Bohem Prague Hotel

News

Nachrichten

Rubrik: Fußball | 22. Juni 2021, 01:17 Uhr

Nun ist es amtlich, fußballerisch gehört die Türkei nicht mehr zu Europa und dessen kontinentaler Meisterschaft. Den meisten Spielern wird es egal sein, sie sind längst in Europa, manche spielen nicht nur Doppelpass, sondern haben ihn auch. So gesehen ist Erdogans Kurs, das Land aus Europa herauszuführen, fußballerisch voll aufgegangen. Die Türkei gehört nicht mehr zur EM, da hilft auch der kleine Heimvorteil beim Spiel in der Hauptstadt des befreundeten Aserbaidschan nichts. Die neutrale Schweiz macht sich wenig aus solchen geopolitischen Überlegungen, ihr bietet die Fläche der Berge genügend Raum, um sich zu entfalten.

Am Sonntag gehört Papi der Familie

Der Sonntag gehört ja traditionell der Familie, in diesem Fall heißt das, kein Fußballspiel um 15h, dafür zwei um 18h. Ich habe die Auswahl und entscheide mich für Schweiz gegen die Türkei und gegen Italien-Wales. Eine gute Entscheidung, denn als ich mich von meiner Siesta erhebe, steht es bereits 1:0 für die Schweiz, das Tor muss gleich zu Spielanfang gefallen sein. Aber es sollte nicht das einzige bleiben, Shaqiri, in Deutschland noch bekannt von der Ersatzbank bei Bayern München, trifft noch zwei Mal, auch die Türkei trifft sehenswert. Immerhin geht es für die Schweiz um ein mögliches Weiterkommen und dabei spielt das Torverhältnis eine entscheidende Rolle. Sie macht das Manko gegenüber Wales, das zeitgleich nur 1:0 gegen Italien verliert, zwar nicht wett, positioniert sich im Kampf um die vier besten dritten Plätze mit vier Punkten und einem Torverhältnis von -1 im Mittelfeld.

Die Schweiz darf hoffen

Das kann reichen, muss aber nicht. In der Halbzeit pause geschieht ein kleines Wunder, die Mutter meiner Tochter verlässt zum ersten Mal seit drei Tagen das Haus und bringt meine Tochter auf den Spielplatz. Die zweite Hälfte geht so weiter, wie die erste aufgehört hat, die Schweiz betreibt Chancenwucher und kassiert den Anschlusstreffer. Noch ein Gegentor und sie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit raus aus dem Turnier. Shaqiri stellt den alten Abstand wieder her und das muntere auf und ab durch ein nahezu aufgelöstes Mittelfeld eröffnet beiden Mannschaften Torchance um Torchance. Für den Zuschauer ist das ein Augenschmaus, für die Trainer sicherlich der absolute Horror, was taktische Disziplin und Stabilität betrifft. Angesichts der Torschussbilanz ist die Ausbeute mit 3:1 für die Schweiz lächerlich gering. Die Gruppe endet also mit Italiens blütenreiner Weste, der maximalen Punktzahl und 7:0 Toren, dann folgt Wales, das von Italiens B-Elf-Mentalität, nicht mehr als nötig zu machen, profitiert und sich dank des besseren Torverhältnisses von 3:2 sicher für das Achtelfinale qualifiziert. Die Schweiz darf mit ebenfalls vier Punkten noch hoffen, der Türkei ist wenigstens das Ehrentor in diesem Turnier geglückt, dass sie punktlos als erstes Team verlässt. Wie schön kann ein Sonntagabend sein, wenn kein Fußball läuft, denke ich mir und spaziere über die Letná-Ebene leidlich frische Luft schnappen.

Rubrik: Fußball | 20. Juni 2021, 15:20 Uhr
Gerd Lemkes EM-Kolumne aus Prag (6) – Berichte, Analysen, Einwürfe aus der Hauptstadt des Geheimfavoriten von 2004

Am Samstag sollte Top-Favorit Frankreich das Tüpfelchen aufs i machen, doch es kam anders und ich habe es nicht gesehen. Später am Abend kam Spanien zum zweiten Mal nicht über ein Unentschieden hinaus und von Titelverteidiger Portugal ganz zu schweigen. Das Fazit: es ist nicht alles Gold, wo der Lack ab ist und die Iberer sind heuer keine Italiener. Dazwischen liegt Frankreich, nach zwei Spielen zwei Treffer erzielt, davon nur einen selbst, da kann man sich schon fragen, ob Deschamps Benzema durch die Rückholaktion nicht eher bestrafen wollte. Zur Erinnerung: Weltmeister-Stürmer Giroud gab 2018 im gesamten Turnier keinen einzigen Torschuss ab. Doch der Reihe nach.

Ein kleiner Job für Käse-Gael bringt mich um das Frankreich-Spiel. Gael schafft es zwar in die Münchner Arena zu kommen, doch nicht, in Prag bei zwei Märkten gleichzeitig anwesend zu sein. Dafür hat er ein paar Mitarbeiter, die jedoch den Nachteil haben, nicht über eine Fahrerlaubnis für Pkws zu verfügen. Da liegt der lièvre im poivre. Und da komme ich ins jeu. Ich begebe mich in den schönen Park Grebovka, besorge mir das Auto und fahre nach Dejvice zum Bauernmarkt. Dort erlebe ich noch eine erstaunlich polyglotte Stuttgarterin als letzte Kundin, ehe wir dort den Stand abbauen. Dabei passiert mir ein malheur, ein schon etwas wackliger Schreibtisch, der als Unterstand für eine Vitrine dient, fällt in seine Pressspaneinzelteile auseinander und reibt mir die vier Zentimeter über dem Fußansatz der Schienbeinhaut meines starken rechten Fußes ab. Der Knochen bleibt zum Glück unbeschädigt. Ich rufe, das war doch ein klares Foul und fordere die gelbe Karte. Dann eilen die Sanitäter auf den Platz und verbinden fachgerecht die blutende Wunde (schön wär's gewesen, in Wirklichkeit mache ich das selbst und erinnere mich zum Glück noch daran, wie man durch einen Scherenschnitt – wörtlich gemeint, nicht als Kunstform – den Verband am Ende teilt, um ihn zu fixieren).

Frankreich droht Fiasko

Als kleine Revanche erfahre ich ausgerechnet in Gaels Ladengeschäft, dass Ungarn kurz vor der Pause das 1:0 erzielt hat. Ivo und ich wittern eine Sensation. Gael entlässt mich darauf telefonisch – zumindest für den einen Tag – und ich fahre in den Baumgarten zu einem Picknick mit Freunden. Geplant war ein Grillnachmittag, herausgekommen ist ein Picknick mit vorbereiteten Speisen, da die Stadt offenes Feuer wegen der Brandgefahr in der Hitze verboten hat. Kip will mir ein kühles Bier anbieten, kommt jedoch enttäuscht vom Moldauufer zurück. Die Angelschnur ist weg und natürlich auch die beiden daran hängenden Flaschen. Ich entschuldige mich mit meiner noch nicht richtig desinfizierten Wunde und schaffe es punktgenau nach Hause zum Anpfiff zwischen Portugal und Deutschland. Und das lohnt sich tatsächlich, denn ich darf das bisher beste Spiel dieser insgesamt guten EM genießen.

Ronaldo leitet ein und vollendet

Favorit Portugal erwischt es noch böser als Favorit Frankreich, trotz früher Führung durch ein Abstaubertor von Christiano Ronaldo kommen die Lusitaner mit 4:2 gegen Außenseiter Deutschland unter die Räder. Ich halte derweil meinen Fuß hoch, damit die Blutung von selbst aufhört. Meine These vom Vortag scheint sich zu bestätigen, Träiner Löw ist entmachtet und die Mannschaft spielt jetzt so, wie sie es für richtig hält. Über links mit der ungestümen Angriffswucht von Atalanta Bergamo, in der Mitte mit dem Championsleague-Siegtorschützen, der Taktik von Bayern München und im Mittelfeld mit den Motoren und Organisatoren von Manchester City sowie Real Madrid. Es ist zwar dieselbe Elf wie im Frankreich-Spiel, jedoch ein ganz anderes Auftreten (und natürlich ein anderer Gegner).

Studie über das passive Abseits

Bereits nach fünf Minuten klingelt es spektakulär von Gosens, der Video-Assi hat aber ein Abseits von Gnabry erkannt, der zwar keine Chance hat, an die Flanke zu kommen, aber angeblich den Torhüter irritiert hat. Zehn Minuten später klingelt es auf der anderen Seite, Ronaldo köpft einen deutschen Eckball aus dem eigenen Strafraum und setzt zu einem Sprint an. Der Ball landet rechts bei Bruno Fernandes, der ihn diagonal in die Spitze auf den linken Halbflügel spielt. Bei diesem Pass steht Ronaldo im Abseits, da er aber nicht der Adressat des Balles ist, wird er als passiv eingestuft, kann sich dadurch jedoch den entscheidenden Positionsvorteil verschaffen, die Hereingabe über die Linie zu drücken. Das Tor ist regulär. Später schießt Kai Havertz noch ein Tor nach einer scharfen Hereingabe, er selbst steht nicht im Abseits, aber der hinter ihm positionierte Gnabry. Der kann nicht mehr ins Spiel eingreifen, da Havertz vor ihm am Ball ist und wird diesmal als passiv eingestuft, weshalb das Tor gilt. Diese drei Szenen belegen eindrucksvoll, wie in Tagen des Video-Assis Abseits interpretiert wird.

Geschichte des Abseits

Der ganze moderne Fußball dreht sich ja eigentlich vor allenm darum, mit Hilfe dieser Regel schnelle Angriffe zu starten bzw. zu schnelle Angriffe zu stoppen. Das hat die Welt den Belgiern zu verdanken, die etwa um 1980 herum die Abseitsfalle in den Weltfußball eingeführt haben. Damals zog Belgien auch überraschend ins EM-Finale ein und ließ sich nur von Horst Hrubesch am Titelgewinn hindern. Seitdem wurde die Regel etwas verändert – gleiche Höhe ist nun nicht mehr Abseits – und dank der Technik bis ins Absurde messbar und überprüfbar gemacht.

Deutschland baut auch nach Ronaldos Treffer mächtig Druck auf, die Idee, Kimmich auf rechts zu ziehen stärkt auch diesen Flügel und die Portugiesen werden nach gut einer halben Stunde kurz hintereinander zu zwei Eigentoren gezwungen.

Deutschland in vorauseilendem Gehorsam

Es ist die Abkehr vom technisch feinen, geschliffenen und hochpräzisen Fußball Löwscher Provenienz, es ist die vorzeitige Hinwendung zum Flickschen Brachialpressing, bei dem der Gegner zu Fehlern gezwungen wird. In der zweiten Hälfte schrauben Havertz und Gosens – klar der Mann des Spiels – das Ergebnis auf 4:1, ehe Löw mit seinen Auswechslungen noch ein wenig Verwirrung stiftet, prompf fällt der zweite portugiuesische Treffer, doch dabei bleibt es dann auch. Favorit Portugal geschlagen und die eigenen Hoffnungen auf das Weiterkommen genährt, so lautet das Fazit des Abends für die deutsche Nationalmannschaft.

Nach dem Spiel zeige ich meiner Tochter, wie man einen Verband anlegt, und den oben beschriebenen Scherenschnitt. Dann gehen wir raus und machen einen langen Spaziergang durch den Baumpark, wo die Freunde das Picknick zwischenzeitlich geräumt haben. Meine Tochter begeistert sich für die Fitnessgeräte im Park, ich hege die Hoffnung, dass sie nicht so bewegungsscheu wie ihre Mutter wird. Auf dem Rückweg treffen wir einige Bekannte, auch Kip, der das Picknick gut überstanden hat. Ich berichte von dem Spiel, er findet es „fair enough“, dass ich das Picknick bald wieder verlassen habe. Ein Kellner schenkt meiner Tochter ein Stück Wassermelone, ich sehe, dass Spanien gegen Ende der ersten Hälfte mit 1:0 gegen Weltfußballer Lewandowski in Führung liegt. Ich bringe meine Tochter nach Hause und schaue die zweite Halbzeit im Fraktal, in der Leandowski den Ausgleich macht und Spanien einen Elfmeter verschießt, dessen Berechtigung ich auch nach der fünften Zeitlupenwiederholung nicht erkennen kann. Ich mache die Bekanntschaft eines illustren Trios, eines nach eigenem Bekunden Balkaniers, eines Syrers und eines Inders, der zum Fußballdialog nichts beizutragen hat. Nick versucht wieder mal, durch eine Zigarettenpause die entscheidenden Szenen des Spiels zu verpassen, doch diesmal gelingt es ihm nicht, Spanien verpasst zwei dicke Möglichkeiten und spielt nur Unentschieden. Im letzten Spiel gegen die Slowakei muss ein Sieg her, sonst droht das frühzeitige Ausscheiden. Keith präsentiert mir noch eine Reihe obskurer Singles, teilweise Originale aus den 1960ern, die er gerade frisch aus den USA erhalten hat, dann beschließe ich den Abend. Das Turnier geht ja weiter.

Rubrik: Fußball | 19. Juni 2021, 21:25 Uhr
Gerd Lemkes EM-Kolumne aus Prag (5) – Berichte, Analysen, Einwürfe aus der Hauptstadt des Geheimfavoriten von 2004

Bisher hat sich die EM von ihrer besten Seite gezeigt, doch an diesem Tag, übrigens der achte, kehrt sie wieder zu normal zurück. Drei Spiele, drei Tore, davon zwei Elfmeter. Das Zähigkeitsniveau von 2016 ist wieder erreicht. Während sich Schweden und die Slowakei mühen, ihre günstige Ausgangsposition nach dem ersten Spiel auszubauen, beschäftige ich mit der Holzjalousie Lindmon des bekannten, weltweit agierenden Möbelhauses aus Schweden. Das Ding ist schwer, 1,4m breit und sucht einen neuen Besitzer, denn für die neue Wohnung ist es zu massiv. Ich suche die Länge zu ermitteln und die Jalousie im Liegen herunterzulassen – physikalisch ein unmögliches Unterfangen -, suche die Hilfe der Mutter meiner Tochter. Doch auch dieses Unterfangen gebe ich bald auf, dieser Mensch ist in praktischen Dingen, was die Behendigkeit betrifft, leider unbedarft. Ich mache es also alleine, repariere noch zwei, drei Kleinigkeiten und biege mit der torlosen ersten Hälfte in die Pause ein.

Leipzig-Forsbergt rifft vom Punkt

Der zweiten Hälfte widme ich mich dann mit voller Aufmerksamkeit und siehe da, es fällt ein Tor, ein Elfmetertreffer von Leipzig-Forsberg, nachdem der slowakische Torwart beim Herauslaufen den Bruchteil einer Millisekunde zu spät gekommen ist. Er hat wie sein schwedischer Widerpart noch mal die Gelegenheit, einen Kopfball spektakulär von der Linie zu baggern, dann ist Schluss und für beide Teams sieht es weiter gut aus, Schweden dürfte mit vier Punkten wohl schon durch sein, die Slowakei kann sich mit drei Punkten berechtigte Hoffnungen machen.

Die Mutter meiner Tochter ist in Tiefschlaf verfallen, ich gebe dem Drängen nach und gehe mit meiner Tochter in den Park. „Aber nur kurz, du sollst ja nicht so lange in die Sonne gehen!“, ermahne ich sie eingedenk des folgenden Spiels Tschechien gegen Kroatien. „Ja, Papa“, antwortet sie brav, aber natürlich kommen wir zu spät zum Anpfiff zurück. Vor dem Landwirtschaftsmuseum steht eine Hüpfburg, von welcher sie nur schwer wegzubekommen ist. Ich besteche sie mit einem Eis, das sie in der Hitze schnell essen muss, weshalb sie wiederum nicht so schnell gehen kann.

Leverkusen-Schick trifft vom Punkt

Ich weiß also nicht, wie viel ich verpasst habe, zumindest komme ich rechtzeitig zum Führungstor der Tschechen vor den Computerbildschirm. War es ein Foul oder nicht, ich weiß nicht, was die offiziellen Richtlinien hinsichtlich des Ellbogeneinsatzes derzeit besagen, auf jeden Fall macht Leverkusen-Schick mit einem Tampon in der Nase seinen bemerkenswerten dritten Turniertreffer.

In der zweiten Hälfte muss Koratien kommen und schießt auch gleich den Ausgleich, dabei sehen Perišić' Gegenspieler und der tschechische Torwart nicht so aus, als wären sie ganz auf der Höhe des Geschehens. Der Mann hat doch auch im WM-Endspiel getroffen, habt ihr das denn vergessen – möchte man den Tschechen zurufen. Anschließend ist es ein munteres Spiel, bei dem Kroatien auf den Sieg drängt, ihn aber nicht erringt. Tschechien hat vor dem Spiel gegen England komfortable vier Punkte, Kroatien mit dem einen Punkt noch Hoffnung.

Schlaf oder Wachkoma

Da die Tochter meiner Mutter weiterhin im Tiefschlaf, Koma oder was weiß ich welchen Träumen liegt, sehe ich keine Chance, England gegen Schottland in der Kneipe zu sehen, setze Zoe vor Youtube und springe schnell zum Einkauf. Zurück bin ich ziemlich pünktlich und sehe das zu erwartende Hauen und Stechen um die Krone des britischen Königreichs, das nach einem Abnutzungskampf mit einem leistungsgerechten 0:0 Unentschieden endet. Das heißt für diese Gruppe, dass auch England vor dem abschließenden gemeinsamen Aufeinandertreffen wie Tschechien vier Punkte hat, aber die um ein Tor schlechtere Tordifferenz. Ein Unentschieden ergäbe Tschechien erster, England zweiter. Spiegelverkehrt sieht es auch zwischen Schottland und Kroatien aus, nur dass ein Unentschieden das sicherliche Ausscheiden für beide Teams bedeutet, sie müssen im nächsten Spiel gegeneinander auf Sieg spielen.

Die Jugend Europas ballt sich unbeschwert zusammen

Meine Tochter bringe ich übrigens in der Halbzeitpause ins Bett und da sie nach Abpfiff tief schläft, habe ich frei und mache einen Erfrischungsspaziergang über die Letná-Ebene. Mit Erschrecken stelle ich fest, wie sich die Jugend Europas wieder unter dem ehemaligen Stalin-Denkmal zusammenballt, natürlich ohne Maske und viele sicherlich noch ungeimpft. Da könnte noch was auf uns zu kommen.

Nun, am folgenden Tag spielt Deutschland und für Löw bietet sich die letzte Chance, in alter Tradition ein Spiel zu vercoachen. Danach übernehmen die Spieler und legen die Taktik für das Spiel um die letzte Hoffnung gegen Ungarn selbst fest, fantasiere ich, wie einst Beckenbauer 1974 nach der Niederlage West-Deutschlands gegen die DDR. Oder Netzer beim Pokal-Endspiel 1973 zwischen Mönchengladbach und Köln. Wer könnte dabei der Rädelsführer der vorzeitigen Machtenthebung sein? Eigentor-Hummels? Radio-Müller? Löw ist doch jetzt schon eine lahme Ente, wie der Engländer in Übersetzung sagt, werden sich die Spieler für das Portugal-Spiel fügen? Oder geht Löw wie gegen Frankreich auf Nummer sicher und bringt eine Konsens-Aufstellung mit einer Taktik ohne Risiko, aber auch ohne Inspiration? Man wird es noch sehen.

Rubrik: Fußball | 18. Juni 2021, 19:00 Uhr
Gerd Lemkes EM-Kolumne aus Prag (4) – Berichte, Analysen, Einwürfe aus der Hauptstadt des Geheimfavoriten von 2004

Christiano Ronaldos Pressekonferenz geht viral, wie man das im Internet-Smartphone Neusprech ausdrückt. So digital-viral, dass in Zeiten von teams-Unterricht-Lektionen die Schülerin Helene Still sie als Beispiel anführt, als wir über die Börse und die Emotionalität der Anleger sprechen. „Ronaldo hat Coca Cola vier Millionen gekostet“, führt sie an. Ich korrigiere sanft, „ich glaube, es sind vier Milliarden, denn was sind schon vier Millionen für so eine Weltfirma?“. Ich hake nach, „wer hat jetzt eigentlich diese vier Milliarden verloren? Coca Cola?“, und erhalte die richtige Antwort, „nein, die Aktionäre, nicht die Firma“. „Wahrscheinlich liegt das aber nicht nur an Ronaldo, es liegt daran, dass Coca Cola die Dividende ausbezahlt hat“, fügt sie hinzu. Wie dem auch sei, wir kommen darin überein, dass ein Teil der Medien die Wirkung von Ronaldos Aktion überhöht, um die eigene Bedeutung damit hochzuschrauben. Die Wahrheit liegt immer noch auf dem Platz und diejenigen, die Aktien von Coca Cola kaufen, werden wohl wissen, dass das Getränk nicht unbedingt zur täglichen Nahrung von Spitzensportlern gehört. Und wem Ronaldo als Vorbild dient, wird wohl noch kaum über die Investition von Millionen und Milliarden an der Börse nachdenken.

Flottes Spiel zwischen der Ukraine und Nordmazedonien

Ich schaffe es beinahe pünktlich, mein Lehrbestreben zum Anpfiff des ersten Spiels zu beenden und werde mit einem flotten Spiel zwischen der Ukraine und Nordmazedonien belohnt. Die Ukraine ist besser und erspielt sich Chancen. Es ist wie beim Schießen mit einer Schrotflinte, bei der Streuung trifft man zwangsläufig auch mal ins Ziel, wenn auch nicht unbedingt mit dem besten Schuss. Yarmolenko, bekannt von seinem kurzen Engagement bei der Dortmunder Borussia, vergibt ein paar tolle Gelegenheiten, bei denen sich der nordmazedonische Torwart auszeichnen darf, netzt aber mit einem krummen Abstauber ein. Sein Sturmpartner Yaremtschuk trifft kruz danach auch und die Sache sieht entschieden aus. Pandev verkürzt mit einer wunderbaren Aktion im Strafraum, steht dabei aber leider im Abseits. Das ist jener Pandev, der jüngst Deutschland in Löws WM-Qualifikationsspiel abgeschossen hat. So viel zur korrekten Einschätzung der Wertigkeit der deutschen Nationalmannschaft.

Das Spiel, das ich von zu Hause aus schaue, wie übrigens den ganzen Spieltag, bleibt auch in der zweiten Hälfte flott, Nordmazedonien verkürzt im Elfmeternachschuss, auf der anderen Seite vergibt die Ukraine einen Strafstoß zur endgültigen Entscheidung. Trotz aller Bemühungen und Kämpfe gegen die Krämpfe bleibt es beim 2:1 für die Ukraine. Das heißt, Nordmazedonien ist wohl nach menschlichem Ermessen ausgeschieden, die Ukraine hat drei Punkte auf dem Konto, die Niederlande und Österreich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls. Diese Gruppe bleibt also im Rennen um einen der vier besten dritten Plätze, das sollte im deutschen Lager zwar noch keine Panik, aber eine gewisse gesunde Beunruhigung auslösen, um ein leistungsförderndes Reizklima zu schaffen.

Peavey 115 Scorpion von 1992

Kurz danach kommt ein 22-jähriger Guitarrenfreak zu mir in die Wohnung, stöpselt sein Instrument in meinen Amplifier Peavey 115 Scorpion ein und ist gespannt. Das etwas angestaubte Gerät funktioniert nach kurzem Zögern und begeistert ihn durch den Sound der 90er Gitarrenrockbands wie Dinosaur jr., Kurz und gut, der Bandkollege wird herbeordert und die beiden eher schmächtigen Jungs tragen das über 40 Kilo schwere Gerät in ihr kleines Studio unter der Brücke von Libeň. Damit wird die Wohnung wieder ein Stück wohnlicher und die Prager Rockwelt hoffentlich ein Stück reicher.

Weil ich noch schnell ein paar Besorgungen mache – kein Bier, dafür ist es zu heiß – verpasse ich das frühe Führungstor Dänemarks gegen Belgien. Die Dänen bleiben weiter am Drücker, ich habe das Gefühl, Belgien lässt sie sich erst mal austoben. Auch in Kopenhagen werden die Temperaturen wohl überdurchschnittlich warm sein. Meine Tochter schläft immer noch im anderen Zimmer, so habe ich angenehme Ruhe und kann mich ganz auf das Spiel konzentrieren.

Belgien mit Hazard und de Bruyne eine Klasse besser

In der zweiten Halbzeit kommen Eden Hazard und Kevin de Bruyne, sofort ändert sich das Spiel. Nach blitzsauber herauskombinierten Toren von Thorgan Hazard und de Bruyne dreht Belgien das Spiel. Ich verfalle wieder mal in Nostalgie, Löws Team konnte so etwas früher auch mal, ach ja. Ich esse Erdnüsse und Erdbeeren, während Dänemark allmählich seine Hoffnungen auf einen Punktgewinn beerdigt. 2:1 für Belgien, das heißt für die Gruppe, dass Russland und Finnland bei drei Punkten stehen, Belgien ist mit sechs Punkten durch, Dänemark hat aber noch Chancen durch einen Sieg gegen Russland zumindest dieses zu überflügeln. Aber auch hier gilt, der Dritte endet mit mindestens drei Punkten, schlecht für Deutschland.

Auf der Suche nach einem Modulsofa

Nun, der durch den Verkauf des Amplifiers gewonnene Platz muss neu besetzt werden, ich recherchiere in der Zwischenzeit über Sofas im Internet. Mir schwebt ein Drei-Komponenten-Sofa zum Zusammenstellen vor, dessen Komponenten einzeln auch als Sessel genutzt werden können. Doch bevor ich konkret mit der Suche starten kann, muss ich erst einmal herausfinden, wie solche Sitzmöbel genau heißen. Außerdem möchte ich noch eine Holzjalousie des hinlänglich bekannten schwedischen Möbelhauses, dessen Name nicht genannt werden braucht, da es international agiert, verkaufen. Sie passt nicht in die neue Wohnung und war seinerzeit nicht ganz billig. Ich kann leider den potentiellen Neupreis nicht eruieren, das Möbelhaus scheint diesen Artikel aus dem Programm genommen zu haben. Meine Tochter wacht auf, wir vereinbaren, dass ich Fußball schauen darf, sie anschließend youtube.

Alaba nicht wie bei Bayern

Österreich macht sich das Leben selbst schwer. Nach noch nicht einmal zehn Minuten verbockt Alaba eine Balleroberung und Kontereinleitung aus dem eigenen Sechzehner, er legt sich den Ball zu weit vor und tritt beim Nachsetzen dem heranstürmenden Niederländer auf den Fuß. Kein spektakuläres Foul, bei Bayern wäre das vielleicht noch durchgegangen, doch im österreichischen Nationalteam fehlt dieser Bonus. Der Video-Assi braucht nicht lange überprüft zu werden, Elfmeter, Memphis Depay, Tor, 1:0 für die Niederlande. Es folgt irgendwann noch das 2:0 und großes austriakisches Bemühen, doch am Spielstand ändert das nichts. Die Niederlande sind durch, Österreich und die Ukraine haben drei Punkte und machen im abschließenden Spiel wohl die Plätze zwei und drei unter sich aus. Auch wenn es rechnerisch... (usw.usf.) Einigen sich beide Nationen auf ein Unentschieden, sind wahrscheinlich beide durch – kleine Reminiszenz an Gijon, WM 1982, wer sich daran noch erinnert... Für Deutschland heißt das, dass die drei Punkte aus einem eingeplanten Sieg gegen Ungarn nicht ausreichen werden, den Dritten dieser Gruppe zu überflügeln. Es wird eng...

Rubrik: Fußball | 16. Juni 2021, 19:03 Uhr
Gerd Lemkes EM-Kolumne aus Prag (2) – Berichte, Analysen, Einwürfe aus der Hauptstadt des Geheimfavoriten von 2004

Die letzten vier Mannschaften präsentieren sich bei der Merkwürdig-EM 2020 im Jahr 2021, der amtierende Weltmeister, dessen Vorgänger, der amtierende Europameister und dessen Finalgegner, der Rekord-Eurpameister, die einzige europäische Nation, die eine WM in Südamerika gewinnen konnte, der erste Gewinner der europäischen Nationenliga, insgesamt sieben Weltmeistertitel, zusätzlich sechs Vize-Weltmeisterschaften, sechs EM-Titel, zusätzlich noch fünf EM-Finalteilnahmen und diejenigen Nachfahren der ungarischen Wunderelf, die endlich Hoffnung auf die Anknüpfung an jene goldene Generation geben. Das alles in einer Gruppe, das ist schon kolossal. (Und die genannten Zahlen sind nur Schätzwerte, der Verdacht einer Dunkelziffer oder Verschleierung lässt sich nicht endgültig ausschließen.)

Um es einfach zu sagen, um 18h spielen Portugal und Ungarn in Budapest, um 21h Frankreich und Deutschland in Ungarn.

Super-spreader event in Budapest

Was ist der Unterschied zwischen beiden Austragungsorten? Budapest ist etwas größer, eine Landeshauptstadt und beherbergt eine Staatsregierung, die auf der Klaviatur des gesunden Patriotismus gerne auch schrille Töne anschlägt, die den europäischen Nachbarn als Katzenmusik in den Ohren klingt. Das Programm heißt illiberale Demokratie, wohinter sich nichts anderes als der Versuch des Umsetzens von Allmachtsfantasien verbirgt, wovon seit Jahren dieselben Seilschaften profitieren. München hingegen ist nur die Hauptstadt eines Bundeslandes, das gerne mit Autonomiegedanken kokettiert und seine schrillen Töne nach Berlin richtet, dabei aber in der praktischen Umsetzung eines Ein-Parteien-Staates in einem demokratischen Mantel weiter ist als Budapest. München zieht fähige Leute an, während Budapest seine fähigen Leute ins Ausland drängt. Zwar ist München kleiner, dafür die von dort regierte administrative Einheit größer – und auch prosperierender.

Genug von der Politisiererei, die populistische Regierung in Budapest öffnet zum EM-Spiel die Schoten und flutet das Stadion mit 60.000 Zuschauer, Pandemie hin oder her. Währenddessen verlieren sich in München etwa 10.000 in dem weiten Rund der Arena, deren Namenspatron eine Versicherung ist. Mal sehen, ob den Ungarn die Rechnung für das potentielle „mega-spreader event“, wie man solche Veranstaltungen in Zeiten von COVID-19 nennt, präsentiert wird. Sportlich ging das Kalkül mehr als 80 Minuten auf, die Leipziger Achse Gulacsi und Orban Willi halten mit Glück und Geschick ihren Kasten sauber. Der eingewechselte Schön schießt ein Tor, das ganze Stadion umarmt sich, doch der Video-Assi dämpft umgehend die Freude, leider knapp im Abseits. Die Einwechslung des Spielers Siger bei Ungarn scheint Programm und ich denke, der Orban Willi würde sich auch gut in der deutsche Abwehr machen, doch leider hat er für seinen Namensvetter Orban Viktor optiert und steht dem scheidenden Jogi Löw nicht mehr zur Verfügung.

Tragisch wie 1954

Doch wie 1954 im Endspiel von Bern sollte das Verhängnis auch in diesem Spiel noch seinen Lauf nehmen und im Sport ein weiteres Kapitel im ungarischen Geschichtsmythos von 1000 Jahren Niederlagen schreiben. Ein abgefälschter – nicht gefälschter – Pass bringt einem portugiesischen Stürmer die notwendige Beinfreiheit, der wenig fulminante Abschluss wird wieder abgefälscht und Leipzigs Wundertorwart kann dem Ball nur noch verduzt hinterherschauen, der von Orban Willis Ferse ins linke (vom Torwart aus gesehen) Eck rollt. Wie 1954, als aus heiterm Himmel der Regen kam, genau so, nur eben doppelt abgefälscht.

Kurz darauf herrscht Klarheit, Orban Willi blockt den eingewechselten da Silva von der Frankfurter Eintracht regelwidrig im Strafraum, der erste verwandelte Strafstoß des Turniers eröffnet Cristiano Ronaldo die Chance zu seinem zehnten Tor bei seiner fünften Turnierteilnahme, in der Nachspielzeit fügt er noch Nummer elf hinzu und die Freude in Budapest ist doch deutlich getrübt.

„Papa, musst du Basketball kucken?“

Meine Tochter freut sich, denn ich überlasse ihr wieder den Computer für ihr Kinderlernprogramm auf youtube. „Gehst du jetzt Basketball kucken?“, fragt sie. „Basketball? Nein, Schatz, Papa kuckt keinen Basketball, Papa kuckt Fußball.“ Woher hat sie das bloß, ich habe in meinem Leben vielleicht zwei Basketballspiele gesehen.Ich muss diese Kinderlernprogramme doch mal genauer unter die Lupe nehmen, meine Tochter lernt damit gerade unkontrolliert Englisch, um ihr Sprachenrepertoire um eine zu erweitern.

Ich begebe mich anschließend nach Pankrac zum Gefängnis, gehe dabei nicht über Los und treffe mich mit Niels. Unglaublich das letzte Mal haben wir uns vor der Pandemie im ausgeschossenen Auge unter dem Denkmal des Hussitenheerführers Jan von Trocnov getroffen, der dem gesamten Stadtteil seinen Zweitnamen verlieh: Žižka bzw. Žižkov. Das war ein Jahr nach der WM 2018, die es aber trotzdem noch zu diskutieren galt. Dabei natürlich vor allem die Trainerposition.

Eine 26 ist keine 25

Gleich zu Beginn sorgt ein kleines Missgeschick für eine verlängerte Anreise. Ich nehme die Straßenbahn 25 zur nächsten U-Bahnstation, denke ich und stelle erstaunt fest, als diese an der entscheidenden Stelle abbiegt, dass ich in der 26 sitze. Genau das ist mir schon einmal passiert, obwohl ich mir sicher bin, 25 gesehen zu haben. Wir tuckern über die Moldau und ich denke darüber nach, ob es an der Display-Ästhetik der digitalen Anzeige aus den 1980er Jahren liegen kann. So mache ich einen gemütlichen Straßenbahnausflug durch das Zentrum Richtung Stadtteil Nusle und denke an das Jahr zurück, das ich dort verbracht habe, 1998, das war aber schon nach der WM, die Frankreich gegen Brasilien nach zwei Kopfstößen von Zinedine Zidane gewann. Sein dritter Kopfstoß in einem WM-Finale erfolgte acht Jahre später, galt aber nicht dem Ball. Damals gab es noch keinen Video-Assi, sondern nur einen vierten Unparteiischen, der auf erhöhter Position im Stadion sitzend nicht auf Filmmaterial zugreifen durfte. Zumindest offiziell nicht. Die Zeiten haben sich geändert, auch der Stadtteil Nusle, er sieht jetzt bedeutend schöner aus.

Umziehen ist schlimmer als ausbrennen

Neben dem Gefängnis treffe ich Niels in einem kleinen Biergarten, viel Zeit, den zu genießen, bleibt uns leider nicht, der Anpfiff naht und damit der Umzug ins Lokal. Ich erzähle von meinem Tag und meinem Kampf mit der Bohrmaschine, der Wand und einem Hängeschrank, den ich nach einiger Mühe in der engen Toilette angebracht habe. Dort konnte ich nur alleine arbeiten, nach einer Stunde war das Werk vollbracht und ich einen Schritt weiter, die neue Wohnung wohnlich zu gestalten.

Wir schauen uns die Manschaften bei der Nationalhymne an, ich erzähle von dem administrativen Vormittag. Nach all den Mühen und vergeblichen Anrufen mit meinem ehemaligen Internet-Anbieter Vodafone, dem Warten auf einen Termin des Technikers und dem schlechten Signal bin ich dann doch überrascht, wie einfach das Unternehmen es macht, seinen Vertrag zu kündigen und das Modem zurückzugeben. Keine weitere Befragung nach Gründen, kein Fragebogen über Kundenzufriedenheit, keine Versuche, mich als Kunden zu halten.

Rückkehrer Hummels trifft

Nach drei, vier weiteren administrativen Besuchen lande ich schließlich bei der Fremdenpolizei, um mich umzumelden. Niels erinnert sich ebenfalls mit Schrecken an seine Erfahrung mit jener Behörde. Mitten in unsere Überlegungen schießt Hummels – ausgerechnet Hummels, den Löw eigens zurückgeholt hat, um die Abwehr zu stärken – das 1:0. Doch leider nicht für Deutschland, sondern für Frankreich. Hätte ein Willi Orban in dieser Situation besser ausgesehen? Wäre Hummels überhaupt mitgenommen worden, wenn Orban seinerzeit nicht für Ungarn optiert hätte? Spricht er überhaupt Ungarisch? Fragen über Fragen begleiten uns in die Pause, in der der Wirt das Projektion des Videostreams auf Standbild stellt.

Auf der Ausländerpolizei war ich übrigens überraschend problemlos erfolgreich, kann mich aber ebenfalls an frühere Zeiten erinnern, als der Pflichtbesuch dort noch schlaflose Nächte bereitet hatte. Damals war die Behörde aber noch in dem unwirtlichen Teil von Žižkov angesiedelt, heute ist sie, zumindest die für meinen Stadtteil zuständige Abteilung, über dem Club Delta angesiedelt. „Kennst du den“, frage ich Niels. „Ich war dort einmal auf einem Konzert der Plastic People of the Universe, das war aber schon nach dem Tod von Frontman Mejla Hlavsa.“ „Ich habe dort mal Xavier Baumaxa gesehen, kann mich aber nicht daran erinnern, wie man dort hinkommt.“ „Ja, das ist eine Fahrt weit raus, bis zur Straßenbahnendstation Wilde Scharka und dann noch drei, vier Stationen mit dem Bus, in einer Siedling.“ Auf jeden Fall geht es dort mittlerweile menschlicher zu.

Verlängerte Pause

An der Bar herrscht Betrieb, so dass meine höfliche Bitte, das Fußballspiel wieder einzuschalten, erst mit Verzögerung entgegengenommen werden kann. Als typisch tschechische Reaktion erhalte ich sowohl das Fußballspiel zurück, als auch die Belehrung: „Das müssen sie doch sagen!“ Zu wenig assertiv, zu wenig ty vole, beim nächsten Mal am besten gleich schreien. Wenn wir zu spät wieder anschalten, ist das nicht unsere Schuld, das ist deine Schuld, du musst uns verbal in den Arsch treten, dann geht das, so interpretiere ich das. Wir verpassen einen Pfostenschuss Frankreichs und sehen, wie Gnabry die einzige gute Torchance über den Kasten setzt. Ansonsten läuft das Spiel so, wie seit Jahren bei Löw, die großen Offensivbemühungen stehen im krassen Gegensatz zu der dadurch entfachten Torgefahr. Warum sollte sich daran etwas ändern, auf Löws alte Tage, nur weil er Müller, Hummels und Volland zurückgenommen hat?

Welcher Aufenthaltstitel wofür?

Niels und ich erörtern weiterhin die Fremdenpolizei, Vor- und Nachteile welcher Aufenthaltstitel, das Spiel läuft seinen Gang, erinnert etwas an das Halbfinale 2016. Frankreich schießt noch ein Abseitstor, nach dessen Aberkennung die Kamera kurz auf Käse-Gael schwenkt, der sich auf der Tribüne darüber echauffiert. Dann reden wir über dieses Endzeitgefühl, das Ären, die zu lange Dauern, auslösen. Wir beide sind derselbe Jahrgang und haben die Ära Kohl von ihrem Anfang, der geistig-moralischen Wende, bis zu ihrem Ende, dem absoluten Überdruss an dieser Politik miterlebt. Nun Merkel, nun Löw. Wir kennen das schon, trotz aller Beteuerungen und Kampagnen, Reformen anzugehen und neue Dinge zuzulassen, ändert sich nichts. Also lohnt es sich auch nicht mehr wirklich, auf das deutsche Team einzugehen. Vielmehr lohnt es sich ab sofort aufmerksam zu beobachten, ob Deutschland vor dem letzten Spiel, das ja auch die gesamte Vorrunde abschließt, noch eine Chance auf einen der vier besten Dritten-Plätze besitzt, die zum Einzug ins Achtelfinale ausreichen.

Wer ist Gabirela?

Bald schon nach dem Abpfiff werden wir aus dem Lokal mit Biergarten hinauskomplimentiert und ich nutze die höchst angenehme Sommernacht zu einem ausgiebigen Spaziergang über die Nusle-Brücke, die immer wieder einen schönen Blick über Prag, die höhere Burg und den Hradschin bietet. Zurück in meinem Viertel schaue ich noch kurz in der Nachtbar Barré vorbei und erfahre immerhin soviel über Gabriela, dass sie einen viereinhalbjährigen Sohn hat und nur manchmal hier verkehrt. Aber wie sie aussieht, weiß ich immer noch nicht.