Prag - Das renommierte Prager Theaterfestival deutscher Sprache findet in diesem Jahr bereits zum einunddreißigsten Mal statt. Vom 20. November bis zum 6. Dezember bringt es Theatermacher*innen aus Hannover, Bochum, Lausanne, München, Berlin, Wien und weiteren Orten nach Prag, die dem Publikum Spitzenproduktionen der deutschsprachigen Theaterszene zeigen. Das diesjährige Festival präsentiert Inszenierungen, die mit eisiger Präzision die Konflikte der heutigen Welt bloßlegen, Möglichkeiten zum Dialog eröffnen, die Klassiker ebenso wie moderne Dramatik zum Leben erwecken und dabei aber auch Komik und Humor nicht vermissen lassen. Zum ereignisreichen Programm gehören traditionell die Aufführung der diesjährigen Gewinner-Inszenierung des Josef-Balvín-Preises, der Open Call für Absolvent*innen deutschsprachiger Theaterakademien sowie das Off-Programm.
Der Ticketvorverkauf über GoOut startet am 2. November – weitere Informationen gibt es auf der Festivalwebsite www.theater.cz. Die deutschsprachigen Aufführungen werden mit tschechischen Übertiteln gezeigt.
„Das Wortspiel im diesjährigen Festivalmotto (GE)WISSEN trifft die Diagnose unserer Zeit genau. Die Welt riecht wieder nach Brandstätte, und wir stehen am Rande eines Abgrunds, den unsere eigene Gleichgültigkeit geschaffen hat. Wir verlieren unser Bewusstsein (vědomí), unser (Ge)Wissen. Wir verfallen in eine tiefe, schützende Erstarrung, verschließen die Augen vor der grausamen Realität und weigern uns anzuerkennen, dass sich die Geschichte wiederholt. Hand in Hand damit verliert die Welt ihr Gewissen. Moralische Kompasse versagen unter der Last des Pragmatismus, Machtambitionen rechtfertigen Gewalt, und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer wird zur neuen Norm. Gerade in Momenten, in denen Angst und Gleichgültigkeit die Gesellschaft lähmen, wird die Theaterkunst zu einem zentralen Raum des Widerstands. Theater ist keine bloße Unterhaltung oder Flucht vor der Realität; es ist ein lebendiger Spiegel, der selbst die schmerzhaftesten Probleme der heutigen Welt artikulieren kann“, sagt Petr Štědroň, Direktor des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache.
Den Auftakt des Festivals gestaltet am 20. und 21. 11. im DOX+ im Prager Stadtteil Holešovice der Preisträger des Open Call 2025/26, das Kollektiv Frankfurter Hauptschule, mit seinem ersten Theaterstück 2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger. Es handelt sich um einen absurden, zugleich hochpolitischen Schlagabtausch zwischen Zeitdiagnose, dialogischen Verwirrspielen, sarkastischen Anrufungen der Nazizeit und purem Klamauk. Ausgangspunkt ist Kippenbergers Buch „241 Bildtitel zum Ausleihen für Künstler“ (1986). Der Gewinner des fünften Open Calls des Festivals ging aus insgesamt 40 eingereichten Produktionen hervor. Ziel ist es, interessante Autor*innenprojekte von Studierenden deutschsprachiger Kunsthochschulen sowie deren frischgebackenen Absolvent*innen zu fördern und ihnen Raum zu geben.
Eine klassische Geschichte erwacht in einem völlig neuen Kontext in der Inszenierung Hamlet: R2D2 or not 2B2 zu neuem Leben, in der die Zerbrechlichkeit menschlicher Liebe in direkten Konflikt mit einer kalten, mechanisierten und robotisierten Welt gerät. Diesen Hamlet werden Sie nicht vergessen! Einstudiert hat ihn das Ensemble De Warme Winkel am Schauspiel Hannover, in Prag ist die Produktion am 22. 11. im Theater pod Palmovkou zu sehen. Ausgehend von Hamlet, wagen die Künstler*innen über den Blick in die Zukunft einen Rückschluss auf das, was es heute bedeutet, ein Mensch zu sein – oder eben nicht zu sein. Eine Konfrontation, so zeitlos wie notwendig.
Das Prager Theaterfestival deutscher Sprache möchte die tschechische Theaterszene motivieren: einerseits durch seine Haupttätigkeit, mit der es über das deutschsprachige Theater neue Impulse einbringt, andererseits aber auch direkt, durch die jährliche Auszeichnung der besten tschechischen Inszenierung eines ursprünglich deutschsprachigen Textes mit dem Josef-Balvín-Preis. Die Jury, bestehend aus Mitarbeiter*innen der unabhängigen Kulturplattform Podhoubí, entschied sich, die Inszenierung Projekt Casanova: Der Duft der Häsin auszuzeichnen, die tschechische Adaption von Peter Wekwerths Stück Der Duft der Häsin durch das Ensemble Geisslers Hofcomoedianten. Über die unaufhaltsame Vergänglichkeit von Liebe, Verlangen und des Lebens selbst können die Zuschauer*innen anhand des Schicksals des gealterten Casanova am 23. 11. in der VILA Štvanice nachdenken.
Am 25. 11. ist das Schauspielhaus Bochum mit der Inszenierung Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten zu Gast im Ständetheater. Der eindringliche Text von Tiago Rodrigues wird in Deutschland erstmals aufgeführt, in der Regie der slowenischen Regisseurin Mateja Koležnik. In dieser portugiesischen Familie gibt es eine ungewöhnliche Tradition: Immer zum Jahrestag der Ermordung der Landarbeiterin Catarina Eufémia durch Schergen der Diktatur am 19. Mai 1954 wird ein Faschist getötet. Stets beginnt der Tag als wohlgelaunte Familienfeier und endet mit der Erschießung eines Delinquenten. Hier wird anscheinend Unrecht gerächt. Doch diesen Sommer rumort es in der Familie. Was seit drei Generationen zelebriert wird, wird nun plötzlich infrage gestellt.
Die multimediale dokumentarische Performance Oh, Europa! Dangerous Games, die in Zusammenarbeit mit dem Festival One World gezeigt wird, ist am 1. 12. im Theater X10 zu sehen. „OH EUROPA!“ Der Ruf nach der verschwundenen Königstochter aus der antiken Mythologie hallt bis heute nach: Die Tochter des Königs Agenor und der Königin Telephassa wurde verschleppt; die Eltern schickten ihre anderen Kinder aus, um sie zu suchen, aber keines von ihnen kehrte zurück. Das deutsch-italienische Duo TÒ SU (Martina Mahlknecht & Martin Prinoth) begreift den Gründungsmythos des europäischen Kontinents als Parabel für die aktuelle Realität der Flucht: Auch wer heute Europa sucht, setzt sein Leben aufs Spiel und muss damit rechnen, seine Familie nie wieder zu sehen. In dieser eindrucksvoll bewegenden und starken Inszenierung rekonstruieren fünf Menschen mit Fluchterfahrung mithilfe von Virtual Reality ihre gefährlichen Versuche, die europäischen Außengrenzen zu überwinden, und erzählen von ihrer Vision von Europa.
Einen vielsagenden Abend mit dem treffenden Titel Make Love Not War, der unmittelbar auf das Hauptthema des Festivals reagiert, erwartet das Publikum am 2. und 3. 12. im Theater Alfred ve dvoře. In ihrer erfolgreichen Stand-up-Show „Female Shit“ aus dem Jahr 2017 hat Orit Nahmias offen über ihre schmerzhaften und absurden Erfahrungen beim Umzug von Tel Aviv nach Berlin erzählt. Diesmal kehrt sie mit ihrer neuen Show „Make Love Not War“ ins Maxim Gorki Theater zurück, in der sie als geschiedene Frau mittleren Alters auf der Bühne steht und sich mit brutaler Ehrlichkeit und Selbstironie mit ihrer Angst vor dem Tod und ihrer Lust am Leben auseinandersetzt.
Ein hochkarätiges Treffen von Politiker*innen, eine Hommage an den Nonsens, aber zugleich eine hervorragend komponierte Komödie – The Summit ist die bislang letzte Inszenierung des Theatermagiers Christoph Marthaler, der sich gemeinsam mit seinem sechsköpfigen Ensemble aus italienischen, französischen, schweizerischen, österreichischen sowie schottischen Schauspieler*innen und Musiker*innen auf eine Expedition in unwirtliche Gefilde begibt, zu einem Treffen auf dem Gipfel. Wer eben noch die Hand im Teig hatte, greift kurz darauf zum Mikrofon und ruft die Nationen der Welt zum Handeln auf. Wer eben noch die Sicherungshaken in den Fels schlug, singt plötzlich mit einer Gruppe Gipfelsammler*innen zusammen das Lied „Là-haut sur la montagne“ und kann sich niemals sicher sein, ob er oder sie dabei dem ewig gleichen Sonnenaufgang oder dem endgültigen Sonnenuntergang beiwohnt – am 4. und 5. 12. im DOX+.
Eine vertiefende Enthüllung der menschlichen Innenwelt und eine Auseinandersetzung mit persönlicher Verantwortung bietet am 5. und 6. 12. im Theater Komödie die Inszenierung von Peter Handkes berühmtem Text Selbstbezichtigung – eine kraftvolle Deutung und eine phänomenale schauspielerische Leistung von Stefanie Reinsperger in der Inszenierung des Wiener Burgtheaters, in der fesselnden Regie von D. D. Pařízek. „Postulate, Grundsätze, Etiketten, Satzungen, allgemeine Meinungen und Formeln“ (Peter Handke) bilden Vorschreibungen, die zu verletzen unumgänglich erscheint. Gleichsam nach dem Motto „Wer lebt, stört“ demonstriert der Text, welche Fehler einen jeden Lebensweg begleiten. Wo Handke versucht, schuldhaftes Verhalten nicht auf persönliche Schwächen zurückzuführen, geht Dušan David Pařízek den umgekehrten Weg: Er nimmt das Unpersönliche wieder persönlich.
Das diesjährige Off-Programm bietet unter anderem am 24. und 25. 11. im Theater am Geländer – Eliadova knihovna das neue interaktive Theaterprojekt des Ensembles Das Thema – To téma, das frei auf Motiven aus Schillers Stück Wilhelm Tell basiert. Will Helm Tell It? oder Schiller-Killer verbindet die Vergangenheit, als die Demokratie langsam entstand, mit der Gegenwart, in der wir befürchten, dass die Demokratie sich langsam zersetzt und verschwindet. Gemeinsam mit dem Publikum werden Ängste, Wut, Freuden und andere Gefühle und Gedanken rund um das (Nicht-)Funktionieren der demokratischen Gesellschaft erforscht. Mit aufrichtiger, selbstironischer und spielerischer Übertreibung, aber auch in aller Ernsthaftigkeit und mit einem ganz persönlichen, authentischen Zugang.





















