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| | Reise | 15.4.2011

Drei Tage in der heimlichen Hauptstadt Polens

  • Auschwitz
  • Marktplatz in Krakau
  • Burg Wawel

Die polnische Stadt Krakau scheint ein sehr beliebtes Ausflugsziel aller ERASMUS-Studenten zu sein. Doch warum nehmen so viele diesen mühsamen Weg auf sich? Der Blick auf die Landkarte erweckt den Eindruck die 750000 Einwohner Stadt sei nicht weit weg von Prag entfernt. Doch die Anreise gestaltet sich letztendlich sehr zeitintensiv. Neun Stunden sitzen wir dreizehn ERASMUS-Studenten im Nachtzug und wünschten uns keine arme Studenten zu sein. Ansonsten hätten wir Schlafplätze im Schlafwagen gebucht. Nichtsdestotrotz kann man die Zeit im Zugabteil bei netten Unterhaltungen mit den Kollegen aus Frankreich, Portugal, Belgien und Schweden sehr gut absitzen. Einige versuchen sich an Trinkspielen zu erfreuen oder mit weiteren Reisenden aus Philadelphia oder Sao Paulo ins Gespräch zu kommen. Zu später Stunde zückt manch einer sogar sein iPod um einer schwedischen Dokumentation zu lauschen und vollkommen relaxed für ein paar Stunden im Sitzen zu schlafen.

In Krakau angekommen, eine heiße Schokolade gekostet und schon haben wir in unserem Hostel eingecheckt. Der Wetterunterschied zwischen Prag und Krakau wird sofort deutlich. Es ist gefühlte 10 Grad kälter. Der alteingesessene Schwabe kennt die Prozedur. Wintermütze aufgesetzt und Winterjacke angezogen. Es ist eben wie auf der Schwäbischen-Alb; „eine Jacke kälter“. Das Mosquito Hostel bietet Frühstück, saubere Badezimmer sowie äußerst bequeme Betten um bei all dem Touri-Stress nachts für ein paar Stunden zur Ruhe zu kommen. Das Personal kümmert sich auch sehr ausgiebig um unser Wohlbefinden. So wurden uns beim Check-In sofort Ausflugtipps für die folgenden Tage angeboten, mit uns Nintendo Wii gespielt oder uns angeboten einen Film aus der gut sortierten Filmsammlung zu schauen. Ab 23 Uhr wird dennoch strikt die Nachtruhe eingehalten.

Schon bei unseren Planungen war allen Mitreisenden klar, dass Auschwitz auch auf unser Ausflugsliste stehen soll. Deshalb sind wir gleich nach unserer Ankunft in Krakau wieder in den Zug eingestiegen und nach Auschwitz gereist. Es kostet uns umgerechnet 5,- Euro für die Hin-und Rückfahrt und die 100 Minuten dienen uns allen um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Den Weg vom Bahnhof zum staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau legen wir in 20 Minuten zurück. Generell ist der Eintritt in das Gelände frei. Doch die dreistündige Führung lohnt sich für jeden Besucher, zumal die 8,- Euro nicht wirklich schmerzen. Unser Tour-Guide ist sehr gut über die damalige Situation in dem Konzentrationslager informiert und gestaltet die Führung äußerst sachlich, macht allen Besuchern dennoch immer wieder deutlich wie viele Menschen in so kurzer Zeit zu schrecklichsten Bedingungen ihr Leben ließen. Baracken, Krematorien und Bilder erinnern an diese Zeit und sollen niemals in Vergessenheit geraten. Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau hinterlassen bei allen Besuchern bleibende Eindrücke und werden für immer in Erinnerung bleiben. Der Weg zurück nach Krakau ist ruhig.

Nach unserem Ausflug sind alle etwas erschöpft und wollen bei traditioneller polnischer Küche wieder zu Kräften kommen. Die Küche ist deftig, das Bier nicht ganz so gut wie in Prag oder Deutschland, doch der polnische Wodka Zubrowka stößt bei allen Trinkern auf positive Reaktionen. Zur späten Stunde versucht die ERASMUS-Meute noch das Nachtleben in Krakau zu erkunden, versagt aber kläglich, weil uns die Nacht im Zug und unser Ausflug zu sehr in Anspruch genommen haben. Alle gehen zurück ins Hostel und fallen in wenigen Sekunden in einen Tiefschlaf.

Nächster Morgen, zweiter Tag in Krakau. Das Frühstück steht bereit und wir lassen es uns nicht zweimal sagen, dass in unseren ca. 24,- Euro Übernachtungskosten für zwei Tage das Frühstück inklusive ist. Toast, Brot, Marmelade, Käse, Wurst, Cornflakes, Kaffee und Tee stehen bereit zum Konsum. Ausgeschlafen und gestärkt drängen wir zum Stadtkern vor. Eine gut organisierte Freetour trifft sich am Marktplatz und wartet sogar auf ein paar verschlafene Studenten, die ihr bequemes Bett nicht verlassen konnten oder nicht genug beim Frühstück bekommen konnten. Auch dieser Tour-Guide ist sehr gut informiert, von seiner Sache als Guide völlig überzeugt und trällert kein auswendig gelerntes Lied vor sich hin. Historische Hintergründe des Marktplatzes, des jüdischen Viertels und der Burg Wawel werden voller Enthusiasmus mit den Touristen kommuniziert. Auch das Arbeitshaus des ehemaligen polnischen Papstes Johannes Paul II sowie das sehenswürdige „Papstfenster“ werden uns voller Stolz präsentiert. Trotzdem kapseln wir uns gegen Ende von der Touri-Gruppe ab und stolpern in ein sehr nettes Café in der Nähe des jüdischen Viertels, das von einem älteren polnischen Herrn mit sehr viel Liebe betrieben wird. Koffein und Zucker beleben die strapazierten Körper der Prager Studenten und lassen die Füße weiter durch die Stadt wandern.

Gegen Abend finden sich alle im Hostel ein und es wird gekocht. Natürlich Pasta. Was auch sonst! Hatten wir alle bestimmt schon lange nicht mehr. Einige vollgestopften Bäuche kugeln zur „Tram-Party“ wo sie unglaublicher Weise eine Party in einer fahrenden Tram tanzend und trinkend miterleben dürfen. Andere lassen sich Tipps vom polnischen Hostel-Personal geben und landen in einer Kneipe, die sich Alchemia nennt. Düsterer Kerzenschein und ausgiebiger Alkoholkonsum lassen mich an den „verrückten Hund“ erinnern, der anscheinend eine polnische Spezialität sein soll. Wodka, Tabasco und eine süßliche Substanz schweben im Glas und sollen in einem getrunken werden. Scharf, süß, kein starker Alkoholgeschmack und alle sind sich einig. Eine äußerst merkwürdiges Trinkerlebnis, das man als Wodka-Trinker nicht missen sollte, auf ein zweites Glas aber gerne verzichten kann.

Die Straßen Krakaus sind voll mit Kneipenbesuchern, Clubgängern und Taxis. Der Weg führt zu Fuß zum Club Kitsch, der sich auf einigen Stockwerken eines alten Hauses erstreckt und für jedermann etwas zu bieten hat. Kein Eintrittsgeld, das Haus ist voll und jeder amüsiert sich mit polnischem Bier, polnischem Wodka oder beim Tanzen auf einer der vielen Dancefloors. Eines ist klar. Jemand, der in Krakau studiert, kann keines Falls an einem Wochenende zu Hause sitzen, schlafen oder studieren. Es ist schlichtweg nicht möglich, weil jede Straße von tanz- und feierwilligen Menschen lautstark belagert wird und man einfach zu viel verpassen würde. Trotzdem geht auch diese Nacht zu Ende und wir landen nach einem typischen Krakauer deutsch/türkischen Mitternachtssnack im sanften Bett.

An unserem dritten und letzten Tag verpassen wir das leckere Frühstück um ein paar Minuten. Da Kebab in Prag eher rar ist folgen wir unserer Nase und unseren Instinkten. Kebab und Cola verhelfen am Tag unserer Abreise einigen nicht mehr zu ihren Kräften. Dennoch schlendern wir nochmals durch die Stadt und gehen zur Burg Wawel, da der 10. April an den Flugzeugabsturz des polnischen Regierungsflugzeugs erinnern soll. Man merkt den polnischen Staatsbürgern noch sehr deutlich an wie sehr ihnen dieser Tag in Erinnerung schwebt und auch nach einem Jahr noch immer zusetzt. Krakauer und andere polnische Anteilnehmende legen Blumen in der Grabkammer nieder und Gedenken an alle ums Leben gekommenen polnischen Politiker sowie Repräsentanten des polnischen Staatshauses.

Gegen Abend begeben wir uns für kurze Zeit ins Hostel und verweilen mit Nintendo Wii Spielen vor dem Fernseher. Es wird dunkel und wir machen uns auf den Weg zurück nach Prag. Die neun Stunden Rückfahrt im Nachtzug gestalten sich dieses Mal um einiges schwerer, da wir alle sehr erschöpft sind und nur noch schlafen wollen. Angekommen in Prag können wir nun endlich unserem Verlangen nachkommen.

Fazit des dreitägigen Ausflugs. Krakau lohnt sich für jeden der schon immer mal polnische Luft schnuppern wollte, das weltbekannte Nachtleben in Krakau kennenlernen wollte oder die Geschichte der Stadt hautnah erleben möchte. Ein Besuch zum staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau ist sehr zu empfehlen. 18 Stunden Zugfahrt machen die Reise zwar mühsam, sollten aber keinen Reisenden abschrecken in die heimliche Hauptstadt Polens zu reisen.

Bildnachweis:
Uli Brechtold

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