnis des Justizministeriums nachweisen. Das hat die Zahl der Insolvenzverwalter von 3.700 auf 260 im März 2010 drastisch reduziert. Meist handelt es sich um Rechtsanwälte, Steuerberater oder Betriebswirte. Früher hatten Insolvenzverwalter vom Richter des Verfahrens berufen werden können, was nach Informationen des Verbandes der Insolvenzverwalter in konkreten Fällen zu unerwünschten Verflechtungen geführt habe. Der Verband rechnet damit, dass die Zahl der Insolvenzanträge 2010 weiter steigen wird, auch weil manche Gläubiger die neuen Regelungen abgewartet hätten. Zugleich könnte es mehr Neustrukturierungen geben, da das Insolvenzgesetz explizit Reorganisation und Entschuldung als Alternative zur Liquidation vorsehe.

Die Regierung hat versucht, den Insolvenzdruck etwas abzumildern. Als eine der Antikrisenmaßnahmen gilt bis 1.1.12 die Ausnahme, dass ein überschuldetes Unternehmen nicht obligatorisch einen Insolvenzantrag stellen muss. Diese Pflicht gilt erst bei Zahlungsunfähigkeit.

Dennoch ist die Krise auch 2010 für viele Unternehmen und noch weitaus mehr Haushalte nicht ausgestanden. Im Januar und Februar gab es gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 16% mehr Firmeninsolvenzen (772), was aber bereits deutlich unter dem Jahresdurchschnitt 2009 liegt. Im gleichen Zeitraum entwickelten sich die Verbraucherinsolvenzen mit über 204% sehr drastisch auf 1.131 Fälle. Seit November 2009 übersteigt ihre Zahl die der Unternehmen deutlich. Durch die Einführung eines neuen Instituts der Entschuldung versucht das Insolvenzgesetz auf die wachsende Verschuldung der Verbraucher zu reagieren. Creditreform rechnet im Laufe 2010 mit einem Anstieg der Insolvenzen, wobei sich die Dynamik bei den Firmen verlangsamen, bei den Privatinsolvenzen erhöhen dürfte. Die Arbeitslosenrate ist im Februar 2010 auf 9,9% weiter angestiegen. Das bedeutete, dass über 580.000 Menschen in Tschechien keine Arbeit hatten. Da im Augenblick kaum neue Jobs entstehen, kommen viele von ihnen bei der Bedienung von Hypotheken und Konsumentenkrediten in Schwierigkeiten.

Gemischt sah das Bild Anfang 2010 bei den Unternehmen aus: Auf der einen Seite mussten weitere namhafte Firmen Konkurs anmelden - Henniges Automotive (Kfz-Zulieferer), BG Maxima, früher Apos (Papierschneidemaschinen), Porkert (Küchenmühlen), Zlin Moravian Aviation, früher Czech Aircraft (Sportflugzeuge) oder OP Prostejov, das größte nationale Konfektionsunternehmen. Auf der anderen Seite eröffneten sich durch die beschleunigten Verfahren und den schnellen Verkauf von Teilen zusammengebrochener Firmengruppen auch neue Perspektiven. Aus der Konkursmasse des Glasunternehmens Bohemia Crystalex Trading beispielsweise retteten Investoren die Firmen Sklarny Kavalier und Crystalex fast nahtlos in eine neue Zukunft. Anfang 2009 nahmen sie unter ihren neuen Besitzern in kleinerem Rahmen und mit zum Teil veränderter Palette die Produktion wieder auf.

Auch die Restrukturierung lieferte ein positives Beispiel. Als größtes Unternehmen hatte der Fertiger technischer Textilien, Kordarna, die Chance auf Neuorganisation erhalten. Das Werk konnte dadurch normal weiterarbeiten und seine Aufträge erfüllen. Im Januar 2009 wurde es von der Brünner Finanzgruppe JET Investment gekauft. Auch die Gläubiger des Bekleidungsherstellers OP Prostejov konnten sich auf eine Reorganisation des Unternehmens einigen. Binnen 120 Tagen muss das Management einen entsprechenden Plan erstellt haben. Lehnen die Gläubiger diesen ab, wird ein Konkursverfahren eingeleitet. Gesucht wird ein strategischer Investor.

Wer in dem schwierigeren Wirtschaftsumfeld über das Schicksal von Geschäftspartnern auf dem Laufenden bleiben oder Forderungen anmelden muss, hat im Tschechischen Insolvenzregister einen wichtigen Auskunftslieferanten. Diese elektronische Datenbank (https://isir.justice.cz/isir/common/index.do) enthält öffentlich zugänglich alle relevanten Angaben über ein Insolvenzverfahren, ebenso ein Verzeichnis der Insolvenzverwalter. Doch weisen Experten darauf hin, dass die Öffentlichkeit des Insolvenzregisters mitunter auch zum Missbrauch anregt. So gibt es Versuche, durch einen Antrag Druck auf ein Unternehmen auszuüben oder es zu diskreditieren. Auch kann ein verschuldetes Unternehmen durch einen Insolvenzantrag verhindern, dass es im Rahmen einer Zwangsvollstreckung versteigert wird.

Tschechien Online, 15.3.2010. © 2010 Germany Trade and Invest


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