Arbeitskräftemangel entwickelt sich zum Wachstumshemmnis - Politik versucht mit Green-Card-Initiativen gegenzusteuern
Prag - In einem mit „Ruhm den Green Cards“ leicht ironisch überschriebenen Kommentar stellte Autor Jan Macháèek vergangene Woche in der in Prag erscheinenden Wirtschaftszeitung Hospodáøské noviny die Frage, warum sich Ökonomen und vor allem Politiker allerorten so schwer tun mit der Idee der Freizügigkeit von Menschen und Arbeitskräften - während sie andererseits den freien Waren- und Kapitalverkehr als Grundpfeiler der Marktwirtschaft und Voraussetzung für Prosperität predigen.
Tatsächlich entwickelt sich Arbeitskräftemangel nicht nur in Tschechien zu einem ernsten regionalen und branchenspezifischen Wachstumshemmnis und ist nicht zuletzt politisch durch die künstliche Abschottung der Arbeitsmärkte verschuldet.
Während die Politik nun hüben wie drüben mit etwas aktionistisch anmutenden Green-Card-Initiativen reagiert, treten innovative Dienstleister bereits mit maßgeschneiderten Arbeitsvermittlungsangeboten auf den Markt - der über kurz oder lang ein europäischer sein wird. Für mobile Berufseinsteiger ist "der Osten" heute das Abenteuer Mitteleuropa und die aufregende Alternative zum behaglichen Ausharren am heimischen Herd.
Die Erkenntnis, dass mit den Absatz- und Kapitalmärkten auch die Arbeitsmärkte zusammenwachsen werden und müssen ist nicht neu. Ebenso wenig revolutionär sind die unlängst beschlossene Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für Fachkräfte aus den neuen EU-Ländern zum 1. November 2007 als auch die wesentlich weiter gehende aktuelle Green-Card-Initiative der tschechischen Regierung.
Green-Card-Initiativen: Beschränkungen der Beschränkungen
Beide Initiativen beschränken lediglich Beschränkungen bei der freien Arbeitsplatzwahl, die politisch bedingt sind und den Ängsten der Bevölkerung vor ausländischer Konkurrenz geschuldet sind. So hatte die deutsche Bundesregierung noch im vergangenen Jahr die Übergangsregeln (und somit die allgemeinen Zugangsbeschränkungen zum Arbeitsmarkt für Arbeitnehmer aus den am 1. Mai 2004 der EU beigetretenen Länder um weitere drei Jahre bis Mai 2009 verlängert - um sie nun selbst wieder teilweise aufzuheben.
Ende August beschloss die deutsche Bundesregierung, Maschinenbau- und Elektroingenieuren aus den 12 neuen EU-Staaten ab dem 1. November 2007 den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Zudem sollen ausländische Hochschulabsolventen, die in Deutschland studiert und dort ihr Studium abgeschlossen haben, automatisch das Recht erhalten, drei Jahre lang in Deutschland zu arbeiten, ohne dafür eine gesonderte Arbeitserlaubnis zu benötigen.
Denn der Mangel an Fachleuten kostet Deutschland jährlich etwa ein Prozent Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, allein in diesem Jahr etwa 20 Milliarden Euro. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie, die das Bundeswirtschaftsministerium hat erstellen lassen. Sollte sich der darin ermittelte Trend fortsetzen, würden bis zum Jahr 2014 bis zu 95.000 Ingenieure und 135.000 Naturwissenschaftler in Deutschland fehlen.
Resonanz der deutschen Initiative bleibt ungewiss

Das Problem jedoch ist, dass auch mitteleuropäische Fachkräfte bisher kaum Interesse haben, ihr Land zu verlassen, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa in den neuen EU-Ländern ergab. Die Gründe dafür mögen individuell vielfältig sein, ein wirtschaftlicher Grund jedenfalls liegt auf der Hand: gut ausgebildete Fachkräfte sind auch daheim rar und haben kaum Probleme, einen Arbeitsplatz zu finden.
Im Gegenteil, die großen Firmen der Automobilindustrie in Tschechien und ihre Zulieferer konkurrieren gegenseitig um Fachkräfte - mit dem Ergebnis stattlicher Zuwachsraten bei den Reallöhnen und firmeninternen Bonusprogrammen, die einen Weggang der Arbeitnehmer zur Konkurrenz verhindern sollen. So endete ein Streik beim größten tschechischen Automobilhersteller ©koda im April mit einer Tariferhöhung von satten 12,7 Prozent - Einmalzahlungen für das zurückliegende und das laufende Jahr sowie die Erhöhung des Rentenbeitrags des Unternehmens noch nicht inbegriffen.
Auch in der tschechischen Bauwirtschaft herrscht zunehmend Mangel an Fachkräften, vor allem in Handwerks- und technischen Berufen und droht den boomenden Wirtschaftszweig abzuwürgen. Zurzeit werden in den Bauberufen in Tschechien jährlich nur wenige hundert Fachkräfte ausgebildet. In der Branche besteht aber Bedarf an mindestens 30.000 Berufseinsteigern pro Jahr. Dabei werden auf dem Bau Löhne und Gehälter gezahlt, die mit 21.000 Kronen pro Monat leicht über dem landesweiten Durchschnitt liegen.
Verschärfend auf die Arbeitsmarktlage wirkt sich auch der Umstand aus, dass die in den Handwerksberufen starken Jahrgänge der heute 55 bis 60-Jährigen kurz vor dem Rentenalter stehen und immer weniger ausländische Kräfte an einer Arbeit in Tschechien interessiert sind. Slowaken und Ukrainer, schätzungsweise ein Fünftel aller Beschäftigen in der Branche, finden in ihren Heimatländern immer mehr attraktive Angebote.
Auch bei der Konjunkturumfrage 2007 der Deutsch-tschechischen Industrie- und Handelskammer nannten deutsche Unternehmen in Tschechien den Arbeitsmarkt als eines der größten Problemfelder für die Verbesserung der unternehmerischen Rahmenbedingungen - neben Abgabenbelastung und mangelhafter Korruptionsbekämpfung.
Arbeitnehmer mit Fremdsprachenkenntnissen verzweifelt gesucht

Ein weiteres Spezifikum des Arbeitsmarktes in Tschechien ist ein wachsender Bedarf an Arbeitnehmern mit Fremdsprachenkenntnissen, der unmittelbar mit dem Outsourcing von Verwaltungszentren und Kundenbetreuungszentren westlicher Firmen zusammenhängt. Auch in diesem Bereich kann die Nachfrage längst nicht mehr von einheimischen Arbeitskräften gedeckt werden. Denn tschechische Arbeitskräfte mit guten Fremdsprachenkenntnissen verfügen in der Regel auch über andere fachliche Qualifikationen oder gar einen Hochschulabschuss und werden vom tschechischen Arbeitsmarkt trotz höherer Gehaltsforderungen schnell absorbiert.
Firmen wie Accenture, SAP oder Exxon Mobil stehen somit vor dem Problem, für die von ihren Kunden ausgelagerten, meist nicht allzu anspruchsvollen Verwaltungstätigkeiten geeignetes Personal mit Fremdsprachenkenntnissen zu finden. Besonders prekär ist die Lage bei „exotischeren“ Fremdsprachen wie etwa Holländisch, wo es ein extremes Missverhältnis von Unterrichtsangeboten und Schulabgängern in Tschechien auf der einen Seite und der großen Nachfrage auf der anderen Seite gibt. Aber auch Arbeitskräfte, die über ausreichende Kenntnisse in „Standardsprachen“ wie Englisch oder Deutsch verfügen, werden inzwischen händeringend gesucht - auch zwar auch im Ausland.
Chancen für deutschsprachige Berufseinsteiger
Denn nicht nur internationale Firmen und die Global Player haben inzwischen erkannt, dass ihr Bedarf an Arbeitnehmern mit Fremdsprachenkenntnissen nicht mehr ohne ausländische Muttersprachler gedeckt werden kann: Insbesondere Schulabgänger und Berufseinsteiger werden daher mit allerlei Bonus-Programmen und „Relocation Packages“ umworben. Insbesondere für mobile Berufseinsteiger der „Generation Praktikum“ ist ein Auslandsaufenthalt mit einem ordentlich bezahlten Job bei einem internationalen Unternehmen in der tschechischen Hauptstadt eine durchaus reizvolle Alternative zum „klassischen Werdegang“ vor Ort.
Auch Personaldienstleister reagieren mit maßgeschneiderten Diensten, um den neuen Anforderungen der Firmen gerecht zu werden. Jüngstes Beispiel ist der Start der in Prag ansässigen europäischen Arbeitsvermittlung JobsinPrague.cz, die sich auf die Jobvermittlung von internationalem Personal spezialisiert hat. Der Service reicht dabei vom ersten Kontakt bis zur Unterschrift eines neuen Arbeitnehmers - je nach Wunsch des Auftraggebers.
Des einen Leid des andern Freud
Während Unternehmen den Mangel an Arbeitskräften beklagen, sehen umgekehrt immer weniger Tschechen Arbeitslosigkeit als gesellschaftliches Problem an. So ergab eine vom Meinungsforschungsinstitut CVVM im Juni durchgeführte Studie, dass nur noch 46 Prozent der Befragten die Arbeitslosenquote in Tschechien für zu hoch halten, vor drei Jahren waren es noch 77 Prozent.
Tatsächlich liegt die Arbeitslosenquote so niedrig wie seit neun Jahren nicht mehr: Gemäß den Anfang September veröffentlichten Arbeitslosenzahlen des Arbeits- und Sozialministeriums lag die Quote im August wie bereits im Vormonat bei 6,4% (August 2006: 7,9 %). Allerdings weist der Arbeitsmarkt gravierende regionale unterschiede auf. Am höchsten liegt die Quote traditionell in den Kreisen Most (17,0 %), Karviná (14,7 %) und Teplice (12,2 %) am niedrigsten dagegen in der tschechischen Hauptstadt (2,5 %) in der praktisch Vollbeschäftigung herrscht.
Tschechische Green-Card-Initiative geht weiter als die deutsche

Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Green-Card-Initiative des tschechischen Arbeitsministeriums zu sehen: Tschechien will seinen Arbeitsmarkt so weit wie möglich öffnen, um ausländische Arbeitskräfte ins Land zu holen.
Dabei hat das Sozialministerium nicht mehr nur hoch qualifizierte Experten im Auge - entscheidend soll sein, ob in den jeweiligen Branchen Bedarf an Arbeitskräften besteht. Das ist die Grundidee des Green-Card-Konzepts, dass das tschechische Arbeits- und Sozialministerium ausgearbeitet hat und das im kommenden Jahr gesetzlich verankert werden soll. Arbeitsminister Petr Neèas (Foto rechts) von der ODS erklärte dazu, dass nicht Beamte, sondern ausschließlich die Nachfrage bestimmen werde, ob freie Arbeitsplätze mit Ausländern besetzt werden.
Die Green Card bekommt danach jeder, unabhängig von seiner Qualifikation. Wer allerdings nach zwei Monaten keinen Arbeitsplatz nachweisen kann, muss nach den Plänen des Prager Arbeits- und Sozialministeriums wieder nach Hause. Eine weitere Sicherung bei dem Konzept ist die Tatsache, dass Polizei und Regionen eine Art "Gefahrenzustand" ausrufen und so die Gültigkeit des Green-Card-Systems vorübergehend blockieren können sollen.
Jan Macháèek begrüßt in seinem Kommentar für Hospodáøské noviny denn auch die Green-Card-Initiative und stellt fest: "Sämtliche weitere Bürokratie entfällt. Außer der Tatsache, dass es segensreich für den Arbeitsmarkt sein wird, und Bürokratie, Korruption, Erpressung und Menschenhandel beschränken wird. Die Frage allerdings lautet: Warum haben sich diese wunderbaren und kristallklar einfachen Ideen die ODS und die Regierung nicht schon vor langer Zeit ins Programm geschrieben? Warum fällt das dem Ministerium jetzt erst ein?"
Tschechien Online, 18.9.2007. Fotos: ÈTK