
In der Tschechischen Republik ist Daniela Fischerová vor allem als Dramatikerin bekannt. Als Prosaautorin profilierte sie sich erst Mitte der neunziger Jahre. Und in der Schar der ins Deutsche übersetzten tschechischen Gegenwartsautoren ist sie ein völliger Neuankömmling.
Dem winzigen Elfenbein-Verlag sei schon an dieser Stelle für den verlegerischen Mut gedankt. Denn Danielas Fischerovás Erzählband Fern und nah (tschechischer Originaltitel: Der Finger, der niemals berührt) ist eine leise und schwere Prosa, die kaum ein massenhaftes Leserpublikum zum Kauf animieren wird.
Bereits in der ersten der insgesamt sieben stark autobiographischen Erzählungen, die der Band umfasst, wird deutlich, wie sorgfältig sie das Verhältnis zwischen Worten und deren Ausdruckskraft abwägt, ausbalanciert, jedes Zuviel erbarmungslos entfernt. Da ist nichts Gefälliges, nichts Ausmalendes zurückgeblieben, das Erzählen ist holzschnittartig verkürzt.
Die ich-Erzählung über die eigenartige Tante Marie, die lange schwarze Kleider mit Volants trägt, nicht nur von der eigenen Schwester gemieden wird, nie ins Dorf geht, in dem man sie einst mit Steinen bewarf wegen ihrer Liebe zu einem Deutschen und dem Kind, aus dessen Perspektive erzählt wird, gar mit einem Namen ruft, birgt Geheimnisvolles, entfaltet in dieser sprachlich so sparsamen Gestalt eine Anziehungskraft, die nicht loslässt. Geheimnisvoll ist das Fremde, das „Deutsche“ an Tante Marie, geheimnisumwoben auch ihre ungelebte Liebe zu dem Deutschen Franz, der seit seiner Abreise im Krieg kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hat.
Eigenartig fesselt an dieser Protagonistin ihre wiederholte Aufforderung an das vierjährige Kind, einmal eine Geschichte über sie zu schreiben. Fast wie ein Beschwörung äußert Tante Marie dies immer wieder. In spannungsreichem Gegensatz zu all dem nur Angedeuteten, halb oder gar nicht Ausgesprochenen im Wesen dieser Marie steht das unbefangene Verhältnis des Kindes zur Tante. Dem Leser, der hinter all dem eher die kühle Angst der Marie vor dem eigenen Vergehen, verspürt, schlägt die frische und lebenshungrige Wahrnehmung des Kindes entgegen, das gerne mit Tante Marie im Garten gräbt, mit Interesse deren Geschichten lauscht, belehrt wird, dass solche Korkenzieherlocken, die Marie jeden Morgen mit einem Brennstab aufs neue produziert, „uns Frauen Anmut verleihen“.
Steht bei der Erzählung „Meine Gespräche mit Tante Marie“ das jähe Ende der innigen Beziehung zwischen Erzählerin und Protagonistin am Schluss, ungemildert und schmerzlich, so ist auch in „Brief an Präsident Eisenhower“ die Beziehung das Thema, um das es in erster Linie geht. Hier zerbricht eine neben der Freundschaft zu einer Mitschülerin auch das Vertrauen zu einer abstrakteren Umwelt, der Erzieher, der Schule.
Die zehnjährige Erzählerin ist stolz, dass ausgerechnet ihr der Auftrag zuteil wird, im Namen der tschechoslowakischen Kinder einen Brief an Präsident Eisenhower zu schreiben und ihn um Frieden zu bitten. Doch muss sie später entdecken, dass der Brief nicht über den Ozean, sondern nur bis ans Schwarze Brett der Schule gelangt ist. „Der Brief war nicht zum Abschicken bestimmt. Um seinen Adressaten ging es gar nicht. Nur zum Schein. Auch dieser Brief - eine Geste, die ihr Ziel verfehlt, ein Finger, der vielleicht in eine Richtung zeigt, aber nie etwas berührt.“. Schmerzvoller und eindrücklicher für die Zehnjährige ist jedoch, dass durch ein Zerwürfnis über diesen Brief, die Beziehung zur Klassenkamaradin Hanièka in die Brüche geht und auch nach den Ferien nicht mehr so ganz wird.
In der Erzählung „Fern und nah“ skizziert die Autorin die Beziehung zu einem Mann, die sie die Relativität von räumlicher, zeitlicher und emotionaler Entfernung erfahren läßt. Hier ist die Erzählrichtung umgekehrt: Erst das einseitige Wiedersehen am Bildschirm ruft in der Autorin die Erinnerung an eine Beziehung wach, die sich in Nähe öffnete.
Daniela Fischerova beherrscht die Kunst des Weglassens. Auch inhaltlich. Ihr Erzählen ist konzentriert und verhalten und steht in Einklang mit der komplexen dargelegten Beziehungs- und Gedankenwelt der Erzählerin. Vielleicht mag ihr mancher den „Kampf mit dem Dämon überflüssiger Komplikationen vorwerfen“, doch ebenso kann man darin das Ringen um das adäquate Schildern von Wirklichkeiten erkennen, die in kein Schema passen.
Unterstrichen wird das durch die sensible Übertragung ins Deutsche von Sophia Marzolff, die das Holzschnittartige des Erzählstils von Daniela Fischerova, das Karge und Sparsame in die andere Sprache hinüberrettet und alle Geschwätzigkeit meidet, wodurch die Wirkung intensiviert wird.
Nein, da ist nichts Gefälliges in dieser Autorin, sie greift tiefer, sie streckt einen Finger in des Lesers Seele, die Fragen aufwerfen, ohne dass er nicht berührt. Oder vielleicht eben doch.
Von Minne Bley