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Rubrik: Sport, Fußball | 24. Juni 2018, 13:57 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Belgien – Tunesien 5:2, Südkorea – Mexiko 1:2, Deutschland – Schweden 2:1

Auf, heute gilt's, morgen kann es bereits zu spät sein. Bevor der Fußballtag beginnt, erhalte ich eine Einladung zum Grillen im Park. Dabei ist am Vortag die Temperatur um 20 Grad gefallen und die Jahreszeit ist auf Ende Oktober vorgerückt. Ich bin höchst skeptisch, ob ich dem Kind das zumuten kann. Das legt sich erst mal mittags zu einem ausgedehnten Nickerchen hin, der es mir erlaubt, mich zunächst dem Spiel Belgien gegen Tunesien zu widmen. Das lohnt sich durchaus, denn nach 17 Minuten sind bereits drei Tore gefallen. Hazard per Strafstoß und Lukaku per Konter bei einem Gegentor von Mister X per Kopf nach einem Standard versprechen beste Unterhaltung. Kurz vor der Pause legt Lukaku noch einen drauf, das Spiel dürfte entschieden sein. Belgien spielt mit seinen Stars Hazard, de Bruyne, Lukaku, Witsel usw. einen gepflegten Ball. Tunesien spielt munter mit, das ist sehr sympathisch und gut anzusehen.

Einsetzender Nieselregen

In der Pause rüstet meine Lebensgefährtin MM das Kind winterfest aus und ich unternehme mit ihm den ersten Versuch, in den Park zu gehen. Doch als wir gerade zur Haustür kommen, bemerke ich einen leichten Nieselregen, der auf dem Weg von der Wohnungstür (erster Stock) zur Haustür (Erdgeschoss) eingesetzt haben muss. Ich breche das Unternehmen vorzeitig ab und kehre zurück. Bis ich wieder ein Bild empfangen kann, hat Belgien auf 4:1 erhöht, diesmal Hazard. Zehn Minuten später lasse ich das Spiel austrudeln und ziehe den zweiten Versuch gnadenlos durch, draußen in der freien Wildbahn den Futterplatz zu erreichen. Gegen den Regen ziehe ich eine Plastikplane über den Kinderwagen, dem Kind gefällt das zwar nicht, doch ich dulde keine Widerrede.

Am Grillplatz angekommen, erwarten uns bereits andere Kinder. Meines bekommt ein Stück Marmorkuchen und etwas Banane, ich Fleisch und eine saure Gurke. So verbringen wir einen angenehmen Nachmittag im Park, für kurze Momente gebe ich das Kind anderen Frauen ab, meistens halte ich es aber auf dem Arm. Leider kann es noch nicht alleine laufen und ich bin überprotektiv, glaube ich zumindest. Irgendwann schläft es ein, ich lege es in den Kinderwagen, decke es gut zu und bleibe doch immer in seiner Nähe.

Sieben-Tore-Spiel

Ein Smartphone-Besitzer mit Dauernetz vermeldet das belgische Endergebnis, 5:2. Ich mutmaße, dass dies wohl das torreichste Spiel von Putins familienfreundlicher We Emm bleiben wird. Gegen 19 Uhr ruft mich MM fernmündlich zurück ins Basislager. Ich gehe zusammen mit einer quasi Nachbarin mit einem Kleinkind im etwa gleichen Alter wie meines nach Hause und übergebe das Kind an MM, die keinerlei sichtbaren Schäden feststellen kann. Ich atme auf und mache mir einen Kaffee als Vorbereitung auf das Deutschland-Spiel. Ich lese noch, dass Mexiko durch einen 2:1-Sieg über Südkorea angeblich den Druck auf Deutschland erhöht habe, was ich persönlich so nicht bestätigen kann.

Ich brauche einen starken Kaffee

Das Vorspiel beginnt wie immer mit der Nationalhymne und ich glaube, dass sogar Boateng mit den Lippen zuckt. Deutschland in veränderter Formation beginnt druckvoll und hat gleich ein paar Chancen. Trotz der Hereinnahme eines echten defensiven Mittelfeldspieler (Sebastian Rudy) und eines defensiv ausgerichteten Verteidigers (Antonio Rüdiger) bleibt die Konteranfälligkeit bei Ballverlusten im Aufbauspiel. Einmal Müller und einmal Boateng retten gegen davoneilende Schweden mit Mitteln in der Grauzone zwischen internationaler Härte, Cleverness und plumpem Foul. Wenn da ein Elfmeter gepfiffen worden wäre, hätte sich niemand beschweren dürfen.

Die Durchschlagskraft entschwindet zunehmend aus dem deutschen Spiel, es sieht aus wie Handball ohne Abschluss aus dem Rückraum. Kimmich rechts und Hector links interpretieren ihre Rolle als Außenverteidiger gewohnt offensiv, doch sobald sie Richtung Grundlinie durchbrechen packt sie die Beißhemmung, sprich sie flanken nicht und spielen oft wieder hintenrum zurück. Tiki Taka ohne Dribbelkünstler, bezeichne ich das Spiel in einer sms-Schnellanalyse in der Halbzeitpause.

Entscheidendes in Hälfte Eins

Doch bevor es in diese geht, passiert ja noch folgendes: Toni Kroos, Mister Zuverlässig in Person, spielt im Mittelfeld einen Fehlpass. Dann läuft er zwar mit nach hinten, lässt den Gegenspieler im Rücken entweichen, der prompt das Zuspiel erhält und vor dem herausgeeilten Neuer mit einem geschickten Heber abschließt. Jetzt hat Deutschland wirklich Druck, denn jetzt droht im zweiten Spiel bereits das Ausscheiden. Dann muss auch noch Rudy runter, der erste Mittelfeldspieler in der Nationalmannschaft seit Torsten Frings, der wieder zur Grätsche greift. Leider erwischt ihn dabei ein schwedischer Stiefel im Gesicht und Rudy muss trotz aller Versuche, die Nasenblutung zum Stillstand zu bringen, runter. Damit ist das Experiment, Kroos im Mittelfeld eine echte defensive Absicherung an die Seite zu stellen, frühzeitig beendet. Schade, ich hätte gerne gesehen, ob das funktioniert hätte. Für Rudy kommt Gündogan, der sich mit einem schönen Fernschuss einführt, den der Torhüter nur abklatschen kann, doch es fehlt einer, der den Ball abstaubt.

Dann rettet Jonas Hector bei einem dieser brandgefährlichen Konter auf unorthodoxe Weise. Ich denke sofort daran, dass er ja der einzige Nationalspieler ist, der aus keiner Kaderschmiede stammt, sondern noch mit 20 beim SV Auersmacher spielte, einem Dorfverein vor den Toren der Landeshauptstadt des Saarlandes Saarbrücken. Der Zenith des SV Auersmacher war eine Saison in der fünften Liga, während der die lokale Saarbrücker Zeitung titelte, „Ein Dorf spielt richtig guten Fußball“. Nach dieser Saison als immerhin fünfter der fünften Liga zerfiel diese Mannschaft aber wieder, heute spielt der SV Auersmacher wieder eine gute Rolle in der sechsten Liga, der Saarlandliga. Einer dieser Spieler war der damals 18, 19-jährige Jonas Hector, der anschließend zum 1. FC Köln in die zweite Mannschaft wechselte. Heute ist Jonas Hector 39-facher Nationalspieler und ich gehe davon aus, dass er am Mittwoch gegen Südkorea die 40 vollmacht.

Umstellungen in der Pause

Nun, in der Pause demontiert Trainer Löw die WM-2014-Gedächtnis-Mannschaft weiter, er nimmt Julian Draxler runter und bringt Mario Gomez. Damit stehen nur noch Neuer, Boateng, Kroos und Müller aus dem 2014-Kader auf dem Platz. Deutschland gelingt kurz nach Wiederanpfiff der Ausgleich, nach einer Hereingabe von links zieht Gomez seinen Gegenspieler mit und touchiert den Ball ein wenig, den der nachrückende Marco Reus mit Glück und Geschick ins Tor befördert.

Ich füttere gerade meine Tochter und ärgere mich zum wiederholten Male über die Sprünge in der Internet-Übertragung. Wie bereits beim ersten Dänemark-Spiel verpasse ich das Tor und muss auf die Zeitlupe warten. Ich fluche etwas lautstark und das Kind ist sichtlich erschrocken. Ich beruhige es aber gleich wieder und stecke es kurze Zeit später zu MM ins Bett.

Plötzlich sieht man Ordnung und einen Plan im deutschen Spiel, der aufgehen könnte. Mit Gomez ist endlich der Stoßstürmer in der Mitte da, Werner kann auf dem linken Flügel seine Schnelligkeit ausspielen. Mit Gündogan ist eine weitere ballsichere Anspielstation im Mittelfeld da und Toni Kroos müht sich mehr und mehr, seinen Doppellapsus aus der ersten Hälfte wieder gutzumachen. Schweden verteidigt natürlich mit Mann und Maus, auch ein Unentschieden wäre für die Skandinavier Gold wert. Boateng rettet einmal im Mittelfeld mit einem taktischen Foul, später geht er einmal ungestüm in einen Zweikampf, das Ergebnis ist eine gelb-rote Karte. Noch zehn Minuten plus Nachspielzeit und einen Mann weniger.

Gelb-Rot für Boateng

Doch das macht sich kaum bemerkbar, Deutschland schnürt Schweden weiterhin hinten ein. In der 90. Minute rettet der Torhüter glänzend gegen einen Gomez-Kopfball auf der Torlinie, kurz darauf trifft der wieder spät eingewechselte Brandt wie gegen Mexiko nur den Pfosten, doch dann kommt die letzte Aktion des Spiels, Freistoß nach Foul an Werner von links, etwas spitzer Winkel. Kroos und Reus stehen bereit, Reus tippt Kroos den Ball an, der ihn in den Winkel des langen Ecks über den Torhüter hinwegzirkelt. Das muss es gewesen sein, ist es dann auch, denn Schweden findet in der letzten halben Minute nicht mehr die Kraft zurückzuschlagen. Das Gesicht, das der sonst so coole Kroos danach macht, ist unbeschreiblich, es ist die versteinerte Erleichterung. Das ist gerade so noch mal gut gegangen, jetzt ist in dieser Gruppe noch alles möglich außer einem gleichzeitigen Weiterkommen von Südkorea und Deutschland, wie ich auf dem Weg in mein Punk-Ressort durchrechne.

Dort läuft zwar noch der Fernseher, doch niemand redet über Fußball. Das ist gut so, so kann ich meinen Gedanken nachhängen und darüber meditieren, was dieser hochverdiente, aber im Endeffekt glückliche Sieg eigentlich bedeutet. Wenn Löw konsequent wäre, dann würde er auch mal Müller eine Denkpause geben und stattdessen Brandt von Anfang an bringen. Diese Spieler, die bei der WM 2010 jung, wild und erfrischend waren, haben seitdem Hunderte Spiele in der Knochenmühle Profi-Fußball absolviert. Das ist Fließbandarbeit unter beständiger Aufsicht von Millionen Kritikern. Für einen defensiven Mittelfeldspieler ist das, denke ich, kein so großes Problem wie für die Müllers und Özils, denen irgendwann einfach auch die Frische im Kopf fehlt, um für den besonderen, unvorhergesehenen Moment zu sorgen. Mario Götze ist auch so ein Spieler, der den Unterschied mit einer einzigen Aktion ausmachen kann. Um sich diesen einen Moment aber zu verdienen, muss er ansonsten auf dem Platz arbeiten, ackern, laufen, in ein taktisches Schema passen. Es gibt nicht viele Mannschaften, die sich einen C. Ronaldo leisten können, der nach hinten eigentlich nicht mitarbeitet, um vorne frisch zu sein, wenn es um die Veredelung eines Angriffs geht, also das Eckige ins Runde, ne, umgekehrt, das Runde ins Eckige zu bringen.

22. Juni 2018, 16:38 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Dänemark – Australien 1:1, Frankreich – Peru 1:0, Argentinien – Kroatien 0:3

Gleich vorweg, natürlich konnte ich bei der normalerwerbstätigenunfreundlichen WM das erste Spiel nicht sehen. Dänemark nähert sich dem Achtelfinale, in das Frankreich nach dem Sieg gegen Peru sicher eingezogen ist. Dieses Spiel kann ich verfolgen, ich verpasse bloß die Anfangsviertelstunde. Zu Hause ist alles ruhig, die Lebensgefährtin MM ist mit dem Kind unterwegs, ich kann es mir vor meinem Laptop so richtig gemütlich machen. Das hilft Peru aber auch nicht weiter, dieses Team wird in den letzten Wagen gesetzt, der an der ersten Haltestelle abgekoppelt wird, wenn der WM-Zug dann unerbittlich und brutal weiterrast, ohne Rücksicht auf Verluste und und und...

Peru scheidet aus

Das Spiel ist nicht besonders überraschend, Peru wieder und weiter im Bemüht-Sein-Modus ohne Zielwasser. Frankreichs geballte Offensivpower benötigt wie beim Siegtor gegen Australien die Hilfe des Gegners, diesmal fälscht ein Verteidiger einen Flanken-Schuss-Versuch unglücklich über den eigenen Torhüter ab, so dass der mitgelaufene Mbappé nur noch den Fuß hinzuhalten braucht. Ich habe nie das Gefühl, dass Peru an diesem Ergebnis noch etwas ändern kann und beschäftige mich in der zweiten Hälfte mehr mit dem Kind, das mittlerweile zu Hause mit MM eingetroffen ist. MM macht sich gleich wieder auf den Weg, der Schiedsrichter pfeift das Geschehen irgendwann ab und Peru ist das stärkste Team der bisher vier eliminierten.

Vielleicht sollte man für diese Mannschaften eine Trostrunde einführen, sie spielen ihre eigene WM aus. Russland hätte sich dafür auch wunderbar angeboten, alle bereits nach zwei Niederlagen ausgeschiedenen werden nach Sibirien deportiert und können dort jenseits von europäisch wahrnehmbaren Zeitzonen die Runden der Trostlosen ausspielen. Erstes Spiel etwa um 6 Uhr MESZ in Wladiwostok. Dadurch hätte die FIFA schon mal ausprobieren können, wie sich ein Turnier vermarkten lässt, das weit mehr Spiele generiert, als die Weltöffentlichkeit vermerken kann. Zum Schluss heißt es dann, die goldene Ananas spielen im Endspiel der Trostlosen Panama und Marokko aus.

Kroatien haut Argentinien weg

Gut, abends gibt es endlich Fußball vom Feinsten, Kroatien spielt gegen Argentinien. Die Gauchos vom rechten Ufer des Rio de la Plata, bezeichnenderweise Silbermedaillengewinner von 2014, haben eine neue Taktik, nämlich Messi nicht mit ins Spiel einzubeziehen. Mit Messi als Dreh- und Angelpunkt reichte es nur zu einem Unentschieden gegen die Schweiz, mit Messi als falschem Spielmacher nicht einmal mehr dazu. Auch die Idee, den Torhüter Caballero mehr ins Spiel mit einzubeziehen, zahlt sich nicht wirklich aus. Nachdem dieser bereits in der ersten Hälfte sein außerordentliches Spielverständnis nachgewiesen hat – Kurzpässe im eigenen Fünfmeterraum zu gedeckten Mitspielern – geht das in der zweiten Hälfte so richtig schief. Er fabriziert eine sehenswerte Bogenlampe und liefert Ante Rebić eine formvollendete Vorlage für einen Volley, den der Frankfurter, der bereits Bayern München im deutschen Pokalfinale erlegt hat, im Netz versenkt. Argentiniens Trainer entblößt vor Entsetzen seine Tattookunst auf den beeindruckenden Oberarmen. Diesem Mann traut man nicht wirklich ausgefeilte taktische Analysen an der Magnettafel zu, sondern eher Rausschmeißerqualitäten in der letzten Tango-Kaschemme in Buenos Aires.

Messi spielt nicht mit

Um es kurz zu machen, das Kind ist heute nicht so in Form und kann sich gar nicht recht an der Co-Heimat erfreuen, ich stecke es noch während der zweiten Hälfte zu MM ins Bett. Dann macht Luka Modrić alles klar – mir schwant langsam, wer im Mittelfeld von Real Madrid der eigentliche Spielmacher ist. Die Gauchos vom rechten Ufer des Silberflusses packen noch ein paar überflüssige Gewaltaktionen aus, doch die Küstenbalkanesen halten locker dagegen. Quasi mit dem Abpfiff kontern sie Argentinien aus und schrauben das Ergebnis auf ein beeindruckendes 3:0. Und was ist mit Messi? Der hat tatsächlich ein Foul begangen, das bleibt in Erinnerung, sonst eigentlich nichts.

Wenn es gut läuft, hat Argentinien das Weiterkommen immerhin noch selbst in der Hand. Wenn es schlecht läuft, ist es von den bereits qualifizierten Kroaten abhängig und wenn es ganz dumm läuft, sind die vor dem letzten Spiel bereits Gruppensieger. Don't cry for you, Argentina, the truth is I never liked you...

Rubrik: Sport, Fußball | 20. Juni 2018, 12:05 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Kolumbien – Japan 1:2, Polen – Senegal 1:2, Russland – Ägypten 3:1

Unerbittlich rollt der WM-Zug weiter. Während ich am ersten Tag nach der Niederlage nur pietätvolle Kunden getroffen habe, werde ich am zweiten Tag schon mehrfach darauf angesprochen. Was war da los? Ich fühle mich wie ein Pressesprecher, der genau darauf achten muss, was er als Deutscher im Ausland sagt. Einem gesunden Patriotismus ohne Chauvinismus zeigen, also das Land bzw. die Mannschaft jetzt nicht in Grund und Boden verdammen. Auch nicht den Fehler begehen, einzelne als Sündenbock herauszupicken, denn die gab es in dem Sinne nicht. Meine Strategie richtet sich an dem Offensichtlichen aus: Die Spieler hatten keine Einstellung zum Spiel und zum Gegner. Wenn man so in ein Spiel hineingeht, wird es während des Spiels schwer, das zu korrigieren, denn der Gegner ist dann aufgebaut und ihm wachsen Flügel.

Der mündige Fan ist gefordert

Mit solchen Sätzen werde ich meine Pflicht, mich als enttäuschter Fan mit Verstand zu präsentieren, los. Ich unterhalte mich mit einem anderen Kunden über mangelnden Europa-Patriotismus. So etwas müsse in der Schule gelehrt werden, fordert er. Ich weiß, er hat eine elfjährige Tochter und macht sich viele Gedanken, welche Mittelschule für sie jetzt am besten ist. In den USA, so seine Erfahrung, denn dort hat er ein paar Jahre gearbeitet, hören die Kinder jeden Tag in der Schule, wie großartig das eigene Land ist und ihnen werde beigebracht, stolz darauf zu sein. Das ist ein interessanter Gedankenanstoß, finde ich. In Europa hören die Kinder immer nur von den Politikern, wie schlecht die EU ist. Brüssel, Straßburg und Luxemburg dienen als ein Büttel, auf den nationale Politiker gerne eindreschen, um von der eigenen Verantwortung und dem eigenen Versagen abzulenken. Beim Thema Ablenken kommen wir unweigerlich auf das seltsame Happening von Präsident Zeman am Eröffnungstag der WM. Die nachdenklicheren Kreise spekulieren darüber, wovon Zeman eigentlich ablenken wollte, und kommen auf das Atomkraftwerk Dukovany, dessen Ausbau wohl die Russen betreiben werden.

Stört die WM die Produktivität?

Beim Verlassen des letzten Kunden entdecke ich auf einem Fernsehbildschirm den Zwischenstand des ersten Spiels, Japan liegt mit 1:0 gegen Kolumbien in Führung. Später sehe ich in der Zusammenfassung, dass sich die Südamerikaner bereits in der dritten Minute selbst schwächen. Ein Verteidiger verhindert mit der Hand ein klares Tor der Ostasiaten. Die Folge sind eine rote Karte und ein Elfmeter, den der Dortmunder Kagawa zwar schlecht schießt, aber dennoch verwandelt. Alles in allem nutzen die Japaner die Überzahl, um das Spiel gegen die favorisierten Kolumbianer ausgeglichen zu gestalten und gewinnen mit 2:1.

Zu Hause wartet neben Frau und Kind auch die Deadline um 17 Uhr, die ich dank hohem Einsatz (früheres Angreifen, keine unnötigen Ballverluste, kein Reklamieren) locker einhalte. Um 17 Uhr schalte ich zum Spiel der Polen um, während meine Lebensgefährtin MM den ganzen Raum der Küche bearbeitet und mich auffordert, den vorgeschriebenen Abstand von 9,15 Metern einzuhalten.

Ich habe nur noch eine kritische Situation zu überstehen, die sms eines Kunden, der ahnt, dass ich den verschobenen Termin vergessen habe, meine Entschuldigung aber mit Wohlwollen annimmt. Dann gehöre ich an diesem Abend ganz dem Fußball und später natürlich der Tochter und MM, die gegen Ende des Spiels zum angerichteten Essen ruft. Das darf ich nicht verschieben, denn diese Ereignisse eines gemeinsamen Essens sind wahrlich selten und wertvoll. Auch wenn Polen noch der Anschlusstreffer gelingt, zu dem ich zurück an den Computer sprinte. Doch dann ist das Spiel aus, unser östlicher Nachbar hat sich nach eineinhalb Eigentoren selbst geschlagen. Senegal beginnt mit einem Sieg und diese Gruppe dürfte noch echt interessant werden. Erst nach mehrmaligem Hinweis und dem Studium anderer Kameraeinstellungen entdecke ich den Skandal des zweiten Tores. Der Senegalese sprintet von der Seitenlinie in einen weiten Rückpass der Polen und spritzt zwischen Torwart und letztem Verteidiger in den Ball, den er anschließend locker über die Linie bringt. In der ersten Kameraeinstellung ist davon nichts zu sehen, denn dort kommt der afrikanische Spieler einfach nur aus dem Off und der Zuschauer fragt sich, warum die Polen so dämlich sind, auf den nicht zu achten. Die Erklärung ist einfach, sie glauben daran, dass ein Spieler, der außerhalb des Spielfelds behandelt wird, erst mal ein Zeichen des Schiedsrichters abwarten muss, bis er den Platz wieder betreten und ins Spiel eingreifen darf, das auch – und jetzt wird es wichtig – der gegnerischen Mannschaft gut sichtbar sein sollte. Tja, Pech gehabt, Spiel verloren, Entrüstung umsonst. Meine Tochter interessiert das alles eher wenig, sie futtert mit Lust und Laune, was MM gekocht hat, und Papa würde gerne einen Schnaps trinken, weil er sich den Bauch so voll geschlagen hat. Natürlich nur, um MM zu zeigen, wie gut es ihm schmeckt, versteht sich. Doch Hochprozentiges hat der Haushalt nicht anzubieten und so bleibt es bei dem simplen Wunsch.

Schaffen wir das?

Damit haben sich alle Mannschaften präsentiert und die einzige Mannschaft, die wirklich keine Einstellung zum Turnier gefunden hat, ist Deutschland. Muss man so sagen. Trotz Fußballpatriotismus. Es gibt aber noch zwei Spiele, um das Umzubiegen oder aber sich die Verdammnis richtig zu verdienen. In der Presse steht übrigens, dass die Mannschaft viel miteinander gesprochen hat. Deutliche Worte sollen auch gefallen sein. Ein weiter-so darf es nicht geben, allerdings werden größere personelle Konsequenzen ausgeschlossen. Steht die Frage im Raum: Schaffen wir das?

Abends geht es weiter mit Russland. Der Gastgeber besiegt souverän Ägypten mit 3:1, obwohl Wunderstürmer Salah diesmal bei den Pharaonen mittun darf. Meine Tochter nutzt den Papa als Klettergerät, das drohende Abstürze auffangen kann. Im Spiel zeigt sich eine wesentliche Konsequenz des Videoschiedsrichters. Gepfiffene Fouls gegen den Gastgeber können nicht mehr einfach außerhalb des Strafraums verlegt werden. Meine Tochter zeigt noch vor Abpfiff Ermüdungserscheinungen und ich wechsele sie aus. Auf der Ersatzbank – Papas Bett – schläft sie friedlich ein und in Russland kann die familienfreundliche Weltmeisterschaft weitergehen. Den ersten Halt gibt es erst nach der Gruppenphase.

Rubrik: Sport, Fußball | 19. Juni 2018, 21:46 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Schweden – Südkorea 1:0, Belgien – Panama 3:0, England – Tunesien 2:1

Ein Tag nach der erschütternden Niederlage. In Russland. Bis nach Moskau gekommen – und dann ins offene Messer gelaufen. Den Azteken, die dort wahrlich nichts zu suchen haben. In der Metropole Russlands. Napoleon hat sie erreicht, er ja. Was hat er gemacht? Plündern lassen, die müde Armee sich austoben lassen, die von allen Würdenträgern verlassene Stadt anzünden lassen. Natürlich hat nicht ganz Moskau gebrannt und natürlich musste die normale Bevölkerung in der Stadt verharren. Und natürlich hat es dann Prostitution, Kollaboration und Irgendwastion gegeben. Doch was hat Napoleon dann gemacht? Als ihm das Treiben langweilig wurde, ist er mit seiner Armee wieder umgekehrt. Den ganzen weiten Weg zurück. Die russische Oligarchie ist wieder zurückgekehrt, hat die Stadt wieder aufgebaut und nur wenige Jahre später war alles wieder beim Alten. Währenddessen ist Napoleon erst auf diversen Schlachtfeldern geschlagen, dann auf Elba und anschließend auf St. Helena verbannt worden. Was waren also die Napoleonischen Kriege in der deutschen Geschichte der letzten tausend Jahre anders als ein Vogelfliegenscheißfleck. Der hat zwar dem Deutschen Römischen, stopp, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation das endgültige Ende bereitet, das war allerdings nur ein Gnadenstoß nach einer mit Wohlwollen tausendjährigen Geschichte, die spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg in zunehmende Agonie verfallen war. Und vor allem eins aufgehalten hat, den politischen Fortschritt in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs. Stattdessen kamen die Romantiker, also die Verklärung nach der Aufklärung. Die Wiederentdeckung der alten Rittersagen und natürlich des deutschen Nationalepos, der Nibelungen. Genau dort wird die gegen alle Rationalität stehende Treue verklärt, die im eigenen Untergang mündet. Etzel und die Hunnen, also Dschinghis Khan und die Mongolen, haben den Siegfriedmördern und Trickbetrügern (siehe: Tarnkappe) den Untergang bereitet. Erst das Zitat von diesem Vogelfliegenscheißdrecksflecknivellierer, hächstwahrscheinlich freundlich gesponsert aus Moskau, dann das Auseinanderbrechen einer einst großen Mannschaft in Moskau und der Dolchstoß aus Bayern. Als hätten die Bayern dem deutschen Fußball noch nicht genügend geschadet durch ihre dauerhafte Politik der Konkurrenzvermeidung. Dieselben Manöver, die Russland gegen eine starke und geeinte EU betreibt, betreiben die Bayern schon lange gegen eine konkurrenzfähige Bundesliga in der Spitze. Man sieht es an den Ergebnissen in der Champions League und jetzt auch bei der WM. Die Bayern haben das Kämpfen verlernt, das Fighten. Genau wie die meisten Nationalspieler, denn die landen magnetisch angezogen genau dort, manche wandern dann noch weiter. Doch das Bayern-Gen haben sie alle internalisiert. Und das heißt seit ein paar Jahren, wenn wir wirklich gefordert werden, ziehen wir den Kürzeren. Die in Deutschland aufkommenden Rivalen werden systematisch zurechtgestutzt, nur mit der internationalen Konkurrenz geht das eben nicht. Da schiebt man dann gerne die Schuld auf den Schiedsrichter (Champions League 2017), ärgert sich über unnötige Fehler (nicht nur, aber besonders 2018) oder verschießt in entscheidenden Situationen Elfmeter (2016), wählt die falsche Taktik (2014) oder der gegnerische Torwart hat einen super Tag erwischt (2015). Doch in keinem Fall ist es die eigene Leistung, die nicht gestimmt hat.

Kaum Fußball aus Zeitmangel

Der Tag nach der Niederlage gegen Mexiko, ein Montag, zeigt, wie angenehm diese WM ist. Die Anstoßzeiten sind so gelegt, dass ein normal arbeitender Mensch das erste Spiel erst gar nicht sehen kann. Also bleibt die Analyse der beiden kommenden Gegner aus, ich erfahre irgendwann im Laufe des Abends, dass Schweden dank eines Elfmeters 1:0 gegen Südkorea gewonnen hat. Das zweite Spiel, Geheimfavorit Belgien gegen Panama, entgeht mir ebenfalls weitgehend, da ich mich noch der Arbeit widmen muss, als ich nach Hause komme. Zwischendurch schalte ich mal ein und sehe, dass Belgien kurz vor Ende des Spiels souverän 3:0 führt. Statt die Arbeit zu unterbrechen, lasse ich auch fast die gesamte erste Hälfte des England-Tunesien-Spiels verstreichen, das ist nun mal die Krux mit Deadlines. Erst als meine Lebensgefährtin MM mit dem Kind nach Hause kommt, breche ich ab. Ich füttere das Kind und schaue mir die gesamte zweite Hälfte an, England arbeitet sich lange an einem 1:1 ab, ich höre etwas von einem ausgewechselten Torwart und einem Elfmeter für Tunesien und ziehe die falschen Schlüsse. Das Kind beschäftigt mich aber so sehr, dass das Spiel in großen Teilen an mir vorbei läuft. In der letzten Minute schießt Kane den Siegtreffer, doch wie es dazu gekommen ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Es war ein Abstaubertor nach einem Eckball, denke ich, aus kürzester Entfernung mit dem Kopf, nachdem der Ball bereits halbwegs geklärt schien, Kane aber nicht im Abseits stand, weil die Verteidiger noch nicht rausgelaufen waren. Egal, ähnlich wie Favorit Frankreich gewinnt auch Geheimfavorit England glücklich, während die Favoriten Argentinien, Brasilien und Spanien sich mit Unentschieden begnügen müssen. Von Deutschland ganz zu schweigen.

Tschechien OnlineTschechien Online | Rubrik: Wirtschaft | 19. Juni 2018, 12:53 Uhr

Prag - Günstige Benzinpreise sind nur ein Grund, warum die Sachsen gerne über die Grenze nach Tschechien fahren. Aber auch die Tschechen kommen regelmäßig zum Einkaufen nach Deutschland. Die große Produktauswahl und die Qualität der Waren locken die tschechischen Besucher in den Freistaat Sachsen.

Durchschnittlich 200 Euro geben die Kunden aus dem Nachbarland in Dresden pro Einkaufstag aus - das war das Ergebnis einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden, die sich mit dem Einkaufsverhalten von tschechischen Käufern in Dresden, Heidenau und Zittau beschäftigt hat. Damit stellt der tschechische Einkaufstourismus einen wichtigen Impuls für den sächsischen Einzelhandel dar, der wie vielerorts mit der Konkurrenz des Online-Shoppings zu kämpfen hat.

Vor allem die Großstadt Dresden, aber auch Bautzen, Görlitz und Chemnitz profitieren von den Kunden aus Tschechien. Seitdem Tschechien im Jahr 2007 dem Schengen-Raum beigetreten ist, hat eine konstante Preisangleichung mit anderen EU-Ländern stattgefunden. Und obwohl die Tschechen wegen eines gefühlten Preisvorteils nach Deutschland kommen, ist ihr Heimatland statistisch gesehen günstiger. Im Gegensatz zu den Deutschen, die in Tschechien einkaufen, ist für die tschechischen Besucher weniger der Verkaufspreis als das Preis-Leistungs-Verhältnis entscheidend. Die Tschechen schätzen die Qualität der hiesigen Produktpalette. Vor allem Markenbekleidung und Elektronikartikel finden sich in den Einkaufskörben der tschechischen Besucher, aber auch Drogerie- und Kosmetikprodukte. "Obwohl es auch bei ihm Persil gibt, hält ein Tscheche das deutsche Produkt oft für besser", erklärte Ilona Roth, Geschäftsführerin der IHK Chemnitz, bereits 2013 der (inzwischen eingestellten) deutschsprachigen Wochenzeitung Prager Zeitung. Tatsächlich monieren längst nicht nur mehr tschechische Verbraucherschützer, allen voran die tschechische EU-Kommissarin Věra Jourová, inzwischen auch offiziell auf EU-Ebene, dass insbesondere Lebensmittel-Markenprodukte "im Osten" oft eine andere, minderwertigere Zusammensetzung haben als die gleichen Produkte "im Westen".  

Aber der EU-Beitritt Tschechiens hatte neben der Preisangleichung noch einen anderen Effekt. Seit dem 1. Mai 2011 gilt für alle Tschechen die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit. Besonders in grenznahen Regionen pendeln daher immer mehr Menschen nach Deutschland. Der Anreiz: Die deutschen Löhne sind im Schnitt etwa dreimal so hoch wie in Tschechien. Deswegen schauen sich immer mehr Tschechen beispielsweise nach günstigem Wohnraum in Chemnitz um, der auf entsprechenden Portalen im Internet zu finden ist. Zu einer veränderten Arbeitssituation im sächsischen Einzelhandel hat dies jedoch nicht geführt. Da viele Tschechen Englisch oder sogar Deutsch sprechen, können und wollen sie die normale Serviceberatung vor Ort in Anspruch nehmen. Ältere Tschechen hingegen haben durchaus Verständigungsprobleme. Durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit wäre prinzipiell der Weg für tschechische Verkaufskräfte frei. In den grenznahen Gemeinden in Bayern sind tschechische oder tschechisch sprechende Verkäufer und Auszubildende längst nichts Ungewöhnliches mehr. In Sachsen reicht dafür aber anscheinend die Nachfrage (noch) nicht aus. (dap)