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22. Juni 2018, 16:38 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Dänemark – Australien 1:1, Frankreich – Peru 1:0, Argentinien – Kroatien 0:3

Gleich vorweg, natürlich konnte ich bei der normalerwerbstätigenunfreundlichen WM das erste Spiel nicht sehen. Dänemark nähert sich dem Achtelfinale, in das Frankreich nach dem Sieg gegen Peru sicher eingezogen ist. Dieses Spiel kann ich verfolgen, ich verpasse bloß die Anfangsviertelstunde. Zu Hause ist alles ruhig, die Lebensgefährtin MM ist mit dem Kind unterwegs, ich kann es mir vor meinem Laptop so richtig gemütlich machen. Das hilft Peru aber auch nicht weiter, dieses Team wird in den letzten Wagen gesetzt, der an der ersten Haltestelle abgekoppelt wird, wenn der WM-Zug dann unerbittlich und brutal weiterrast, ohne Rücksicht auf Verluste und und und...

Peru scheidet aus

Das Spiel ist nicht besonders überraschend, Peru wieder und weiter im Bemüht-Sein-Modus ohne Zielwasser. Frankreichs geballte Offensivpower benötigt wie beim Siegtor gegen Australien die Hilfe des Gegners, diesmal fälscht ein Verteidiger einen Flanken-Schuss-Versuch unglücklich über den eigenen Torhüter ab, so dass der mitgelaufene Mbappé nur noch den Fuß hinzuhalten braucht. Ich habe nie das Gefühl, dass Peru an diesem Ergebnis noch etwas ändern kann und beschäftige mich in der zweiten Hälfte mehr mit dem Kind, das mittlerweile zu Hause mit MM eingetroffen ist. MM macht sich gleich wieder auf den Weg, der Schiedsrichter pfeift das Geschehen irgendwann ab und Peru ist das stärkste Team der bisher vier eliminierten.

Vielleicht sollte man für diese Mannschaften eine Trostrunde einführen, sie spielen ihre eigene WM aus. Russland hätte sich dafür auch wunderbar angeboten, alle bereits nach zwei Niederlagen ausgeschiedenen werden nach Sibirien deportiert und können dort jenseits von europäisch wahrnehmbaren Zeitzonen die Runden der Trostlosen ausspielen. Erstes Spiel etwa um 6 Uhr MESZ in Wladiwostok. Dadurch hätte die FIFA schon mal ausprobieren können, wie sich ein Turnier vermarkten lässt, das weit mehr Spiele generiert, als die Weltöffentlichkeit vermerken kann. Zum Schluss heißt es dann, die goldene Ananas spielen im Endspiel der Trostlosen Panama und Marokko aus.

Kroatien haut Argentinien weg

Gut, abends gibt es endlich Fußball vom Feinsten, Kroatien spielt gegen Argentinien. Die Gauchos vom rechten Ufer des Rio de la Plata, bezeichnenderweise Silbermedaillengewinner von 2014, haben eine neue Taktik, nämlich Messi nicht mit ins Spiel einzubeziehen. Mit Messi als Dreh- und Angelpunkt reichte es nur zu einem Unentschieden gegen die Schweiz, mit Messi als falschem Spielmacher nicht einmal mehr dazu. Auch die Idee, den Torhüter Caballero mehr ins Spiel mit einzubeziehen, zahlt sich nicht wirklich aus. Nachdem dieser bereits in der ersten Hälfte sein außerordentliches Spielverständnis nachgewiesen hat – Kurzpässe im eigenen Fünfmeterraum zu gedeckten Mitspielern – geht das in der zweiten Hälfte so richtig schief. Er fabriziert eine sehenswerte Bogenlampe und liefert Ante Rebić eine formvollendete Vorlage für einen Volley, den der Frankfurter, der bereits Bayern München im deutschen Pokalfinale erlegt hat, im Netz versenkt. Argentiniens Trainer entblößt vor Entsetzen seine Tattookunst auf den beeindruckenden Oberarmen. Diesem Mann traut man nicht wirklich ausgefeilte taktische Analysen an der Magnettafel zu, sondern eher Rausschmeißerqualitäten in der letzten Tango-Kaschemme in Buenos Aires.

Messi spielt nicht mit

Um es kurz zu machen, das Kind ist heute nicht so in Form und kann sich gar nicht recht an der Co-Heimat erfreuen, ich stecke es noch während der zweiten Hälfte zu MM ins Bett. Dann macht Luka Modrić alles klar – mir schwant langsam, wer im Mittelfeld von Real Madrid der eigentliche Spielmacher ist. Die Gauchos vom rechten Ufer des Silberflusses packen noch ein paar überflüssige Gewaltaktionen aus, doch die Küstenbalkanesen halten locker dagegen. Quasi mit dem Abpfiff kontern sie Argentinien aus und schrauben das Ergebnis auf ein beeindruckendes 3:0. Und was ist mit Messi? Der hat tatsächlich ein Foul begangen, das bleibt in Erinnerung, sonst eigentlich nichts.

Wenn es gut läuft, hat Argentinien das Weiterkommen immerhin noch selbst in der Hand. Wenn es schlecht läuft, ist es von den bereits qualifizierten Kroaten abhängig und wenn es ganz dumm läuft, sind die vor dem letzten Spiel bereits Gruppensieger. Don't cry for you, Argentina, the truth is I never liked you...

Rubrik: Sport, Fußball | 20. Juni 2018, 12:05 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Kolumbien – Japan 1:2, Polen – Senegal 1:2, Russland – Ägypten 3:1

Unerbittlich rollt der WM-Zug weiter. Während ich am ersten Tag nach der Niederlage nur pietätvolle Kunden getroffen habe, werde ich am zweiten Tag schon mehrfach darauf angesprochen. Was war da los? Ich fühle mich wie ein Pressesprecher, der genau darauf achten muss, was er als Deutscher im Ausland sagt. Einem gesunden Patriotismus ohne Chauvinismus zeigen, also das Land bzw. die Mannschaft jetzt nicht in Grund und Boden verdammen. Auch nicht den Fehler begehen, einzelne als Sündenbock herauszupicken, denn die gab es in dem Sinne nicht. Meine Strategie richtet sich an dem Offensichtlichen aus: Die Spieler hatten keine Einstellung zum Spiel und zum Gegner. Wenn man so in ein Spiel hineingeht, wird es während des Spiels schwer, das zu korrigieren, denn der Gegner ist dann aufgebaut und ihm wachsen Flügel.

Der mündige Fan ist gefordert

Mit solchen Sätzen werde ich meine Pflicht, mich als enttäuschter Fan mit Verstand zu präsentieren, los. Ich unterhalte mich mit einem anderen Kunden über mangelnden Europa-Patriotismus. So etwas müsse in der Schule gelehrt werden, fordert er. Ich weiß, er hat eine elfjährige Tochter und macht sich viele Gedanken, welche Mittelschule für sie jetzt am besten ist. In den USA, so seine Erfahrung, denn dort hat er ein paar Jahre gearbeitet, hören die Kinder jeden Tag in der Schule, wie großartig das eigene Land ist und ihnen werde beigebracht, stolz darauf zu sein. Das ist ein interessanter Gedankenanstoß, finde ich. In Europa hören die Kinder immer nur von den Politikern, wie schlecht die EU ist. Brüssel, Straßburg und Luxemburg dienen als ein Büttel, auf den nationale Politiker gerne eindreschen, um von der eigenen Verantwortung und dem eigenen Versagen abzulenken. Beim Thema Ablenken kommen wir unweigerlich auf das seltsame Happening von Präsident Zeman am Eröffnungstag der WM. Die nachdenklicheren Kreise spekulieren darüber, wovon Zeman eigentlich ablenken wollte, und kommen auf das Atomkraftwerk Dukovany, dessen Ausbau wohl die Russen betreiben werden.

Stört die WM die Produktivität?

Beim Verlassen des letzten Kunden entdecke ich auf einem Fernsehbildschirm den Zwischenstand des ersten Spiels, Japan liegt mit 1:0 gegen Kolumbien in Führung. Später sehe ich in der Zusammenfassung, dass sich die Südamerikaner bereits in der dritten Minute selbst schwächen. Ein Verteidiger verhindert mit der Hand ein klares Tor der Ostasiaten. Die Folge sind eine rote Karte und ein Elfmeter, den der Dortmunder Kagawa zwar schlecht schießt, aber dennoch verwandelt. Alles in allem nutzen die Japaner die Überzahl, um das Spiel gegen die favorisierten Kolumbianer ausgeglichen zu gestalten und gewinnen mit 2:1.

Zu Hause wartet neben Frau und Kind auch die Deadline um 17 Uhr, die ich dank hohem Einsatz (früheres Angreifen, keine unnötigen Ballverluste, kein Reklamieren) locker einhalte. Um 17 Uhr schalte ich zum Spiel der Polen um, während meine Lebensgefährtin MM den ganzen Raum der Küche bearbeitet und mich auffordert, den vorgeschriebenen Abstand von 9,15 Metern einzuhalten.

Ich habe nur noch eine kritische Situation zu überstehen, die sms eines Kunden, der ahnt, dass ich den verschobenen Termin vergessen habe, meine Entschuldigung aber mit Wohlwollen annimmt. Dann gehöre ich an diesem Abend ganz dem Fußball und später natürlich der Tochter und MM, die gegen Ende des Spiels zum angerichteten Essen ruft. Das darf ich nicht verschieben, denn diese Ereignisse eines gemeinsamen Essens sind wahrlich selten und wertvoll. Auch wenn Polen noch der Anschlusstreffer gelingt, zu dem ich zurück an den Computer sprinte. Doch dann ist das Spiel aus, unser östlicher Nachbar hat sich nach eineinhalb Eigentoren selbst geschlagen. Senegal beginnt mit einem Sieg und diese Gruppe dürfte noch echt interessant werden. Erst nach mehrmaligem Hinweis und dem Studium anderer Kameraeinstellungen entdecke ich den Skandal des zweiten Tores. Der Senegalese sprintet von der Seitenlinie in einen weiten Rückpass der Polen und spritzt zwischen Torwart und letztem Verteidiger in den Ball, den er anschließend locker über die Linie bringt. In der ersten Kameraeinstellung ist davon nichts zu sehen, denn dort kommt der afrikanische Spieler einfach nur aus dem Off und der Zuschauer fragt sich, warum die Polen so dämlich sind, auf den nicht zu achten. Die Erklärung ist einfach, sie glauben daran, dass ein Spieler, der außerhalb des Spielfelds behandelt wird, erst mal ein Zeichen des Schiedsrichters abwarten muss, bis er den Platz wieder betreten und ins Spiel eingreifen darf, das auch – und jetzt wird es wichtig – der gegnerischen Mannschaft gut sichtbar sein sollte. Tja, Pech gehabt, Spiel verloren, Entrüstung umsonst. Meine Tochter interessiert das alles eher wenig, sie futtert mit Lust und Laune, was MM gekocht hat, und Papa würde gerne einen Schnaps trinken, weil er sich den Bauch so voll geschlagen hat. Natürlich nur, um MM zu zeigen, wie gut es ihm schmeckt, versteht sich. Doch Hochprozentiges hat der Haushalt nicht anzubieten und so bleibt es bei dem simplen Wunsch.

Schaffen wir das?

Damit haben sich alle Mannschaften präsentiert und die einzige Mannschaft, die wirklich keine Einstellung zum Turnier gefunden hat, ist Deutschland. Muss man so sagen. Trotz Fußballpatriotismus. Es gibt aber noch zwei Spiele, um das Umzubiegen oder aber sich die Verdammnis richtig zu verdienen. In der Presse steht übrigens, dass die Mannschaft viel miteinander gesprochen hat. Deutliche Worte sollen auch gefallen sein. Ein weiter-so darf es nicht geben, allerdings werden größere personelle Konsequenzen ausgeschlossen. Steht die Frage im Raum: Schaffen wir das?

Abends geht es weiter mit Russland. Der Gastgeber besiegt souverän Ägypten mit 3:1, obwohl Wunderstürmer Salah diesmal bei den Pharaonen mittun darf. Meine Tochter nutzt den Papa als Klettergerät, das drohende Abstürze auffangen kann. Im Spiel zeigt sich eine wesentliche Konsequenz des Videoschiedsrichters. Gepfiffene Fouls gegen den Gastgeber können nicht mehr einfach außerhalb des Strafraums verlegt werden. Meine Tochter zeigt noch vor Abpfiff Ermüdungserscheinungen und ich wechsele sie aus. Auf der Ersatzbank – Papas Bett – schläft sie friedlich ein und in Russland kann die familienfreundliche Weltmeisterschaft weitergehen. Den ersten Halt gibt es erst nach der Gruppenphase.

Rubrik: Sport, Fußball | 19. Juni 2018, 21:46 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Schweden – Südkorea 1:0, Belgien – Panama 3:0, England – Tunesien 2:1

Ein Tag nach der erschütternden Niederlage. In Russland. Bis nach Moskau gekommen – und dann ins offene Messer gelaufen. Den Azteken, die dort wahrlich nichts zu suchen haben. In der Metropole Russlands. Napoleon hat sie erreicht, er ja. Was hat er gemacht? Plündern lassen, die müde Armee sich austoben lassen, die von allen Würdenträgern verlassene Stadt anzünden lassen. Natürlich hat nicht ganz Moskau gebrannt und natürlich musste die normale Bevölkerung in der Stadt verharren. Und natürlich hat es dann Prostitution, Kollaboration und Irgendwastion gegeben. Doch was hat Napoleon dann gemacht? Als ihm das Treiben langweilig wurde, ist er mit seiner Armee wieder umgekehrt. Den ganzen weiten Weg zurück. Die russische Oligarchie ist wieder zurückgekehrt, hat die Stadt wieder aufgebaut und nur wenige Jahre später war alles wieder beim Alten. Währenddessen ist Napoleon erst auf diversen Schlachtfeldern geschlagen, dann auf Elba und anschließend auf St. Helena verbannt worden. Was waren also die Napoleonischen Kriege in der deutschen Geschichte der letzten tausend Jahre anders als ein Vogelfliegenscheißfleck. Der hat zwar dem Deutschen Römischen, stopp, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation das endgültige Ende bereitet, das war allerdings nur ein Gnadenstoß nach einer mit Wohlwollen tausendjährigen Geschichte, die spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg in zunehmende Agonie verfallen war. Und vor allem eins aufgehalten hat, den politischen Fortschritt in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs. Stattdessen kamen die Romantiker, also die Verklärung nach der Aufklärung. Die Wiederentdeckung der alten Rittersagen und natürlich des deutschen Nationalepos, der Nibelungen. Genau dort wird die gegen alle Rationalität stehende Treue verklärt, die im eigenen Untergang mündet. Etzel und die Hunnen, also Dschinghis Khan und die Mongolen, haben den Siegfriedmördern und Trickbetrügern (siehe: Tarnkappe) den Untergang bereitet. Erst das Zitat von diesem Vogelfliegenscheißdrecksflecknivellierer, hächstwahrscheinlich freundlich gesponsert aus Moskau, dann das Auseinanderbrechen einer einst großen Mannschaft in Moskau und der Dolchstoß aus Bayern. Als hätten die Bayern dem deutschen Fußball noch nicht genügend geschadet durch ihre dauerhafte Politik der Konkurrenzvermeidung. Dieselben Manöver, die Russland gegen eine starke und geeinte EU betreibt, betreiben die Bayern schon lange gegen eine konkurrenzfähige Bundesliga in der Spitze. Man sieht es an den Ergebnissen in der Champions League und jetzt auch bei der WM. Die Bayern haben das Kämpfen verlernt, das Fighten. Genau wie die meisten Nationalspieler, denn die landen magnetisch angezogen genau dort, manche wandern dann noch weiter. Doch das Bayern-Gen haben sie alle internalisiert. Und das heißt seit ein paar Jahren, wenn wir wirklich gefordert werden, ziehen wir den Kürzeren. Die in Deutschland aufkommenden Rivalen werden systematisch zurechtgestutzt, nur mit der internationalen Konkurrenz geht das eben nicht. Da schiebt man dann gerne die Schuld auf den Schiedsrichter (Champions League 2017), ärgert sich über unnötige Fehler (nicht nur, aber besonders 2018) oder verschießt in entscheidenden Situationen Elfmeter (2016), wählt die falsche Taktik (2014) oder der gegnerische Torwart hat einen super Tag erwischt (2015). Doch in keinem Fall ist es die eigene Leistung, die nicht gestimmt hat.

Kaum Fußball aus Zeitmangel

Der Tag nach der Niederlage gegen Mexiko, ein Montag, zeigt, wie angenehm diese WM ist. Die Anstoßzeiten sind so gelegt, dass ein normal arbeitender Mensch das erste Spiel erst gar nicht sehen kann. Also bleibt die Analyse der beiden kommenden Gegner aus, ich erfahre irgendwann im Laufe des Abends, dass Schweden dank eines Elfmeters 1:0 gegen Südkorea gewonnen hat. Das zweite Spiel, Geheimfavorit Belgien gegen Panama, entgeht mir ebenfalls weitgehend, da ich mich noch der Arbeit widmen muss, als ich nach Hause komme. Zwischendurch schalte ich mal ein und sehe, dass Belgien kurz vor Ende des Spiels souverän 3:0 führt. Statt die Arbeit zu unterbrechen, lasse ich auch fast die gesamte erste Hälfte des England-Tunesien-Spiels verstreichen, das ist nun mal die Krux mit Deadlines. Erst als meine Lebensgefährtin MM mit dem Kind nach Hause kommt, breche ich ab. Ich füttere das Kind und schaue mir die gesamte zweite Hälfte an, England arbeitet sich lange an einem 1:1 ab, ich höre etwas von einem ausgewechselten Torwart und einem Elfmeter für Tunesien und ziehe die falschen Schlüsse. Das Kind beschäftigt mich aber so sehr, dass das Spiel in großen Teilen an mir vorbei läuft. In der letzten Minute schießt Kane den Siegtreffer, doch wie es dazu gekommen ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Es war ein Abstaubertor nach einem Eckball, denke ich, aus kürzester Entfernung mit dem Kopf, nachdem der Ball bereits halbwegs geklärt schien, Kane aber nicht im Abseits stand, weil die Verteidiger noch nicht rausgelaufen waren. Egal, ähnlich wie Favorit Frankreich gewinnt auch Geheimfavorit England glücklich, während die Favoriten Argentinien, Brasilien und Spanien sich mit Unentschieden begnügen müssen. Von Deutschland ganz zu schweigen.

Tschechien OnlineTschechien Online | Rubrik: Wirtschaft | 19. Juni 2018, 12:53 Uhr

Prag - Günstige Benzinpreise sind nur ein Grund, warum die Sachsen gerne über die Grenze nach Tschechien fahren. Aber auch die Tschechen kommen regelmäßig zum Einkaufen nach Deutschland. Die große Produktauswahl und die Qualität der Waren locken die tschechischen Besucher in den Freistaat Sachsen.

Durchschnittlich 200 Euro geben die Kunden aus dem Nachbarland in Dresden pro Einkaufstag aus - das war das Ergebnis einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden, die sich mit dem Einkaufsverhalten von tschechischen Käufern in Dresden, Heidenau und Zittau beschäftigt hat. Damit stellt der tschechische Einkaufstourismus einen wichtigen Impuls für den sächsischen Einzelhandel dar, der wie vielerorts mit der Konkurrenz des Online-Shoppings zu kämpfen hat.

Vor allem die Großstadt Dresden, aber auch Bautzen, Görlitz und Chemnitz profitieren von den Kunden aus Tschechien. Seitdem Tschechien im Jahr 2007 dem Schengen-Raum beigetreten ist, hat eine konstante Preisangleichung mit anderen EU-Ländern stattgefunden. Und obwohl die Tschechen wegen eines gefühlten Preisvorteils nach Deutschland kommen, ist ihr Heimatland statistisch gesehen günstiger. Im Gegensatz zu den Deutschen, die in Tschechien einkaufen, ist für die tschechischen Besucher weniger der Verkaufspreis als das Preis-Leistungs-Verhältnis entscheidend. Die Tschechen schätzen die Qualität der hiesigen Produktpalette. Vor allem Markenbekleidung und Elektronikartikel finden sich in den Einkaufskörben der tschechischen Besucher, aber auch Drogerie- und Kosmetikprodukte. "Obwohl es auch bei ihm Persil gibt, hält ein Tscheche das deutsche Produkt oft für besser", erklärte Ilona Roth, Geschäftsführerin der IHK Chemnitz, bereits 2013 der (inzwischen eingestellten) deutschsprachigen Wochenzeitung Prager Zeitung. Tatsächlich monieren längst nicht nur mehr tschechische Verbraucherschützer, allen voran die tschechische EU-Kommissarin Věra Jourová, inzwischen auch offiziell auf EU-Ebene, dass insbesondere Lebensmittel-Markenprodukte "im Osten" oft eine andere, minderwertigere Zusammensetzung haben als die gleichen Produkte "im Westen".  

Aber der EU-Beitritt Tschechiens hatte neben der Preisangleichung noch einen anderen Effekt. Seit dem 1. Mai 2011 gilt für alle Tschechen die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit. Besonders in grenznahen Regionen pendeln daher immer mehr Menschen nach Deutschland. Der Anreiz: Die deutschen Löhne sind im Schnitt etwa dreimal so hoch wie in Tschechien. Deswegen schauen sich immer mehr Tschechen beispielsweise nach günstigem Wohnraum in Chemnitz um, der auf entsprechenden Portalen im Internet zu finden ist. Zu einer veränderten Arbeitssituation im sächsischen Einzelhandel hat dies jedoch nicht geführt. Da viele Tschechen Englisch oder sogar Deutsch sprechen, können und wollen sie die normale Serviceberatung vor Ort in Anspruch nehmen. Ältere Tschechen hingegen haben durchaus Verständigungsprobleme. Durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit wäre prinzipiell der Weg für tschechische Verkaufskräfte frei. In den grenznahen Gemeinden in Bayern sind tschechische oder tschechisch sprechende Verkäufer und Auszubildende längst nichts Ungewöhnliches mehr. In Sachsen reicht dafür aber anscheinend die Nachfrage (noch) nicht aus. (dap)

Rubrik: Sport, Fußball | 18. Juni 2018, 18:36 Uhr
WM-Kolumne aus Prag: Serbien – Costa Rica 1:0, Deutschland – Mexiko 0:1, Brasilien – Schweiz 1:1

Viel Zeit heute bis zum Anpfiff, denke ich, als mich meine Tochter morgens aufweckt. Da sie den Stecker des Radioweckers herausgezogen hat, kann ich nur ahnen, dass es spätestens 8 Uhr morgens sein muss. Denn dann steht sie in ihrem Kinderbett, hält sich am Gitter fest und schaut erwartungsvoll in meine Richtung. Ich winke ihr zu, sie winkt zurück, ich nehme sie mit ins Bett zum Knuddeln, stehe aber bald schon wieder auf, sie riecht etwas streng, also beginnen wir mit dem üblichen Morgenprogramm: Windel wechseln, Flasche bereiten, füttern, dazwischen selbst noch die notwendigen hygienischen Handhabungen machen. Ich frühstücke und dusche später, wenn das Kind die Veränderungen in seinem Spielzimmer, also in der ganzen Wohnung, inspiziert.

Ein Balkan-Team droht

Das erste Spiel ist Serbien gegen Costa Rica, zunächst möchte ich kneifen, doch dann reizt mich der Vergleich Europa gegen Lateinamerika doch wieder. Im Nebenzimmer lasse ich Gun Club, Las Vegas Story laufen. Das Kind entdeckt die verschiedenen Schalter des Verstärkers , ich muss mehrfach nach der Ursache der plötzlich aussetzenden Musik forschen. Meine Lebensgefährtin (im Folgenden: MM) wechselt von ihrem Bett in mein Bett, das Kind braucht schließlich seinen Mittagsschlaf, und ich kann mich ganz dem Spiel widmen, in dem Torwart Navas, immerhin die Nummer 1 von Real Madrid, einige ganz gute Chancen der Serben zunichte macht.

In der Pause schlafen MM und das Kind bereits tief und fest, ich lege eine Platte von Spaceman 3 auf, Sonic Boom, und genieße den ungestörten Musikgenuss. Interessiert schaue ich nach, wie es denn eigentlich mit dem deutschen Team weitergeht, wenn es nach der Gruppe überhaupt weitergeht. Das könnte tatsächlich Serbien sein, unangenehmer Gegner. Deutschlands Niederlagen gegen Balkan-Teams, eine Geschichte für sich. WM 1994, Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien. Vier Jahre später, wieder Viertelfinale, diesmal die Klatsche gegen Kroatien. EM 2000, gerade mal 1:1 gegen Rumänien, 2008 bei der EM eine Niederlage gegen Kroatien in der Gruppe wie auch bei der WM 2010 gegen Serbien.

Serbien 2018 spielt auch gar nicht schlecht, aber die herausgespielten Chancen nutzen sie nicht. Ein unwiderstehlicher Freistoß von Kolarov bringt kurz nach der Pause die Entscheidung. Costa Rica, die Überraschung der letzten WM, gelingt es nicht, im Vorwärts-Modus Entscheidendes zustande zu bringen. Serbien bringt das Spiel locker über die Zeit und im Schlafzimmer ist es noch immer ruhig. Ich springe noch schnell in den Supermarkt an der Ecke und besorge das Nötigste, um mal wieder aus dem, was sich im Kühlschrank findet, ein Essen zusammen zu panschen.

Schon wieder Resteessen

Dann ist Deutschland dran. Nach nicht einmal zwei Minuten hat Mexiko bereits die erste gute Gelegenheit, Boateng blockt im letzten Moment ab. Das Muster ist sehr einfach, zentral auf die Innenverteidiger zulaufen, dann ein Pass nach links heraus in die Tiefe, ab in den Sechzehner, noch ein Haken nach innen und dann den Abschluss suchen. Nach der ersten Aktion ist die Taktik klar. Und sie klappt auch immer wieder, da Deutschland wieder seinen schleppenden Ballbesitzfußball versucht, bei dem dann immer mehr Spieler auf dem immer enger werdenden Raum 30 Meter vor dem gegnerischen Tor versuchen, den Ball zirkulieren zu lassen. Ein Ballverlust und ein langer Ball in das völlig offene deutsche defensive Mittelfeld genügen, dann noch der Pass nach links, wo Kimmich fehlt, und schon bietet sich die nächste vielversprechende Situation.

Deutschland hat auch Chancen, so ist es nicht, Werner ein, zwei Mal, wenn er mal in den freien Raum geschickt wird, eine Flanke von Kimmich, die beinahe in ein Eigentor mündet. Aber nach gut einer halben Stunde ist es so weit, Mexiko spielt einen der häufigen Gegenangriffe endlich mal aus. Mesut Özil eilt zwar zurück, um Kimmichs Loch zu stopfen, doch er lässt sich viel zu leicht austanzen und Neuer, dem sonst nichts vorzuwerfen ist, kann den Schuss ins kurze Eck nicht parieren. Kroos scheitert kurz danach beim Freistoß an Ochoa und der Latte, das war es vor der Pause.

Muntere zweite Halbzeit

In der Zwischenzeit ist auch Leben ins Schlafzimmer gekommen und meine putzmuntere Tochter krabbelt wieder überall herum. Sie strahlt mehr Energie und Spielfreude aus, als die elf deutschen Fußballspieler zusammen. Wenn Kimmich seinen Gegenspieler nur halb so gut im Auge behalten hätte wie ich meine Tochter, wäre das Gegentor nie im Leben gefallen. Aber der Jungsstar vom FC Bayern hat je bereits angekündigt, dass er sich nicht auf Dauer in der rechten Verteidigerposition sieht. Dieses Spiel ist ein hervorragendes Werbevideo für seine Sache, vielleicht erhört ihn der Bundestrainer bereits für das zweite Spiel. Deutschland spielt übrigens auch mit einem linken Verteidiger, einem Spieler von Hertha BSC Berlin mit Namen Plattenhardt, aber das nur der Vollständigkeit halber. Der Spieler tritt in dem Spiel nicht weiter in Erscheinung und ich bin auch nicht sicher, ob ich meiner Tochter diesen langen Namen unbedingt beibringen muss.

Das Kind braucht Futter, also muss MM kochen. Mein Essen übrigens wartet in der Halbzeitpause auf mich. Ich muss es jedoch unterbrechen, denn ich muss meiner Tochter einen Appetizer verabreichen. Sie schaut dann die gesamte zweite Halbzeit mit mir zusammen, zunehmend unruhiger und schlechter gelaunt, am Ende kann ich sie kaum noch vom Computer fernhalten, auf dem ich schaue, als ahne sie bereits, was da auf sie zukommt.

Mannschaft im Halbfinal-Modus

Das Spiel selbst erinnert an eines jener vielen Champions-League Spiele, das Bayern München meist im Halbfinale gegen einen spanischen Spitzenclub verliert. Viel Ballbesitz, es geht immer um den Sechzehnmeterraum herum, niemand findet eine Lücke und die Abschlüsse sind nur selten mal gefährlich. Sind ja auch genügend Spieler vom Münchner Verein dabei, Neuer, Kimmich, Boateng, Hummels, Müller. Bei dieser Spielerei entstehen keine Ideen oder Überaschungsmomente, erst als Nicht-Bayern-Spieler eingewechselt werden, kommt mal etwas Überraschendes, ganz am Ende ein Pfostenschuss von Brandt.

Echtes Aufbäumen sieht anders aus, nämlich so wie bei meiner Tochter, die es längst nicht mehr auf ihrem Fütterhocker hält. Sie will unter allen Umständen auf den Tisch klettern und auf dem Computer eingreifen. Nur mit Mühe kann ich sie zurückhalten. Tut mir echt leid, Töchterchen, denke ich nach dem Spiel, dein erstes WM-Spiel der deutschen Mannschaft hätte ich dir auch anders gewünscht. Am Vortag hat wenigstens ihre Co-Heimat gewonnen und so ist dieses enttäuschende Spiel nur halb so schlimm. Zum Trost füttere ich sie mit Brötchenschnitten mit Butter, trotz des ausdrücklichen Verbots von MM, die sich kurz zum Einkauf von Saft für das Kind verabschiedet hat. Das kann dauern, bin ich fast schon überzeugt. Doch ich werde überrascht, noch während der ersten Hälfte des folgenden Spiels zwischen Brasilien und der Schweiz ist sie zurück - es steht sogar noch 0:0 - und serviert mir die Aufgabe, dem Kind neben dem Fußballspiel Nudelauflauf einzutrichtern. Nach dem Ergebnis des Deutschland-Spiels fragt sie erst gar nicht. Komische Frau.

Brasilien nur Unentschieden

Nun, das Kind futtert so tüchtig, wie die Schweizer Neymar foulen. Das ist nie brutal, stets im Zweikampf und immer wieder von anderen Spielern. Ein Wunder, dass dieser sich weder provozieren noch die Lust verderben lässt. Aber er bleibt ohne Wirkung. Das Tor des Abends erzielt statt seiner Coutinho mit einem schönen Schuss in die äußerste Ecke. Das reicht nur nicht, denn die brasilianische Abwehr vergisst in der zweiten Hälfte einen Eckball zu verteidigen und Zuber köpft locker zum Ausgleich ein. Also auch Top-Favorit Brasilien kann nicht überzeugen, startet aber wenigstens nicht wie Deutschland mit einer Niederlage. Das Kind ist dann auch ganz müde und lässt sich nach dem Abpfiff von MM brav ins Bett legen.