
Prag - Wie klingt Weltflucht? Natürlich wissen wir alle, dass man aus der Welt nicht flüchten kann. Planet A ist unser. Und alles, was Menschen dort anstellen, ist die Welt. Planet B bildet sich aus allem, was Menschen denken und fühlen. Planet B ist das Weltall. Also ab ins All!
Aber wie? Mit Musik. Und zwar von Irena und Vojtĕch Havlovi. Das Ehepaar hat über vier Jahrzehnte hinweg den Sound für den Ausflug in den sanften Teil des Klanguniversums geliefert. „Musik im Gegenlauf der Zeit“, wie ein Kritiker schon in den 1990er Jahren schrieb. Fragt sich nur, ob das wirklich stimmt? Sind esoterische und meditative Klänge wirklich so fern der Welt? Zumal, wenn die Töne so gar nicht aus der Ferne des Alls schallen, sondern ihre Herkunft eindeutig zu bestimmen ist?

Experimenteller Folk, Minimalismus oder Teestubensound – welche Zuschreibungen man im Laufe der langen Zeit auch verteilte, immer wurde ihre sphärische Musik mit der Hand gemacht, sprich: auf guten alten Instrumenten erzeugt, zudem auch noch ohne ihre missbräuchliche Handhabung. Nur ein Klavier und das Cello reichten den beiden etwa, um 1992 die „Musik der Stille“ einzuspielen.
Das Ehepaar lernte sich Anfang der 1980er Jahre kennen. Das kommunistische Regime hatte für spirituelle Esoterik nichts am Hut, aber durch seine Überpräsenz im öffentlichen Raum hat es unfreiwillig dafür gesorgt, dass sich gerade viele junge Menschen in den abseitigen Rückzugsraum geflüchtet haben – war das eine Weltflucht oder im Gegenteil eine Flucht in die Welt?
Irena studierte Naturwissenschaften, Vojtĕch absolvierte die Musikhochschule. Beide zog es zur Musik, und zwar zu einer, die aus der allgegenwärtigen Gegenwart heraus führt… aber wohin? In die Gegenwart: spirituelle Musik zum unmittelbaren Erleben einer inneren Ruhe – und wäre diese Ruhe letztlich auch nur eine auf ihre Weise der Gegenwart abgetrotzte.
Irena und Vojtěch fanden sich in einer Musikgruppe wieder, die minimalistische Folkmusik auf Barockinstrumenten spielte. Als Aufführungsorte boten sich Kirchen und Klöster. Dann folgte die Revolution, die sich die „samtene“ nennen durfte, und neben all den neuen Herausforderungen der New Age-Bewegung einen ungekannten Freiraum bot.
1989 war ein Bruchpunkt zwischen einer erzwungenen Ruhigstellung und einer aufgenötigten Beschleunigung. Was tun? Entschleunigung, und am besten mit Musik. Meditation und Zen-Buddhismus erfuhren – um es zeitgemäß auszudrücken – einen Boom. Ebenso entstanden Teestuben, die einen Gegenpol zur Hektik da draußen zu boten. Schließlich breiteten sich die Teestuben der Kette Dobrá Čajovna im ganzen Land aus, ihre Filialen wurden zur Bühne der esoterisch angehauchten Musiker inklusive Kerzenlicht.

Nun konnten Irena und Vojtĕch ihre Musik auch endlich professionell einspielen. Eine CD folgte der nächsten. Auf ihren Reisen nach Indien ließen sie von hinduistischen Ragas inspirieren. Zu den Instrumenten kam bald Gesang, wie in der „Zärtlichkeit des Lichts“ von 1994. Auch das Instrumentarium fand seine Ausweitung auf Orgel und Gambe und so manches Mal kamen tibetische Klangschlüsseln oder das javanische Gamelan hinzu.
Bleibt die Frage, ob diese Musik sich wirklich dem Lauf der Zeit entgegenstellt? Ein Film aus der untergehenden Sowjet Union trug als Titel die Frage jener Zeit: „Müssen wir jetzt wirklich alles machen, was wir wollen?“ Wie viel Selbstbestimmung steht hinter der nachrevolutionären Entwicklung im Lande und lag nicht gerade in dieser erneuten Weltflucht die wahre Erfüllung der Revolution? Ist also die Musik von Irena und Vojtĕch Havlovi der echte Soundstrack zur Wendezeit?
Das Ehepaar hatte jedenfalls ein Rezept gefunden, sich über alle Zeitläufte hinweg treu zu bleiben. Aus dem Aufbruch zu den neuen Ufern wurde anderswo nicht selten Verdruss, während sich ihre Klänge erstaunlich gleich bleiben. Erstaunlich war ihr Erfolg bei den immer wieder jungen Leuten, und ebenso erstaunlich war ihr Einfluss auf die internationale Szene. Konzerte in ganz Europa folgten, preisgekrönte Filmmusik entstand, bis zu Experimenten mit Musikern aus der Elektroszene.

Zusammen mit dem Ambiente-Duo Kora et le Mechanix traten sie 2006 beim Alternativa Festival in Prag auf. Elektronik und Laptops standen neben Klangschalen und barocken Gamben auf der Bühne. Die Aufnahme wurde nun beim Prager Label Animalmusic als posthume Ehrung für das außergewöhnliche Ehepaar veröffentlicht.
Vojtĕch war 2024 unerwartet im Alter von 62 Jahren bei einem Herzinfarkt tödlich zusammengebrochen, Irena starb ebenso plötzlich im Oktober 2025. Ihre letzten Lebensjahrzehnte verbrachten sie auf dem Land. Doch noch ein Rückzug auf den Planeten B? Sie lebten bescheiden nur mit dem Nötigsten. In einer Filmdokumentation schaute Irena zurück: „Es brauchte etliche Jahre um zu verstehen, dass wir mit einer heiteren und gelassenen Seele auf die Erde gekommen sind. Jetzt bekümmern wir uns nicht mehr um alles, was in der Welt geschieht“, und Vojtĕch fügte hinzu: „Wir teilen nicht die üblichen Wünsche der Leute, sobald wir gemeinsam Musik machen, erleben wir die schönsten Momente – als würden wir der Welt entschwinden”.
Das symbiotische Musikerleben endete mit der letzten Einspielung bei Animalmusic aus dem Jahr 2024. “Vier Hände” bespielen Klavier und Orgel mit minimalistischen Etüden. “In Stille verschwinden”, soll Irena als Lebensziel einmal benannt haben. So ganz hat das nicht geklappt, wurde das letzte Album des Ehepaars Havlovi doch mit dem allseits hochgeachteten Preis der Tschechischen Musikakademie bedacht.
Alle Angaben zu den vorgestellten CDs:
Irena & Vojtěch Havlovi – Four Hands
Irena Havlová, Vojtěch Havel – Klavir, Orgel
ANI 126
Hörbeispiel unter: https://animalmusic.cz/album/irena-vojtech-havlovi-four-hands
Havlovi und Kora et le Mechanix - Excursin Animato
Irena Havlová – Gambe, Klavier, Gesang, tibetische Klangschalen
Vojtĕch Havel – Gambe, Cello, tibetische Klangschalen
Filip Homola – Synthesizer, Elektronik
Michal Kořán – Sampler, Laptop
ANI 143
Hörbeispiel unter: https://animalmusic.cz/album/irena-vojtech-havlovi-kora-et-le-mechanix-e...
Übersicht über alle CDs: https://havlovi.bandcamp.com/
Dort können alle früheren CDs nachgehört werden, auch die beiden obig vorgestellten:
Ticha – Music of Silence
Klavier, Cello, Kontrabass und Gesang, 1992
Nezne ke Svetlu – Tenderly to light
Klavier, Gambe, Cello, Gesang, 1994
Konzertmitschnitt 2022: https://www.youtube.com/watch?v=SW5d4WAlA_A


















