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Tschechien OnlineTschechien Online | 13. Januar 2021, 15:23 Uhr

Prag - Längst haben die Länder Mittel- und Osteuropas ihren Ruf und die Vergangenheit der Sowjetunion abgelegt, besonders wenn es um die wirtschaftlichen Strukturen geht.

Eine sprunghafte Entwicklung konnte dabei auch Tschechien verzeichnen und das Land wurde, wie andere ehemalige Ostblock-Staaten, zu einem wichtigen Bestandteil der westlichen Wirtschaftssysteme und der Europäischen Union. Unternehmen in Tschechien sind daher heute attraktive Partner und Hersteller, und zwar sowohl für Unternehmen als auch für Endkunden, die an bestimmten Produkten interessiert sind. 

Oft besteht dabei auch seitens der tschechischen Unternehmen ein großes Interesse, Partnerschaften außerhalb der eigenen Landesgrenzen anzuknüpfen und entsprechende Märkte zu bedienen. Das ist in einigen Branchen stärker der Fall als in anderen, weshalb wir in der Folge gerne einige Zweige vorstellen möchten, deren Leistungen die südöstlichen Nachbarn heute zu attraktiven Partnern macht.

Interessante Märkte und Branchen sind in Tschechien beheimatet und können sich für Ihr Unternehmen lohnen

Die tschechische Wirtschaftsstruktur ist besonders bei einem Blick auf die klassischen Sektoren mit der anderer westlicher Länder zu vergleichen. So spielen die Land- und Forstwirtschaft und der Bergbau als primäre Sektoren nur noch eine sehr marginale Rolle. Die verarbeitende Industrie macht je nach Definition zwischen einem Viertel und einem Drittel der Bruttowertschöpfung aus und besonders der Dienstleistungssektor macht heute den Bärenanteil im Land aus. Dabei gibt es einige Schlüsselbranchen, die weiterhin sehr wichtig sind, zu denen insbesodnere die Folgenden zählen:

  • Die Autobranche gilt als Zugpferd der tschechischen Wirtschaft 
  • Verschiedene IT-Dienstleistungen sind ebenfalls ein wichtiger Wirtschaftsmotor 
  • Auch der Handel hat in Tschechien einen großen Anteil an der geamtwirtschaftlichen Leistung

Ob als Zulieferer, Partner oder ausgesourcter Dienstleister können somit viele Dienstleister aus Tschechien auch erfolgreich hierzulande genutzt werden. Das wird auch durch die oft vergleichsweise günstigeren Preise begünstigt, wobei keinesfalls von ausbeuterischen Verhältnissen zu sprechen ist, da die Löhne eine durchaus positive Entwicklung genommen haben.

In anderen Feldern sollten Sie dennoch auf heimische Expertise setzen

Doch längst nicht alle Leistungen sollten unbedingt aus dem Ausland bezogen werden, weshalb eine gewisse Vorsicht walten sollte. Das gilt besonders bei recht kontextabhängigen und spezifischen Leistungen, die länder- oder sogar regionenspezifisches Wissen benötigen. Eine nahe SEO Agentur in Berlin kann daher beispielsweise dabei helfen, den direkten Austausch zuzulassen und den deutschen Markt bestens zu bedienen, während das Ganze für ausländische Dienstleister nicht immer so einfach ist. (dap)

Rubrik: Panorama, Leute | 3. Januar 2021, 14:26 Uhr

Der am 20. September 1894 in Theresienstadt geborene Gottfried Wurbs war in der Region Friedland in Böhmen einer der bedeutendsten deutschen Fotografen der Vorkriegszeit. Er gehört zu den Personen, die sich in hervorragendem Maße um die Stadt verdient gemacht haben.

Im Jahr 1919 heiratet er in Friedland Elsa Bertha geb. Hausmann. Anton Hausmann, Vater seiner Frau, ist 1887 von Arnsdorf nach Friedland gekommen und war Porträt- und Landschaftsfotograf. Bei ihm war Gottfried Wurbs als Lehrling angestellt. Mitte der 30er Jahre hat er sein Fotoatelier in der Görlitzergasse 59, neben der Eisenwarenhandlung Oswald Schicketanz, eröffnet. Ein weiteres Fotoatelier und einen Lichtbildverlag hat er in Markt Eisenstein im Böhmerwald an der Bayerischen Grenze gegründet, und bis zu seiner Vertreibung 1946 betrieben.

Neben Porträtaufnahmen und Hochzeitfotos spezialisierte er sich vor allem auf Architekturaufnahmen und Landschaft. Seine Impressionen aus Friedland und der Umgebung gehören zu den schönsten Bildeindrücken seines Werkes. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind heute eine Rarität, die hoch gehandelt werden. Sein Gesamtwerk umfasst eine unübersehbare Zahl von Bildern, von denen nur ein kleiner Teil bekannt und dokumentiert ist. Eine zahlreiche Sammlung seiner Fotoaufnahmen befindet sich u. a. im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München.

Auch als Fotobuchautor hat sich Gottfried Wurbs einen Namen gemacht. Im Jahr 1931 erscheint das Buch mit dem Titel „Verklärte Welt - Die schönsten Bilder von Gottfried Wurbs“ mit 53 hervorragenden Fotografien in Kupfertiefdruck aus dem Verlag „Frankes Buchhandlung“ in Habelschwerdt. Auch in dem 1940 erschienenen Buch von Robert Herzog „Das Isergebirge, die Landschaft Gustav Leutelts“ findet man unter den 72 Bildtafeln einige seine Fotografien.
 
Im April 1938 brachte der bekannte Lichtbildverlag Gottfried Wurbs in Friedland eine Reihe von 32 verschiedenen Künstlerpostkarten in Sechsfarbendruck heraus, die von der Reichenberger Künstlerin Mimi Härtl stammen. Unter ihnen sind Karten mit feinsinnigen, heiteren Ostermotiven, die gerade rechtzeitig fertig geworden sind, um schon zu Ostern ihre Empfänger zu erfreuen. Den schwierigen Sechsfarbendruck besorgte die grafische Kunstanstalt Gebrüder Stiepel in Reichenberg. Frau Härtl ist Reklamezeichnerin und stellte weitere Postkartenserien in Aussicht. Die Papierhandlungen hatten die Karten auf Lager.
 
Mit seinem empfindlichen Objektiv fing er nicht nur die Schönheit der Blumen, der Wälder und Bäume ein, sondern auch die Volksarchitektur der Dörfer und der städtischen Winkel. Bekannt sind auch seine seltene dokumentarischen Aufnahmen vom Wallensteinfest, die er in Friedland im Jahre 1934 gemacht hat und die historische Aufnahmen von der Herrschaft und den Interiers des Friedländer Schlosses. Seine Fotos wurden sehr oft in verschiedenen Zeitungen und Publikationen veröffentlicht. Der Name Gottfried Wurbs und der Verlag "Helios" in Friedland ist heute fast unbekannt und vergessen. Es ist wirklich schade, dass das Vermächtnis und das Werk dieses bescheidenen Künstlers in der damaligen Zeit nicht im Ganzen festgehalten wurde.
 
Ein trauriges Ereignis passierte in dem Haus des Fotografen Gottfried Wurbs in der Nacht von 2. auf den 3. April 1933. Der Angestellte der Wach- und Schliessgesellschaft Alfred Wünsch hat auf seinem Dienstgang bei dem Haus des Fotografen in der Görlitzer Gasse einen Brandgeruch wahr genommen und bemerkte bei näherem Hinschauen, dass aus der Fensteröffnung des Dachgeschosses Rauch herausströmt. Er schlug sofort Alarm und die in der Nähe wohnenden Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr konnten mit Hilfe der Polizei und Hausbewohnern den in einem Wohnraum des 1. Stock ausgebrochenen Zimmerbrand löschen, noch bevor das Feuer größere Dimensionen angenommen hat. Der in dem Wohnraum stehende Badeofen wurde abends angeheizt. Später ist dann glühende Asche herausgefallen, durch die der Fußboden zwischen dem ersten Stock und dem Dachgeschoss in Brand geraten ist. Die Alarmierung der Feuerwehr erwies sich als überflüssig.
 
2014 - Gottfried Wurbs Ausstellung in Friedland
 
Am Samstag, den 5. Juli 2014, fand in Friedland in Böhmen die Vernissage der Fotoausstellung "Gottfried Wurbs - Retrospektive" statt. Diese Gedächtnisausstellung zu seinem 120. Geburtstagsjubiläum zeigte einen kleinen Teil seines fotografischen Gesamtwerks, der in dem Zeitraum 1922-1944 entstanden ist und von dem Friedländer Verlag Helios auf zahlreichen interessanten Ansichtskarten herausgegeben wurde. In diesem Verlag erschienen auch In großer Anzahl Weihnachtskarten, Osterkarten, verschiedene Glückwunschkarten, sowie Ansichtskarten von nordböhmischen Städten.
 
Die Lichtbilder von Gottfried Wurbs wurden erstmals in einer Ausstellung gezeigt und konnten nach langen Jahren wiederentdeckt werden. Der Besucher erhielte die Gelegenheit, einzigartige Aufnahmen aus einer längst vergessenen Zeit zu sehen. Kurz vor der Eröffnung strömten zahlreiche Besucher in den Ausstellungsraum, um sich die Bilder anzuschauen. Fotograf Rainer Kröll-Wurbs aus Friedrichshafen, der Sohn des Fotografen, der als Kurator der Ausstellung tätig war, konnte bei der Vernissage mehr als 60 interessierte Gäste begrüssen. Die meisten davon kamen aus Deutschland.
 
Die Vernissage war sehr gut besucht. Sozusagen “ein volles Haus”, und die Besucher, die den Ausstellungsraum mit guter Stimmung erfüllten, waren von der Ausstellung begeistert. Die ausgestellten Bilder regten auch zu manch interessanter Diskussion an. In gemütlicher Runde haben wir von 16 Uhr bis fast 18 Uhr bei einem Glas Wein die Bilder betrachtet und über sie gesprochen. Die Begeisterung für die Gottfried Wurbs Ausstellung hat gezeigt, dass diese Veranstaltung in Friedland eigentlich längst überfällig war. Die Besucher kamen auf “ihre Kosten” und waren beeindruckt von der Qualität der gezeigten alten Fotografien. Der schöne Nachmittag und die Begegnung mit der Vergangenheit wird allen noch lange in Erinnerung bleiben. Interessant war, dass sich kein Mensch der Stadtverwaltung, von denen meistens die Ausstellungen in dem Friedländer Rathaus eröffnet werden, an der Eröffnung dieser Ausstellung beteiligt hat. Es hat aber keinen gestört. Es war die erste Veranstaltung dieser Art in Friedland. Die Besucher konnten bis zum 31. Juli 2014 die Ausstellung mit den Fotografien von Gottfried Wurbs in dem Ausstellungsraum des Rathauses in Friedland kostenlos besuchen und die Fotos auch kaufen.
 
Mit dieser Ausstellung, die ich in Friedland organisiert habe, wurde an die verdienstvolle Arbeit des Friedländer Kunstfotografen Gottfried Wurbs und an das breite Spektrum seiner vielen überaus schönen Fotografien von Naturschönheiten erinnert, die in Nordböhmen in dem vergangenen Jahrhundert entstanden sind. Der Verlag „Helios“, der von seiner Frau geführt wurde, hat damals für Sammler eine umfangreiche Serie von Ansichtskarten mit den glänzenden Motiven aus der zauberhaften Friedländer Natur "Schönheiten unseres Vaterlandes" und "Postkarten der tschechischen Heimat“ mit der Signatur Wurbs zum Grossteil schwarz-weiss gedruckt. Das Fotoatelier und der Verlag "Helios" waren in Friedland i.B. von 1924 bis zum Jahre 1948 in Betrieb, dann übernahm ihn der nationale Treuhändler und Fotograf Josef Mrkvička.
 
Wie überall, so auch in Eisenstein, wo sich Gottfried Wurbs am Ende des Krieges in seinem Fotoatelier aufgehalten hat, hat man alle vermögende Leute unter den fadenscheinigsten Vorwänden verhaftet. Auch er wurde verhaftet und am 15.8.1945 abgeholt und wegen angeblicher Spionage eingesperrt. Am Anfang war er 10 Tage im Keller des Hotels Bavarie in Eisenstein interniert. Hier wurde er verhört und am 25.August nach Klattau in das Kreisgefängnis eingeliefert. Hier begann am selben Tag sein Martyrium. Dass er mit dem Leben davonkam war ein Wunder. Am 25. Mai 1946 wurde ihm gesagt, dass gegen ihm nichts vorliege, dass die Verhaftung auf einen Irrtum zurückzuführen sei und er wurde plötzlich entlassen. Nachher wurde er mit 500,- RM und 30 kg Gepäck ausgesiedelt.
 
Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Sudetenland lebte Gottfried Wurbs kurze Zeit in Kirchanschöring im oberbayerischen Landkreis Traunstein. Nachher fand er seine neue Heimat in Lindau am Bodensee. Hier hat er sich eine neue Existenz als Fotograf aufgebaut und hier starb er vor 50 Jahren am 16. August 1970.
 
Bildnachweis:
Stanislav Beran (Farbfotos)
Rubrik: Panorama | 2. Januar 2021, 12:24 Uhr

Am 8. Dezember 2020 erfolgte in der nordböhmischen Stadt Liberec/ Reichenberg die Einweihung der von der Stadt renovierten Barockkapelle des Heiligen Grabes.

Die umfassende Renovierung des Außen- und Innenbereichs der kleinen verkommenen Grabkapelle aus dem Jahre 1772, einschließlich der Dach- und Restaurierungsarbeiten begann im September und wurde Anfang Dezember erfolgreich beendet. Neben den Vertretern der Kirche waren die Bauinvestoren und Bauunternehmer gekommen. Der Reichenberger katholische Priester und Erzdiakon Radek Jurnečka spendete der renovierten Kapelle den kirchlichen Segen.

Zu berichtigen wäre, das die Barockkapelle des Heiligen Grabes 1772 gebaut wurde und nicht 1722, wie es in der Vergangenheit an einigen Stellen fälschlicherweise hieß. Auch an der Frontseite der Kapelle stand die falsche Jahreszahl. Das Grab Gottes wurde am 30. Juli 1772 fertiggestellt und während einer großen Feier am Fest der Jungfrau Maria am 8. September desselben Jahres geweiht. Unbegreiflich ist, dass die falsche Jahreszahl an der Barockkapelle des Heiligen Grabes bei der Renovierung nicht korrigiert wurde.

Auf meine Frage an den Vizebürgermeister Ivan Langr vom Rathaus in Reichenberg, die ich am 8.12.2020 abgeschickt habe: „Warum wurde die falsche Jahreszahl an der Wand der renovierten Kapelle nicht geändert“, bekam ich am 9.12.2020 folgende Antwort:

„Ja, es ist natürlich ein Fehler, der bei den früheren Restaurierungsarbeiten im Jahr 1986 gemacht wurde. (Damals wurde die Zahl 2 mit der Zahl 7 verwechselt.) Ich bin jedoch nicht dafür, das zusätzlich eine Korrektur gemacht wird, schließlich müssten sich die Denkmalschützer dazu äußern. Es ist ein charmanter Fehler, dank dessen die Kapelle eine weitere interessante Reklame zu ihrer Geschichte erhält. Ich würde es lieber in der Werbung verwenden. Das ist nicht der erste Fehler in der Geschichte. Der vielleicht bekannteste Fehler ist die Darstellung des biblischen Moses mit Hörnern, der aus der fehlerhaften Übersetzung der Bibel ins Lateinische stammt ...“

Das historische Barockdenkmal, das sich im Garten neben der Kirche des heiligen Kreuzes und dem Kreuzweg mit den Bildern von Joseph Ritter von Führich befindet, ist eine genaue, wenn auch verkleinerte Nachbildung des ursprünglichen Heiligen Grabes von Jerusalem, in das Jesus Christus nach seinem Tode am Kreuz gelegt wurde. Erbaut hatte die Kapelle der Reichenberger Kaufmann Andreas Josef Wondrak nach Plänen von Johann Joseph Kunze. Erwähnenswert ist, das Wondrak zum selben Zeitpunkt eine Stiftung ins Leben gerufen hatte, vor allem um die für Instandhaltung des Heiligen Grabes, das sich ursprünglich vor der Kirche des heiligen Antonius des Großen befand, in der Zukunft zu sorgen.

1865 wurde das kleine sakrale Gebäude auf den ehemaligen Friedhof bei der Kirche der Kreuzauffindung versetzt. In der Doppelmonarchie Osterreich-Ungarn und in den Jahren der ersten ČSR gelang es der Wondrak-Stiftung, Geld für die Rettung des sakralen Denkmals zu sammeln. Die deutschen Bürger und verschiedene Verbände in Reichenberg unterstützten mit ihren Beiträgen die gemeinnützigen Sammlungen, um kirchliche Denkmale zu retten und zu renovieren. Wie lange die Stiftung ihre Interessen vertreten hat, ist nicht bekannt.

Die letzte Sanierung des Heiligen Grabes erfolgte im Jahr 1986. In jenem Jahr wurde wahrscheinlich auch die Jahreszahl auf dem Gebäude der Kapelle verwechselt. Schon vor Jahren stahlen Unbekannte das Kupferblech vom Dach der Kapelle, die zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört. Die durch das beschädigte Dach in den Raum eindringende Feuchtigkeit verursachte große Schäden. Im Inneren der Kapelle, die von der Kirche für 50 Jahre in die Obhut der Stadt Reichenberg übergeben worden war, begannen Sträucher zu wachsen. Die Sanierungsarbeiten wurden von der Reichenberger Firma Aron House durchgeführt.

„Das es seit mindestens 30 Jahren in die Kapelle des Heiligen Grabes hineingeregnet hat, ist zu sehen“, sagte Michal Felgr, Sprecher der Baufirma. Zusammen mit der Kirche der Kreuzauffindung und der vor kurzer Zeit restaurierten Mariensäule, die sich im selben Garten befinden, gehört die Kapelle des Heiligen Grabes zu den wertvollsten Barockdenkmälern der Stadt Liberec/Reichenberg. Die Kosten für die aufwendige Renovierung der historischen Kapelle, die an die Kreuzigung Jesu Christi in Golgota erinnert, werden auf 2,5 Millionen Kronen geschätzt. Ein Teil davon wurde von der Stadt Liberec bereitgestellt.

Bildnachweis:
Stanislav Beran
Rubrik: Panorama | 9. Dezember 2020, 19:02 Uhr

Prag - Am frühen Morgen des 19. November zog ein Bolide (ein sehr heller Meteor) seine Leuchtspur über der Tschechischen Republik. Der Feuerball wurde in vielen Teilen Tschechiens gesehen. In Prag zeichnete eine Kamera des Fachbereichs Atmosphärische Physik der Fakultät für Mathematik und Physik der Karlsuniversität das Schauspiel auf. (nk)

prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Wirtschaft | 3. Dezember 2020, 15:21 Uhr
Die Wucht der Coronawelle im Herbst führte erneut in den Lockdown. Durch die bessere Infektionsbilanz dürfen Geschäfte Anfang Dezember wieder öffnen.

Prag - Tschechien gehörte bei der zweiten Coronawelle zur Vorhut in Europa und stand über Wochen bei der 14-Tage-Inzidenz an der Spitze in der Europäischen Union (EU). Das änderte sich in der letzten Novemberwoche dank stetig sinkender Neuinfektionszahlen. 

Die Zahl der an oder mit Covid-19 gestorbenen Menschen überstieg am 28. November die Schwelle von 8.000. Der Reproduktionsfaktor ist auf unter 1 gesunken. Täglich informiert das Gesundheitsministerium über die Entwicklung in einer Übersicht zu den Covid-19-Erkrankungen in Tschechien.

Ausgangssperre und Geschäftsverbote werden aufgehoben

Seit dem 5. Oktober gilt der Notstand, vorerst verlängert bis 12. Dezember. Zunächst stand der gesamte Freizeit-, Sport und Kultursektor still. Bars und Restaurants blieb nur das Take away. Hochschulen und Schulen wurden auf Online-Lehre umgestellt. Seit dem 22. Oktober haben fast alle Einzelhandels- und Dienstleistungsläden zu (Ausnahme Grundbedarf), ist die Bewegungsfreiheit eingeschränkt (Ausnahme Arbeitswege, Spaziergänge und triftige Gänge). Die Industrie unterliegt keinen Einschränkungen. Seit dem 28. Oktober gilt eine nächtliche Ausgangssperre, müssen die wenigen offenen Geschäfte sonntags schließen. Wo es geht, soll im Homeoffice gearbeitet werden. Hotels können nur Dienstreisende aufnehmen oder Quarantänefälle. Masken müssen überall außer zu Hause und im Wald getragen werden.

Neuer Risikoindex zur Steuerung in der Pandemie

Nachdem die steile Infektionskurve auf diese Maßnahmen zu reagieren begann, stellte der neue Gesundheitsminister Jan Blatný Mitte November das Anti-Epidemie-System PES vor. Es reagiert auf einen Risikoindikator, in den vier zentrale Werte der Epidemie eingehen. PES besteht aus fünf Risiko- und Reaktionsstufen und listet die jeweiligen Maßnahmen detailliert auf. Der Indikator muss sich eine Woche stabil zeigen, bevor eine neue Stufe in Betracht kommt. Er ist in der ganzen letzten Novemberwoche auf unter 60 gefallen, was den Übergang von der vierten in die dritte Stufe erlaubt. Am 29. November entschied die Regierung, dass Geschäfte, Restaurants und Dienstleister ab dem 3. Dezember wieder öffnen dürfen - unter Einhaltung strikter Hygienevorschriften (Restaurants sind nur zu 50 Prozent auszulasten, Geschäfte dürfen weiterhin nur einen Kunden pro 15 Quadratmeter zulassen). Auch die nächtliche Ausgangssperre wird aufgehoben.

Um die Erstklässler beim Lese- und Schreiberwerb nicht zu sehr zurückzuwerfen, haben die ersten beiden Schuljahrgänge seit dem 18. November wieder Präsenz- statt Fernunterricht. Es folgten die die Abiturjahrgänge und seit 30. November weitere Grundschulstufen.

Eine nationale Ampel-Karte informiert über das Covid-19-Übertragungsrisiko in den tschechischen Bezirken. Seit Mitte Oktober ist das ganze Land rot. Das bedeutet, es besteht landesweit immer noch eine fortgesetzte gesellschaftliche Übertragung mit vielen Infektionsfällen ohne klare Ansteckungsquelle. Deutschland stuft seit dem 25. September ganz Tschechien als Risikogebiet ein.

Deutsche Firmen verkraften zweite Welle besser

Anders als im Frühjahr, haben die Unternehmen gelernt, sich auf einen Betrieb mit Covid-Maßnahmen einzustellen. Das ergab im November eine Umfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (AHK Tschechien) unter 100 Mitgliedsunternehmen. Während im Mai noch 80 Prozent spürbare bis hohe Einbußen beklagten, sind es aktuell nur etwas mehr als die Hälfte (53 Prozent). In manchen Branchen wie Automotive, Technologie, Bau oder Logistik überstiegen die Umsätze im September und Oktober sogar die Vorjahresergebnisse. Ein Teil spürt den Personalmangel schon wieder. Für das Gesamtjahr rechnen 68 Prozent der Unternehmen mit einem Umsatzrückgang. Im Frühjahr waren es noch 92 Prozent. 

Beim ersten Lockdown von Mitte März bis Mai waren das soziale Leben und Teile der Wirtschaft mehrere Wochen zum Erliegen gekommen. Nur Geschäfte und Dienstleister, die den Grundbedarf abdeckten, durften öffnen. Die Industrie war nicht direkt beeinträchtigt, stieß aber auf Absatz- und Nachschubprobleme. Die Automobilhersteller stoppten vorübergehend die Produktion. Inzwischen läuft die Kraftfahrzeugindustrie wieder auf Hochtouren.

BIP fällt 2020 zwischen 6,6 und 7,2 Prozent

Im 3. Quartal hatte die Wirtschaft, besonders die Industrie, die Talsohle hinter sich und arbeitete am Aufstieg. Das Finanzministerium erwartete im September 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um real 6,6 Prozent. Die Tschechische Nationalbank prognostizierte im November ein Minus von 7,2 Prozent. Am stärksten werden die Exporte und die Bruttoanlageinvestitionen einbrechen. Nach fünf Monaten schrittweiser Aufhellung hat sich das Wirtschaftsklima im Oktober gegenüber dem Vormonat bei Verbrauchern, Dienstleistern, Bauwirtschaft und Handel erneut eingetrübt. Die Industrie war durch gute Auslastung optimistischer. 

Haushaltsdefizit wird vervielfacht

Um die Folgen für die Wirtschaft abzufedern, hatte die Zentralbank bereits im Frühjahr den wichtigsten Leitzins (2-Wochen-Repo) in drei Schritten um 200 Basispunkte auf 0,25 Prozent gesenkt. Sie bis Ende November keine weitere Veränderung vor. Die Regierung stellt verschiedene Hilfen zur Verfügung und hat sich in einem Nachtragshaushalt mehr Raum für Verschuldung gegeben. Durch die geringe Staatsschuldenquote (2019: 30,2 Prozent des BIP) hat Tschechien mehr Spielraum als andere Staaten.

Die Ausgangslage auf dem Arbeitsmarkt ist durch den langjährigen Fachkräftemangel geprägt. Auch das Kurzarbeitergeld hilft vorerst, Entlassungen zu verhindern. Die Erwerbslosenrate ist von 2,1 Prozent im April 2020 auf 2,9 Prozent im Oktober gestiegen. (gtai)

© 2020 Germany Trade & Invest, Autor: Miriam Neubert