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Der Autor

Christian Schulteisz ist Autor von Erzählungen und Hörspielen und von Mitte November bis Mitte Dezember 2013 Stipendiat des Prager Literaturhauses.

Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und veröffentlichte in Literaturzeitschriften und im Radio, u.a. Edit, Deutschlandradio Kultur. Er erhielt mehrere Preise und Stipendien, darunter das Moldau-Stipendium und das Stipendium für den Aufenthalt auf Schloss Wiepersdorf. 2013 war er Finalist beim Literaturwettbewerb Open Mike.

In Prag arbeitet er an seinem ersten Roman über einen jungen Mann, der durch eine obskure Ernährungsumstellung abzunehmen versucht, sowie an einer Erzählung über den Universalgelehrten Hans Jürgen von der Wense.

Im Internet: www.schulteisz.dewww.schulteisz.de | www.prager-literaturhaus.comwww.prager-literaturhaus.com
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Lesung in Prag auf der Moldau

(A)VOID Floating Gallery, mit tschechischer Übersetzung von Jitka Nešporová

Ich werde aus einer Erzählung über den umhergeisternden Alleswisser Hans Jürgen von der Wense lesen. Hier eine kurze Einführung und ein kleiner Auszug, ich freue mich über jeden Zuhörer, jede Zuhörerin, jedes Ohr.

Über Wense

Als ich zum ersten Mal über Jürgen von der Wense las, dachte ich, es müsse sich um einen Scherz handeln. Aus wie vielen Sprachen und Dialekten soll der Mann übersetzt haben, hundert? Als Autodidakt? Dazu noch Komponist und Dichter, Landschaftsforscher, Fotograf, Enzyklopädist, Collagenkünstler, was denn noch?
Extremwanderer.
Wanderte mit Vorliebe im deutschen Mittelgebirge, in den Dreißigern, Vierzigern, Fünfzigern, veröffentlichte zu Lebzeiten achtzig Seiten und hinterließ – dreißigtausend. Sein sogenanntes All-Buch.
Außerdem vierzig Tagebücher, sechstausend Briefe, mehrere tausend Fotografien sowie Kompositionen: Jürgen von der Wense eine intellektuelle Sagengestalt? Ich beginne zu lesen. Blättere in dem aus seinem Nachlass zusammengesetzten Buch Wanderjahre, und tatsächlich, da aus dem Tannendunkel tritt einer hervor. Lupft seine Schirmmütze und geht weiter, notiert weiter, überschwänglich, gierig mit jedem Wort, jedem Schritt, ein Natur- und Wissensekstatiker, etwa die Figur, nach der ich schon so lange gesucht habe?
Aber wie nur mithalten, er fliegt ja, dieser Kerl, so vergeistigt, geistert umher, schon fast selbst ein Gespenst. Wie Büchners Lenz durchs Gebirge.
Als Mensch war Jürgen von der Wense zu sagenhaft. Will ich mich ihm nähern, muss ich ihn als literarische Figur neu erfinden, ähnlich wie der Schriftsteller Gert Hofmann es einst mit Georg Christoph Lichtenberg tat, allerdings weniger von oben herab, eher von unten herauf, neu herauferzählen aus den Tiefen des All-Buchs!

“Kurz vor der Einfahrt tuts einen Schlag. Ein Waggon ist entgleist. Die Fahrgäste scheinen allerdings schon dran gewöhnt zu sein, ruckzuck hat man ihn mit Brechstangen wieder auf die Schienen gehievt, und so nimmt der Zug die letzte Kurve mit scharfen Pfiffen.
Wense steigt aus.
Durch die vielen Karten und Zettel hat sein Koffer ein Mordsgewicht, war das wirklich dieser Koffer, mit dem er durch den Wald gehetzt ist? Er bittet zwei Jungs ihn zu tragen. Die aber legen den Finger vor den Mund, psst, es ist tief in der Nacht, das Gespenst kommt gleich!
Ist er etwa keins?”

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