Petra Hùlová: Pamìt mojí babièce (Ein Gedächtnis für meine Großmutter), Praha (Torst) 2002, ISBN 80-7215-174-6, 235 S., 199.- CZK
Da der Torst Verlag auf dem Tschechischen Literaturmarkt etwa einen Rang bekleidet wie Hanser oder Suhrkamp auf dem deutschen, kann man beinahe immer mit Sicherheit davon ausgehen, dass die aufgelegten Neuerscheinungen keine Blindgänger sind. So erfüllt auch der Band der Debutantin Petra Hùlová Pamìt mojí babièce alle hochgeschraubten Erwartungen.
In schlichter, bilderarmer und dabei ausgesprochen lebendiger und konzentrierter Sprache verarbeitet die erst 27jährige Autorin, die an der Karlsuniversität Kulturwissenschaften und Mongolisch studiert, einen einjährigen Aufenthalt in dem asiatischen Land, von dem im Westen nur wenige wissen, wo es überhaupt liegt.
Die Kultursphären fließen in den persönlichen Erlebnissen und Begegnungen der Erzählerin ineinander, verschmelzen und stossen sich ab. Ein literarisches Debüt, von dem man sich wünscht, dass er recht bald auch ins Deutsche übersetzt wird.
Viktor Fischl/Pavel Fischl: Trojpovídka o dluzích (Drei Geschichten über Schulden) , Praha (garamond) 2002, ISBN 80-86379-45-0, 127 S., 149.- CZ
Beide Brüder überlebten den Albtraum - der ältere, Viktor emigrierte bereits 1939 nach Großbritannien, der um zehn Jahre jüngere Pavel durchlebte die Hölle in Theresienstadt und Auschwitz und kam mit dem Leben davon.
In der erstmals erschienen Prosa (Viktor Fischl publizierte als israelischer Diplomat, der den jungen Staat ab 1948 in sieben europäischen Ländern über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren vertrat, bereits zahlreiche Prosabände, die bei der tschechischen Leserschaft ausgesprochen beliebt sind) geht es in drei Variationen um das Thema „Schulden“, man begegnet den Schwierigkeiten, mit denen man vornehmlich die moralischen abgleichen kann: die Schulden des Vaters der Autoren, die auch der Sohn nicht abtragen kann, weil alle Gläubiger in Auschwitz ihr Ende fanden, die Schulden eines Müllers, eines Mithäftlings von Pavel Fischl, die ebenfalls auf dessen Schultern lasten, nachdem der Müller in den Gaskammern ermordet wird.
In der letzten der drei Erzählungen geht es um die vielleicht komplizierteste aller Schulden: die Gedichte eines jungen Dichters, der ebenso in Auschwitz umkam, zu finden und herauszugeben, von dem dem Autor nur ein einziger Vers bekannt ist: „In den Sträuchern meiner Seele singen die Vögel nicht...“ Erinnerungsprosa, die dieses Genre jedoch deutlich überschreitet.
Olga Sommerová: O èem sní ¾eny (Wovon Frauen träumen) 1, Lidice (nakladatelství Slávka Kopecká) 2003, 2. Auflage, ISBN 80-86631-03-6, 210 S., 179.- CZK
Aufgrund der großen Nachfrage wieder aufgelegt wurde der erste Band von Olga Sommerovás O èem sní ¾eny (Wovon Frauen träumen). Die anerkannte Dokumentarfilmerin und Publizistin setzt mittels elf Interviews mit bekannten und weniger bekannten Frauen ein anschauliches und vielstimmiges Mosaik von Wünschen, Träumen und realen Lebensbedingungen tschechischer Weiblichkeit im 21. Jahrhundert zusammen.
Der Leser kann hier mit Menschen wie der kontroversen Schriftstellerin Alexandra Berková, der Modedesignerin Zuzana Køí¾ová, der Malerin Irina Kohoutová-Przebindová aber auch der Reinemachefrau Jaroslava ©tefulková oder der Ingenieurin Míla Nìmcová eine Art kontemplative Plauderstunde verbringen. Die Themen reichen von Liebe, Beziehungen und Ehe bis zu Beruf , Berufunfg und ausgesprochen philosophischen Erwägungen. Aber auch Alltägliches hat hier seinen Ort. Für soziologisch und anthropologisch interessierte Menschen ein höchst aufschlussreiche und dabei unterhaltsame Lektüre.
Von Minne Bley