News

Nachrichten

Rubrik: Sport, Fußball | 7. Dezember 2022, 17:30 Uhr
Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (4): Achtelfinale: Bis auf Spanien setzen sich alle Favoriten durch. Die wenigen Fußballfans in Deutschland, die noch die WM verfolgen, dürften das mit Genugtuung quittieren.

Fast alles lief nach Plan für die Favoriten: die USA, Australien, Polen, Senegal, Japan, Südkorea und die Schweiz sind nach Hause geschickt. Argentinien, Brasilien, England, Frankreich, Kroatien, die Niederlande und Portugal machen im Turnier weiter. Nur Spanien erlag dem Fluch der bösen Tat und schied gegen Wunschgegner Marokko im Elfmeterschießen aus. Nie hat eine Mannschaft, bestehend aus Profis der besten europäischen Ligen, schlechtere Elfmeter geschossen.

Waschmaschine statt England

Im Viertelfinale treffen neben den Niederlanden und Argentinien auch Brasilien und Kroatien sowie Frankreich und England nebst Marokko und Portugal aufeinander. Wieder habe ich nicht viel von England gesehen. Am Sonntagabend machte die Waschmaschine Probleme und ich war mehr mit ihr als dem Spiel gegen Senegal beschäftigt. Was ich gesehen habe, sah sehr souverän aus. England könnte einer der großen Favoriten sein, wenn... ja, wenn sie nicht auf Frankreich träfen.

Tipps der „Experten“

Am Dienstagmorgen, noch vor dem letzten Achtelfinalspieltag, tippte ich mit einem Bekannten den Rest der WM. Meine These lautete, 60 zu 40 für Frankreich. Er hingegen setzte auf England. Hat mein Tipppartner Expertise, muss ich mir Sorgen machen? Schließlich hat er auf Spanien als Weltmeister getippt, was sich einige Stunden später als Eigentor aus 50 Metern erweisen sollte. Ich sah das Spiel nebenher in der Arbeit und weiß absolut nicht, wer besser war, Spanien oder Marokko. Ich hielt es wie am Vortag beim Spiel der Kroaten gegen Japan. Von der Verlängerung erwartete ich nichts mehr und fuhr nach den 90 Minuten + x von der Arbeit nach Hause. Spanien wartete mit seiner einzigen Großchance auf mich und meinen Computer. Ein Schuss aus spitzem Winkel streifte den langen Pfosten. Das Adrenalin von dem Schreck, der den Torwart dabei durchfuhr, setzte dieser in drei abgewehrte Elfmeter um. Ein Spanier traf zusätzlich den Pfosten. Selbst Sergio Busquets, gestählt von hunderten Partien in der Champions League, der Primera Division, der Welt-und Europameisterschaften und neuerdings auch in einigen wenigen Spielen der Europa League, hatte Pudding in den Beinen und Schmetterling in den Nervenbahnen. Spanien schoss so schlecht wie der FC Barcelona zuletzt 1986 gegen Helmut Ducadam. Das war im Endspiel des Europapokals der Landesmeister, den der ruhmreiche FC Barca bis zu jenem Zeitpunkt noch nie gewonnen hatte. Ein paar Jährchen dauerte es dann auch, bis zum ersten Sieg.

Engel, Teufel, Nikoläuse

Das Elfmeterschießen am Vortag war ähnlich unspektakulär und bot wenig Spannung. Kroatien agierte höchst souverän, während bei Japan die Angst vor dem Erfolg die Beine lähmte. Nach dem letzten Elfmeter lief ich schnell in den Supermarkt, denn die Mutter hatte meiner Tochter eine Überraschung versprochen, die ich einhalten musste. Meine Tochter, selbst halbe Kroatin, quengelte die ganze Zeit herum, wollte von Fußball, Patriotismus und Spannung nichts wissen. „Ich kann jetzt nicht mehr länger warten“, ist ihr Leitspruch, der für mich zum Leidspruch wurde. Es war der 6. Dezember, trotz schauderhaften Wetters liefen auf der Straße Engel, Teufel und Nikoläuse herum. Also besorgte ich meiner Tochter Schokofiguren, ein Puzzle, eine Thermohose und einen Adventskalender. „War das schon alles?“, maulte sie sich später.

Brasilien tanzt eine Halbzeit

Rechtzeitig vor dem Anpfiff des Brasilien-Spiels war ich zurück. Meine Tochter erwartete mich bereits im Flur und durchstöberte meine Einkaufstasche. Während des Spiels – Brasilien machte eigentlich nach zehn Minuten alles klar – musste ich ihr beim Puzzle helfen und verpasste dadurch das zauberhafte dritte Tor durch Richar-dingens-son (sorry, das ist kein mangelnder Respekt, ganz im Gegenteil; der Spieler war mir bisher unbekannt und ich habe mir seinen korrekten Namen noch nicht gemerkt. Das wird aber sicher noch, schließlich habe ich Brasilien als Weltmeister getippt, trotz meiner Doktrin, Messi muss Meister werden).

Südkorea kommt glimpflich davon

Südkorea konnte einem in der ersten Halbzeit nur leid tun, Brasilien ließ es in der zweiten Hälfte wohl langsamer angehen. Ich bekam von dieser nicht viel mit, da ich das Kratzen im Hals und die Erkältung deutlich spürte und mich frühzeitig, vollgepumpt mit Knoblauch und Ingwer-Tee, ins Bett legte. Als meine Vorbereitungen zu Ende waren, stand es nur noch 4:1 und es waren noch zehn Minuten zu spielen. Ich machte den Computer aus und dachte, sollte jetzt noch Unerwartetes passieren, werde ich mich mein ganzes Leben lang ärgern. Ich legte mich unter meinen Schlafsack, geeignet für Hochgebirgstouren bis zu -21 Grad – nicht, dass ich jemals eine solche Tour mit Übernachtung im Freien unternommen hätte – und eine Daunendecke. Mitten in der Nacht wachte ich mit einem üblen Mundstuhl auf, musste dringend auf Toilette und Wasser trinken.

Extrem-Schwitzen, um rechtzeitig wieder fit zu werden

Dasselbe Programm wiederholte ich eigentlich auch am Dienstag, die Verlängerung von Spanien – Marokko ließ ich aus, sah zu Hause das Elfmeterschießen, ging zwischen den Spielen schnell in den Supermarkt, Brot und Ingwer-Nachschub besorgen und sah die erste Halbzeit von Portugal gegen die Schweiz. Portugal spielte ohne Cristiano Ronaldo und war gleich um zwei Klassen besser. Das 1:0 war schlichtweg phänomenal. Die Schweiz, die ich am Vormittag noch wagemutig ins Halbfinale getippt hatte, sah nur noch Seen und keine Berge und so ging ich nach der ersten Hälfte wieder ins Bett. Bis ich bettfertig war und den Computer ausschaltete, stand es bereits 4:1 und wieder fragte ich mich, ob ich nicht doch eine große Sensation verpasste. Vollgepumpt mit Knoblauch und Ingwer unterzog ich mich meiner Schwitzkur. Nach drei Stunden wachte ich zum ersten Mal auf, die Blase, und überprüfte das Ergebnis. Satte 6:1. Gehört Portugal jetzt zu den Favoriten? Als nächster Gegner wartet Marokko, der Wunschgegner Spaniens im Achtelfinale.

Ach ja, Viertelfinale, waren das noch Zeiten, als sich Deutschland mindestens bis dorthin bei einer WM rumpelte. Und wenn die Mannschaft dann ausschied, krachte es zu Hause. Und nun? Oliver Bierhoff ist seiner Entlassung zuvorgekommen und muss nun nicht mehr zum Rapport zu Neuendorf. Was wird aus Flick? Was aus Müller, Neuer und den Bayern-Bonus-Profiteuren? Während in Qatar fleißig am Ball trainiert wird, herrscht in Deutschland Ruhe vor dem Sturm.

Rubrik: Sport, Fußball | 4. Dezember 2022, 11:36 Uhr
Gerde Lemkes WM-Kolumne aus Prag (3): Favoritensiege im Achtelfinale, 1. Teil: NL – USA 3:1; ARG – AUS 2:1

Jetzt wird’s ernst bei der WM, jetzt ist jedes Spiel Tulpen oder Gladiolen, wie NL-Coach van Gaal mal sagte, in einer fernen Zeit, damals, als „Müller spielt immer“ noch neu und innovativ war. Heute ist das rückwärtsgewandt, wäre man froh, ein deutliches „Müller spielt nimmer“ zu vernehmen. Aber das ist ein anderes Thema.

Drohender Hagel über dem Tulpenfeld

Gleich nach zwei Minuten hätte Pulisic das Tulpenbeet gehörig verhageln können, scheiterte aber am reaktionsschnellen Wärter, der schnell noch eine Schutzplane über das Beet zog. Dann ging es metaphernfrei so weiter, wie man es von einem dreifachen Vizeweltmeister gegen einen übereifrigen Emporkömmling erwarten konnte, die Routine setzte sich durch, mit Effizienz zogen die Bloemenzüchter dem Schmelzkessel den Zahn.

Fußball wird unwichtig

Ich saß in meinem Wohnzimmer, verfolgte das Geschehen interessiert und ließ mir von meiner Schwester die Ereignisse um meine Mutter erzählen. Altersdemenz, jetzt ist es amtlich, ein Weiterwohnen in der eigenen Wohnung nicht mehr möglich. Ein Platz im Pflegeheim ist aber schon in Aussicht. Vielleicht das letzte Mal Weihnachten mit ihr und meiner Tochter, bevor der Vorhang des Bewusstseins ganz zugezogen wird. Man verzeihe mir, dass ich bei diesen Themen ein wenig die Konzentration aufs Spiel verlor. Beim ersten deutschen WM-Sieg war meine Mutter ein Backfisch, beim zweiten dreifache Mutter, beim dritten waren die Kinder aus dem Haus und beim vierten war sie Witwe und noch rüstige Rentnerin. Aus Fußball hat sie sich nie besonders viel gemacht, in ihrer Jugend war Feldhandball der populärste Sport im Dorf, dabei machte man sich nicht so schnell die Schuhe kaputt.

Kurze Spannung

Ach ja, NL – USA, für wenige Minuten kam nach dem Anschlusstor nochmals Spannung auf, doch dann war der Drops gelutscht. Der Favorit setzte sich schlicht souverän durch. (Übrigens sprach van Gaal im Original von „Tod oder Gladiolen“, das nur nebenbei, um der Korrektheit Genüge zu tun).

Abends versuchte ich mal wieder public viewing, ich hatte den Tipp bekommen, dass die Expats sich nicht mehr in Freds Bar, eigentlich ein Restaurant, treffen, sondern in einem umbenannten Laden, der nach einem amerikanischen Schriftsteller benannt ist, der ab den 1960er Jahren gerne über Saufen, schmutzigen Sex und Schlägereien geschrieben hatte. Ich schaute von außen rein, nichts deutete darauf hin, dass sich dort fußballtechnisch etwas tue. Ich wusste, es gab noch einen hinteren Raum, von der Straße schlecht einsehbar, wo die Gäste angeblich rauchen durften. Was ich jedoch sehen konnte, war Dunkelheit, gähnende Leere und WM-Boykott.

Messi in der Kaschemme

Also ging ich zwanzig Meter weiter in die Punk Kaschemme, in der ich 2018 einige Spiele gesehen hatte. Dort lief der Fernseher, es war wenig los und das Interesse an Messi mäßig. An diesem Abend stellte ich die Doktrin auf, Messi muss Meister m... (hm, machen?, mutieren?, malträtieren?, manufaktieren?), sonst hat mein Leben keinen Sinn. Wenn der Beste nicht endlich so auf seinem Thron Platz nehmen darf wie Infantino bei all diesen Spielen im Stadion, bleibt etwas in diesem Leben unerfüllt.

Das Spiel war durchwachsen, Australien weit dröger als die USA, Argentinien jedoch deutlich vorsichtiger als im Spiel gegen Polen. Ich musste zwei Meter näher treten, vor vier Jahren konnte ich die Spiele noch von der Bar aus betrachten, heute gab das meine Sehkraft nicht mehr her. Auch versuchte ich mich vergebens daran zu erinnern, gegen wen sich dieses schwache Australien in der Gruppe eigentlich durchgesetzt hatte. Durch logische Rückschlüsse kam ich darauf, dass es Qatar gewesen sein musste, die Mannschaft, die in diesem Turnier außer Konkurrenz mitspielen durfte. Also hat Australien Ecuador besiegt? Das erschien mir unwirklich, ich hatte keinen blassen Schimmer. Fängt das jetzt bei mir auch schon an?

Messi macht's

Messi, wer sonst, schoss das 1:0, später kam noch ein 2:0 hinzu, ein australische Zufallstor ließ Messis Mannen nochmals kräftig zittern, eine Glanzparade rettete sie in der drittletzten Sekunde vor der Verlängerung und es war überstanden. Also, das Achtelfinale. Doch so wird Argentinien, zwei Mal Weltmeister und drei Mal Vize, leider nicht weiter gewinnen. Am Ende, als es nochmals eng wurde, hat jeder die Verantwortung auf Messi geschoben – und Messi hat gedribbelt, vorbereitet, Sekunden geschunden. Das geht auf Dauer nicht gut.

Nach dem Schlusspfiff überlasse ich die Kaschemme den Trinkern und Rauchern, gehe am Bukowski's (s.o.) vorbei, wo mich eine Blonde heftig hineinwinkt. Ich vermute, eine Russin, winke erfreut zurück und gehe weiter. Zu Fred's Bar, wo ich mal von außen einen Blick hineinwerfen möchte. Eine Gestalt am Tresen erkenne ich von hinten und höre durch die dicken Wände, wie er mit halblauter wässriger Stimme die Zeremonie der Rechnungsbegleichung einleitet: Kip, amerikanisches Expat-Urgestein. Nach Radio Jason suche ich nicht, sondern gehe lieber nach Hause, wo ich mich zeitig zur Ruhe begebe.

Rubrik: Panorama | 3. Dezember 2022, 15:33 Uhr

Die Sanierungsarbeiten an der Gruftkapelle auf dem Friedhof in Buschullersdorf wurden im September offiziell abgeschlossen. Am 20. November 2022 um 13,00 Uhr segnete der Haindorfer Pfarrer Pavel Andrš die Kapelle, in der sich fünf Zinksärge mit den sterblichen Überresten der bedeutenden Familien Neuhäuser und Berger befinden.

Am 4. Dezember 1890 wurde die offizielle Genehmigung für den Bau des Friedhofs erteilt, und am 1. April 1891 begannen die Arbeiten. Die erste Beerdigung fand hier am 7. Juli 1891 statt. Beerdigt wurde Julia Pfeifer aus Haus Nr. 141. Am 27. August 1892 wurde die Leichenhalle mit einer Glocke ausgestattet, die von Robert Zelsmann aus Reichenberg geliefert wurde. Die Glocke ist zum ersten Mal bei der Beerdigung von Teresia Preibisch aus Haus Nr. 48 geläutet worden. Ein Jahr nach der Gründung des Friedhofs - im September 1892 - kaufte der Fabrikant Franz Neuhäuser die erste Gruftstelle.

Für die Wiederherstellung dieser Gruftkapelle, die sich jahrelang in einem erbärmlichen Zustand befunden und um die sich niemand gekümmert hatte und die nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei in Vergessenheit geraten war, setzte sich der Bürgerverein „Živo v Hájích“ (Leben in Buschullersdorf) ein. Außer der Gruftkapelle segnete Pfarrer Pavel Andrš noch fünf deutsche Gräber der Familien Köhler und Endler. 

Der Verein hatte mit der Friedhofssanierung einen Beitrag zur tschechisch-deutschen Aussöhnung geleistet, die nach wie vor ein aktuelles Thema ist. Der 2013 von der Buschullersdorfer Chronistin und stellvertretenden Bürgermeisterin Jiřina Vávrová mitbegründete Verein organisiert seit dieser Zeit kulturelle Veranstaltungen und versucht, Buschullersdorf zu verschönern.

Die Sanierung der Gruftkapelle begann 2016 und war bis jetzt das größte Projekt des Vereins. Die Gemeinde Buschullersdorf, die tschechisch Oldřichov v Hájích heißt, befindet sich im Isergebirge, neun Kilometer nördlich von Reichenberg und hat rund 800 Einwoh-ner. Durch den Ort fuhrt die Straße von Reichenberg über Einsiedel nach Friedland und Raspenau. Der kleine Ort, dessen Geschichte man bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen kann, war Bestandteil der ehemaligen Herrschaft Friedland in Nordböhmen.

Pfarrer Pavel Andrš dankte der Feuerwehr und den vielen freiwilligen Helfern, die daran beteiligt waren, die Gruftkapelle in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen. Nachdem Pfarrer Andrš die nahezu 60 Besucher begrüßt hatte, erläuterte Vizebürgermeisterin Vávrová die Geschichte der Gruft. Trotz der seit Tagen herrschenden Kälte drängelten sich die vielen Besucher auf dem Platz vor der Gruft. Anschließend gab es für sie warmen Kaffee, Tee und Kuchen.

Glücklicherweise steht die Gruftkapelle - ein Vermächtnis von Menschen, die hier vor vielen Jahren gelebt haben - nicht unter Denkmalschutz. Sie ist Eigentum der Gemeinde. Der Verein hat sie von der Gemeinde für einen symbolischen Preis von einer Krone, für die Dauer von zehn Jahren, gemietet. „Ich glaube, dass die Gemeinde froh war, dass sie sich nicht mit der Renovierung befassen muss. Offenbar hat man erwartet, dass die Gruft eines Tages einstürzt oder dass sie jemand renoviert. Die Renovierungsarbeiten hat der Verein übernommen und traf eine Vereinbarung mit der Freiwilligen Feuerwehr, die uns half, weil der erste Kommandant der örtlichen Feuerwehr in dieser Gruft beerdigt wurde. Unter den Feuerwehrhelfern befanden sich auch Zimmerleute und Dachdecker, sodass die Gruft im Jahr 2017 ein neues Dach bekam. In den folgenden Jahren wurden der Innen- und Außenputz und der Innenstuck erneuert und die Reinigung der Umgebung durchgeführt“, sagte Jiřina Vávrová. 

Nachdem das Kupferdach von der Gruftkapelle gestohlen worden war, drohte das Gebäude einzustürzen. Ziel des Vereins war es, den weiteren Verfall zu verhindern. Im Dezember 2015 wurde das Dach der Gruftkapelle vorübergehend mit einer Plane abgedeckt.

„Wir können nicht so tun, als ob die deutschen Bewohner nie hier gelebt hätten. Es scheint menschenunwürdig, dass die Grabsteine der verstorbenen ehemaligen deutschen Einwohner in den Brennnesseln liegen und man darauf wartet, dass die Gruft des ersten Kommandanten der örtlichen Feuerwehr, Franz Neuhäuser, eines Tages einstürzt“, bedauerte die Chronistin Jiřina Vávrová.

An der Seite seiner Frau Thekla Berger, geborene Neuhäuser, die wegen ihrer Krankheit jahrelang besonders pflegebedürftig gewesen war und am 2. Dezember 1931 in ihrem 76. Lebensjahr starb, fand in der Familiengruft auch Franz Berger, der Kretscham- oder Dorfgasthofbesitzer, seine letzte Ruhe. Am 2. November 1937 hatte er noch im Kreis seiner Kinder und Enkel frisch und seinem Alter angemessen seinen 90. Geburtstag feiern können. Anlässlich des besonderen Geburtstags bekam der Jubilar an diesem Tag viele Glückwünsche.

Kurze Zeit danach - am 21. November 1937 - ist er seiner Frau Thekla, nach fast sechs Jahren, in die Ewigkeit gefolgt. Auf den zwei schwarzen Glasplatten, die sich an der Wand in der Grabkapelle befinden, sind die fünf Namen der Verstorbenen vermerkt, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Thekla Neuhauser, geborene Kretschmer (†7. Februar 1901), Franz Neuhäuser (*1825, †17. Dezember 1903), Richard Berger (*27. April 1914, †13. Dezember 1916), Thekla Berger, geborene Neuhäuser (*11. Juli 1856, †2. Dezember 1931) und Franz Berger (*2. November 1847, †21. November 1937).

Bei den Zinksärgen sind teilweise Beschädigungen erkennbar. Nach dem Krieg wurden viele deutsche Grüfte aufgebrochen, die Särge aufgerissen und die Leichen ausgeplündert. Die Spuren, die man bei der Eröffnung der Gruft entdeckte, lassen vermuten, dass auch in Buschullersdorf Diebe am Werk waren.

Franz Neuhäuser                                                                                                             

Der erste Verein, der in Buschullersdof ins Leben trat, war die Freiwillige Feuerwehr, die im März 1871 gegründet wurde. Die Anregung zur Gründung der Feuerwehr gaben Ferdinand Köhler aus Haus Nr. 184, Franz Neuhäuser aus Haus Nr. 6, Josef Peuker aus Haus Nr. 5, Karl Neuhäuser aus Haus Nr. 88 und Wilhelm Neuhäuser aus Haus Nr. 149. Mit einem Umlaufzettel zum Beitritt aufgefordert, meldeten sich in kurzer Zeit 70 Mann. Franz Neuhäuser wurde zum ersten Kommandanten gewählt. Er war ein prominenter und bedeutender Bürger und Geschäftsmann. Am 30. August 1896 feierte der Feuerwehrverein 25-jähriges, am 27. August 1911 40-jähriges, 1921 50-jähriges und am 7. Juni 1931 60-jähriges Bestandsfest.

Franz Berger

Wie damals berichtet wurde, war auch der Name Franz Berger nicht nur bei der damaligen Bevölkerung des Ortes, sondern auch im Bezirk Friedland ein bekannter Begriff. Heute kennt kaum jemand sein Schicksal. Seine Arbeit erstreckte sich nicht nur auf seinen Wohnort. Auch im öffentlichen Leben war er vielseitig tätig. Berger war jahrelang Mitglied der Bezirksvertretung und Mitglied mehrerer Berufsgenossenschaften und Organisationen. Auch im Verband der Feuerwehr war er ein äußerst aktiver Funktionär. Berger war Besitzer des Kretschams in Buschullersdorf, wohin er eingeheiratet hatte. Zuvor – am 3. April 1862 – hatte der Fabrikbesitzer Franz Neuhauser aus Haus Nr. 161, den Kretscham gekauft.

1904 überließ er den Kretscham mit der Gartenwirtschaft in Nr. 85 seiner am 11. Juli 1856 in Buschullersdorf geborenen Tochter Thekla, verehelichte Berger († 2. Dezember 1931), und deren am 24. November 1879 angetrauten Gatten Franz Berger. Dieser war am 1. November 1847 in Philippsgrund Nr. 4 als Sohn des am 18. Dezember 1873 verstorbenen dortigen Kretscham-Pächters  Franz Berger und dessen Frau Theresia, geborene Prokop aus Friedland, zur Welt gekommen. Nach der Eingliederung der Gemeinde Buschullersdorf in den Bezirk Reichenberg machte er sich auch dort nützlich. 

Berger war auch ein verdienter Feuerwehrveteran. Seit 1872 war er Mitglied der Feuerwehr Buschullersdorf, deren Ehren-Verwaltungsratsmitglied er war, und diente ihr 65 Jahre und zehn Monate. Wahrend dieser Zeit war er ein aktiver Förderer des Feuerwehr- und Rettungswesens. Auch der Bezirks-Feuerwehrverband Friedland, dessen Ausschussmitglied er durch Jahrzehnte war, ernannte Berger zum Ehrenausschussmitglied.

Aufgrund der bewilligten Satzungsänderung fand am Kommandantentag, am 21. Februar 1904, in Friedland die Neuwahl des Verbandsausschusses der Feuerwehr statt, bei der auch Franz Berger gewählt wurde. Der Landesverband für Feuerwehr und Rettungswesen überreichte ihm in Würdigung seiner Verdienste Ehrenabzeichen für 25, 40, 50 und 60 Jahre Treue. Aber auch in der Gemeindevertretung, in verschiedenen Gemeindekommissionen, im Turnverein, im Kameradschaftsverein und im Bund der Deutschen war er tätig. Besonders die Raiffeisenkasse, deren Obmannstellvertreter Berger 28 Jahre lang war, fand in ihm einen Förderer und Mitarbeiter. Sein ältester Sohn Richard fiel am 8. August 1917 an der russischen Front. Sein Name steht auf dem Gefallenendenkmal, das sich auch auf dem Friedhof gegenüber der Gruftkapelle befindet.

Die Mitglieder des Vereines waren sich einig gewesen, dass die Würde dieser Gruftkapelle, die ein Schandfleck auf dem örtlichen Friedhof gewesen war, wieder hergestellt werden müsse. Die Gruft bekam ihr ursprüngliches Aussehen zurück. Den Eingang schützt jetzt ein verschließbares Eisengitter. An die ursprüngliche deutschsprachige Bevölkerung, die das wirtschaftliche und kulturelle Leben in diesen Regionen bedeutend mitprägte, erinnern heute nur noch die Gruftkapelle und die wenigen Gräber mit der deutschen Schrift, die sich an der Friedhofsmauer befinden.

Nach dem letzten Transport der Vertriebenen im Oktober 1946 sind von den ursprünglich 1500 Einwohnern nur noch etwa 15 deutsche Familien im Dorf geblieben. Auf dem einst deutschen Friedhof zerstörten Kinder im Jahr 1967 insgesamt 116 deutsche Gräber. In den siebziger Jahren wurden die Reste der Gräber von dem Friedhof entfernt.

Dem Verein ging es nicht nur darum, den Friedhof schön aussehen zu lassen. Mit der Renovierung der Gruftkapelle gelang ihm auch, ein Stück unserer Heimatgeschichte zu erhalten. Die Renovierung bot auch die Gelegenheit, die Nachkriegsgeschichte in Buschullersdorf aufzuarbeiten und die ursprünglichen Vertriebenen mit den neuen Bewohnern zu verbinden. Jeder, der den Friedhof besucht, ist erstaunt über die großartige Arbeit, die der Verein hier leistete.

Dass die Gruftkapelle heute sorgfältig restauriert ist und von weitem strahlt, das ist vor allem dem Bürgerverein Leben in Buschullersdorf und der stellvertretenden Bürgermeisterin Jiřina Vávrová zu verdanken. Als Nächstes ist die Sanierung der Friedhofsmauer eingeplant.                                                                                      

Bildnachweis:
Stanislav Beran
prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Sport, Fußball | 3. Dezember 2022, 15:13 Uhr
Dramen des Vorrundenendes / Von Gerd Lemke

Prag - Der letzte Vorrundenspieltag hat der Wett-Mafia mit seinen Überraschungen satte Gewinne beschert: Frankreich – Tunesien 0:1; Brasilien – Kamerun 0:1; Portugal – Südkorea 1:2; Spanien – Japan 1:2. Auch die Liste der Ausgeschiedenen ist prominent besetzt: Deutschland, Belgien, Uruguay, alle drei nach großen Dramen. Lukaku hatte mehrfach den erlösenden Treffer auf Fuß, Kopf oder Brust, doch alle Körperteile versagten ihren Dienst. Es gibt so Tage, da will einfach nichts gelingen.

Uruguay vom Schiri verpfiffen

Dann Uruguay: Deutschlands Schiedsrichter Siebert wollte die Linie partout nicht einhalten, die er mit dem ersten Elfmeter für Ghana gesetzt hatte. Für Uruguays Stürmer galten schlicht andere Härtegrade. Beim Foul an Nunez wollte er als einziger Unbefangener auf diesem Planeten eine Ballberührung des Verteidigers gesehen haben, bei dessen eingesprungener großen Außensichel, an sich schon eine unsauber ausgeführte Technik einer anderen Sportart, die im Fußball geahndet gehört. Die Szene in der Nachspielzeit schaute er sich aus Sicherheitsgründen erst gar nicht mehr am Monitor an, als ein ghanaischer Verteidiger den enteilenden Cavani in die Hacke tritt. Sicher keine Absicht, aber eben ein Foul. Schiedsrichter, wir wissen, wo dein Auto steht... Um dieses eine Tor ist Uruguay zu Gunsten von Südkorea ausgeschieden.

DFB-Chef kündigt schonungslose Aufarbeitung an

Zu Deutschland ist alles gesagt, selbes Ergebnis wie bei der Heim-Vorrunde letzten Sommer (Sieg, Niederlage, Unentschieden bei 6:5 Toren), diesmal aber ohne Weiterkommen. DFB-Chef Neuendorf (oder wie der heißt, die wechseln mir in letzter Zeit zu oft, um mein Langzeitgedächtnis mit diesen Namen zu belasten) kündigt eine schonungslose, ergebnisoffene, zeitnahe Aufarbeitung an, bei der personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen sind. Wir warten schon mit Hochspannung, die Medien haben sich auf Bierhoff eingeschossen, leise Kritik wird sogar an Denkmal Neuer laut. Es wird doch nicht etwa zu einem Umbruch kommen? Müller zumindest hat sich schon mal eindeutig positioniert: Er hat seinen Rücktritt angedeutet und diese Entscheidung später nochmals relativiert. Wenn da nicht jemand mal Konsequenzen gezogen hat. Sicherlich kein Thema der Aufarbeitung. Die Bayern-Spezeln-Wirtschaft in der Nationalelf.

Polen rettet Europas Vorrang

Der letzte Vorrundenspieltag bot reichlich Spannung und dank Polen kann Europa seine Dominanz aufrechterhalten (acht von 16 Mannschaften im Achtelfinale). Weltfußballer Lewandoswki spielte dabei gar keine Rolle, das Weiterkommen verdankt Polen ausschließlich Torwart Szczesny (zwei gehaltene Elfmeter, dabei einen von Messi!) und dem Unvermögen Mexikos, mehr Tore zu schießen. Dann gab es noch die üblichen Taktierereien der Teams, welche die nächste Runde schon erreicht hatten. Ersatzmannschaften, die mehr oder weniger motiviert ihre Stiefel herunterspielen. Im Fall von Frankreich ohne Auswirkungen auf die anderen Mannschaften, im Fall von Portugal und Spanien dürften neue Fanfeindschaften (Uruguay – Portugal; Deutschland – Spanien) gestiftet worden sein.

Sind Araber solidarisch oder neidisch?

Saudi Arabien ist trotz des sensationellen Auftaktsiegs gegen Argentinien ausgeschieden und so werden wir leider die Frage nicht beantworten können: Gibt es Solidarität zwischen den arabischen Nachbarn oder überwiegt der Neid gegen deren Erfolge?

Ein Blick auf den weiteren Turnierverlauf: Ein Endspiel Frankreich – Brasilien ist möglich, dabei könnte der Titelverteidiger auf England und Spanien treffen. Brasiliens größte Konkurrenten sind Argentinien und die Niederlande. Wenn es jedoch ganz ungewöhnlich läuft, spielen Japan und Südkorea gegeneinander einen Halbfinalisten aus. Oder die USA und Australien.

Potentielles Viertelfinale

Das Viertelfinale, falls sich alle Favoriten durchsetzen, könnte dann so aussehen: Argentinien – Niederlande; Brasilien – Kroatien; Frankreich – England; Spanien – Portugal. Infantinos Feldzug gegen Europa wäre dann doch auf halber Strecke zum Erliegen gekommen. Wir erinnern: Der FIFA-Boss möchte die WM alle zwei Jahre ausrichten, was vor allem bei der UEFA auf größten Widerstand stößt. Die Sache scheint zunächst vom Tisch. Doch Infantino, neu-Einwohner von Katar, hat Europa unlängst 3000 Jahre Maul-Halten anempfohlen.

Die Blaupause ist gelegt: Bei pfleglichem Umgang können die mobilen Stadien von Katar problemlos in anderen Ländern aufgestellt werden, Weltmeisterschaft im Tschad, der Mongolei oder im Südpazifik sind logistisch kein Problem mehr. Der störende Teil, die physisch anwesenden Fans, lassen sich täuschend echt auf die Ränge morphen. Der letzte, finale Schritt ist dann noch das Ersetzen der Spieler durch Hologramme. Das Fernsehen zeigt durch Zufallsgeneratoren simulierte Spielzüge und der Endverbraucher lässt sich von Servicerobotern vor das Endgerät schnallen, wird an eine Aufmerksamkeitskontrolle angeschlossen und per Gesetz verpflichtet, an mindestens drei Gewinnspielen teilzunehmen. Das nennt sich dann Infantinos neue, schöne Welt. (gl)

prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Sport, Fußball | 2. Dezember 2022, 23:08 Uhr
Deutschland scheidet bei der Fußball WM wieder in der Vorrunde aus - einige aufmunternde Worte zum Abschied / Von Gerd Lemke

Prag - Kopf hoch, Jungs! Das sah doch schon viel besser aus als vor vier Jahren. Und einen Punkt mehr habt ihr in der Vorrunde auch geholt. Es geht aufwärts! Und erst das Torverhältnis, das ist sogar positiv! 6:5. Ich sehe das Projektteam Deutschland EM 24 auf einem guten Weg.

Klar, fünf Gegentore in drei Spielen, das sind auf eine Bundesligasaison hochgerechnet 56 bis 57, entspricht dem Niveau des FC Augsburg in der vergangenen Saison. Aber bei einer WM erreichen nicht alle Teilnehmer Bundesliga-Niveau. Und vielleicht hat das Projektteam Deutschland EM 24 in zwei Jahren auch einen besseren Torwart. Es ist sicher eine ehrenwerte Sache, Alter und Erfahrung einbringen zu wollen, doch ich plädiere für die Rente mit 36 bei Profifußballern. Zumindest auf Bundesebene, wie die Privatwirtschaft das handhabt, bleibt selbstverständlich ihr selbst überlassen. Deutschland, ewig Torwartland, hat im Kasten ein Problem, nämlich dasselbe wie letzte WM, nur eben um vier Jahre angewachsen.

Kein public viewing in Prag

Ich habe übrigens den grandiosen und überaus verdienten Sieg gegen Costa Rica zu Hause am Computer geschaut. Public viewing ist bei dieser WM nicht so angesagt. Mein einziger Versuch in dieser Hinsicht, vergangenen Sonntag beim Spiel Spanien gegen das Projektteam Deutschland EM 24, endete in einem Fiasko. Wie bei so vielen Turnieren zuvor begab ich mich in Freds Bar, wenn auch diesmal mit sehr gemischten Gefühlen. Die Bar war äußerst übersichtlich besetzt, an der Theke stand fromage-Gael, der diese WM aus Prinzip boykottiert. Und pünktlich zum Anpfiff auch schon weg war. Bevor ich es mir noch recht überlegt hatte, ob ich bleiben sollte, stand bereits ein Bier vor mir. Immerhin, die Barfrau fieberte als halbe Spanierin bei diesem Spiel ab und an mit, wenn die Arbeit hinter der Bar es ihr erlaubte.

Amerika schießt quer

Leider saß auch Radio Jason in der Ecke, das hätte mich warnen sollen. Der Propaganda-Sender der amerikanischen Blasiertheit und Überheblichkeit sendete ununterbrochen sein anti-WM Programm, abwechselnd in mehreren Sprachen mit derselben Botschaft: Dem Sandmann muss man eine Lektion erteilen. Fußball ist etwas für Homosexuelle und Weicheier. Wir haben es dem Sandmann beim 0:0 gegen England gezeigt: So geht Boykott. Radio Jason war auf Endlosschleife gestellt, gegen die 3, 4 Promille, die die Leitfähigkeit der Synapsen im Zentralrechner blockierte, kämpfte ich erst gar nicht an. So lange das Spiel zweier hoch bemühter Mannschaften torlos hin und her ging, schaffte ich es noch, die Propagandamaschine zu überhören.

Plötzlich Fußballfieber

In der Halbzeit wollte ich eigentlich weg, doch das gerade erst angetrunkene zweite Bier war mit zu schade. Als dann das Tor der Spanier fiel, überfiel mich das Fußballfieber, das mich erstmals bei dieser WM am Mittag ergriffen hatte, als ich die letzten Minuten mit Costa Rica gegen Japan mitgefiebert hatte - unbeachtet auf einem Weihnachtsmarkt, mit einem schlauen Telefon in der Hand. Fromage-Gael hatte es nicht fassen können, dass ich mich für dieses Spiel begeisterte. „Sowas schaust du dir an?“ - „Aber das ist wichtig für Deutschland!“ Das wiederum hatte er verstanden und sich wieder der Vorbereitung des Raclette-Apparats gewidmet.

Nun fieberte ich also wieder am Abend und wäre geblieben, wenn ich dieses verdammte Radio Jason nur hätte abstellen können. Da ich gegen Gewaltanwendung bin, wählte ich diesmal Deeskalation und Rückzug, trank schnell aus, zahlte und eilte nach Hause, wo mich auf dem Computerbildschirm neue Spieler erwarteten. Einer jener mit dem poetischen Namen Füllkrug traf ganz prosaisch ins Tor. Das Projektteam Deutschland EM 24 ging diesmal nicht als Verlierer vom Platz und hatte noch berechtigte Hoffnungen auf ein glückliches Ende.

Fußball am Rande

Katar 2022 ist keine WM für public viewing, Ich verbringe die WM-Spiele bei der Arbeit, wenn es geht, läuft das schlaue Telefon oder der Computer tonlos nebenher. So habe ich schon viele Tore verpasst, die immer dann zu fallen scheinen, wenn ich just nicht hinschaue. Manchmal weiß ich auch gar nicht, wer eigentlich spielt, dann spielt eben Rot gegen Weiß und wenn die Gegner etwa Tunesien und Dänemark heißen, brauche ich das halbe Spiel um herauszubekommen, wer in Weiß und wer in Rot spielt. In jenem Fall war das aber auch egal, da sowieso kein Tor fiel. Oder die Niederlage des Projektteams Deutschland EM 24 gegen Japan, die tat ich mit einem Achselzucken ab und wendete mich wieder den zu bearbeitenden E-Mails zu.

Heimliches Schauen

Ich schaue aber immerhin nicht mehr verschämt, heimlich, wie zu Anfang. Irgendwo in der Ecke der Metro, mit dem schlauen Telefon, das so schlau ist, mir in Prag zu sagen, dass ich in diesem Land nicht befugt bin, den livestream des Tschechischen Fernsehens zu verfolgen. Unterwegs, in der Metro, bin ich mit dem schlauen Telefon und seiner deutschen Nummer auf exterritorialem Gebiet. Aus Diskretion schalte ich den Ton aber ganz ab. Einer der beiden deutschen öffentlich-rechtlichen Sender hat Hanno Balitsch als Sachverständigen der Kommentatorin beigegeben. Ich kann mich leider nicht erinnern, ob Balitsch es auch mal zu einer WM geschafft hat. Wo hat der überhaupt gespielt? Leverkusen? Unter Triefnase Daum, dem fast-Bundestrainer in der dunkelsten Zeit des Nationalmannschaftsfußballs? Ging jemals ein Raunen durch das Stadion, wenn sich Balitsch von der Ersatzbank erhob? Der Hanno macht sich warm, jetzt kommt die Wende. Ich erinnere mich nicht, finde das Thema aber zu belanglos zum Nachgoogeln.

Der alte Trott gegen Japan

Dass das Projektteam Deutschland EM 24 gegen Japan verliert, hatte ich nicht erwartet, ich dachte, das Team wäre über diese Projektphase hinaus. Verwundert hat es mich nach dem Spielverlauf aber auch nicht, die alten Fehler sind noch nicht überwunden. Wenn Immer-für-einen-Elfmeter-Gut Schlotterbeck in der Abwehr spielt, bin ich auf alles gefasst. Der Mann wusste bereits bei seinem letzten Spiel für den SC Freiburg, dass er den größten Fehler seines Lebens macht, nämlich zu Karriereknick-Dortmund in die Schweizer-Käse-Abwehr zu wechseln. Seitdem spielt der Mann Champions League und ist leistungsmäßig kein Kandidat mehr für das Projektteam Deutschland EM 24. Oder vielleicht gerade deshalb, denn das Entwicklungspotential hat sich durch den unsachgemäßen Gebrauch von Talent schlagartig erhöht.

Keine fake news: Müller Mittelstürmer

Nach dem Japan-Spiel geisterte die unsägliche Idee, Müller Mittelstürmer spielen zu lassen, durch die digitalen Gazetten. Ich hielt diesen alten Hut für eine Nebelkerze des Trainers, um seine wahren Absichten zu verschleiern. Das hatte ja sein Vorgänger (der in der arabischen Übersetzung Assad heißt), dem der jetzige Trainer in der Anfangszeit noch assistierend zur Seite gestanden hatte, schon erfolglos ausprobiert. Jahre ist das her, als für manche Spiele außer Kießling kein Mittelstürmer mit akzeptabler Trefferquote zur Verfügung stand. Klose verletzt oder nach dem Karriereende, Gomez verletzt oder völlig außer Form, Kuranyi verbannt und in Moskau kaltgestellt. Außer Kießling keiner da, da musste man schon zu Notnagel-Müller greifen, um den Leverkusener weiter ignorieren zu können.

Schon im Spiel gegen Japan hatte ich das Gefühl, Projektleiter Flick macht den Löw und inszeniert dieselbe Dramaturgie wie der späte Löw: Drückende Feldüberlegenheit, beeindruckende Ballbesitzwerte, hauchdünne Vorsprünge, was durch unmotivierte Auswechslungen zu einem hochdramatischen Finale gesteigert wird. Das ist gut für die Aufmerksamkeitsökonomie, so hält man die Zuschauer bis zum Ende am Fernsehapparat oder schlauen Telefon, die bei einer beruhigenden Führung frühzeitig zum Tagesgeschäft übergegangen wären. Und nun noch der doppelte Müller als stumpfe Spitze, mehr handycap kann man dem eigenen Team eigentlich nicht auferlegen, um Lernschritte zu erzwingen. Vor allem im Spiel gegen Costa Rica, wo es doch klar war, dass man mit möglichst vielen frühen Toren die Spanier im Parallelspiel wach halten musste, damit die das Spiel gegen Japan nicht herschenken.

Schnelles Tor

Zehn Minuten brauchte das Projektteam Deutschland EM 24 für das erste Tor, wenn es in dem Tempo so weitergegangen wäre, hätte das mit dem aufzuholenden Torverhältnis gegenüber Spanien geklappt. Ging es aber nicht, niemand war fähig, eine Lücke im überbevölkerten Strafraum zu finden. Zum Schluss der ersten Halbzeit zeigte sich das Projektteam Deutschland EM 24 generös und ließ den Gegner auch mal aufs Tor schießen. Diesmal hielt der Torwart noch.

Champions Laegue Fußball gegen Zweite Liga

Ich dachte mir dabei nur: Verstehen die Spieler das denn einfach nicht, sie spielen hier nicht Champions League, sondern gegen einen Gegner, den man mit dem Bielefeld der vergangenen Bundesliga-Saison vergleichen kann: solide kämpfend und verteidigend bei bescheidenen spielerischen Mitteln. Wenn man dort den Schienbeinslalom mit doppelt eingedrehter Pirouette macht (natürlich mit Ball), hat der Gegenspieler noch nicht auf die erste Finte reagiert, wenn man mit der zweiten wieder am Ausgangspunkt zurückgelangt ist. Da steht er dann immer noch, der Gegenspieler, weil er sich weigert, all die spielerischen Finessen zu begreifen und die Bewegungen mitzumachen. Was nützt der dreifache Doppelpass mit anschließender Spielverlagerung, wenn die Gegenspieler einfach nicht mitverlagern, sondern stoisch im Fünfmeterraum warten? Die besten Kombinationen, um eine Abseitsfalle zu überspielen, nützen nichts, wenn der Gegner gar nicht auf Abseits spielt.

Trotzdem, Kopf hoch, Jungs! Gegen bessere Mannschaften funktionieren all die fein ausgeklügelten Manöver dann auch. In den Spielen, in denen es dann gilt.

Die Bundesliga macht Hoffnung

Wie man hört, wird die Bundesliga ja immer schlechter und deutsche Spieler sind nicht mehr so gefragt in der Premier League. Wenn jetzt doch die Superliga für Vereinsfußball auf Europaebene kommt und sich Bayern München endlich aus der Bundesliga verabschiedet, ist das die Chance für den deutschen Fußball. Dann kann das Projektteam Deutschland EM 24 wieder von Mannschaften wie Frankfurt und Freiburg lernen, wie man soliden Fußball spielt und Erfolge einfährt. Dort spielen übrigens zwei Japaner, die nach dem Sieg gegen Spaniern als Gruppensieger ins Achtelfinale einzieht.

Zum Schluss des Workshops für Mitarbeiter noch eine feine Geste des Projektleiters Flick: Endlich ließ er den langjährig zuverlässigen, aber nie beförderten Mitarbeiter von der letzten Reihe, Ginter, auch mal auf der großen Bühne auftreten, wenn auch nur kurz und nach der großen show. Das gibt diesem sicherlich das Gefühl, weiterhin gebraucht zu werden und sich die innere Kündigung nochmals zu überlegen.

Die Schuld von 1982 beglichen

Und noch ein dickes Lob für das Projektteam Deutschland EM 24. Immerhin habt ihr während des Spiels gute Miene zum bösen Spiel gemacht und seid nicht in den Zynismus-Modus verfallen, Costa Rica den Sieg zu schenken und Spanien beim Ausscheiden mitzureißen. Das war der so lange verschobene Dank für die WM 1982, Zwischenrunde Dreiergruppe mit England, Spanien und Deutschland (West). Nun ist diese Schuld, die die zynischste, leider damit aber auch erfolgreiche westdeutsche Nationalelf vor über 40 Jahren dem Projektteam Deutschland EM 24 aufgeladen hat, endlich abgegolten. Jetzt ist der Weg frei, Jungs, jetzt dürft auch ihr wieder ergebnisorientierten statt ballorientierten Fußball spielen, dürft einen Gegner auch mal gewinnen lassen, wenn es dem eigenen Erfolg nützt, und braucht nie wieder an die Anständigkeit und Fairness zu appellieren, an die Menschenrechte und Menschenwürde, an den Fairnessgedanken oder an die Ethikkommission denken, wenn das Runde ins Eckige muss, egal wie.

Auf zur EM 2024

Also, Kopf hoch, Jungs, zurück in das kalte vorweihnachtliche Deutschland und fleißig weiterüben. Bis Januar ist für die meisten erst Mal Pause, da hat man Zeit, an den Grundlagen zu feilen, im Sommer ist dann auch mal wieder Pause und im Sommer danach die Heim-EM. Dann zählt es, dann sollte das Projektteam Deutschland EM 24 zum echten Flick-Werk gereift sein. (gl)