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Rubrik: Panorama | 17. Juli 2018, 00:07 Uhr

Prag - Tausende Motorradfahrer brummten und knatterten am ersten Juliwochenende auf ihren schweren Maschinen nach und durch Prag. Anlass war das Treffen zum 115. Geburtstag der amerikanischen Kultmarke.

Wie tschechische Medien berichten, kamen insgesamt etwa 110.000 Motorradfans in die tschechische Hauptstadt und damit rund zehn Prozent mehr, als von den Veranstaltern ursprünglich erwartet, und etwa Zwei-Drittel davon kamen tatsächlich auf dem Motorrad angereist. Das Bikertreffen verlief nach Angaben der Polizei und Rettungsdienste ohne ernstere Un- oder Zwischenfälle. (nk)

Rubrik: Sport | 16. Juli 2018, 22:50 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Halbfinale: Frankreich – Belgien 1:0, England – Kroatien 1:2 n.V., kleines Finale: Belgien – England 2:0, großes Finale: Frankreich – Kroatien 4:2

Letzte Woche von Putins familienfreundlicher Weh Emm, Frankreich spielt gegen Belgien im Halbfinale, das wird vielleicht das beste Spiel des Turniers, denke ich im Vohinein. Nach einem Tag voller Hektik, Terminstress und dergleichen schaffe ich es pünktlich zum Anpfiff vor den Computer und schaue mir in aller Ruhe das Spiel an, bei dem mich das Kind nur gelegentlich stört. Belgien spielt überraschend spielbestimmend und dominiert. Ob das die richtige Taktik für die schnellste Kontermannschaft des Turniers ist, frage ich mich. Durch Frankreichs Verteidigungslinie ist aber auch wirklich kaum ein Durchkommen, das Land hat wahrscheinlich von dem Fiasko der Maginot-Linie gelernt. Frankreich macht nach einem Eckball ein Kopfballtor durch den Verteidiger Varane, das reicht. Belgien hat nur zwei, drei aussichtsreiche Möglichkeiten, einmal Fellaini mit dem Kopf, doch das wars. Am Ende fällt den Mannen um den diesmal blassen de Bruyne und den völlig aus dem Spiel genommenen Lukaku nichts mehr ein, Frankreich zieht ins Endspiel ein und rettet damit die folgenden fünf Tage Franzosenmarkt auf der Prager Insel Kampa.

Franzosenmarkt auf der Kampa

Nun, dort werde ich viele Stunden verbringen und arbeiten, kundenfreundlich kurze Beratungsgespräche in unterschiedlichen mir zugänglichen Sprachen führen und entsprechend mehr oder weniger ausgereifte Milchprodukte an die Frau oder den Mann bringen. Gleich zu Beginn stelle ich die entscheidende Frage, wird man hier am Sonntag das Finale sehen? Am ersten Abend sehe ich dafür günstige Anzeichen, ein Verkäufer gegorenen Traubensaftes stellt hinter seinen Stand ein Fernsehgerät auf und studiert den Endspielgegner. In einem freien Augenblick stelle ich mich dazu und schaue die letzten zehn Minuten der ersten Hälfte. England führt gegen Kroatien 1:0, ich kann in dem Spiel keine Anzeichen entdecken, dass sich an der Tendenz noch groß was ändern sollte, Finale England gegen Frankreich, so ein Käse.

Dennoch stelle ich meine verkaufsfördernden Aktivitäten daraufhin ein. Auf dem Weg zur Punk-Kneipe – in Freds Bar vermute ich die Engländer – denke ich über Loyalitäten bezüglich der Co-Heimat meines Kindes nach. Fühle ich irgendeine Verbundenheit? Meine Lebensgefährtin interessiert sich ja nicht für Fußball und behauptet, dass ihr das Treiben in Russland schnurzpiepegal ist. Von dieser Seite gibt es reichlich wenig Ansporn, meinen emotionalen Haushalt an das Gelingen oder Misslingen gut bezahlter Fußarbeiter zu knüpfen. Nun, ich komme zwar zu keinem Ergebnis, doch ungefähr in der 55. Minute vor den Bildschirm der Punk-Kneipe, die erfreulich Engländer-frei ist. Nun, ich nehme auf einem Barhocker Platz und verlange Gerstensaft, um den Nachgeschmack der fermentierten Milchprodukte, die auch ich in sehr kleinen, aber dafür steten Portionen zu mir genommen habe, runterzuspülen. Das ist die Initialzündung für das kroatische Team, um meiner emotionalen Indifferenz abzuhelfen. Kurz gesagt, sie spielen England an die Wand, was zwar so nicht ganz stimmt, aber ich klatsche des öfteren mit der flachen Hand an eine solche. Beim Ausgleich springe ich auf, eine Frau an der Theke fragt zur Sicherheit nach, ob ich Kroatien unterstütze. Ich bejahe spontan und sie stimmt ein, sie auch. Weil sie aus Polen stammt. Weil das polnische Team schon lange zu Hause oder im Urlaub ist. Aha, interessant das zu erfahren.

Unterstützung sogar aus Polen

Weiter im Spiel, das mich an eine Diskussion mit einem meiner Kunden erinnert. Die Spieler sollten auf Bolzplätzen heranwachsen, behauptet er. Dort lernt man die echte Liebe zum Spiel, denn das sei es doch noch immer. Ohne diese echte Liebe verkomme der Sport mit den 22 Männern in kurzen Hosen zu Arbeit. Wir reden auch über Deutschland, ich erzähle ihm, das Jonas Hector wohl der einzige Spieler im deutschen Kader ist, der nicht von einer Fußballakademie stammt. Wie es bei England aussieht, weiß ich nicht, dem Spiel nach tippe ich eher darauf, dass alle bestens ausgebildete Fußballer sind, die ihre taktischen Aufgaben pflichtgetreu erfüllen. Nur leider – und das ist zu sehen – geht dabei die Kreativität und Spontaneität verloren, außerdem fehlt ganz einfach das Herz, um den mit Leidenschaft spielenden Kroaten zu widerstehen. Denn die bleiben am Drücker, obwohl sie zum dritten Mal hintereinander in die Verlängerung müssen. Selbst nach dem Führungstor stellen sie sich nicht hinten rein. Die kroatischen Spieler machen ganz einfach manchmal Dinge, die kein Akademieabsolvent vorhersehen kann. Die Kneipe füllt sich – erstaunlich für einen Mittwochabend – meine Emotionen schlagen hoch, ich verteidige jedoch meinen Hockerplatz wie ein Löwe. Die Thekenkraft kassiert jedes Getränk gleich ab, so werde ich alle Münzen los, die ich vom Franzosenmarkt noch in der Tasche habe. Ein arg im Sprechen und Denken paralysierter Kneipengast tritt in den letzten Minuten zu mir und wiederholt mantrahaft den Satz „to je síla“. Ich lasse das jetzt mal so stehen, bei der etwa dreiundfünfzigsten Wiederholung erschließt sich die Bedeutung des Mantras auch ohne Tschechischkenntnisse.

Nach 28 Jahren wieder im kleinen Finale

Nun, es geht gut und Kroatien schafft es bis ins Finale. Ich verlasse die Punk-Kneipe und mache noch einen Abstecher in Silwias Bar, um die Stimmung in ihrem Balkan-Pfuhl zu testen. Auf dem Weg begegnen mir zwei Bekannte, ein Amerikaner und ein Ire, die gerade Freds Bar verlassen und sich ebenfalls zu Silwia begeben. „Geh besser nicht in Freds Bar, die Stimmung ist wirkich mies“, warnen sie mich. Hatte ich auch nicht vor, denke ich, ich kann mir gut vorstellen, wie sich die Engländer fühlen. Nach 28 Jahren mal wieder im Weh Emm Halbfinale, zum ersten Mal sogar ein Elfmeterschießen gewonnen und dann das. Boris Johnson tritt zwei Tage vor dem wichtigen Spiel als Außenminister zurück, genau wie der Brexit-Minister oder Beauftragte oder welchen Titel der auch immer trägt. Dieselbe Sch... wie bei der Eh Emm 2016, das Referendum einen Tag vor dem k.o.-Spiel gegen Island. Johnson, damals schon einer der politischen Spießgesellen und zurückgetreten, fordert einen harten Brexit. Den hat er dann auch bekommen, diesmal bei der zur Eh Emm geschrumpften Weh Emm. Im kleinen Finale verliert England auch noch gegen Belgien und die Bilanz ist durchaus durchwachsen. Sieben Spiele, drei Siege (gegen Tunesien, Panama und Schweden), drei Niederlagen (zwei Mal gegen Belgien und ein Mal gegen Kroatien), dazu ein nominelles Unentschieden gegen Kolumbien. Immerhin stellt die Mannschaft mit Harry Kane den besten Toschützen, der zwar einen Standardwert von sechs Einschüssen verbucht, allerdings waren darunter drei Elfmeter. Die muss man ja auch erst mal reinmachen, ist schon klar, aber als es darauf ankommt, trifft er nix.

Gute Stimmung im Balkanpfuhl

Gehen wir lieber in Silwias Kneipe, wo mächtig Stimmung herrscht, zumindest unter den fußballinteressierten Gästen. Ich schließe mich für ein halbes Stündchen an, doch der folgende Arbeitstag verlangt sein Tribut. Zu Hause informiere ich MM über den Finaleinzug, sie gibt sich aber gleichgültig. So, danach ist zwei Tage Fußballpause, die ich auf der Prager Insel Kampa verbringe und mit meinem üblichen Terminstress in Sachen Sprachenvergleich. Das kleine Finale verpasse ich komplett, nach getaner Arbeit erfahre ich in der Punk-Kneipe das mutmaßlich Ergebnis vom Barmann, der dafür seine Hand aber nicht ins Feuer legen will, denn er konnte sich dem Nachmittagsspiel nicht widmen.

So, da kommt der Sonntag, Endspieltag. Ich komme spät zur Insel Kampa, denn ich muss noch eine Deadline einhalten. Es ist aber noch Zeit vor dem Endspiel und erstaunlich ruhig. Für den späteren Weltmeistertitel bezahlen die Standbesitzer der kulinarischen Spezialitäten mit erheblichen Umsatzeinbußen. Es läuft die Vermutung herum, dass viele potentielle Gäste das Fußballereignis eher meiden, doch die Betreiber nehmen das billigend in Kauf. Zwei Fernseher werden aufgestellt, einer auf der kleinen Bühne, wo sich kleine Bands abwechseln, einer wiederum wieder hinter dem Traubensaftstand, eigentlich gleich gegenüber. Wie man das kennt, schmettern die Franzosen ihre Nationalhymne, dieses blutrünstige Revolutionslied, benannt nach einer Hafenstadt im Süden des Landes. Ansonsten ist es zunächst aber eher ruhig, die Kundenberatungstätigkeit versiegt nahezu vollkommen. Ich frage herum, ob denn da nichts los sei in Moskau, das Napoleon Bonaparte – noch so ein Politiker von einer Insel – vor mehr als 200 Jahren so lustig abgebrannt hat. Ein Jubelaufschrei verrät mir das Ergebnis, Frankreich muss ein Tor geschossen haben. Viel später erfahre ich dann, dass es kein Franzose war, sondern ein Kroate, jedoch für Frankreich. Ich höre noch hier und da ein kollektives Ächzen und Stöhnen, hinter dem ich vergebene Chancen vermute, jedoch keine weiteren Tore. Ein Kollege mit online-Zugang gibt den Zwischenstand durch, einseins.

Die Hand im Spiel

Nun begebe ich mich doch zur kleineren Gruppe vor den Bildschirm und bekomme die Schlüsselszene des Spieles mit, nämlich ein Handspiel im Strafraum. Das hat niemand mitbekommen, nicht einmal der Schiedsrichter, der über Funk darüber aufgeklärt wird, sich mal zum mobilen Videozentrum an der Seitenlinie zu begeben. Ein aufgeregter Fan beschwört den Entscheidungsträger in Sachen Regeleinhaltung von Prag aus, dieses Handspiel nicht durchgehen zu lassen. Und das in einer Intensität, dass man selbst ohne Französischkenntnisse dem zwingend logischen Gedankengang Recht geben muss, selbst wenn man etliche hundert Werst entfernt seinem Richterhandwerk nachgeht. Ich fürchte bereits um die Stimme des erregten Logikers, dann sind wir erlöst, Elfmeter. Griezmann, den die Franzosen so aussprechen, wie man ihn schreibt, und nicht so, wie der Spieler selbst es möchte, verlädt den Torwart und Frankreich liegt wieder in Führung. Ich schaue eher lustlos den Rest der ersten Halbzeit, dann kommen MM und das Kind mich besuchen. Wir versuchen einen Platz zum Schauen zu ergattern, das ist aber von keiner Position aus richtig möglich. Während wir noch Suchen, brandet wieder ein kollektiver Jubel auf, es ist klar, was passiert. Ich schaue trotzdem die Wiederholung mit Kind auf dem Arm und aus ungünstiger Position, sah nicht ganz unhaltbar aus. MM geht einfach weiter und versteht gar nicht, wo ich bleibe. Dann ziehen wir uns etwas vom sportbegeisterten Geschehen zurück, wieder ein kollektiver Jubelschrei, ich fürchte bereits, dass MMs mittlerweile miese Laune in Aggression umschlägt und rede über das schwüle Wetter und die Wahrscheinlichkeit eines einsetzenden Regens. Die Franzosen singen wieder ihr Lieblingslied aus der Hafenstadt, MM beschimpft sie kollektiv als Faschisten und geht dann zu einem Bildschirm. Ich möchte sie davon abhalten, doch sie kommt nach bangen Minuten wieder, vierzuzwei sagt sie. Ich benötige all meine Überredungskünste, um sie vom Markt und von der Insel zu entfernen, bevor der kollektive Wahnsinn auf französisch ausbricht. Mit Mühe gelingt mir das, doch dann ist es so weit, kleine Grüppchen junger Menschen laufen mit einer Fähnchenschnur, die ursprünglich als Dekoration gedient hat, mehrmals um den Platz. Der Besitzer des Standes, an dem ich meiner Beschäftigung nachgehe, schaut ab und zu in zunehmend bedenklicheren Zustand herein, ab 20 Uhr rechnen wir anderen eigentlich mit dem Ende der Beratungstätigkeiten, doch in dieser Masseneuphorie zieht sich das locker noch ein, zwei Stunden hin. Die Krux ist, dass ich nüchtern bleiben muss, denn ich habe diesmal Fahrdienst, außerdem ist Abbautag. Auch das zieht sich hin, so dass ich mit zunehmender Apathie dem Fahrzeug noch einen kleinen Schaden zufüge und erst kurz nach eins in die Punk-Kneipe komme, um den bitteren Geschmack des gesamten Tages herunterzuspülen. Ich plane eigentlich nur eine Stunde zu bleiben, doch dann wiederholen sie im Fernsehen das Endspiel und ich schaue das Spektakel bis zur 73. Minute, den Schluss schenke ich mir, Tore fallen ja keine mehr und am Ende dürfte den Kroaten einfach die Kraft ausgegangen sein, um dieses Ding noch umzubiegen.

Überraschung zu Hause

Dank den Kroaten, denn ihr mutiges Spiel nach vorne hat den Zuschauern dieses seit vielen Weh Emms ansehnlichste Finale erst beschert. Sie hätten wie Frankreich auch erst einmal abwarten können, was der Gegner macht, taktisch diszipliniert, geduldig auf die eine Situation wartend, die vielleicht das ganze Turnier entscheidet. Sie haben darauf verzichtet und ihr Herz in die Hand genommen, zusätzlich haben sie Frankreich durch ein Eigentor (einsnull) und den bereits beschriebenen Elfmeter kräftig in den Sattel geholfen. Das Handspiel war sowohl unnötig als auch unabsichtlich und die Entscheidung reichlich hart. Dann sieht der Torwart bei beiden Gegentoren in der zweiten Hälfte reichlich bedeppert aus, das wiegt auch der umgehende grobe Torwartfehler des französischen Tormanns nicht auf. Zu Hause erwartet mich noch eine Überraschung, bei MM im Zimmer brennt noch Licht. Ich schließe die Wohnungstür auf, wo MM den Schlüssel hat stecken lassen, den ich zum Glück herausdrücken kann. Kaum in der Eingangshalle, geht sie auf mich los und versetzt mir eine Ohrfeige. Zum Glück halte ich mich im Zaum, sonst wäre das ausgeartet, besonders bei diesem schwülen Wetter. Ich bin hundemüde und denke mit Schrecken an die Uhrzeit, die mir nur noch drei Stunden Schlaf gönnt.

Rubrik: Sport, Fußball | 8. Juli 2018, 18:10 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Viertelfinale: Frankreich – Uruguay 2:0, Belgien – Brasilien 2:1, England – Schweden 2:0, Kroatien – Russland 2:2 n.V., 4:3 i.E.

Ich nutze die familienfreien Tage zu intensiver Meinungsforschung. Begünstigt durch zwei Feiertage im Land kann ich mich gefahrlos an die Brennpunkte wagen, tagsüber in den Biergarten, abends bzw. spätabends in die Kneipen. So erfahre ich, dass Silwia ihrem Landsmann Luka Modrić nicht einmal ein Getränk geben würde, tauchte er hier auf. Zu verbittert ist noch die Stimmung wegen der Vorgänge und Aussagen um einen Fußball-Transfer-Mafioso in Kroatien. Immerhin Kramarić hat sich einem Vertrag mit diesem versagt, deshalb ist er auch nur über Umwegen im Spielerparadies Hoffenheim gelandet, wo man sich aber so richtig mal auf die Hauptsache im Leben eines Fußballprofis konzentrieren kann. Das wendet wiederum Keith ein, der gerade von einem Konzert der Rolling Stones kommt. Unglaublich, als ich jung war, waren die Stones schon alt. Jetzt werde ich langsam, aber sicher alt und die Stones sind wieder jung. Es muss sich dabei um ein Zeitparadoxon handeln.

Wird England Wald-, ähm, Weltmeister? Dazu gibt es geteilte Meinungen, Tatsache aber ist, dass der Weg ins Finale frei zu sein scheint. Fußballromantiker wünschen sich ein Endspiel Belgien gegen Kroatien oder Uruguay gegen, eigentlich wieder Kroatien, Schweden und Russland stehen in der Beliebtheitsskala relativ weit unten. Schweden ist fußballerisch einfach zu limitiert – sie haben ja sogar gegen Deutschland verloren, das hat in diesem Jahr sonst nur Saudi Arabien geschafft.

Was machen Löw und Bierhoff?

Ach ja, Deutschland, intensives Internetstudium ergibt ein wirklich drolliges Bild der Situation. Löw macht weiter, er hat wohl hart mit sich gerungen, doch 10.000 Euro Salär am Tag wirft man nicht so einfach weg. Man kann nun nicht mit Sicherheit feststellen, dass die Fußballnation erleichtert darüber wäre. Mittlerweile wissen alle, dass Trainer Löw denselben Berater wie die Spieler Özil und Gündogan sowie der Stuttgarter Trainer Korkuth hat. Mögliche Interessenkonflikte  bei der Spielerwahl und Aufstellung scheinen jedoch beim DFB keinen Anstoß zu erregen.

Seitens der Spieler gibt es auch nichts Neues, alle sind wohl weg im Urlaub, keiner ist zurückgetreten, nicht einmal Gomez aus Altersgründen. Es scheint wirklich lukrativ zu sein, bei der Nationalmannschaft mitzumachen. Bierhoff hat da wohl marketingtechnisch einiges auf die Beine gestellt, früher war das Mitmachen bei der Nationalmannschaft ja noch eine Ehrensache, die mit einem Trinkgeld entlohnt wurde. Nun, Bierhoff hat etwas über Özil gesagt, das dann teilweise wieder zurückgenommen, was natürlich nicht geht, zumindest aber hat er angedeutet, dass man – natürlich im Nachhinein gesehen – hätte darüber diskutieren sollen, im Vorhinein aus sportlichen Gründen auf den Spieler zu verzichten. Danach hat sich Bierhoff wieder entschuldigt und alles war doch ganz anders gemeint. Vieles deutet darauf hin, dass Özil zum Rücktritt getrieben werden soll, doch der schweigt weiterhin eisern und lässt seinen Vater sprechen, der dem Sohn, den er angeblich nur noch sporadisch spricht, Gekränktsein im kritischen Stadium attestiert. Nun ja, wie dem allem auch sei, zum Glück gibt es in Deutschland noch Horst Seehofer und den amateurhaften Versuch, Merkel zu stürzen, das lenkt von all den Peinlichkeiten um den deutschen Fußball ab. Und was macht Löw? Er geht in Klausur und verordnet sich bis August öffentliches Auftrittsverbot. Na dann schönen Urlaub und ertragreiche konzeptionelle Arbeit!

Ohne Cavani chancenlos

Sie sehen, bei meinen Recherchen über die Fußballstimmung habe ich keine Mühen gescheut und bin dorthin gegangen, wo es weh tut, so dass ich Viertelfinaltag 1 komplett zu Hause verbringe und gegen Sodbrennen ankämpfe. Während Frankreich gegen das Cavani-lose Uruguay gar nicht so viel Mühe hat, knattern draußen ununterbrochen schwere Maschinen vorbei, Harley-Treffen in Prag. Uruguay vergibt seine einzige echte Torchance kurz vor Pausenpfiff, Lloris hält glänzend einen Kopfball von Godin (?) oder einem anderen Abwehrrecken oder vielleicht doch Mittelfeldspieler, ist jedenfalls egal, denn ein Stürmer war es jedenfalls nicht, der hätte im Nachsetzen das Verhältnis von Rundem und Eckigem ins rechte Lot gesetzt. Ich schreibe Mittelfeld, doch laut Analyse eines meiner Kunden spielt Uruguay ja eigentlich ohne Mittelfeld. Ich kann das nur bestätigen, Uruguay überbrückt das Mittelfeld recht schnell und versucht schnell in die Spitze zu spielen. Leider fehlt, wie bereits geschrieben, Cavani und außerdem macht der uruguayische Torwart einen echten Karius, so taufe ich jetzt die Fliegenfängerei, wenn man sich einen Weitschuss bei freier Sicht, der auch noch auf den Torwart in optimaler Höhe angesegelt kommt, ins eigene Netz legt. Bevor die Gauchos vom linken Ufer des Rio de la Plata ganz die Segeln streichen, hinterlassen sie noch ein paar nachdrückliche Eindrücke auf den Schienbeinen ihrer Gegenspieler und dann ist es geschafft.

BeBra Zweieins

Nach dem ersten Viertelfinalspieltag ist Europa unter sich. Im mit Abstand besten Spiel der Weh Emm schlägt Belgien Brasilien, also kurz gesagt BeBra Zweieins. Nicht nur brutal, wie Be gegen Bra kontert, das geht schneller, als ich diesen Satz schreiben kann, sondern auch, wie gut es Be gelingt, Ney von Bra aus dem Spiel zu nehmen, so dass von dem Star nicht einmal das -mar übrig bleibt. Wenn man das Spiel wie Trainer Löw (der von englischen Zungen „lou“ ausgesprochen wird) verpasst hat, sollte man es sich unbedingt nachträglich ansehen, deshalb verzichte ich auf weitere Zeilen und begebe mich auf die Straße, wo ich erstaunlich viele Motorradfahrer zu Fuß treffe, sie kommen vom alten Messegelände und ziehen weiter. Ich habe das Gefühl, dass es eine Altersbeschränkung für den Erwerb einer Harley Davidson Maschine geben muss, unter 45 geht da sicherlich nichts. Nun, mein Sodbrennen hat sich immerhin soweit beruhigt, dass ich den Magensaft in einem vietnamesischen Restaurant mit Nudeln und Gemüse anreichern kann. Das anschließende Bier schmeckt nicht und ich verzichte auf eine weitere Fußballanalyse.

Wieder Anpfiff auf der Autobahn

 

Am folgenden Tag spielt England und ich erlebe den Anpfiff mal wieder auf der Autobahn zwischen Pilsen und Prag. Ich komme aber noch rechtzeitig in Freds Bar, bevor das Einsnull fällt. Im gesamten Turnier habe ich ja noch kein richtiges Spiel der Engländer gesehen, im Duell mit Tunesien reichte es nur für die letzten Minuten und dem entscheidenden Tor von Kane, gegen Panama habe ich nach einer Stunde etwas anderes unternommen, weil die Sache zu einseitig war – schaut man denn einer Schnecke in einem Wettrennen mit einem Hasen zu? - das allerletzte Gruppenspiel Belgien B gegen England B habe ich mir erspart, den größten Teil des Spiels gegen Kolumbien verbrachte ich auf besagter Autobahn, für mich hat Kolumbien das Spiel mit Einsnull gewonnen, keine Ahnung, warum man danach noch Elfer ballern musste.

Keine Schweden da

Nun, Freds Bar ist ziemlich enttäuschend, Fred, der alte Schwede, wohl auf dem Weg in die Heimat und die anderen Schweden lassen sich nicht blicken. Bleibt nur, dem Häuflein Engländer beim Jubeln zuzusehen. Schweden kann den Gegner in keiner Phase des Spiels richtig fordern und tut ihm am Ende nicht einmal weh, England gewinnt nach zwei Kopfballtoren, Kane trifft diesmal nicht und zwei Jahre nach dem Brexit darf England wieder von der Weltherrschaft träumen.

Die Lebensgefährtin MM, die ich ja eigens mitsamt Kind wieder nach Prag befördert habe, taucht während des Spiels kurz auf und testet meine Fähigkeit im Lippenlesen. In Worten besagt es, dass ich nach dem Spiel gefälligst an einem anderen Ort zu erscheinen habe, um mich um das Kind zu kümmern. Letzteres ist mir ein Vergnügen, wir gehen auf den Spielplatz und überbrücken die Zeit bis zum Kroatien-Russland-Knaller.

Während des Spiels knallt es dann aber ganz gewaltig, sowohl auf als auch neben dem Platz. In kürzester Zeit ziehen sich alle Tischnachbarn zurück, Zoe plärrt auch. Zum Spiel ist eigentlich nicht viel zu sagen, Russland spielt die Außenseitertaktik aus dem Spanien-Spiel und hat sogar vorübergehend Erfolg. Schöner Fernschuss, alle Achtung. Doch nur ein paar Minuten später gleicht Kramarić, der Mafia-Resistente, aus. Vor Freude für die Co-Heimat bepisst sich das Kind, leider durch die schlecht sitzende Windel, welche die Lebensgefährtin gerade frisch angelegt hat, auf mein Hemd. Zum Glück ist Babyurin meist vollkommen geruchslos, doch irgendwie ist bei mir damit die Laune dahin. Ich bezichtige MM, sie mich und den Rest kann man sich vorstellen, das Kind schreit dazwischen, die Leute am Tisch rücken ab und das Ende vom Lied ist, dass wir nach Hause gehen – getrennt, also ich mit Kind auf dem Arm und Kinderwagen, sie mit Umwegen.

Verlängerung zu Hause

Nun, bis ich das Kind beruhigt, gefüttert und ins Bett gebracht habe, bricht die Verlängerung an, bei der die hochgedopte Russen- und Russländer-Truppe keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt und sogar nach einem Gegentor nochmals zurückkommt. Zweimal hintereinander hat meines Wissens noch kein Team ein Elfmeterschießen gewonnen, also müsste Russland diesmal ausscheiden. Tut es dann auch, Kroatien ist im Halbfinale, Gott sei Dank, denke ich. Das wäre einfach zu viel Machtdemonstration von Putin geworden, wenn er sich den hochkorrupten Fußballverband auch noch gekauft hätte. Mit dem Viertelfinale ist der Gastgeber im Soll, im Elfmeterschießen ausscheiden ist ehrenhaft, auf dem Feld ungeschlagen, könnte man sagen (Abgesehen von dem deprimierenden 0:3 gegen Uruguay). Und Kroatien? Das erste Team, das zwei Mal hintereinander im Elfmeterschießen gewinnt, das sind ja beinahe Verhältnisse wie Portugal bei der Eh Emm 2016. Und die haben gewonnen, außerdem ist aus der Weh Emm nun auch eine Eh Emm geworden, mal sehen, wer am Ende die Nase vorn hat, Fritten, Baguette, Fish'n'Chips oder Ćevapćići.

Rubrik: Sport, Fußball | 5. Juli 2018, 10:59 Uhr
Achtelfinale 3+4: Brasilien – Mexiko 2:0. Belgien – Japan 3:2; Schweden – Schweiz 1:0, England – Kolumbien 1:1 n.V. 4:3 i.E.

Der Nachmittag ist da, ich habe frei und Brasilien spielt. Ich gehe zunächst nach Hause zum Kleiderwechseln. Noch ehe ich mich entschieden habe, wo ich das Spiel sehen möchte, schlüpft meine Lebensgefährtin MM aus dem Haus und ich bin alleine mit dem Kind. Also denn, auf ein Neues. Zunächst spielt das Kind noch mit seinen Spielsachen, ich vermerke, dass es eigentlich eine gute Idee wäre, den Nationalspielern das Mitsingen der Nationalhymne zu verbieten, dermaßen schauderhaft klingen die Darbietungen der beiden lateinamerikanischen Amateurchöre. Zum Glück verzichtet Brasilien auf die a capella Wiederholung wie im legendären Halbfinale 2014.

Das Spiel läuft erwartbar, Mexiko beherzt und mit viel Mut, doch wenig Genauigkeit im Abschluss, wenn es denn so weit kommt. Brasilien etwas überlegter und mit Neymar, der aber wirklich auch häufig gefoult wird. Das muss man zugeben, wohingegen seine Schauspielkunst jeder Beschreibung spottet. So würde er nicht mal eine Rolle im Kinderprogramm des Berlusconi-Fernsehen bekommen, zu unglaubwürdig, zu übertrieben.

Spielunterbrechung

Das Kind kommt zu Papa und hält mir einen langen emotionalen Vortrag. Ich interpretiere daraus Neugier am Geschehen in dem fernen Russenland, es könnte aber auch ein Vorwurf an mich gewesen sein, ihr endlich die Abseitsregel hinreichend zu erklären. Das Kind spricht ja noch alle Sprachen und die gleichzeitig, so ist es nicht immer klar, was es denn möchte. Ich nehme es auf jeden Fall hoch auf den Schoß, von dort klettert es auf den Tisch und räumt mal so richtig auf. Das ist mir lieber als seine Experimente mit Computertasten. Ich muss nur aufpassen, dass es die Teetasse nicht umkippt oder selbst vom Tisch fällt. An dem Tee findet es aber erstaunlicherweise Gefallen, es steckt immer wieder die Fingerchen hinein und schleckt sie dann ab. Ich fülle etwas davon in seine Trinkflasche und es trinkt den grünen Tee – ungesüßt - mit Genuss. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut ist, denn auch grüner Tee enthält Tein – und das Kind scheint mir etwas später ein wenig aufgedrehter als sonst. Ich habe allergrößte Mühe, es von der Tastatur fernzuhalten, dafür opfere ich dann mein Smartphone und greife nur ein, wenn es jemanden anzurufen droht.

Egal, wie aufmerksam ich bin, es macht sich blitzschnell über die Tastatur her und in Null Komma Nichts muss das Spiel in Samara in der 32. Minute abgebrochen werden. Etwas indigniert versuche ich das Kind ins Bett zu legen und das Geschehen wieder in Gang zu setzen. Doch bis zum Anpfiff der zweiten Hälfte bleibt ein schwarzes Loch. Natürlich schläft das Kind nicht ein, warum sollte es auch, ich muss es wieder ins Spielzimmer nehmen, was eigentlich die ganze Wohnung mit Ausnahme der Toilette ist. Das Spiel geht dann einfach mit der zweiten Hälfte beim Stand von 0:0 weiter.

Gleiche Höhe und Vertikalpass

Ich versuche also nochmals, dem Kind die Abseitsregel beizubringen, doch mit dem Konzept „gleiche Höhe“ hat es sichtlich noch Schwierigkeiten und zeigt mit der Hand über seinen Kopf. Ich verschiebe dann auch die weitere Taktikschulung auf später, ich glaube nämlich nicht, dass es wirklich versteht, was ein „Vertikalpass“ ist. Tja, der Klinsmann, der hat ja nicht nur das Gesicht der Nationalmannschaft umgekrempelt, sondern gleich auch die Fußballsprache reformiert. Ein Vertikalpass ist demnach keineswegs eine Kerze, sondern das, was man früher so ungenau als „Steilpass“, später dann als „Pass in die Tiefe“ bezeichnet hat. Dann kam auch noch Jürgen Klopp hinzu, der hat das „Gegenpressing“ erfunden, wobei man wissen muss, dass das Konzept „Pressing“, anfangs noch in der englischen Schreibweise mit kleinem „p“ geschrieben, von Ernst Happel stammt, der das mit dem damals legendären HSV hat spielen lassen, der 1983 den Europapokal der Landesmeister gewonnen hat. Wirklich, so hieß früher mal die Champions League und daran durften nur die Landesmeister sowie der Titelverteidiger teilnehmen, dafür aber auch aus allen UEFA-Ländern. Nach Happel löste „Pressing“ das zuvor benutzte „Forchecking“ bzw. das deutsche „den Gegner früh angreifen und unter Druck setzen“ ab. Klopp hat dieses Konzept übernommen und auf Außenseitermannschaften angewendet, das heißt also, dass aus den systematischen Ballverlusten im eigenen Angriffsspiel eine Stärke gemacht wird, indem man den Gegner wieder „presst“. Einst sagte man dazu plump „nachsetzen“, aber damals gab es noch keine falschen Neunen mit Trikotnummern 27 oder 17, sondern nur richtige Neunen mit der Nummer Neun auf dem Rücken.

Neymar auch mal produktiv

Der Kopf des Kindes kippt bei meinem Vortrag immer mehr zur Seite, ich kann es jetzt ins Bett legen und das Führungstor von Neymar analysieren, vier Gegenspieler auf sich gezogen, den freien Mitspieler, der außen durchläuft, klug mitgenommen, selbst in einem kleinen Bogen vor das Tor gesprintet, wo der Ball dann auch prompt hinkommt, Fuß hingehalten, 1:0. Damit ist die Sache so gut wie gelaufen, Neymar stirbt auf dem Platz noch ein paar Tode – sterbender Schwan nannte man das einst -, bereitet die endgültige Entscheidung vor und Mexiko scheidet wie gewöhnlich im Achtelfinale aus.

Abends spielt Belgien. Bei dem schönen Wetter kann ich es einfach nicht übers Herz bringen, das Kind die ganze Zeit zu Hause zu lassen. Die Vorbereitungen von MM dauern, ich schaue schon mal den Beginn des Spiels an, in dem Belgien überraschend Japan nicht überrennt und an die Wand spielt, sondern auf einen ebenbürtigen Gegner trifft. So um die 20. Minute sind wir abmarschbereit und es geht in den Park. Ich wähle die Route so aus, dass wir pünktlich zum Anpfiff der zweiten Hälfte im Park mit dem Sandkasten, dem Grill und dem Bierausschank und vor allem mit der Leinwand ankommen. Wir finden einen Platz, allerdings weit vom Sandkasten entfernt. Ich stelle mich für zwei Bier an, da schießt ein Japaner das 1:0. Ich sitze noch nicht richtig, da schießt ein anderer Japaner das 2:0. Das Pärchen am Tisch feiert das mit echten Fritten, es stellt sich aber heraus, dass es sich keineswegs um Belgier handelt, sie kommen beide aus Wien.

Belgien vor dem Abgrund

Das Kind unterhält uns ebenso wie der Fußball, klettert auf den Tisch und möchte den Tischnachbarn die Zigaretten stibitzen, ich lasse das aber nicht zu. Wir kommen ins Gespräch, während Belgien geschockt wirkt und Japan Anstalten macht, nachzulegen. Der Wiener ist eigentlich Russe und bestätigt meine Vermutung, dass die russischen Spieler wahrscheinlich gedopt sind. Doch bevor wir dieses Thema vertiefen können – MM ist aufgestanden und hat mir wieder das Hüten des Kindes überlassen – macht Vertoengen (Schreibweise richtig?) mit einer unmöglichen Kopfballbogenlampe in den hinteren Winkel aus schier kosmischer Entfernung den Anschlusstreffer. Oha, jetzt ist aber was los und ich brauche dringend ein weiteres Bier. Belgien drängt auf den Ausgleich und der fällt auch, wieder ein Kopfball, diesmal etwas konventioneller nach einer Flanke, Fellaini ist zur Stelle, da ist er dahin, der überraschende japanische Vorsprung. Am Ende kontert Belgien den Außenseiter noch klassisch aus und macht mit der quasi letzten Aktion das Viertelfinale gegen Brasilien klar. Wir gehen anschließend nach Hause, d.h. das Kind und ich, denn MM muss noch irgendwohin weiterziehen.

Auf nach Westböhmen

Nächster Tag, es steht eine Autofahrt in die westböhmischen Weiten auf dem Programm, Ziel ist ein Kaff im Böhmerwald, wo ich Frau und Kind für ein paar Tage lassen kann. Die Ausschilderung dort ist vorbildlich, nach einer halben Stunde Suchens und Fragens fahre ich über eine Brücke, eine mittelalte Frau schaut mich böse an. Mir ist das egal, Hauptsache ich komme wieder auf eine Straße, ah, da kommen die Autos her, von rechts, über eine andere Brücke. Nun gut, ich werde sicher nicht den gleichen Weg zurück nehmen. Das Kind soll mal ein wenig Natur erleben und auch Kühe zu Gesicht bekommen. Nur leider scheint es keine zu geben, denn ich sehe kein einziges Exemplar, obwohl wir so auf dem Land sind, wie es platter nicht mehr geht, trotz der Hügel. Eine halbe Stunde später, das Kind ist bereits seit einer halben Stunde ungeduldig und verlangt nach der baldigen Ankunft, haben wir in dem Dorf dann auch den Bestimmungsort gefunden, eine umgebaute Mühle, die jetzt der gepflegten Stadtflucht mit Möglichkeit zu kreativer Betätigung dient. Ich fahre schnell weiter, ehe das Kind so richtig merkt, dass der Papa weg ist und begebe mich nach Deutschland, ist ja nur einen Steinwurf entfernt. Ich bin neugierig auf die dortige Presse.

Zwei Stunden später komme ich in Furth im Wald an. Die hervorragende Ausschilderung in Tschechien lässt mich so manches Rätsel lösen, wie denn der richtige Weg nach Deutschland einzuschlagen ist. Ich habe ganz vergessen, dass hier der letzte Ort vor der Grenze das Ende der bekannten Welt bedeutet und dass es keine Rolle spielt, was dahinter liegt, man weiß es nicht und will es auch nicht wissen.

Bayerischer Wald ohne Spiegel

Furth im Wald bietet mit kein einziges vertrauenswürdiges Geschäft, nach etwaigem „cruisen“, wie das auf Neudeutsch heißt, fahre ich weiter nach Cham. Dort gibt es so ein Gewerbegebiet und ich steuere einen Supermarkt an, der auch die einschlägige Presse verkauft. Da ist ja schon der Spiegel, freue ich mich kurz vor der Kasse. Ich nehme ein Heft, sehe jedoch ein anderes Titelcover als jenes im Internet angepriesene. Die Titelgeschichte ist Italien – wieso jetzt Italien, die sind doch bei der Weh Emm gar nicht dabei und haben ihre Regierungskrise hinter sich, wenn man das überhaupt so sagen kann, denn so weit ich zurückdenken kann, ist Italien eine permanente Regierungskrise. Das Heft ist vom 2.6., hm, ich werde stutzig, wir haben doch bereits Juli, oder? Ich schaue auf dem Smartphone nach, stimmt, es ist bereits Juli. Obwohl immerhin das Jahr stimmt, lasse ich das Heft liegen und begebe mich in einen größeren Supermarkt mit einer noch größeren Zeitschriftenabteilung. Erfolglos, es gibt auch keine überregionalen Tageszeitungen, nur den Chamer Anzeiger. Wenigstens nutze ich die Gelegenheit, mich mit ein paar Sonderangeboten einzudecken, der Supermarktsprecher ist immerhin so nett, ein Tor im Spiel zwischen Schweden und der Schweiz zu vermelden, Emil (der heißt doch so, oder?) Forsberg (das ist immerhin richtig) hat ein Tor geschossen, doch so richtig sein Tor war es auch wieder nicht, denn ein Schweizer, der auf den Namen „Akanji“ hört, hat den Fuß in den harmlosen Schuss gehalten und ihn für Torwart Sommer unhaltbar abgefälscht. Das ist wirklich sehr zuvorkommend vom Supermarktsprecher, den interessierten Fan auf dem Laufenden zu halten.

Preisnachlässe für Fanatikel

Ich lasse alle Fanartikel der deutschen Mannschaft links liegen, inklusive die Bierdosen in Schwarz-Rot-Gold und die preisreduzierten Trikots. Als ich den Supermarkt verlasse, ist die 80. Minute angebrochen, es steht immer noch 1:0. Beim Bezahlen fragt mich die Kassiererin mit hoffnungsvollem Gesicht, ob ich nicht einen Fußballer haben möchte, gratis. Ich antworte, warum nicht, der Mann hinter mir in der Schlange sagt, „hoffentlich ist es nicht der Özil“, worauf ich politisch korrekt antworte, sie haben alle schlecht gespielt. Die Weh Emm geht ja weiter, nur spielen und gewinnen eben jetzt andere. Das wird mir von der Kassiererin bestätigt.

Ich versuch es noch in Cham-Innenstadt und investiere 50 Eurocents in eine Parkuhr und bekomme eine halbe Stunde gratis hinzu. Das war die Fehlinvestition meines Lebens, ich gestehe es. Ich laufe ein wenig durch die Innenstadt, kann natürlich keinen Zeitschriftenladen finden, und fahre lange vor der bezahlten Parkzeit zurück nach Prag, unbehelligt über die Grenze, die auf deutscher Seite von einem riesigen Gebrauchtwagendepot und auf tschechischer Seite von einschlägigen Etablissements der Vergnügungsindustrie geprägt ist.

Der Weg über Land nach Pilsen zieht sich und zieht sich, ich verfluche die Straßen, die Lastwagen, die Verkehrskreiselwut an einigen Stellen – ist ja schlimmer als in Frankreich, dem Land des Verkehrskreisels schlechthhin, dann die langgezogenen Straßendörfer, die einen in regelmäßigen Abständen ausbremsen. Der Zeiger rückt voran, immer noch keine Autobahn in Sicht und gleich ist Anstoß. Mit dem Anpfiff stoße ich endlich auf die Autobahn – vor oder nach dem Tunnel bei Pilsen? - wette ich mit mir selbst. Vor dem Tunnel, doch danach geht es zügig Richtung Prag, wenn da nicht die Lastwagen wären, die sich im Schneckentempo überholen. Meine volle Wut bekommt ein bulgarischer Transporter ab, der sich vor mich auf die Überholspur setzt und nicht vom Fleck kommt. Drei Gestalten quetschen sich auf der Sitzbank hinter der Windschutzscheibe. Ich hasse Autofahren, das ist doch die langweiligste Tätigkeit der Welt, das ist voll öde, vor allem, wenn man kein Radio und keinen Gesprächspartner hat. Meine leichte permanente Geschwindigkeitsübertretung bleibt glücklicherweise ungesühnt, mit Anpfiff der zweiten Hälfte bin ich im Dunstkreis von Prag. Vor dem Haus finde ich gleich einen Parkplatz, ich räume noch schnell die Lebensmittel in den Kühlschrank und eile in Freds Bar. Der steht davor und macht ein bedauerndes Gesicht. Ich sage, ich weiß nichts, er meint aber, dass das Wasser in seiner Kneipe nicht funktioniert und ich woanders hin muss. Ob Schweden nun weitergekommen ist, kann ich von seinem Gesicht nicht ablesen, eile dann in eine andere Kneipe, wo ich einen englischen Bekannten entdecke. England führt mit 1:0, ich gehe aber weiter, denn in dem Restaurant riecht es mir zu sehr nach Fish and Chips. In der Punk-Kneipe ist es besser, ich trinke durstig mein Bier, dann noch eins. Plötzlich hält der Linienrichter eine Tafel mit der Zahl fünf hoch. Ich protestiere, ich will Verlängerung, habe doch kaum etwas vom Spiel gesehen und brauche mehr. Ein Kolumbianer tut mir tatsächlich den Gefallen und köpft den Ausgleich. In den letzten drei Minuten macht niemand mehr Unsinn und ich bekomme meinen Zuschlag.

Verlängerung und Elfmeterschießen

Während der Verlängerung sinniere ich darüber, warum die Weh Emm viel besser als die Eh Emm ist. Das liegt an den Südamerikanern, die gehen auch mal ins Eins-zu-Eins, wenn Europäer abspielen würden (früher nannte man das dribbeln, einen Gegner vernaschen, auf einem Bierdeckel ausspielen). In der deutschen Nationalmannschaft sieht man das ja fast gar nicht mehr, die Kolumbianer machen das, auch wenn es nicht sehr effektiv ist, aus reiner Freude am Vernaschen. Nun, die Verlängerung bringt nicht wirklich Aufregendes, zunächst sind eher die Kolumbianer am Drücker, dann die Engländer, ohne jedoch echte Chancen herauszuspielen. So geht es dann ins Elfmeterschießen, bei dem sich die vielen Stunden Training und psychologische Betrauung der englischen Spieler bezahlt machen. Die Mannschaft lässt sich auch von einem Fehlschuss nicht aus der Bahn werfen und hat Glück, dass der Kolumbianer anschließend den Ball unter die Latte hämmert, von wo der Ball wieder herausspringt, ähnlich wie Trezeguet im Finale der Weh Emm 2006, dem deutschen Sommermärchen. England gewinnt sein erstes Elfmeterschießen bei einem Turnier und hat plötzlich den Weg nach Moskau ins Finale offen, es geht gegen Schweden und den Sieger von Kroatien – Russland, durchaus machbare Aufgaben.

Zuhause packe ich mal meinen geschenkten Fußballer aus. Nein, der Özil ist es nicht geworden, sondern eine Tipp-Kick-Figur (Mann, ist das retro, voll achtziger) mit dem Trikot von Panama. Mal sehen, ob das Kind damit was anfangen kann.

Rubrik: Sport, Fußball | 2. Juli 2018, 18:02 Uhr
Russland – Spanien 1:1 n.V., 4:3 i.E., Kroatien – Dänemark 1:1 n.V., 3:2 i.E.

Der Tag nach dem großen Krach brachte einfach mal Ruhe, nahezu Grabesstille. Tatsächlich entziehe ich dem Kind aus pädagogischen Gründen seine Dosis Internet-Fußball und begebe mich -  es ist ja Sonntag und daher theoretisch arbeitsfrei – in Freds Bar, den Austragungsort so vieler Dramen in den Jahren 2006, 2008, 2010, 2014 und auch noch ein bisschen 2016. Sie merken, die Eh Emms sind mit eingerechnet und dieser zweite Achtelfinalspieltag fühlt sich auch wie eine solche an, wie zwei typische Spiele der aufgeblähten Eh Emm 2016, die erst am Ende interessant wurden. Doch zuvor steht stundenlanges Arbeiten gegen den Ball auf dem Programm. Und Spaniens Kurzpassfolter. Wie die Hühner sitzen wir vor der Bar auf der Stange und starren auf den Bildschirm. Es ist Sonntagnachmittag, das Wetter heiter bis wolkig und die witzigen Bemerkungen waren auch schon mal spritziger. Sergio Ramos zwingt seinen Gegenspieler in einer Ringereinlage nach einem Eckball zu einem Eigentor, damit ist die gesamte Offensivpower der Spanier aufgebraucht. In seinem letzten Spiel für die Nationalmannschaft muss Andres Iniesta nicht von Anfang an Ball zirkulieren lassen, er kommt erst später.

Iniestas letztes Länderspiel

Spaniens Führung hat nicht lange Bestand, denn Piqué springt mit hochgerecktem Arm in einen an sich harmlosen Kopfball. Absicht oder nicht spielt keine Rolle, Schiedsrichter Kuipers – das war doch der, der Neymar einen Elfmeter zurückgepfiffen hat? - glaubt auch den Beteuerungen nicht, dass der Ball am Hinterkopf gelandet sei, Elfer, Anlauf, Torwart verladen, Ausgleich. Das Programm für die folgenden ca. anderthalb Stunden Spielzeit lautet, Spanien versucht durch die Kurzpassfolter den Gegner müde zu spielen, doch der wird einfach nicht müde, denn er ist ja staatlich verordnet gedopt. Das ist quasi ein offenes Geheimnis bei dieser Weh Emm, Russland in einer leichten Vorrundengruppe und dann mit sicheren Elfmeterschützen. Auf der Ehrentribüne lässt sich Putin gar nicht blicken, hat das etwas zu bedeuten? Einer der Anwesenden in Freds Bar – ein Schwede – entdeckt stattdessen Medwedews Frau, ich hätte sie ehrlich gesagt nicht erkannt. Medwedew ist der, der Putin ersetzt, wenn der eine Amtszeit aussetzen muss. Ich verstehe ja nicht, warum sie dann nicht einfach die Verfassung ändern, so wie Erdögan, der vor exakt einer Woche wiedergewählt wurde. Sogar sein genialer Schachzug, die deutsche Nationalmannschaft zu spalten, ist mit dem Pflichttermin für Özil und Gündogan aufgegangen. Warum ist also Putin nicht im Stadion? Oder wartet er einfach nur den Verlauf des Geschehens ab und zeigt sich erst, wenn Russland tatsächlich Spanien besiegt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sein säuerliches Gesicht nach einer Niederlage in Großaufnahme um die Fernsehwelt senden möchte.

Irgendwann kommt Iniesta, irgendwann geht Diego Costa, der einzige, dem man noch einen erfolgreichen Torabschluss zugetraut hätte, und ich gehe auch, nach dem Ablauf der regulären Spielzeit. Spanien wirkt ähnlich inspiriert wie Deutschland, nur etwas ballsicherer und hetzt nicht ständig gen Eckfahne, wie der Kimmich, der von dort keine Lösung weiß, wenn er das Verbot hoher Flanken beachtet. Man kann es bei dieser Weh Emm gut erkennen, der Ballbesitzfußball, der wie eine Boa Constrictor den Gegner allmählich erdrückt, ist tot, der Lehrmeister Spanien raus, der Zauberlehrling Löws Truppe ebenfalls. Und mit Andres Iniesta, dem spanischen Götze irgendwie, gaht nun auch der letzte Protagonist. Ab sofort darf wieder gesprintet und gekontert werden. (Heute nennt man das ja „Umschaltspiel“)

Ich packe mein Kind in den Kinderwagen und fahre es in den Park. Dort komme ich gerade zu einem kinderfreundlichen Public Viewing Platz (Sandkasten, Bier, Grill), wo ich das Vorrundenspiel zwischen Iran und Spanien (glaube ich jetzt mal) gesehen habe. Die letzte Minute der Verlängerung läuft, es steht immer noch 1:1, das Spiel sieht immer noch so aus wie eine Stunde zuvor. Ich schaue mir also das Elfmeterschießen an und nehme das Kind auf den Arm, damit es besser sehen kann. Russland verwandelt sogar die Elfmeter, die wahnsinnige schlecht geschossen sind (kniehoch in die Mitte), Spanien scheitert zwei Mal, das bedeutet das Aus, einen Tag nach Portugals Scheitern ist die iberische Halbinsel gänzlich von der WM-Karte verschwunden. Und Russland wartet auf den Sieger zwischen Kroatien und Dänemark.

Gewagte Kletterkünste

Das Kind wird an diesem Vorabend endgültig Opfer seiner Kletterleidenschaft und fällt aus dem Kinderwagen auf den Bürgersteig, als es bei voller Fahrt versucht, auszusteigen. Ich muss es dann auf den Arm nehmen, zum Glück sind solche Stürze aus niedriger Höhe bei Kleinkindern harmlos, das Schreien entspringt auch mehr dem Schock als dem Schmerz und hört bald wieder auf. Die Lebensgefährtin MM macht mich deshalb mächtig an, als ich ihr davon erzähle. Ich nehme das zum Anlass, mich für das zweite Spiel in die Punk-Kneipe abzusetzen. Dabei werde ich beinahe von einem Auto angefahren, das regelwidrig links abbiegt, während ich bei meiner Grünphase über die Ampel gehe. Ich schreie die Fahrerin – ein ostasiatisches Gesicht, ein Nummernschild vom Mittelböhmischen Kreis – gehörig an, denn falsches Linksabbiegen unternimmt man nun nicht gerade in Schrittgeschwindigkeit. Ordentlich unter Adrenalin bekomme ich die beiden Tore in den ersten vier Minuten nur halb mit. Danach verflacht das Spiel, ich halte es nicht bis zum Ende aus und gehe vor dem Schlusspfiff. Es ist eben wieder eines dieser Eh Emm-Spiele bei der Weh Emm, viel Taktik, viel Laufbereitschaft, wenige Torchancen, danach steht mir nun nicht gerade der Sinn.

Unwissend ins Bett

Ich wiederhole alles Versäumte am nächsten Morgen, an dem mich die Tochter wie gewohnt um sieben Uhr sanft weckt und von mir wissen möchte, was denn aus der Co-Heimat in diesem Turnier geworden ist. Nach Windelwechsel und Flaschegeben informiere ich mich auch mal. Es ist gut gegangen, Kroatien hat es im Elfmeterschießen geschafft. Dabei hätte es dessen gar nicht bedürft, wenn Modrić in der 116. Minute vom Punkt getroffen hätte. Der Rebić, der ja schon im deutschen Pokalfinale den Hummels hat ziemlich alt aussehen lassen – das hätte der Löw doch sehen müssen, wie langsam und ausgelaugt der Hummels da hinter dem Rebić hergehechelt ist, wo war denn da der Bundes-Jogi? Und was macht der denn eigentlich jetzt? Ich wurde ja schon gefragt, ob der mittlerweile entlassen wurde, konnte darauf aber keine bestimmte Antwort geben. Also, der Rebić ist mal wieder den Abwehrspielern nach einem schönen Pass in die Tiefe (Modrić? Rakitić?) davongeeilt, umkurvte Schmeichel II. In der dänischen Torwartdynastie und wird gerade noch von einer dänischen Abwehrgrätsche am erfolgreichen Abschluss gehindert. Klarer Elfmeter und rote Karte, denke ich. Den Elfer gibt’s, den dann der Modrić verschießt, doch nicht den Platzverweis.

Neue Fußballregeln?

Verstehe ich nun nicht, hat Putin diese Regel etwa für seine Weh Emm ändern lassen? War das auch so eine seiner Bedingungen neben dem Übersehen des staatlich verordneten Dopings? Auf jeden Fall ist dieser, der schlimmste Tag des Achtelfinales, überstanden und im Viertelfinale treffen sich Kroatien und Russland. Eines dieser Teams wird tatsächlich ins Halbfinale einziehen, vielleicht eben Russland, das ist schon ziemlich verrückt, wenn man bedenkt, wie mies diese Truppe in den letzten Jahren gespielt hat. Und vor allem, wenn man weiß wie schlecht in der russischen Liga trainiert wird, Kevin Kuranyi kann ein Lied davon singen, denn nach seinem Moskau-Abenteuer, das sich sicherlich pekuniär gelohnt hat, hat er in seiner Hoffenheim-Abschiedssaison kein einziges Tor mehr fabriziert. Und jetzt laufen sie wie die Hasen auf Doppelduracel, schon merkwürdig.