
Prag kurz vor der deutschen Besetzung: Vor diesem Hintergrund schildert der jüdische Schriftsteller und Exilant Egon Hostovský (1908-1973) das innere Drama eines Intellektuellen angesichts der sich neu anbahnenden politischen Ordnung.
Übersetzung: Markus Sedlaczek Nachwort: Jiøí Holý
Erschienen: Herbst 2004, Tschechische Bibliothek der Deutschen Verlags-Anstalt
Gebunden mit Schutzumschlag, 312 Seiten
ISBN: 3-421-05252-2
Preis: € 19,90
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Egon Hostovský: Siebenmal in der Hauptrolle
Wenn der Schauspieler Hrubín gerade nicht im Theater war, lief er aufs Geratewohl durch Prag. Man konnte ihn auf den Straßen und in den Kaffeehäusern inmitten heftig debattierender Gruppen hören. Er wirkte unausgeschlafen, sein Gesicht war eingefallen, seine Lippen totenblaß, er ballte die Faust, fuchtelte damit in der Luft herum oder haute auf den Tisch und schrie:
„Wir können doch nicht wie das Vieh darauf warten, abgeschlachtet zu werden! Auf zur Burg! Laßt uns den Radiosender besetzen, laßt uns etwas tun! Freunde, laßt uns eine Abordnung zur französischen und zur sowjetischen Botschaft schicken! Fließt denn kein Blut mehr in unseren Adern?“
Er fand viele Anhänger. Doch sobald er die Massen um sich geschart und entflammt hatte, verschwand er wie vom Erdboden verschluckt. Vor kurzem noch hatte er laut herumgeschrien, um seine Angst zu übertönen. Der Schauspieler Hrubín hatte Angst. Er fürchtete sich vor der stockdunklen Nacht. Er fürchtete sich vor Flammen und vor dem Donner, er sah schon fast, wie ein Feuersturm herniederbraust, Häuser zerstört und Menschen tötet. Auch vor Soldaten fürchtete er sich und vor der eigenen Uniform in seinem Schrank, er fürchtete sich, durch Schlamm und Regen zu marschieren, er fürchtete sich vor dem Rattern der Maschinengewehre, den größten Schrecken aber jagte ihm die Vorstellung seltsam entstellter, an Wäsche- und Kleidungsfetzen erinnernder Leiber ein.
Er schrie, um seine Angst zu übertönen, er brüllte, daß wir uns nicht ergeben würden, damit niemand merkte, daß er unwillkürlich die Hände hob. Das war am Anfang. Dann traf er Kavalský, und die Angst verschwand. Doch der Schauspieler Hrubín wiegelte weiterhin die Leute auf, indem er sich auf Himmel und Hölle berief. Einige Male sprach er auf improvisierten Tribünen. Jetzt schrie er nicht mehr vor Angst, jetzt sprach er mit der kalten Neugier einer hysterischen Seele, mit der Lust des Spielers und dem berauschenden Gefühl der Sicherheit. Die Straße kannte ihn bereits. Er erstickte fast an der bislang ungekannten Erregung, wenn seine Worte vom Beifall einer so großen Menge erwidert wurden, wie sie in einem Theater niemals Platz gefunden hätten. Zum ersten Mal erlebte er, wonach er sich immer gesehnt hatte: nach Erfolg, nach einem Riesenerfolg, nach dem Kontakt mit Tausenden, nach tosender Zustimmung und Begeisterung, danach, auf den Schultern getragen zu werden. Und es war so einfach, es genügte zu rufen:
„Fort mit der Regierung! Wir wollen Taten! Ein Hoch auf die Offiziere!“
(S. 217-218)
Egon Hostovský: Siebenmal in der Hauptrolle
Erschienen: Herbst 2004
gebunden, 312 Seiten
ISBN: 3-421-05252-2
Preis: € 19,90 / sFr. 35,20
Deutsche Verlags-Anstalt