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prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Wirtschaft, Unternehmen | 2.10.2020
Personalsuche bleibt weiterhin anspruchsvoll / Von Christian Seidl

Prag - Die Corona-Krise hat auch vor Tschechien – einem der Wachstumsmotoren der europäischen Wirtschaft in letzten Jahren schlechthin – nicht halt gemacht, wie auch vor den anderen Visegrád-Staaten (Polen, Ungarn und der Slowakei) sowie Rumänien. Betroffen sind vor allem, wie andernorts auch, der Dienstleistungssektor (die Gastronomie, der Tourismus und die Luftfahrt verzeichneten teilweise ein Minus von über 80 % im Vergleich zum Vorjahr) und die Industrie, allen voran die Automobil- und Automobilzulieferindustrie als wichtigstem Industriezweig der tschechischen Wirtschaft.

Bislang steuerte Tschechien dem relativ gut entgegen, auch die sehr frühen und rigorosen Maßnahmen der Regierung zeigten hier rasch Wirkung. Mit weitreichenden Eingriffen in die Industrie, wie Produktionsverboten, hat man sich (im Gegensatz zu Italien oder Spanien) relativ zurückgehalten, weshalb sich der Rückgang in den meisten Industriezweigen in Tschechien, abgesehen von der Automobil- und Automobilzulieferindustrie, doch in Grenzen hielt. Schätzungen zufolge dürfte der Rückgang der Wirtschaftskraft in Tschechien für 2020 zwischen 5,6 und 8,2 % im Vergleich zum Vorjahresniveau liegen. 

Gegen Ende des ersten Halbjahres 2020 begann sich eine erste Erholung der Wirtschaft abzuzeichnen. Ein wichtiges Signal setzten hier die Automobilhersteller, welche an den fünf in Tschechien angesiedelten Werken (die drei Škoda-Standorte und das Hyundai-Werk seit Ende April, TPCA folgte Ende Mai) die Produktion, wenn auch noch nicht in vollem Umfange, wieder aufnahmen.

Aktuelle Situation am tschechischen Arbeitsmarkt

Die Auswirkungen sind auch am tschechischen Arbeitsmarkt zwar nicht spurlos vorübergegangen, dennoch sind dramatische Entwicklungen bisher ausgeblieben.

Die Arbeitslosenquote ist stabil und markierte im August 2020 mit (wie schon zuvor im Juli) 3,8 % zwar den höchsten Wert seit Anfang 2018. Zu Jahresbeginn aber, also noch vor Ausbruch von Corona, lag die Quote bei 3,1 %. Trotz allem ist der Anstieg der allgemeinen Arbeitslosigkeit in Tschechien somit bei weitem nicht so stark ausgefallen wie vermutet.

Damit steht Tschechien – auch im internationalen Vergleich – immer noch sehr gut da, weiterhin weist Tschechien die niedrigste Arbeitslosenquote in der gesamten EU auf (EU-Durchschnitt laut Eurostat im Juli 2020 ohne GB 7,2 %; im Vergleich dazu Deutschland 6,3 %). Den knapp 280.000 registrierten Arbeitsuchenden standen im Juli 2020 über 334.000 offene Stellen in Tschechien gegenüber. 

Von einer Entspannung des – insbesondere für qualifizierte Fach- und Führungskräfte – seit langem überhitzten tschechischen Arbeitsmarktes infolge der aktuellen Situation kann somit nicht die Rede sein. Und das ist auch weiterhin nicht zu erwarten.

Personalsuche: Headhunting und Executive Search als bewährte Mittel 

Hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte bleiben, wie schon in der Finanzkrise von 2009, auf dem tschechischen Arbeitsmarkt „Mangelware“ und sind in kaum nennenswert höherem Maße frei verfügbar. Die aktuelle Entwicklung hat die Wechselbereitschaft potentieller Kandidaten für Fach- und Führungspositionen weiter beeinträchtigt.

Nach wie vor müssen diese gezielt gesucht und abgeworben werden. Eine Personalsuche über Anzeigen bringt (nicht nur) in Tschechien selten den gewünschten Erfolg, längst greifen die Unternehmen auf professionelle Personaldienstleister, Personalberater und Headhunter zurück. 

Toppositionen im Management werden ohnehin fast ausschließlich extern über einen Headhunter oder eine Personalagentur besetzt. Das gilt mittlerweile auch für einen Großteil der Positionen in Vertrieb, Produktion und Administration in der Hierarchieebene darunter und für qualifizierte Fachkräfte, ebenso wie für technische Berufe und IT-Spezialisten. Daran hat sich aktuell kaum etwas geändert.

Im Niedriglohnsegment bleibt vorerst noch abzuwarten, ob im weiteren eine spürbare Entlastung für die Industrie eintritt. Bislang sind die zuvor erheblichen Engpässe bei gewerblichem Personal und Leiharbeitern, welche man - in der Regel mit Unterstützung durch eine Personalvermittlung - zunächst mit Arbeitskräften aus Rumänien und Bulgarien sowie zuletzt vermehrt aus der Ukraine abzudecken suchte, noch nicht überwunden.

Mitarbeiter gewinnen und halten – schon bei der Personalsuche ist Kreativität gefragt

Bei der professionellen Personalsuche in Tschechien müssen sich Arbeitgeber, sofern sie im Buhlen um die besten Köpfe nicht leer ausgehen wollen, flexibel zeigen. Die Krise fördert eine Haltung nach dem Motto "Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach". Aus Bewerbersicht ist dies absolut nachvollziehbar.

Topkandidaten sind sich ihres Marktwerts bewusst und wägen heute eine Entscheidung zum Wechsel sehr genau ab. Der potentielle Arbeitgeber wird eingehend unter die Lupe genommen. Wer sich hier nicht als starkes Unternehmen mit solider Basis und entsprechenden Perspektiven im Markt präsentieren kann, wird offene Stellen kaum mit den gewünschten Bewerbern besetzen können.

Auch die Annahme, Fach- und Führungskräfte könne man nun "günstiger einkaufen", erweist sich als Fehleinschätzung. Im Gegenteil sind die Unternehmen gefragt, den Kandidaten neben weiterhin attraktiven Konditionen auch zusätzliche Anreize für einen Wechsel zu bieten. Möglichkeiten bestehen u.a. im Wegfall der Probezeit oder in flexiblen Arbeitszeiten mit Option auf Home-Office-Tage. Manche Firmen sind auch bereit, einen "signing bonus" bei Vertragsunterzeichnung zu zahlen.

Insbesondere in Auslandsmärkten tritt die Bedeutung von Führung und Betreuung durch die Zentrale als Instrument der Mitarbeiterbindung in den Vordergrund. Eine intensive und empathische Kommunikation und Führung durch Vorgesetzte ist nicht zu unterschätzen. Vorausschauende Unternehmer werden alles daran setzen, die einmal mühsam gewonnenen Fach- und Führungskräfte auch dauerhaft zu halten, denn mit anziehender Konjunktur wird auch der Fachkräftemangel schnell wieder deutlicher zutage treten.

Das fängt schon beim Bewerbungsprozess an. Ein persönlicher Anruf der Geschäftsführung bei einem begehrten Kandidaten kann als Zeichen der Wertschätzung durchaus eine Entscheidung positiv beeinflussen.

In wirtschaftlich angespannten Zeiten zeigt sich nicht nur der wahre Wert eines Mitarbeiters – es offenbart sich auch, welche Wertschätzung die Angestellten eines Unternehmens erfahren. Arbeitgeber, die auch in turbulenten Situationen den Blick für ihre Angestellten nicht verlieren, werden langfristig von der Loyalität und dem Engagement der Mitarbeiter profitieren. (chs)

 

Der Autor

Christian Seidl ist Headhunter bei der deutschen Personalberatung SCHERL & PARTNER, GmbH – Executive Search, Personalsuche und Personalvermittlung in Mittel- und Osteuropa (mit Hauptbureau in Prag sowie Niederlassungen in Polen, Bulgarien, Russland und der Ukraine)

Weitere Informationen finden Sie unter: www.scherl-partner.com

Kontakt:
christian.seidl@scherl-partner.com

Themen: Personalsuche, Arbeitsmarkt

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