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Der Autor

Marian Bleek, Jahrgang 1984, studiert an der Karls-Universität Prag Germanistik. Er ist Stipendiat des Erasmus-Programms für akademischen Austausch der Europäischen Union; seine Heimatuniversität ist in Bonn.

Seine besonderen Interessensschwerpunkte sind Literatur und Sprache, Schach, Sport allgemein, Politik und Geschichte.

Marian Bleek spielt seit Kindertagen aktiv Schach im Verein, zwischenzeitlich sogar in der Jugendbundesliga. Er hat ebenfalls eine wissenschaftliche Arbeit zur Funktion des Schachspiels im Mittelalter verfasst und befasst sich leidenschaftlich mit dem Spiel der Könige.

Für prag aktuell ist er seit Oktober 2014 als Redakteur tätig. In seinem Blog fasst er seine Eindrücke von der Schach-WM in Sotschi zusammen.

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Vom Zerrbild eines großen Schriftstellers

Ein Besuch im Prager Kafka-Museum

Denkt der Literaturfreund an Prag, so fällt ihm zunächst ein Name ein: Franz Kafka (1883-1924). In der Tat muss man in der Stadt nicht lange suchen, um auf den berühmten Schriftsteller und vermutlich berühmtesten Sohn der Stadt aufmerksam zu werden. In der Prager Altstadt befindet sich sein Geburtshaus, der Platz davor trägt seinen Namen; einige Meter weiter in der gleichen Straße befindet sich ein Franz-Kafka-Café.

Die Liste ließe sich noch einige Zeit fortführen – bis zu dem ihm gewidmeten Museum. Wer mehr über Franz Kafka erfahren möchte, über sein Leben, sein Schreiben, seine Familie, seine Frauen, der besucht das Franz-Kafka-Museum auf der Kleinseite unweit der Karlsbrücke. Schon bevor man dieses Museum betritt, stellen sich allerdings erste Fragen. Die erste ist sicherlich die Frage nach der Funktion des Brunnens vor dem Museum: Hier stehen sich zwei aus aufgeschichteten Metallscheiben bestehende Figuren gegenüber, denen der Betrachter beim Wasserlassen zusehen kann, dabei bewegen sie ihre Hüften. Die Figuren stehen in einem Becken, welches durch seine Form die Landesgrenzen der Tschechischen Republik nachbildet. Entworfen wurde dieser Brunnen vom Prager Künstler David Černý – vielleicht fragt man am besten ihn nach der Intention seiner Kunst.

Von diesem Bild geprägt, geht der wissbegierige Museumsbesucher nun in den Eingangsbereich des Museums, wird allerdings von der Empfangsdame erst einmal in den angeschlossenen Souvenir-Shop geschickt, da nur hier die Tickets gekauft werden können. Der reichlich gefüllte Shop selbst wartet mit allerhand 'Fanartikeln' auf. Da finden sich Buttons, Tassen, Büro-Artikel, T-Shirts, Broschüren und, und, und – Kafka inszeniert wie ein Popstar, möglichst bunt. Der Vollständigkeit halber ist auch Kafkas literarisches Werk erhältlich. In auffälligem Kontrast zum bunten Fan-Shop stehen dann die Museumsräume selbst: Sie sind durchweg schwarz-weiß gehalten, kaum Licht; überhaupt fällt kein Tageslicht ins Museum, die Fenster sind alle verrammelt. Begleitet wird man unentwegt von merkwürdigen Klangexperimenten, die vermutlich ein Gefühl der Beklommenheit hervorrufen sollen – mit zunehmendem Aufenthalt ist diese Atmosphäre jedoch schlicht anstrengend und erinnert eher an eine chinesische Opiumhöhle, weniger an ein Museum.

Ebenso verwirrend ist die Aufteilung und Umsetzung des Themas. Zunächst wird man von einem waagerecht an die Wand geschraubten Stammbaum Kafkas begrüßt, welcher nicht etwa auf eine Wandfläche beschränkt bleibt, sondern sich über zwei Wände erstreckt und auch vor dem rechten Winkel der Ecke nicht haltmacht – für den Betrachter ist dieser Stammbaum nur schwer nachvollziehbar.

Die Informationstexte sind nicht einheitlich gehalten – im Falle Kafkas wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass die Texte auf Deutsch und Tschechisch zu lesen wären und für das internationale Publikum noch auf Englisch. Stattdessen haben sich die 'Erfinder' dieses Museums für eine muntere Zufallsvariante entschieden, die die Exponate mal in dieser, mal in jener Sprache erläutert.

Kafkas weibliche Bekanntschaften sind in frei hängenden Kästen dargestellt, zuvor hat der Besucher die Möglichkeit durch eine merkwürdige Installation aus schleierartigen Tüchern zu schreiten – was das nun soll, erschließt sich auch nach wiederholtem Hindurchgehen nicht! Kafkas literarisches Werk wird auch nicht verschont: Neben einigen Erstauflagen und handschriftlichen Arbeiten in Vitrinen, werden hier und dort einige Sätze aus Kafkas Werken oder Tagebüchern an die Wand projiziert – im Wesentlichen Textstellen, die den Schriftsteller als armseligen Trauerkloß inszenieren. An anderer Stelle finden sich Geröllhaufen, in die Halterungen mit Informationskästchen eingelassen sind; das Ganze hat eher den Eindruck eines Holocaust-Museums – die Vermittlung von Kafkas Literatur misslingt völlig.

Natürlich ist es schwer, Literatur bzw. den Inhalt von Literatur optisch sichtbar zu machen, zumal nicht bei jedem Besucher vorausgesetzt werden kann, mit dem Werk des Autors vertraut zu sein – hierin besteht wohl die Hauptherausforderung derer, die solche Projekte in Angriff nehmen. Die Verantwortlichen des Prager Kafka-Museums scheitern leider völlig an dieser Aufgabe. Auch weil sie es nicht versäumen, grobe Schnitzer in die Darstellung des Gesamtopus einzubauen: So heißt der Protagonist aus Kafkas "Verwandlung" auf einmal Georg und nicht mehr Gregor. Solche Kapriolen setzen dem katastrophalen Gesamteindruck nur noch die Krone auf.

Mit einer vernünftigen und dem Autor angemessenen Darstellung hat das Museum jedenfalls nichts zu tun. Es reiht sich auf überzeugende Weise in die vorherrschende Vermarktungsstrategie der Stadt Prag ein – Kafka wird mit allem möglichen Firlefanz in Verbindung gebracht, mit dem er überhaupt nichts zu tun hatte, übrig bleibt ein Zerrbild des Autors.

Eine fundierte und durchdachte Darstellung Kafkas und seines Werkes muss anders aussehen. Kafka war eben nicht nur dieser armselige Trauerkloß, für den sich die Welt durchweg schwarz-weiß darstellte. Eine Vermischung von Kafkas Biographie und den psychischen und physischen Problemen seiner literarischen Figuren wie sie dem Museum offenbar passiert ist, kann nur als verfehlt bezeichnet werden. Dem Laien soll vermutlich ein Eindruck vermittelt werden, was es heißt, in einer 'kafkaesken' Situation zu stecken – was immer das dann auch genau sein soll!? Was aber ist etwa mit dem Franz Kafka, der ins Lichtspielhaus ging, über den Weihnachtsmarkt, auf Reisen, ins Bordell, ins Theater, der Freunde und zahlreiche weibliche Bekanntschaften hatte? – Diesen Franz Kafka sucht man im Kafka-Museum vergebens.

Der interessierte Literaturfreund verlässt dieses Haus einigermaßen wütend mit Fragezeichen in den Augen und einer Gewitterwolke über dem Kopf.

Fazit: Anstatt das Geld für eine Eintrittskarte zu verschwenden, sollte man etwas mehr investieren und sich lieber die dreibändige Kafka-Biographie von Reiner Stach zulegen – hier erhält man ein wesentlich fundierteres Kafka-Porträt als in diesem Museum.

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