Tschechische Forschung im Umbruch

Förderoffensive will Wissenschaft und Unternehmen besser vernetzen / Von Miriam Neubert (gtai)

Prag - Für Tschechiens Forschung ist 2010 ein Jahr der Weichenstellungen. Hochschulen und Institute der Akademie der Wissenschaften bewerben sich um EU-Mittel in Höhe von umgerechnet 1,6 Mrd. Euro, um Forschungszentren der Spitzenklasse zu gründen.

Weitere 1,8 Mrd. Euro unterstützen Unternehmen bei Entwicklungsprojekten und innovativen Prozessen. Hand in Hand damit geht eine Reform des nationalen Systems der Forschung, Entwicklung und Innovation mit dem Ziel größerer Effizienz und Anwendungsorientiertheit.

Berühmte Erfindungen der Vergangenheit wie die Schiffsschraube, weiche Kontaktlinsen oder der Plastiksprengstoff Semtex gehen auf böhmische und mährische Forscher zurück. In der Gegenwart gelang dank des Beitrags tschechischer Antivirenforscher vom Institut für Organische Chemie und Biochemie der Akademie der Wissenschaften der Durchbruch bei Medikamenten zur Aidsbekämpfung, hat die Findigkeit tschechischer Ingenieure eine Maschine geschaffen, die Nanofasern industriell zu Vliesen verarbeiten kann. Als zukunftsträchtig mögen sich vielleicht frische Patente erweisen, denen die Anwendung noch bevor steht, wie der künstliche Transportstoff Bambusuril, der an der Masaryk-Universität in Brünn entwickelt wurde, oder die mögliche Wachstumsblockade von Tumoren, die Wissenschaftler des Instituts für Molekulargenetik der Akademie der Wissenschaften entdeckten.

Trotz manch positiver Beispiele werden akademische Forschungsergebnisse aber immer noch viel zu selten in Produkt- und Verfahrensinnovationen umgesetzt. Das Potenzial ist vorhanden, wie der aktuelle Global Competitiveness Report zeigt, in dem das Land bei fast allen Innovationskennziffern Wettbewerbsvorteile aufweisen kann. Besonders gut schneiden im internationalen Ranking von 133 untersuchten Ländern mit Platz 19 die Forschungseinrichtungen ab - im öffentlichen Bereich sind das die 54 Institute der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik und 26 Universitäten. Doch reicht ein Blick auf die Patentaktivität, die als ein wichtiger Gradmesser für Forschungseffizienz und Innovationsintensität gilt, um zu sehen, dass vorhandene Potenziale nicht hinreichend genutzt werden: Geht es um die Anmeldungen beim Europäischen Patentamt pro Million Einwohner zeigt Tschechien hier zwar von 1996 bis 2007 eine Entwicklung von 3 auf 16, ist aber angesichts eines EU-Schnitts von 117 damit noch weit abgeschlagen. Als Triebkräfte der Wirtschaftsentwicklung spielen Forschung und Innovation daher noch nicht die Rolle, die sie spielen könnten.

Kritisch hat die Regierung in der im Juni 2009 verabschiedeten "Nationalen Wissenschafts- Forschungs- und Innovationspolitik 2009 bis 2015" den Sektor unter die Lupe genommen. Konstatiert wird eine unzureichende Qualität der Leistung, die sich in niedriger Publikationstätigkeit und internationaler Zitierung zeige, ebenso in geringer Zahl von Patenten, neuen Technologien, Produkten und Dienstleistungen. Die Wissenschaftsseite sei an einem Transfer noch zu wenig interessiert, produziere nicht genug vermarktungsfähige Ergebnisse und Spin-off-Firmen. Die Wirtschaft wiederum investiere in F&E weniger als andernorts, passe lieber Produkte an den lokalen Markt an und nutze die komparativen Vorteile des Landes, vor allem die billigere Arbeitskraft. Eine Finanzierung innovativer Aktivitäten in Form von Risikokapital sei praktisch nichtexistent.

Um dem abzuhelfen, ist 2009 eine umfassende Forschungsoffensive gestartet worden, die bis 2015 eine moderne, mit Spitzentechnologien ausgestattete Wissenschaftsinfrastruktur schaffen soll, den Sektor strategisch ausrichtet, ihn international und unternehmerisch dichter vernetzt. Parallel gefördert werden Entwicklungs- und Innovationsaktivitäten von Unternehmen. Motor dieses Prozesses sind über vier Mrd. Euro an EU-Fördermitteln. Zeitgleich ist eine umstrittene Reform der öffentlichen Wissenschaftsfinanzierung in Gang gekommen, die Universitäten und Institute stärker zur Zusammenarbeit mit den Unternehmen motivieren soll. Ihr Schwerpunkt liegt auf der angewandten Forschung, was von Seiten der vor allem in der Akademie der Wissenschaften konzentrierten Grundlagenforschung heftig kritisiert wird.

Statt wie zuvor das gesamte Spektrum zu finanzieren, haben jetzt acht Fachrichtungen Priorität: Biologische und ökologische Aspekte der nachhaltigen Entwicklung; Molekularbiologie und Biotechnologie; Energiequellen; Werkstoff- und Materialforschung; wettbewerbsfähiger Maschinenbau; Informationsgesellschaft; Sicherheit und Verteidigung; Prioritäten der Entwicklung der Gesellschaft. Die Regierung unter Premierminister Petr Necas will den Reformweg weitergehen und den Kreis der Forschungsfelder noch einmal verdichten. Wissenschaftliche Leistungen sollen fortan regelmäßig bewertet werden. Unternehmen, die über die Finanzierung von Projekten die Forschung an Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Institutionen unterstützen, sollen dafür Steuervergünstigungen in Anspruch nehmen dürfen.

Die EU-Fördermittel bieten eine einmalige Chance: Mit über 800 Mio. Euro unterstützen sie auf tschechischem Boden die Entstehung hochprofilierter europäischer Exzellenzzentren, Top-Wirkungsstätten, die die Wissenschaftselite im Land halten und über die sich Tschechien thematisch in der europäischen Forschungslandschaft positionieren soll. Ebenso hoch ist die Summe, die für Forschungszentren bereitsteht, welche auf regionaler Ebene Schwerpunkte setzen, in denen sich die Kompetenzen unterschiedlicher Institutionen bündeln und die, auch zu ihrer künftigen Finanzierung, unternehmensnah arbeiten. Die Gelder fließen über das Operationelle Programm Forschung und Entwicklung für Innovationen (OP VaVpI), das von dem für F&E zuständigen Ministerium für Bildung, Jugend und Sport koordiniert wird.

Hochschulen und Forschungsinstitute hatten bis November 2009 Gelegenheit, Förderanträge zu stellen. Die beantragten Mittel überstiegen die ausgeschriebenen Summen um ein Mehrfaches. Nach nationalen und internationalen Selektionsrunden waren noch 38 Projekte im Rennen. Feste Förderzusagen hatten Anfang Juli 2010 zehn Vorhaben zu regionalen Entwicklungszentren erhalten; die übrigen dürften im Laufe des Sommers bekannt werden. Über die Europäischen Exzellenzzentren, zu denen neun Projekte in die engere Wahl kamen, soll im Herbst 2010 entschieden werden. Darunter sind fünf Großprojekte, bei denen die beantragte Förderung 50 Mio. Euro übersteigt. In solchen Fällen hat das letzte Wort die Europäische Kommission.


*) Stand zum 8.7.10
Wechselkurs 2009: 1 Euro = 26,445 Kc; 8.7.10: 1 Euro = 25,445 Kc
Quelle: Ministerium für Bildung, Jugend und Sport ( www.msmt.cz)


Quelle: Ministerium für Bildung, Jugend und Sport

Erste Gewinner dieses Auswahlmarathons haben bereits mit der Ausschreibung von Bauarbeiten und wissenschaftstechnischen Ausrüstungen begonnen . Am höchsten dotiert ist bislang mit fast 900 Mio. Kc (rund 35 Mio. Euro) das regionale Forschungszentrum Biomedreg, in das zur Erforschung von Tumor- und Infektionserkrankungen über 130 Wissenschaftler aus Tschechien und dem Ausland eingebunden werden sollen. Beispielhaft steht es für die angestrebte Verzahnung von Universitäten und Wissenschaftsinstituten. Partner der Palacky-Universität sind das Unikrankenhaus Olomouc, das Institut für organische Chemie und Biochemie der Akademie der Wissenschaften und die Hochschule für Chemie und Technologie in Prag. "Im Bereich der Molekular- und Translationsmedizin ist es in Tschechien ein einmaliges Projekt", urteilt Professor Miroslav Maslan, Rektor der Palacky-Universität. "Ein Ziel ist es, die Forschungsergebnisse sehr schnell in die Praxis umzusetzen." Neben diesen regionalen Leuchtturmprojekten werden die Entscheidungen über die Europäischen Exzellenzzentren das Gesicht der tschechischen Forschungslandschaft prägen.

Diese außergewöhnlichen Investitionen werden sich ab 2010 auch statistisch niederschlagen. Schon bisher sind die Forschungsausgaben kontinuierlich gestiegen, haben sich zwischen 2000 und 2008 verdoppelt - selbst wenn es 2008 erstmals nach vielen Jahren einen leichten Rückgang um 0,3% auf 54,1 Mrd. Kc (2,2 Mrd. Euro) gab. Ihr Anteil am BIP sank dadurch auf 1,47% (2007: 1,54%). Damit gehört Tschechien unter den neuen EU-Mitgliedstaaten zur Spitze, liegt aber noch unter dem Durchschnitt der EU (1,90%) und Ländern wie Deutschland (2,63%) oder gar Schweden (3,73%). 2008 betrugen die öffentlichen Forschungsausgaben 22,3 Mrd. Kc, was mit 0,6% des BIP im EU-Schnitt lag. Davon flossen 43% in die öffentliche Forschung, 37% in die Hochschulen. Die Unternehmen erhielten mit einem Fünftel deutlich mehr als in den westlichen EU-Staaten.

Unterdurchschnittlich im internationalen Vergleich ist das Forschungsengagement der Unternehmen. Laut einer Studie der Hochschule für Wirtschaft (VSE) in Prag waren im Jahr 2006 nur 28% von ihnen innovativ tätig. Am ehesten ist das bei Großbetrieben der Fall (63%), am wenigsten bei KMU (23%). 2008 trug der Unternehmenssektor rund 52% zu den nationalen Forschungsinvestitionen bei (Staat: 41%).

In der Industrie ist Innovation ein stark kostengetriebener Prozess. Es gilt, häufig in Innovationspartnerschaft mit dem Kunden, ein Produkt preiswerter, aber auch robuster, umweltfreundlicher, von der Funktionalität her besser oder vom Design her aktueller zu gestalten. Da Tschechien als Standort aus seiner Rolle der verlängerten Werkbank inzwischen herausgewachsen ist, gehören zu den innovativen Firmen zunehmend auch Töchter ausländischer Unternehmensgruppen.

Eine von ihnen ist Kostal CR in Zdice, die als Niederlassung des deutschen Mechatronik-Spezialisten Kostal Lenksäulenmodule für Kunden in der Automobilindustrie nicht nur produziert, sondern in einem Mechatronik-Zentrum auch selbst entwickelt. "Das Bestreben geht dahin, das in der Fertigung erworbene Know-how in die Entwicklung mit einfließen zu lassen, weshalb diese produktionsnah stattfinden muss", sagt Joachim Grabowski, Geschäftsführer von Kostal CR. Bei kurzen Regelkreisen zwischen dem Vorrichtungs- und Werkzeugbau, dem Einkauf, der Serienproduktion und der Entwicklung sei die nächste Evolutionsstufe eines Lenksäulenmoduls reibungsloser zu erreichen. Das Entwicklungszentrum in Tschechien ist nach dem deutschen mittlerweile das zweitgrößte im europäischen Unternehmensverbund. Zu den wesentlichen Faktoren, die eine Kooperation begünstigen, zählt Grabowski die Qualifikation der Mitarbeiter, die Sprachkenntnisse und die tschechische Industrietradition. Deutlich stärker als vor zehn Jahren müsse heute bei der Einstellung junger Mitarbeiter in deren Ausbildung investiert werden.

Kostal CR hatte vor einigen Jahren von einem Subventionsprogramm profitieren können, mit dem der tschechische Staat Unternehmen bei der Gründung von Technologiezentren unterstützte. Das umfangreichste Projekt, das im Rahmen dieses Programms gefördert wurde, war das Technologiezentrum des Automobilherstellers Skoda Auto. Zu den Förderempfängern gehörten auch Honeywell (USA) oder Lonza Biotech (Schweiz). An die Stelle dieser nationalen Investitionsanreize sind seit 2008 die EU-Fördermittel getreten. Das vom Ministerium für Industrie und Handel verantwortete Operationelle Programm Unternehmen und Innovationen unterstützt Entwicklungsaktivitäten von Unternehmen, ihre Forschungsstruktur, Patent- und Clusteraktivität bis 2013 mit insgesamt 1,8 Mrd. Euro.

Über 150 Firmen haben mit Hilfe dieser Fördermittel Technologiezentren gegründet oder innovative Technologien angeschafft. Eigens gefördert werden auch die Schnittstellen zwischen Unternehmen und öffentlichen Forschungseinrichtungen - Cluster, Technologieparks oder andere Kooperationsformen, über die Forschungsergebnisse wirtschaftliche Anwendung finden oder konkrete Aufgaben der Industrie von der Wissenschaft gelöst werden. Ein Blick auf die Listen der für die Vermittlung zuständigen Wirtschaftsförderungsagentur CzechInvest zeigt, dass an dieser dynamischen Förderphase neben vielen tschechischen auch Niederlassungen deutscher und anderer ausländischer Unternehmen teilhaben. (mn)

Tschechien Online, 19.8.2010. © Germany Trade and Invest 2010


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