
Psychologische Potraits von Frauen, mit denen 1981 die Regimekritikerin und Journalistin Eva Kantùrková (geb.1930) ein Jahr lang die Gefängniszelle teilen mußte. Ein Zeitdokument auf hohem literarischen Niveau.
Übersetzung: Silke Klein
Nachwort: Ale¹ Haman
Erschienen: Herbst 2003, Tschechische Bibliothek der Deutschen Verlags-Anstalt, 450 Seiten
ISBN: 3-421-05249-2
Preis: € 22,90
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Leseprobe:
Eva Kantùrková - Freundinnen aus dem Haus der Traurigkeit
Ich habe mir nicht ausgesucht, mit wem ich auf ein paar Metern hinter Türen ohne Klinke zusammengepfercht werde, in einem Raum, in dem man ißt, schläft und die Notdurft verrichtet, wo es kalt ist, man keine Luft bekommt, es am Tage dämmerig und in der Nacht hell ist, man sich nicht vor den Blicken durch das Guckloch und auch nicht vor den Blicken der anderen Zellenbewohnerinnen verstecken, man nicht fliehen kann vor fremdem Gestank, Gerede, Tränen, Schreien, Ungezogenheit, neurotischen Zuständen und wo man zudem noch Gegenstand haßerfüllter, ungerechter Strafverfolgung ist. In der Freiheit hätte ich diese Frauen höchstens als Wirtin in einer Gaststätte beim Mittagessen, als Krankenschwester in einem Krankenhaus, als Verkäuferin beim Einkaufen getroffen, das heißt, ich hätte nichts Grundlegendes über sie erfahren, und auch ihren Fall würde ich, wenn er mir denn zugetragen worden wäre, nur in der Version des Gerichtes oder höchstens des Rechtsanwaltes kennen. Doch wenn Ihnen jemand Nacht für Nacht ins Gesicht atmet, wenn Sie ihm in langen Stunden der Unsicherheit Gesellschaft leisten, wenn er sich bei Ihnen sogar von seinen nächtlichen Alpträumen ausweint, sehen Sie alle seine menschlichen Stärken und Schwächen. Muscheln können durch den eigenen Überdruck aufplatzen. Kenntnis gebiert eher Mitgefühl. Nicht daß ich mich mit ihren Missetaten (sofern sie wegen Missetaten einsaßen) solidarisieren und diese entschuldigen würde; doch ich habe bemerkt, daß ein ertappter Missetäter, sofern er nicht völlig verdorben ist - und völlig Verdorbene gibt es dort nur sehr wenige -, eher traurig und unglücklich ist, er ist betroffen. Das eigene Verschulden entrückt gleichsam ins Objektive, wird gewogen und untersucht, abgelehnt und verheimlicht, man identifiziert sich nicht damit und durchlebt es nicht. Man durchlebt die Traurigkeit. Und die Traurigkeit verbindet, sie verbindet genauso unabweisbar wie die gemeinsam erlebte Erniedrigung.
(S. 26-27)
Stimmen:
Mit „Freundinnen aus dem Haus der Traurigkeit“ ist ein Gefängnisroman entstanden, der nicht weniger fiktiv ist als die Gefängniswirklichkeit selbst.
Prager Zeitung, 18.12.2003
In ihrem Roman „Freundinnen aus dem Haus der Traurigkeit“ hat Eva Kanturková die Erfahrungen ihrer eigenen Inhaftierung künstlerisch verarbeitet und vor allem lässt sie dort die gemeinsam mit ihr gefangenen Frauen zu Wort kommen.
Frankfurter Rundschau, 08.09.2003
Eva Kanturkovás Buch blickt in einen Abgrund aus staatlichem Terror und individueller Verkommenheit, aber es ist kein hoffnungsloses Buch, denn immer wieder kündet es von jener „Brüderlichkeit, die an Orten keimt, wo Hoffnung nichts mehr gilt“.
Markus-Gauss, Neue Zürcher Zeitung, 05.09.2004
Hätte es zu Zeiten der Diktatur erscheinen dürfen, wäre es eine Sensation gewesen.
Katharina Granzin, TAZ mag, 21.03.2004
Eva Kantùrková - Freundinnen aus dem Haus der Traurigkeit
Erschienen: Herbst 2003
gebunden, ca. 450 Seiten
ISBN: 3-421-05249-2
Preis: € 22,90
Deutsche Verlagsanstalt