Eigentliche Probleme werden erst 2010 erwartet / Einbruch beim Wohnungsbau und kommerziellen Immobilien / Von Miriam Neubert (gtai)
Prag - Die Leistung des tschechischen Bau- und Ausbaugewerbes hat 2009 in konstanten Preisen im Vergleich zum Vorjahr um 1,0% abgenommen, was vom Ergebnis her wesentlich glimpflicher ausfiel, als ursprünglich vom Verband der Bauindustrie befürchtet.
Während der Hochbau um 7% nachließ, hat der Tiefbau mit einem Wachstum von 14,3% stützend wirken können. Für 2010 ist das öffentliche Infrastrukturbudget mit 96,0 Mrd. Kc (3,8 Mrd. Euro) noch einmal gut gefüllt. Sorgenkind bleibt der Hochbau, der über 80% der Firmen Geschäfte bringt.
Im Vergleich mit den Industrieunternehmen, deren Produktion 2009 um 13% sank, ist es den Bauunternehmen in der Tschechischen Republik mit einem Minus von 1,0% noch gut gegangen. Dafür brach ihre Leistung im Januar 2010 im Vorjahresvergleich um 25% ein, während die der Industrie real und bereinigt um die Zahl der Arbeitstage um 8,0% zulegte. Kenner der Baubranche lasten diesen Einbruch vor allem dem harten Winter an und weniger der Krise. Dennoch gingen die Unternehmen im Januar davon aus, dass die Bauproduktion 2010 um 3% zurückgehen wird, so das Ergebnis einer Umfrage, die die Gesellschaft CEEC Research unter 100 Baufirmen durchführte. Eine Stabilisierung und die Rückkehr zum Wachstum hielten diese erst 2011 für wahrscheinlich. Großunternehmen waren dabei pessimistischer als mittelständische Firmen. Über weniger Bauaufträge als im Vorjahr klagten 45% der Firmen. Alle Befragten sahen sich in ihrem Wachstum eingeschränkt, vor allem durch die unzureichende Nachfrage. Als weitere Probleme gelten die Bürokratie, die scharfe Konkurrenz und Finanzierungsprobleme.
Baufirmen bekommen schlechtere Zahlungsmoral zu spüren
Der allgemeine Druck führt zu einer schlechteren Zahlungsmoral. Dies bemerkten 78% der Baufirmen in einer Befragung der Marktforschungsgesellschaft Incoma Gfk. Ein Jahr zuvor waren es erst 34%. Aus der Umfrage ging hervor, dass die Branche nicht mehr auf ausländische Direktinvestitionen setzt und befürchtet, dass Investitionen in Modernisierung und Rekonstruktion zurückgehen werden. Eine Chance sehen die Firmen darin, dass öffentliche Projekte mit privaten Partnern (PPP) in Gang kommen könnten. Das tschechische Pionierprojekt in Sachen PPP steht kurz vor dem Vertragsabschluss. Es geht dabei um Bau und Betrieb verschiedener Gebäude um das Militärkrankenhaus im Prager Stadtteil Stresovice (darunter Parkplatz, Hotel, Wohnheim für Personal, Informationszentrum, Erholungseinrichtung). Fast sechs Jahre hat die Genese dieses ersten PPP-Vorhabens gedauert. Zum Gewinner der Ausschreibung wählte die Auswahlkommission Anfang März 2010 ein Konsortium um das Bauunternehmen Metrostav Development. Pressemeldungen zufolge sollen sich die Kosten des Auftrag entgegen ursprünglichen Plänen auf 2,6 Mrd. Kc (rund 102,3 Mio. Euro; Wechselkurs am 18.3.10: 1 Euro = 25,40 Kc) verdoppelt haben. Die endgültige Zustimmung des Kabinetts zu dem Vorhaben stand zur Drucklegung dieses Artikels noch aus. Von der Überlegung, auch den Bau der Autobahn D3 in Form eines PPP-Projekts voranzubringen, ist die Regierung abgekommen.
Die gute Entwicklung des Tiefbaus verdankt sich daher vor allem den EU-Fördergeldern, die verschiedene Verkehrsinfrastruktur- und Kanalisationsprojekte antreiben. Für 2010 ist das Budget des Staatlichen Fonds für Verkehrsinfrastruktur auch noch gut gefüllt. Mit 96 Mrd. Kc (3,8 Mrd. Euro) ist eine Rekordsumme eingeplant worden. Dem stellvertretenden Verkehrsminister Tomas Kaas zufolge könnten aber bereits 2011 rund 30 Mrd. Kc (1,2 Mrd. Euro) für Schlüsselverbindungen zu fehlen. Davon wären besonders die Vorbereitung neuer Projekte und der Kauf notwendiger Grundstücke betroffen. Schon 2010 sieht die für den Bau von Autobahnen und Schnellstraßen zuständige Autobahndirektion keinen Tender zu neuen Bauvorhaben vor, da zu viele Projekte im Laufen sind. Allein Reparaturarbeiten und Rekonstruktionen sollen ausgeschrieben werden, wofür 1,2 Mrd. Kc (47,2 Mio. Euro) eingeplant sind.
Die Auftragsentwicklung kündet davon, dass der Bauwirtschaft das eigentliche Krisenjahr erst bevorsteht. Obwohl die Zahl der Aufträge 2009 auf 33.720 anstieg, sank ihr Wert um 26,4% gegenüber dem Vorjahr drastisch auf 183,6 Mrd. Kc (7,2 Mrd. Euro). Besonders ausgeprägt war der Einbruch im Hochbau, wo die Auftragswerte um 35,7% auf 76,0 Mrd. Kc (3,0 Mrd. Euro) abnahmen. Aber auch der Tiefbau brachte mit 107,6 Mrd. Kc (4,2 Mrd. Euro) um 18,1% weniger Geschäft. Zum Teil begründet das Tschechische Statistikamt diesen Rückgang mit der hohen Vergleichsbasis des Jahres 2008 und seiner rasanten Auftragsentwicklung im Tiefbau (+51,8%) gegenüber 2007. Der Durchschnittswert neu abgeschlossener Aufträge 2009 betrug 5,4 Mio. Kc (212.600 Euro) und lag damit um 31,4% unter dem Niveau von 2008.
Zum Ende des 4. Quartals 2009 hatten die Bauunternehmen mit 50 und mehr Angestellten insgesamt 8.600 Aufträge unter Vertrag. Dieser Vorrat an noch nicht begonnenen Bauarbeiten umfasste einen Wert von insgesamt 173,7 Mrd. Kc (6,8 Mrd. Euro). Der überwiegende Teil entfiel mit 154,6 Mrd. Kc (6,1 Mrd. Euro) auf Bauaufträge im Inland. In den meisten Fällen war der Auftraggeber die öffentliche Hand (4,6 Mrd. Euro), während die private Seite mit 1,5 Mrd. Euro deutlich weniger aktiv war.
Branchenkenner rechnen mit Nachfragerückgang auf dem Wohnungsmarkt und auch bei kommerziellen Immobilien
Auf einer Fachkonferenz über Perspektiven der Bauwirtschaft in der Tschechischen Republik und der Slowakei in Brünn zählte der Vorsitzende des Verbandes der Bauindustrie, Vaclav Matyas, zu den Trends, die Tschechiens Bauwirtschaft in den kommenden Jahren beeinflussen werden: mehr Energieversorgungsbauten und energieeffiziente Gebäude, größere Umweltfreundlichkeit, neue progressive Materialen und Bauelemente, verstärkte Rationalisierung der Organisationsstrukturen, höhere Aktivität bei den Ausbildungsprozessen und das Verschwinden personell und technologisch schwacher Firmen. Als Hauptprobleme der Branche bezeichnete Matyas die Entwicklung des Hochbaus und die Finanzierung der Ingenieursbauten.
Branchenkenner rechnen damit, dass sowohl auf dem Wohnungsmarkt, als auch bei kommerziellen Immobilien die Nachfrage abnehmen wird. Dem Statistikamt zufolge wurde 2009 mit dem Bau von 37.319 Wohnungen begonnen. Das waren 14,3% weniger als im Vorjahr. Erstmals nach 15 Jahren sind damit weniger Wohnungen begonnen als fertiggestellt worden. In wirtschaftlich unsichereren Zeiten reagieren die Verbraucher verunsichert hinsichtlich ihrer verfügbaren Einkommen und haben Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Der Kreditzugang hat sich verschlechtert. Ungewissheit hinsichtlich der Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt lässt viele abwarten.
Laut Miroslav Linhart von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte hält der Trend zu sinkenden Mieten und hohem Wettbewerb bei kommerziellen Immobilien an. Dies werde den Bau neuer Bürogebäude negativ beeinflussen. Hinzu komme die schlechte finanzielle Situation vieler Developer, die mit der Bedienung ihrer Schulden Probleme hätten, so dass die Banken noch vorsichtiger walten und selbst lebensfähige Projekte verschoben würden. Die sinkende Nachfrage der Entwicklungsgesellschaften nach Baukapazitäten wird nach Einschätzung von Jiri Fajkus, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Immobiliengesellschaft Real Spektrum, zu einer Marktbereinigung auf der Angebotsseite führen. Das quantitative Wachstum werde dadurch ein Ende haben. Statt dessen sieht Fajkus im schärferen Wettbewerb Qualität, Flexibilität und Wirtschaftlichkeit nach vorn rücken.
Struktur der Bauaufträge in Tschechien (in Mio. Kc, laufende Preise) *)

*) Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten
Wechselkurse: 1. Halbjahr 2008: 1 Euro = 25,194 Kc; 2008: 1 Euro = 24,942 Kc; 1. Halbjahr 2009: 1 Euro = 27,142 Kc; 2009: 1 Euro = 26,445 Kc
Quelle: Tschechisches Statistikamt
Tschechien Online, 25.3.2010. © Germany Trade and Invest 2010