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Rubrik: Kultur | 10. Juli 2019, 15:34 Uhr
Prager Stadtfeuilletons 2019

Mittwoch, 24. April. Im Slavia erzählt David Stecher, der Direktor des Prager Literaturhauses, nicht nur von den Zwetschkenknödeln, die wir einmal in fröhliche Runde verspeist haben, damals, als er Direktor des Tschechischen Zentrums in München war, sondern auch von dem Haus in der Plzeňská, in dem Lenka Reinerová gewohnt hat. Eine Gedenktafel erinnert an die Schriftstellerin und Mitbegründerin des Literaturhauses. Dorthin führt mein nächster Weg. Mehr als 50 Jahre wohnte Reinerová hier, von 1956 bis 2008, auf der anderen Straßenseite wirbt ein Plakat für die Aufführung von Beethovens 9. Symphonie am 13. November. Hinter dem Plakat beginnt der Klamovkapark, der zu einem Sokolgebäude hinaufführt, in dessen Kneipe wir vor ziemlich genau 25 Jahren, wie unglaublich das klingt: vor einem Viertel Jahrhundert am Vorabend des 1. Mai mit tschechischen und deutschen Schriftstellern zusammensaßen. Im Park brannten die Feuer der Hexen, in den Plastikbechern schäumte das Bier, und Jáchym Topol blickte ebenso berauscht in seine literarische Zukunft wie Bernhard Setzwein, hilfreich gestützt von dem Wirt des Lokals. Nur an Reinerová dachte an diesem Abend niemand, ich wusste nicht einmal, dass sie gleich gegenüber wohnte, dass wir nur an ihrer Tür hätten klingeln müssen. Damals wie heute sitzt ein roter Falke auf dem Dach des Sokolgebäudes und schaut zu uns herunter, auch die grüne Damen mit dem üppigem Busen blickt immer noch schnippisch nach den Gästen, nun von der sicheren Position über dem Ausschank des Bieres aus, über dem „výčep piva“, auch das Mobiliar ist sicherer geworden, neuer, weniger verkratzt und verbraucht. Im Garten sitzen junge Leute, trinken Bier und Aperolspritz. Auf einem Plakat warten fliegende Hexen mit ihren Besen auf den Beginn der Walpurgisnacht, um endlich wieder für wenige Stunden lebendig zu werden, wie damals vor 25 Jahren.

Auf dem Rückweg geht mir das Viertel Jahrhundert nicht aus dem Kopf. 25 Jahre. Wer zum Beispiel 1950 auf 25 Jahre zurückblickte, hatte die Erste Republik, das Münchner Abkommen, die Besetzung Prags, die Verfolgung der Juden, den Krieg, den Aufstand, die Vertreibung der Deutschen und die kommunistische Machtergreifung erlebt, alles in diesen 25 Jahren. Und was haben wir in den letzten 25 Jahren erlebt? Die deutsch-tschechische Deklaration, den EU-Beitritt Tschechiens, das Verschwinden der Grenzbeamten, das Verschwinden des tschechischen Speisewagens, den Sieg der tschechischen über die deutsche Fußballmannschaft bei der Europameisterschaftsqualifikation 2007, den Sieg der deutschen über die tschechische Mannschaft bei der Weltmeisterschaftsqualifikation 2016, jedes Mal mit 3:0 …

Wenn ich von heute 75 Jahre zurückdenke, dann sind wir mitten im Protektorat. Im Grieben-Reiseführer aus dem Jahr 1944 finde ich die Adressen damaliger Studenteneinrichtungen. Das „Studentenwerk Prag“ in der „Krakauer Gasse 16“, in der „Krakovská“, ist heute eine Polizeidienststelle der Tschechischen Republik, vor der silberne Polizeiautos mit der Aufschrift „pomáhat a chránit“ parken, „helfen und schützen“. Der „NS.-Studentenbund“ in der „Beethovenstraße 38“, in der „Opletalova“, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt, befinden sich heute das Studentenheim „Jednota“ und eine Mensa der Karlsuniversität. Vier wuchtige Säulen weisen heute wie damals den Weg in das Gebäude. Ein tschechisches Studentenwerk ist in dem Reiseführer, der auch „tschechische Staatsämter“ verzeichnet, dagegen nicht verzeichnet. Die tschechischen Hochschulen waren bereits am 17. November 1939 geschlossen worden. Ob die Studenten, die heute so selbstverständlich in das Gebäude hineingehen, wissen, dass hier einmal der NS-Studentenbund untergebracht war? Und ob sie wissen, dass der Straßenname Opletalova an den tschechischen Studenten Jan Opletal erinnert, der damals bei einer Demonstration angeschossen und wenige Tage später an der Verletzung gestorben war? 

Wie doch die Vergangenheit unter jedem Schritt und Tritt rumort und vibriert. Könnte, ja sollte man nicht ganz anders, viel unbeschwerter durch die Prager Gassen gehen, ganz auf die Gegenwart konzentriert, offen für ihre Reize und Verlockungen? Sieht nicht ein Jugendlicher, der in Hostels übernachtet und durch Diskotheken und Nachtclubs streift, die Stadt ganz anders als ein Fußballanhänger, der zu einem Spiel seines Clubs gegen Sparta oder Slavia nach Prag kommt, oder ein japanischer Tourist, der 24 Stunden Zeit hat, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu fotografieren, oder ein Slavist, der sich im Literaturarchiv von Strahov zwei Wochen lang in den Nachlass von Vladimír Holan vertieft? Sehen und erleben sie die Stadt nicht alle ganz anders, jeder auf seine eigene, durch Bildung und Interessen gefilterte Wahrnehmung? Wäre es überhaupt möglich, vergangenheitsblind durch die Stadt zu laufen, obwohl so viele Wandtafeln, Denkmäler, Hausfassaden, Straßennamen, Theatergebäude und Museen ununterbrochen von der Vergangenheit erzählen? Wäre es möglich, gegenwartsblind durch die Stadt zu ziehen, obwohl so viele hübsche Gesichter, glitzernde Auslagen, appetitanregende Wirtshaustafeln, schummrige Nachtbars und heiße Rhythmen zum Eintritt und Geldausgeben animieren? Was ist eigentlich schwerer, den vielfältigen Chor der Vergangenheit zu überhören oder das dröhnende Rauschen und Brummen der Gegenwart?

Bildnachweis:
Peter Becher
Rubrik: Gastronomie | 23. Juni 2019, 10:16 Uhr

Prag - Im Biertrinkerland Tschechien ist in den vergangenen Jahren dank der allerorten wie Pilze aus dem Boden sprießenden Klein- und Kleinstbrauereien eine nahezu unüberschaubare Biervielfalt entstanden. Viele dieser winzigen Brauereien verkaufen ihr "pivo" nur im eigenen Restaurant oder Ausschank oder übers Internet. 

Immer beliebter werden daher auch die Bierfestival, auf denen die neuen Brauereien ihre Biere präsentieren, oft handelt es dabei auch um ausgefallene Spezialbiere. 

In Prag gibt es inzwischen auch einige Geschäfte mit der Bezeichnung "pivotéka", die sich ganz darauf spezialisiert haben, ein möglichst breites Spektrum an Bieren kleinerer in- und ausländischer Brauereien anzubieten.   

Im vorliegenden Video lässt der deutsche Biertester und YouTuber "Biersüffler" das "Schwarze Schaf" aus der Flasche - das gleichnamige naturtrübe dunkle Spezialbier der in der Nähe von Hradec Králové ansässigen Brauerei Beránek. (nk) 

Rubrik: Panorama | 5. Juni 2019, 09:16 Uhr

Prag - Am Dienstag gegen 11.30 Uhr kam es in der Plzeňská-Straße zwischen den Haltestellen Kavalírka und Kotlářka zu einem Zusammenstoß von zwei Straßenbahnzügen der Linien 15 und 16.

Wie die Prager Polizei mitteilt, wurde bei der Kollision niemand verletzt. 

Spezialisten der Prager Verkehrsbetriebe gelang es nach etwa anderthalb Stunden mit Hilfe der Feuerwehr und schwerem Gerät, die verkeilten Waggons zu trennen und die Strecke wieder für den Verkehr freizumachen. 

Wie es zu dem Zusammenstoß kam, ist Gegenstand einer polizeilichen Untersuchung. (nk)

Rubrik: Kultur, Musik | 25. Mai 2019, 17:20 Uhr
12. Jahrgang des Kammermusikfestivals in Kuttenberg - Von Michael Magercord

Kutná Hora/Prag - Der Juni hat kaum begonnen und für Fans klassischer Musik heißt es nun schon zum zwölften Mal: das Internationale Musikfestival in Kutná Hora lädt zu außergewöhnlichen Konzerten ein.

Zwischen dem "Präludium" am 1. Juni in der Korpus Christus Kirche mit Gabriela Vermelho und ihrem Folk-Klassik-Fusion-Ensemble GaRe und dem Postludium am 9. Juni mit den Cello-Suiten von Bach wird jeden Abend an einem jeweils anderen Spielort ein ganz eigenes Event geboten: Briefe des Komponisten Leoš Janáček gelesen und vertont, Tangorhythmen von Astor Piazzolla oder gleich am 2. Juni im Dom der Heiligen Barbara die Beethoven Sonaten – die Bandbreite der Veranstaltungen ist groß.

Zusammen gestellt hat das Programm der Festivaldirektor Jiří Bárta – ja genau: der Jiří Bárta. Der tschechische Cellist von Weltrang zählt nicht nur zu den besten Solisten unserer Zeit, er ist auch einer der wenigen Musiker seines Instrumentes, der bereits zwei komplette Einspielungen aller sechs Cello-Suiten von Bach vorgelegt hat. Die erste hatte der heute 55-Jährige noch als junger Mann 1996 eingespielt. Damals schon galt seine CD als eigenwillig, 23 Jahre später hat er aufs Neue bewiesen, dass dieses zeitlose Werk immer noch Variationen seiner Interpretation zulässt.

Man kann sicher von einer "reifen" Bearbeitung sprechen, wobei „Arbeit“ wohl doch der falsche Begriff ist. Es ist eine Versenkung in das Material, wobei das vielleicht auch wieder ein falsches Wort ist, wenn es sich um die Notierung eines Johann Sebastian Bachs handelt. Und doch: Jiří Bárta ist bei aller Modernität seines Spiels auf seinem barocken Instrument der barocken Tradition gefolgt, und zwar dahingehend, dass er den Notensatz nicht als strenge Vorgabe versteht, sondern als Stütze für eine gekonnte Improvisation: Mal werden tänzerischen Passagen rhythmisch stringent durchgetaktet, mal steht der Ton fast endlos im Raum. Beides entfaltet eine hohe Spannung, folgerichtig gelingt der jüngeren und reifen Einspielung das Kunststück, Gelassenheit und Mut zugleich auszustrahlen.

Ebenso folgerichtig wird einer dieser Geniestreiche auch am Schluss dieses hochkarätig besetzten Festivals in der einmaligen Kulisse von Kutná Hora zu hören sein, zusammen mit einer Geigensonate von Bach gespielt von Roman Patočka und der Sonate für beide Instrumente von Maurice Ravel. Und genau wie die Konzerte in der gesamten Woche davor an einem außergewöhnlichen Spielort dargeboten, und zwar in der Kirche der Auferstehung der Jungfrau Maria im Vorort Bohdaneč u Kutné Hory. (mm)

 

Programm des Internationalen Musikfestivals Kutna Hora: www.mfkh.cz

Website des Cellisten Jiří Barta: www.jiribarta.cz

Bildnachweis:
Animalmusic.cz
Rubrik: Gastronomie | 1. Mai 2019, 13:23 Uhr
6. Festival der Mikrobrauereien im Klosterareal des Benediktinerordens im Prager Stadtteil Břevnov

Prag - Von wegen Tag der Arbeit: Im Stift Břevnov, einem Kloster des Benediktinerordens, steht der Maifeiertag ganz im Zeichen des Biers. 

Bereits zum 6. Mal stellen rund 20 Mikrobrauereien ihre Biere vor, darunter selbstverständlich auch die Klosterbrauerei Břevnov (Breunauer Klosterbrauerei des Hl. Adalbert). 

Ergänzt und abgerundet wird das Angebot der etwa 80 verschiedenen Biere von mährischem Wein, Bratwürsten, Burgern, Suppen, Kartoffelpuffern und anderen hiesigen Spezialitäten. 

Die kleinen Besucher, die altersbedingt noch die Finger vom tschechischen Nationalgetränk lassen müssen, werden mit Hüpfburg, Autoscooter und Karussel unterhalten.

Der Eintritt ist frei, die Klosterräume stehen für Besucher offen. (nk)