
Über Literatur und quasi aus Literatur heraus entstanden, eine Liebeserklärung an die wundersame Kraft der Bücher. Einer der schönsten Texte von Bohumil Hrabal (1914-1997), dem "König der tschechischen Prosa".
Übersetzung: Peter Sacher
Mit Beiträgen von Peter Demetz und Susanna Roth
Auswahl und Nachwort: Eckhard Thiele
Erschienen: Frühjahr 2003, Tschechische Bibliothek der Deutschen Verlags-Anstalt
gebunden, 192 Seiten
ISBN: 3-421-05247-6
Preis: € 19,90
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Leseprobe:
Bohumil Hrabal - Allzu laute Einsamkeit und andere Texte
Fünfunddreißig Jahre lang habe ich Altpapier an der mechanischen Presse gepreßt, fünfunddreißig Jahre lang hab ich mir gedacht, daß ich so, wie ich bisher gearbeitet hätte, ewig weiterarbeiten würde, daß diese Presse mit mir in Pension gehen würde, aber schon drei Tage nachdem ich die gigantische Presse in Bubny gesehen hatte, wurde genau das Gegenteil meiner Träume wahr. Ich kam zur Arbeit, und dort standen zwei junge Männer, ich erkannte sie sofort, es waren Mitglieder jener Brigade der sozialistischen Arbeit, sie waren gekleidet, als wollten sie Baseball spielen, orange Handschuhe und orange amerikanische Schirmmützen und blaue Overalls bis an die Brustwarzen, und unter den Hosenträgern hatten sie grüne Pullis an. Der siegreiche Boß hatte sie in meinen Keller geführt, zeigte auf meine Presse, und die jungen Männer richteten sich hier gleich häuslich ein, sie legten ein sauberes Papier auf den Tisch, und darauf stellten sie ihre Milchflaschen, und ich stand gedemütigt und betroffen daneben, stand völlig zermürbt daneben, und plötzlich, da fühlte ich mit Leib und Seele, daß ich mich nie würde anpassen können, daß ich in der gleichen Lage war wie die Mönche einiger Klöster, die sich, als sie erfahren hatten, daß der Kopernikus ganz andere kosmische Gesetze gefunden hatte als jene, die bis dahin Gültigkeit hatten, daß nämlich nicht die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, sondern im Gegenteil, da nahmen sich diese Mönche also massenhaft das Leben, weil sie sich eine andere Welt als die, in der sie und durch die sie bis dahin gelebt hatten, einfach nicht vorstellen konnten. Der Boß sagte mir dann, ich solle den Hof kehren oder helfen oder gar nichts tun, denn ab nächste Woche würde ich im Keller der Verlagsdruckerei Melantrich weißes Papier zu verpacken haben, nichts anderes würde ich mehr verpacken als unbedrucktes weißes Papier. Und da wurde mir ganz schwarz vor den Augen, ich also, der fünfunddreißig Jahre lang nur Papierbrei und Makulatur verpackt hatte, ich, der nicht leben konnte ohne die Überraschung, immer wieder mal ein schönes Buch als Prämie aus dem häßlichen Papier herauszufischen, ich also sollte nun makelloses, unmenschlich reines Papier verpacken.
(S. 98-99)
Stimmen:
Die Titelgeschichte selbst gehört sicher zum Besten, was Hrabal je verfaßt hat. Sie verdichtet seine Wünsche und Ängste, seine Biographie wie die Ha¹ek-Kafka-Einflüsse auf knappsten Raum zur Essenz.
Adam Olschewski, Neue Zürcher Zeitung, 7. Mai 2003
Sollte jemand aus unerfindlichen Gründen lediglich ein einziges Buch Hrabals lesen wollen, dann soll er dieses Buch lesen, die „Allzu laute Einsamkeit“.
Péter Esterházy, Literaturen 05/2003
Bohumil Hrabal - Allzu laute Einsamkeit
Erschienen: Frühjahr '03
gebunden, 192 Seiten
ISBN: 3-421-05247-6
Preis: € 19,90
Deutsche Verlagsanstalt