Bohem Prague Hotel

Blogs

Blogs

Blogs-Autoren

| | Musik | 8.6.2011

Metal im Amphitheater: “Metalfest” 2011 in Pilsen

Open-Air im Amfiteátr Lochotín auf dem Gelände des Pilsener Zoos
  • Milking the Goatmachine
  • Kataklysm
  • Accept
  • Equilibrium
  • Saxon
  • Blick auf die Bühne
  • Cradle of Filth
  • Misery Index
  • Primordial
  • Arch Enemy
  • Sabaton

Lange musste man es sich nicht überlegen, ob man tatsächlich zum Metalfest nach Pilsen geht oder lieber zu Hause Luftgitarre spielt. Bei einem Ticketpreis von 900 Kronen (ca. 38 Euro) für drei Tage incl. Camping sollte jedem Metalhead das Herz aufgehen. Zumal internationale Größen wie Arch Enemy, Kataklysm, Cradle Of Filth, Accept… vom 03. – 05.06. am Start sind.

Eine Stunde Busfahrt von Prag nach Pilsen, ein Stadtbus, der uns in die Nähe des Festivals bringt und schon sind wir angekommen. Das Zelt ist schnell aufgebaut, auch wenn die Sonne auf die Köpfe knallt. Man ist sich schon jetzt gewiss, dass man an diesem Schlafplatz die nächsten drei Tage nicht von Bier trinkenden und grölenden Metallern aufgeweckt wird, sondern von der Sonne, die das Zelt früh morgens in eine Sauna verwandelt.

Ein prächtiges Amphitheater direkt neben dem Pilsener Zoo dient als Austragungsort des Festivals und dürfte für viele Festivalanhänger etwas Besonderes sein. Man hat die Möglichkeit sich auf Bänke zu setzen, im Schatten am Hang zu liegen um eine super Aussicht auf die Bühne zu genießen oder sich vor die Bühne zu stürzten um den Bandmitgliedern näher zu kommen. Leider ist die Bühne sehr weit hinten angebracht, sodass viele Bands immer wieder vor die Bühne treten um mit dem Publikum zu interagieren. Zwischen Bühne und Publikum sind Fleischberge aufgestellt, die sich Security nennt und ihrem Ruf alle Ehre macht. Wer seine Lieblingsband später tatsächlich in den Arm nehmen will, ein Foto schießen will oder sich ein Autogramm abholen will, der kann das bei den Autogrammstunden tun.

Der erste Tag des Festivals hat schon nachmittags die erste Überraschung auf Lager. Milking the Goatmachine aus Deutschland verstecken ihre Gesichter hinter Ziegenmasken, wobei ein Gitarrist sich unter einer Wolfsmaske versteckt. Diese junge Band glänzt mit viel Bewegung, Spielfreude und haufenweise Spaß auf der Bühne und das bei einem brachialen Mix aus Deathmetal und Grindcore. Metaller haben eben einen besonderen Humor. Bei Rage und Accept (beides Bands aus Deutschland) werden alte Klassiker mitgesungen und bei Bier gefeiert als, ob es auf dem Planeten keine großartigeren Bands gibt. Dazwischen taumeln sich die kanadischen Deathmetaller von Kataklysm im Tagesprogramm ein und schmettern einen Hit nach dem anderen ins Publikum. Doublebass, fette Gitarrenriffs und ein Sänger, der sein Handwerk versteht und seine Fans genau kennt. Erste ernstzunehmende Crowd-Surfer lassen die Security zum ersten Mal ins Schwitzen kommen. Leider greift die tschechische Security übertrieben grob durch, sodass der Gitarrist von Kataklysm einen der Securitys besänftigen muss. Kataklysm zeigen nicht nur musikalische Stärke, sondern auch ihre Verbundenheit zu ihren Fans indem sie sich keine Fans von der Security wegnehmen lassen. Ein betrunkener Wolf von Milking the Goatmachine schaut auch noch zwei Mal auf der Bühne von Kataklysm vorbei und wird vom Veranstalter von der Bühne entfernt und kurz zurechtgewiesen. Super Show von den kanadischen Knochenbrechern und ein super Start ins Festival. Danach geht es ins Bett um ein wenig Schlaf zu bekommen bevor uns die Sonne aufwecken wird.

Neuer Tag, neue Bands. Doch zuerst widmet sich die stinkende Meute einer intensiven Körperpflege. Duschen stehen für 30 Kronen bereit und gehen für satanische Festivalverhältnisse voll in Ordnung. Die Sonne scheint auch schon wieder am Horizont und wird uns den ganzen Tag nicht in Ruhe lassen. Deshalb musste auch ein Sponsor wie Cambrinus her, der die Spitzentemperaturen erträglicher macht. Bier ist wie immer billiger als alles andere und kostet den Metalhead gerade mal 30 Kronen. Da ist es schon vorprogrammiert, dass auf dem Weg zum Festivalgelände das eine oder andere Gambrinus-Opfer liegt. Der Startschuss für den zweiten Tag fiel schon ungewöhnlich früh um 10.20 Uhr. Die Highlights dieses Tages spielen trotzdem erst gegen Abend. So kommt es, dass Equilibrium aus München die Meute um 16.40 Uhr zu folkloristischem deutschsprachigen Metal tanzen lässt. Die Security spritzt mit einem Wasserschlauch ca. 5 Minuten ungebremst in die Menge bis auch der Letzte klatschnass ist. Spätestens jetzt ist klar, dass diese Securitys nicht nur keine Muskeln haben, sondern auch kein Gehirn. Später stehen dann die britischen Urgesteine von Saxon auf der Bühne, die schon mehr als 30 Jahren ihren New Wave of British Heavy Metal fabrizieren. Wie schon die Warteschlange vor der Autogrammstunde von Cradle Of Filth vermuten ließ sind viele Fans angereist um Dani Filth und Co. zu sehen. So kommt es, dass schon lange vor dem Konzert die Reihen vor der Bühne dicht besiedelt sind. Das Konzert beginnt, die Leute sind aus dem Häuschen und es ist überraschend wie gut Dani Filth sein Gekeife auch live unter Beweis stellt. Hier dominieren Doublebass und Blastbeats sowie der wohl einzigartige Gesang des kleinen britischen Landlords am Mikrophon. Tatsächlich ist um 24 Uhr Schluss. Laut Zeitplan sollen es 90 Minuten gewesen sein. Es ist kaum zu glauben. Die Fans hätten bestimmt noch eine weitere Stunde Cradle Of Filth in Bestform zugehört. Doch die Tiere im Zoo neben an sollen ihren wohlverdienten Schlaf bekommen.

Danach ab auf den Zeltplatz und schauen was dort noch geboten ist. Im Festzelt steigt eine kleine Party und Bekanntschaften sind gleich gemacht. Selbstverständlich endet ein Treffen zwischen Festivalliebhabern aus Tschechien, Polen, Frankreich, Deutschland und der Slowakei sehr böse, sobald einer anfängt eine Runde zu bezahlen. Doch genau das gehört zu einem Festival dazu. Sich gut zu unterhalten! Dem morgendlichen Bierkonsum zufolge scheint niemand einen Kater von der vorherigen Nacht zu haben. Nichtsdestotrotz hat das Festival am letzten Tag mehr als nur gutes tschechisches Bier zu bieten. So kommt es, dass die amerikanische Band Misery Index mit einem brachialen Mix aus Thrash/Death/Grind das Publikum am Nachmittag beeindruckt. Direkt im Anschluss scheinen viele auf Primordial gewartet zu haben, die irische Folkmusik mit sehr düsterem Metal vereinen. Gesanglich betrachtet hat diese Band wirklich nicht viel zu bieten. Da hilft auch das ganze Make-Up des Sängers nicht. Trotzdem gefällt es der Mehrheit und musikalisch ist überhaupt nichts einzuwenden. Als Arch Enemy die Bühne betritt sind sich dann aber wirklich alle einig: Diese Band ist eines der Highlights auf dem diesjährigen Metalfest. Die schwedische Band um Frontfrau Angela Gossow heizt dem Publikum ein indem Angela immer wieder zu den vorderen Rängen rennt, die Arch Enemy Flagge schwenkt und wie ein echter Kerl durchs Mirko röhrt. Neue Songs sowie längst bekannte werden leidenschaftlich gespielt. Diese Band lässt sich einfach nicht in die Knie zwingen. Sie touren und touren und haben immer noch den Ehrgeiz ihre alten Fans zufriedenzustellen und neue Fans zu gewinnen.

Zu guter Letzte triumphieren Sabaton auf dem Metalfest. Mit ihrem Power Metal oder besser gesagt Party Metal, der an Dragonforce erinnert spielen sie sich in die Herzen des tschechischen Publikums. Vor allem, weil der Frontmann mehrmals seine Tschechischkenntnisse zum Besten gibt und natürlich das eine oder andere Bier öffnet. Die Band springt vom einen bis zum anderen Ende der Bühne, hüpft herum als sei die Bühne ein Trampolin und will gar nicht mehr aufhören zu spielen. Wie sich die äußerst ernsten Texte mit ihrer Musik vereinen lassen scheint ein Rätsel zu sein. Zweiter Weltkrieg, KZ, roter Büstenhalter am Mikro und danach erst mal ein Bier aufmachen??? Doch dieses Rätsel scheint nur von mir gelöst werden zu wollen. Die Menge genießt die letzten Minuten Metal und vor allem die Mega Show von Sabaton. Sie ist die einzige Band die mit Pyroeffekten arbeitet und somit für noch mehr Hitze und Stimmung am letzten Abend sorgt. Sabaton verlassen nach 90 Minuten die Bühne und das Festival ist zu Ende. Ein letztes Mal genießen viele noch die Aussicht auf die Bühne auf den Rängen bevor es nach Hause oder auf den Campingplatz geht.

Am Abreisetag sichte ich noch ein kleines Känguru vom Zoo nebenan, das das Metalfest überlebt hat. Tierschutz scheint wohl ein Fremdwort für viele Einwohner in Tschechien zu sein. Entwarnung also für alle Greenpeace-Aktivisten soweit es welche in Tschechien gibt.

Gerade eben sind wir doch alle erst angekommen und schon gehen wir wieder zusammen nach Hause. Für mich ist es eine Stunde komfortable Busfahrt nach Prag, für andere eine 20-stündige Tortur im Zug nach Polen. Das Metalfest ist mit Sicherheit sein Geld wert und für jeden geeignet, der Festivals und Metal mag.

Externer Link: www.metalfestopenair.czwww.metalfestopenair.cz
Bildnachweis:
Uli Brechtold
Amfiteátr Lochotín
Pod Vinicemi 928/6
301 00
Plzeň 1
Region Pilsen (Plzeňský kraj)
Tschechische Republik

Auch interessant