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| | Studium | 3.11.2011

Neues aus dem Erasmusghetto

Morgens gleicht der Flur wie immer einem Schlachtfeld. Ich bahne mir meinen Weg zum Kühlschrank, um mir Milch für meinen Frühstückskaffee zu holen, durch leere Vodka- und Bierflaschen, Wein aus dem Tetrapak und Zigarettenstummeln. Im Studentenheim Kolej Hostivař sind hauptsächlich Erasmus-Studierende untergebracht. Da die architektonische Fehlkonstruktion, die ursprünglich nicht als Studentenheim konzipiert war, keinen Gemeinschaftsraum und eine Küche von zwei Quadratmetern für zwanzig Personen vorsieht, finden die Partys regelmäßig auf dem Flur statt.

Aufpasserinnen wie in russischen und ukrainischen Heimen, die um Mitternacht sowohl die Eingangstür des Heims als auch die des Stockwerks versperren und die Nachtruhe kontrollieren, gibt es hier zum Glück nicht. Doch Konflikte mit den wenigen regulären BewohnerInnen, deren Schlafrhythmus von dem der Austauschstudierenden abweicht, sind vorprogrammiert. Deshalb beendet das Heimpersonal, ein Security mit Schlagstock und eine Dame mit langem grauem Haar und verbittertem Gesicht, mit viel Geschrei und tschechischen Flüchen das allzu laute Feiern zu später Stunde. Am nächsten Tag finden wir eine Nachricht des Heimvorstandes an der Wand, wie immer in kreativem Englisch: Wir hätten ab sofort unsere „lusty celebrations“ zu unterlassen.

Doch neben Ärger und auch etwas Angst vor dem Heimpersonal, habe ich auch etwas Mitleid: Die „Hexe von der Rezeption“ hat das gesetzliches Pensionsantrittsalter längst überschritten, muss sich aber wie viele ihrer älteren Landsleute etwas zur mickrigen staatlichen Pension dazuverdienen. Man sieht hier auch alte Leute betteln, ein Bild das in Österreich unüblich ist.

Abgesehen davon: das Stewardessenlächeln aus den USA und das Motto „Der Kunde ist König“  darf man sich in Tschechien weder an der Rezeption eines Studentenheims noch in einem Einkaufsladen erwarten. Persönlich finde ich das sympathischer als ständig etwas aufgedrängt zu bekommen wie in Thailand und anderen Urlaubsländern. Nur wenn die Angestellten in den Supermärkten gemächlich die Waren über den Scanner ziehen und dazwischen ein zehnminütiges Tratsch-Päuschen mit einer Bekannten einlegen, denke ich wehmütig an die Highspeed-KassiererInnen bei Aldi und Hofer.

Letzte Woche ein Diebstahl im Heim. Laptop und Geldbörse wurden aus dem Zimmer gestohlen, während sich der Besitzer für fünf Minuten in die Küche begab.  Der Dieb braucht sich keine Sorgen machen. Die Kameras über der Eingangstür funktionieren nicht. Das wissen auch die Schülergrüppchen, die sich täglich ihren ersten Joint vor dem Eingang des Studentenheims reinziehen, um dem Unterricht in der nahegelegenen Schule besser und vor allem entspannter folgen zu können.

Seit den Veränderungen des Suchtmittelgesetzes vor einigen Jahren zählt Tschechien zu den liberalsten Ländern, was seine Drogenpolitik betrifft. Das merkt man auch während der Zugfahrt. Österreichische Jugendliche kaufen Gras aus grenznahen České Budějovice. Als ich unlängst meinen Apfel in den Mülleimer werfen wollte, fand ich dort ein kleines Plastiksäckchen mit grünem Inhalt. Der Mülleimer am Korridor ist der beste Aufbewahrungsort, damit das verfängliche Päckchen bei einer etwaigen Kontrolle dem Besitzer nicht zugeordnet werden kann.

Die Zugfahrt von Prag nach Österreich neigt sich dem Ende zu: Vorbei ziehen Dörfer mit Lautsprechern am Hauptplatz, ein Relikt aus kommunistischen Zeiten. Hühner laufen auf verwaisten Gleisen der Nebenstrecken umher. In Grenznähe häufen sich Casinos und Nachtclubs. Das sind die Dinge, die noch immer ins Auge springen, auch wenn die Staatsgrenze bis auf ein kleines rostiges Schild unsichtbar geworden ist.

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