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| | Auto-Moto, Transport | [field_blog_kategorie] | 10.6.2010

Einmal Knochenkirche und zurück

Ein Tagesausflug mit dem Zug von Prag nach Kutná Hora

Die Uni ist vorbei - was bietet sich da mehr an, als endlich die schon lange geplanten Städtereisen durch die Republik zu unternehmen? Gut, das Wetter ist nicht wirklich geeignet dafür. Aber da wir dank globaler Erwärmung sowieso nicht mehr mit einem Sommer rechnen können, haben wir beschlossen, trotz Regen das uns inzwischen bestens bekannte und touristisch gut erschlossene Prag zu verlassen und uns in die Provinz zu wagen. Die Mehrheitsentscheidung fiel zugunsten von Kutná Hora aus, und so fand ich mich letzten Montag um 10 Uhr morgens im Zug in die 70 Kilometer von Prag entfernte Stadt wieder.

Die Hin- und Rückfahrkarte hatte mich nicht mal 100 Kronen gekostet, die Begleitung war angenehm und meine Laune gut. Bis zu dem Zeitpunkt als Steven, unser norwegischer Kumpane, mir erzählt, dass die Silbermine heute geschlossen habe. Erst wollte ich es nicht glauben, war doch die Mine neben der Knochenkirche eines der Highlights für mich. Nicht, dass ich so ein großer Fan von Minen wäre. Aber die hier sind schon besonders. Zum Einen, weil es Silberminen sind, und nicht so schnöde Kohleminen, wie sie wohl jeder von uns schon mal besichtigt hat. Und zum Anderen sollte es eine Mutprobe sein. Denn die Betreiber warnen ausdrücklich davor, dass Menschen mit Platzangst, beziehungsweise korpulente Besucher, diesen Teil der Führung lieber auslassen sollten, weil die Schächte sehr klein und eng sind. Das wäre für mich die Gelegenheit gewesen, meinem mit dem Kinofestival begonnenen Therapie gegen Klaustrophobie fortzusetzten. Aber nein!

Nach einer Stunde Fahrt kamen wir dann auch in besagter tschechischer Kleinstadt am Hauptbahnhof an. Und nun begann das Abendteuer. Denn Kutná Hora ist zwar ein Touristenmagnet und UNESCO-Weltkulturerbe, aber das ist noch lange kein Grund, die Stadt auch nur im geringsten touristenfreundlich zu gestalten. Gott sei dank hatten wir den Norweger dabei, dessen Freund schon mal hier war und ihn mit ein paar Infos versorgt hatte, sonst wären wir vermutlich nie in die Stadt gekommen. Denn vom Hauptbahnhof, der irgendwo in der Pampa liegt, muss man erst mal etwa 20 Minuten Bus fahren, um in die Stadt zu kommen. Und selbst dann ist man noch ziemlich verloren, weil die Haltestelle Zentrum nicht etwa, wie vermutet, im selbigen liegt, sondern immer noch an die 15 Minuten Fußmarsch vor uns lagen. Woher wir das wussten? Gott sei dank war die Fotoschnecke mit von der Partie und hatte sich während der Busfahrt mit einer ortskundigen Einheimischen angefreundet. Die brachte uns und das sehr verwirrte japanische Ehepaar dann zur St.-Barbara-Kathedrale.

Die erinnert nicht nur zufällig an den Veits-Dom in Prag, hatte sie doch denselben Baumeister. Also wenigstens eine gewisse Zeit. Denn wie der Blasehase uns aufklärte, wurde der Bau 1388 begonnen, dann etliche Male unterbrochen und erst 1905 fertiggestellt. Da dies der erste Punkt unserer Besichtigung war, mussten wir natürlich auch in die Kirche rein. Der Spaß kostete mich 30 Kronen, weil der griesgrämige Typ am Eingang meinen Presseausweis einfach nicht anerkennen wollte, wie, im Übrigen, niemand an diesem Tag. Nun fehlt mir ja scheinbar der Sinn für Kirchenbesichtigungen einfach um der Besichtigung willen. Weil ich fand es eher öde. Die Kirche ist ziemlich schlicht gehalten, kaum was, was man anschauen könnte. Und da ich auch nicht, wie der Blasehase, von der sakralen Musik high wurde, war ich doch froh als die Fotoschnecke mit den Aufnahmen für das 3D-Modell fertig war und wir wieder draußen waren.

Die von Statuen, ähnlich denen auf der Karlsbrücke, gesäumte Barborská ulice hinunter, das doofe geschlossene Silbermuseum mit den noch viel döferen Minen schnöde links liegen gelassen, kamen wir nun zu einer Reihe von Restaurants. Da uns allen der Magen schon zu den Knien hing und es uns doch etwas fröstelte, beschlossen wir nun Mittagspause zu machen.

Nach einem weniger guten Gulasch ging das Verwirrspiel dann richtig los. Nun hatten wir uns zwar inzwischen bei der Touristeninfo mit einem Stadtplan eingedeckt. Der enthielt auch eine Straßenkarte mit eingezeichnetem Rundgang. Da wir aber nicht wussten wo wir waren und die Karte leider nicht so idiotensicher war, dass man bei den Sehenswürdigkeiten dicke rote Bobbel daneben malt, irrten wir weiterhin rum.

Irgendwann fand dann aber doch einer von uns seinen Orientierungssinn wieder und so sahen wir doch tatsächlich sämtliche im Faltblatt angegeben Attraktionen von Kutná Hora. Also außer den Minen, weil die ja geschlossen waren. Wir liefen dann also nacheinander am Spätgotischen Steinbrunnen, der St. Johannes-von-Nepomuk-Kirche, dem Santurin-Haus, dem Welschen Hof und der Pestsäule vorbei. Ok, genaugenommen haben wir da 'ne Rauchpause gemacht.

Da standen wir nun wieder, wo wir vor Stunden aus dem Bus gestiegen waren und wollten zum eigentlichen Highlight heute, also außer den Minen, die ja zu hatten. Doch wie kommt man von hier aus zur Knochenkirche? Gute Frage. Wieder einmal musste die Fotoschnecke ihre Tschechischkenntnisse auspacken und so erfuhren wir, dass wir einfach mal in den nächsten Bus steigen sollten und bis zum Kaufland fahren. Ja, so hieß die Haltestelle tatsächlich. Von dort aus folgten wir dann mal auf gut Glück dem Schild "Sedlec" und siehe da, keine zehn Minuten später standen wir dann auch schon vor der Kostnice, also der Knochenkirche. Und das war auch gut so, schließlich eierten wir bereits seit fast fünf Stunden durch Kutná Hora und langsam waren wir alle etwas müde.

Doch die Aussicht nun in einen kleinen Raum voller Gebeine und Totenschädel zu gehen machte uns alle irgendwie wieder munter. Brav zahlte ich ohne zu murren die 80 Kronen Eintritt. Hier möchte ich jedoch noch mal ausdrücklich daraufhin hinweisen: Ich besitze einen Presseausweis, was soll das?

Die Kirche, oder vielmehr ihr Interieur, ist auf alle Fälle beeindruckend. Egal wohin am sieht, Knochen und Schädel und das alles kunstvoll verarbeitet zu Kronleuchtern und Altarschmuck. Aufgetürmt bis unter die Decke, als Verzierung von Kerzenleuchtern, in Vitrinen. Insgesamt mehr als 30.000 Menschen wurden hier „verarbeitet“. Woher all das „Material“ stammt? Anfangs wohl von Pestopfern, später von Gefallenen aus dem Dreißigjährigen Krieg. Die in der Vitrine ausgestellten Schädel weisen auch entsprechende Verletzungen durch Dreschflegel und Fausthämmern auf.

Zu guter Letzt schaffte ich es dann auch noch den Alarm auszulösen. Die Schädelpyramiden in den Ecken sind nämlich durch Gitter vor allzu aufdringlichen Besuchern geschützt. Während ich nun versuchte, eine Krone im Auge eines der Schädel zu versenken, was angeblich Glück bringen soll, tatschte ich versehentlich gegen das Gitter und sofort machte es ganz laut piep piep. Für eine Minute befürchtete ich das schlimmste. Aber nichts passierte.

Nach unzähligen Bildern machten wir uns dann auf, weiter zur gleich nebenan gelegenen Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale. Die hatte aber leider schon zu, sodass ich an diesem Tag nicht noch eine Kirche von innen sehen musste.

Letztens endeten wir dann in der nächsten Kneipe auf einen Kaffee und für einen Moment fühlte ich mich wie der Arzt aus Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Doch leider kam keine Theresa vorbei. Der Ausflug näherte sich nun dem Ende und vor uns lag noch eine Stunde Zufahrt, bis wir wieder im touristisch gut erschlossenen Prag ankamen.

Kostnice
Zámecká 127
284 03
Kutná Hora - Sedlec
Mittelböhmen (Středočeský kraj)
Tschechische Republik
info@kostnice.cz

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